Graf Eberhard V. von Württemberg (als Herzog: Eberhard I.), mit dem Beinamen "im Bart", gilt als der bedeutendste württembergische Landesherr im späten Mittelalter. Der am 11. Dezember 1445 in Urach geborene Sohn Graf Ludwigs I. von Württemberg und der als Literaturmäzenin bekanntgewordenen Mechthild von der Pfalz (später Erzherzogin von Österreich), übernahm 1459 die Regierung im Landesteil Württemberg-Urach. Die Wiedervereinigung Württembergs, also der beiden Landesteile Stuttgart und Urach, im Münsinger Vertrag 1482 ist das Resultat seiner jahrelangen energischen Bemühungen, die ihn in Konflikt mit seinem wenig fähigen Vetter Eberhard dem Jüngeren (gestorben 1504) brachten. Auf dem Wormser Reichstag 1495 wurde der angesehene und im Schwäbischen Bund sehr einflußreiche Regent zum Herzog und damit in den Reichsfürstenstand erhoben. Er starb am 24. oder 25. Februar 1496 in Tübingen und wurde in seiner eigenen Stiftung, dem Fraterherrenstift St. Peter im Einsiedel im Schönbuch, beigesetzt. Die 1474 geschlossene Ehe mit Barbara Gonzaga von Mantua (gestorben 1503) blieb kinderlos.
Eberhard im Bart, dessen Devise "Attempto" ("Ich wags") lautete, gründete 1477 die Universität Tübingen. Ein besonderes Anliegen war ihm die Kirchen- und Klosterreform. Obwohl lateinunkundig, schätzte er die literarische Bildung hoch und ließ für sich eine große Zahl lateinischer Texte ins Deutsche übersetzen. Reste seiner umfangreichen Bibliothek sind erhalten geblieben.
Klaus Graf, Geschichtsschreibung und Landesdiskurs im Umkreis Graf Eberhards im Bart von Württemberg (1459-1496), in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 129 (1993), S. 165-193
Der erste Teil des Beitrags widmet sich - geleitet vom Begriffspaar "Herkommen" und "Exemplum" - der Beschäftigung Eberhards mit historischen Beispielen und dem Herkommen seiner Familie (S. 167-177). Hervorgehoben werden: ein unbeachteter Bericht des Ulrich Molitoris über ein Tischgespräch am Hofe Eberhards, die handschriftlichen Zusätze des sog. "Münchner Rolevinck" (SB München 2° Rar. 429) mit eigenhändigen Einträgen des Grafen, die Anfänge der württembergischen Landeschronistik ("Stuttgarter Stiftschronik vom Hause Württemberg"), ein Exemplar der Lirer-Chronik im Besitz Graf Heinrichs von Württemberg. Eine kurze lateinische Chronik der Grafen von Württemberg wohl von dem Hirsauer Benediktiner Nikolaus Basellius
(UB Bonn S 310) erweist sich als Auszug aus dem zweiten Teil der Lirer-Chronik, verbunden mit Notizen aus dem "Chronicon Elwacense", einer Hauptquelle auch der vorhergehenden Weltchronik (S. 175f.). Die Ausführungen zu den Anfängen der württembergischen Landeschronistik knüpfen an den vierten Hauptteil von Klaus Graf, Exemplarische Geschichten, München 1987 (S. 209-224) an, nämlich Studien zum "Münchner Rolevinck", zur "Stuttgarter Stiftschronik vom Hause Württemberg" (Stadtbibl. Lindau P I 1), zu den lateinischen "Annales Stuttgartienses", zur "Chronik der Kaiser, Könige und Päpste, sowie der Grafen von Württemberg" (gedruckt Augsburg um 1480, GW 6687) sowie zur Fortsetzung bis 1462 und den württembergischen Interpolationen in den Drucken der "Gmünder Kaiserchronik" im zweiten Teil der "Schwäbischen Chronik" Thomas Lirers (Ulm 1485/86). Vgl. auch Klaus Graf, 'Stuttgarter Stiftschronik vom Hause Württemberg', in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Aufl., hrsg. von Burghart Wachinger Bd. 9 Lief. 2, Berlin-New York 1994, Sp.472-474. Zu GW 6687 vgl. 'Chronik der Kaiser, Könige und Päpste, sowie der Grafen von Württemberg', in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Aufl., hrsg. von Burghart Wachinger Bd. 11 Lief. 2, Berlin-New York 2001, Sp. 328-329 [Online-Fassung].
Der zweite Teil behandelt den "Landesdiskurs", der sich mit Württemberg und Schwaben verbunden hat (S. 177-193). Die Ausführungen zum Selbstverständnis der Grafschaft Württemberg wenden sich gegen eine zu "moderne" Sicht der Staatlichkeit. Darstellungen des württembergischen Wappens, umgeben von den Wappen einzelner Herrschaften, in zwei Wappenbüchern (St. Galler Wappenbuch, Konrad Grünenberg) verdeutlichen den "zusammengesetzten" Charakter des Territoriums (S. 181f.). Hingewiesen wird auch auf eine durch Eberhard von dem Persevanten (Herold) Jörg Rugen eingeholte Auskunft über die Gliederung des Reichs nach dem Quaternionensystem wohl von 1495. Die Quaternionen werden - gegen Ernst Schubert (ZHF 1993) - als "historisierende Spekulation aus der Zeit König Siegmunds" gedeutet, "die von Herolden entwickelt und getragen wurde" (S. 184f.).
Nachträge: Der im zweiten Teil erörterte Zusammenhang von Württemberg und Schwaben ist ausführlicher dargestellt in dem Beitrag "Eberhard im Bart und die Herzogserhebung 1495" (siehe unten). Im gleichen Band hat Stephan Molitor die Auskunft Rugens ediert (S. 72 Nr. 6).
Die Wappendarstellungen im St. Galler Wappenbuch und bei Grünenberg sind farbig abgebildet bei: Petra Schön, Wappen und Siegel als Zeichen der dynastischen Begegnung zwischen Württemberg und Mömpelgard, in: Württemberg und Mömpelgard 600 Jahre Begegnung. Montbéliard - Wurtemberg 600 Ans de Relations, hrsg. von Sönke Lorenz/Peter Rückert, Leinfelden-Echterdingen 1999, S. 35-45, hier S. 36. Eine weitere Darstellung mit 11 Wappen aus der Zeit unmittelbar nach der Herzogserhebung findet sich im Wappenbuch des Jörg Rugen (UB Innsbruck Cod. 545), farbig abgebildet bei Franz-Heinz Hye, Ausgewählte heraldische Quellen in der Innsbrucker Universitätsbibliothek, in: biblos 46 (1997), S. 295-304, hier Abb. 3.
Zu den Anfängen der württembergischen Geschichtsschreibung vgl. jetzt den detaillierten Überblick von Michael Klein, Zur Entwicklung der Geschichtsschreibung von Württemberg, in: Landesgeschichte in Deutschland. Bestandsaufnahme - Analyse - Perspektiven, hrsg. von Werner Buchholz, Paderborn u.a. 1998, S. 225-255, hier S. 226-229.
Die Molitoris-Stelle ist ediert bei Ulrich Molitoris, Schriften, hrsg. von Jörg Mauz, Konstanz 1997, S. 213f.
Das Projekt B 5 des Freiburger SFB 541 erarbeitet einen Band mit Rezeptionszeugnissen zum Thema Herzog Eberhard im Bart: vom Landesherrn zur Leitfigur und hat wichtige lateinische Quellentexte von Marsilio Ficino, Philipp Melanchthon, Johannes Nauclerus, Konrad Summenhart und Jakob Wimpfeling ins Netz gestellt.
Ältere Aufsätze (und Monographien) zu Eberhard findet man in der Literaturdatenbank der Regesta Imperii. Hinzuweisen ist auch auf die Landesbibliographie Baden-Württemberg Online.
Regine Cermann, Die Bibliothek Herzog Eberhards im Bart von Württemberg (1445-1496), in: Scriptorium 51 (1997), S. 30-50 [u.a. Neues zum Buchmaler Stephan Schriber]
Eberhard im Bart und die Wallfahrt nach Jerusalem im späten Mittelalter, hrsg. von Gerhard Faix/Folker Reichert, Stuttgart 1998 [zur Pilgerfahrt 1468 mit Erstedition des lateinischen Reiseberichts von Johannes Münsinger]
Gerhard Faix, Gabriel Biel und die Brüder vom Gemeinsamen Leben. Quellen und Untersuchungen zu Verfassung und Selbstverständnis des Oberdeutschen Generalkapitels, Tübingen 1999 [mit Edition (S. 303-346) der Gründungsdokumente des 1492 von Eberhard gegründeten Stifts St. Peter im Einsiedel, dessen erster Propst der Theologe Gabriel Biel (gest. 1495) wurde]
Gerhard Faix, Vaterländische Geschichte als öffentliches Ereignis im Königreich Württemberg, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 59 (2000), S. 119-139 [S. 128-130 zur Rolle der Traditionsbildung zu Eberhard]
Gerhard Faix, 'Im Schoße der Untertanen': Graf Eberhard im Bart (1445-1496) als Leitfigur im Königreich Württemberg, in: Geschichtsbilder und Gründungsmythen, hrsg. von Hans-Joachim Gehrke, Würzburg 2001, S. 349-389
Joachim Fischer, das die dürfftigen des bas ir narung haben mögen – eine unbekannte Ordnung des Grafen Eberhard im Bart für das Spital Markgröningen aus dem Jahr 1468, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 147 (1999), S. 273-285 [mit Edition S. 285: Urkunde, verwendet als Umschlag von Schottenabtei Wien, Hs. 232 (alt 309)]
Thomas Fritz, Ulrich der Vielgeliebte (1441-1480). Ein Württemberger im Herbst des Mittelalters. Zur Geschichte der württembergischen Politik im Spannungsfeld zwischen Hausmacht, Region und Reich, Leinfelden-Echterdingen 1999
Franz Fuchs, [Rezension zu: Eberhard und Mechthild. Untersuchungen zu Politik und Kultur im ausgehenden Mittelalter, hrsg. von Hans-Martin Maurer, Stuttgart 1994], in: Deutsches Archiv 54 (1998), S. 364-365 [Hinweis zum Beitrag von Dieter Mertens, Eberhard im Bart und der Humanismus, (in dem besprochenen Band: S. 35-81, mit Anhang zur Bibliothek Eberhards): "Zu Nr. 22 (Erhardus O.P., Akten des Prozesses gegen die Juden von Trient) ist nachzutragen, daß der lange als verschollen geltende Codex im Jahre 1987 von der Yeshiva University in New York erworben wurde (vgl. [...] DA 50, 327 [...]); diese Hs. dürfte übrigens mit dem in der Korrespondenz Eberhards mit der Reichsstadt Nürnberg im Jahre 1483 erwähnten buch den process das kindlin zu Trient und die Juden antreffent (StA Nürnberg, Rep. 61a, BB 38, fol. 197v) gleichzusetzen sein." (S. 364)]
Klaus Graf, Aus krichsscher sprach in das swebischs teutschs gebracht. Bemerkungen zu Reuchlins Patriotismus, in: Reuchlin und die politischen Kräfte seiner Zeit, hrsg. von Stefan Rhein, Sigmaringen 1998, S. 205-224 [Übersetzungen Reuchlins für Eberhard 1495] [Resümee]
Klaus Graf, Graf Heinrich von Württemberg (+ 1519) - Aspekte eines ungewöhnlichen Fürstenlebens, in: Württemberg und Mömpelgard 600 Jahre Begegnung. Montbéliard - Wurtemberg 600 Ans de Relations, hrsg. von Sönke Lorenz/Peter Rückert, Leinfelden-Echterdingen 1999, S. 107-120 [Online-Fassung mit Nachträgen]
Das Haus Württemberg. Ein biographisches Lexikon, hrsg. von Sönke Lorenz/Dieter Mertens/Volker Press, Stuttgart/Berlin/Köln 1997
Walther Ludwig, Reuchlin, Bebel und Johannes Casselius, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 54 (1995), S. 33-60 [mit lateinischem Gedicht des Geislinger Kaplans Johann Kessler auf Eberhard, wohl 1495/96]
Walther Ludwig, Johannes Vergenhans über Eberhard im Bart und Heinrich Bebel über Johannes Vergenhans, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 59 (2000), S. 29-41 [mit Übersetzung der Würdigung Eberhards in Nauclerus' 1516 gedruckter Weltchronik zu 1495/96]
Hans-Martin Maurer, "Wahre Herzöge und Fürsten des Reichs". Die Erhöhung des Landes und des Hauses Württemberg im Jahre 1495, in: Beiträge zur Landeskunde Okt. 1995, S. 1-9
Hans-Martin Maurer, Die Erhebung Württembergs zum Herzogtum im Jahre 1495, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 58 (1999), S. 11-45
Hans-Martin Maurer, Eberhard im Bart auf dem Reichstag in Worms von 1495, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 59 (2000), S. 11-28
Dieter Mertens, Württemberg, in: Handbuch der baden-württembergischen Geschichte. Bd. 2: Die Territorien im Alten Reich, hrsg. von Meinrad Schaab/Hansmartin Schwarzmaier, Stuttgart 1995, S. 1-163
Dieter Mertens, Reuchlins Landesherr Eberhard im Bart. Variationen zum Thema 'Politik und Humanismus', in: Reuchlin und die politischen Kräfte seiner Zeit, hrsg. von Stefan Rhein, Sigmaringen 1998, S. 225-249
Dieter Mertens, Eberhard im Bart als Stifter der Universität Tübingen, in: Attempto - oder wie stiftet man eine Universität. Die Universitätsgründungen der sogenannten zweiten Gründungswelle im Vergleich, hrsg. von Sönke Lorenz, Stuttgart 1999, S. 157-173
Dieter Mertens, Eberhard im Bart als politische Leitfigur im frühneuzeitlichen Herzogtum Württemberg, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 59 (2000), S. 43-56
Karl Mütz, Der Kalender für Graf Eberhard im Bart und der Kalender von Regiomontanus. Zwei herausragende Werke ihrer Zeit, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 55 (1996), S. 65-91 [Handschrift in Altshausen]
Franz Piontek, Ein Fürst und sein Buch. Beiträge zur Interpretation des Buchs der Beispiele, Göppingen 1997 [Die Übersetzung des Antonius von Pforr für Eberhard wird auf Bezüge zur zeitgenössischen politischen Realität in Württemberg, etwa hinsichtlich des Ratswesens, befragt. Zu Pforr vgl. Michael Bärmann/ André Bechtold, Antonius von Pforr und die Familie Snewlin Bernlapp von Bollschweil. Zum verwandtschaftlichen Umfeld des Verfassers des Buches der Beispiele, in: Daphnis 28 (1999), S. 61-91]
Vera Sack, Sebastian Brant als politischer Publizist. Zwei Flugblatt-Satiren aus den Folgejahren des sogenannten Reformreichstags von 1495, Freiburg 1997 [mit der abzulehnenden These, Brants "Die Sau von Landser" von 1496 mit der Klage über den Tod Eberhards im Bart sei satirisch gemeint, v.a. S. 66-114]
Wilfried Schöntag, St. Peter zum Einsiedel im Schönbuch. Eine Stiftung des Grafen Eberhard im Bart, in: Der Schönbuch. Mensch und Wald in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Ingrid Gamer-Wallert/Sönke Lorenz, Tübingen 1999, S. 91-104
1495: Württemberg wird Herzogtum. Dokumente aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart zu einem epochalen Ereignis, bearb. von Stephan Molitor, Stuttgart 1995 [umfangreicher Quellenteil S. 53-115 Nr. 1-24, u.a. mit Verzeichnis der Lehen- und Eigengüter des Hauses Württemberg 1420 (Nr. 1), Testament Eberhards 1492/96 (Nr. 4), Kaiserurkunden für Eberhard auf dem Wormser Reichstag 1495 mit dem Herzogsbrief vom 21. Juli (Nr. 11), Verzeichnis der Geschenke zur Herzogserhebung (Nr. 23), Landesordnung 1495 (Nr. 24)]
Carla Winter, Humanistische Historiographie in der Volkssprache: Bernhard Schöfferlins 'Römische Historie', Stuttgart-Bad Cannstatt 1999 [übernimmt Walter Ludwigs These, das Werk sei in Absprache mit Eberhard im Bart entstanden]
Stand: 6.4.2002