Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit. Da jedes schriftliche Zeugnis sicheres Wissen von Vergangenem und Beweis für die Zukunft bedeutet, habe ich, Abt Kraft von Lorch, niederschreiben lassen, damit die Christgläubigen jetzt und künftig erfahren:
daß die beiden Brüder Rudolf und Kuno von Utinkofen die Söhne und Töchter eines gewissen Mannes namens Razin, die sie nach Erbrecht besessen hatten, unserer Kirche geschenkt haben. Sie waren nämlich unter sich uneins und haben deshalb die Söhne und Töchter des genannten Mannes sowie die übrigen Güter unter sich geteilt, und ein jeder hat auf den Anteil des anderen verzichtet.
Unter geheimnisvoller Einwirkung der Gnade hat Herr Kuno jedoch die ihm gehörenden beiden Töchter des erwähnten Mannes, Hadwig und Hiltburg, seinem Herrn, dem Herzog Friedrich übergeben, doch unter der Bedingung, dieser möge sie mit ihrer gesamten Nachkommenschaft der hl. Maria und unserem Kloster übertragen.
Der genannte Herzog übergab sie in die Hand zweier freier Männer, dem Manegold von Laichingen und dem Gumbert von Speltach, damit diese sie an seiner Statt in freier Schenkung der heiligen Gottesmutter Maria und unserer Kirche übertrügen, unter der Bedingung, daß jährlich Mann wie Frau 2 Pfennige unserem Kloster als Zins bezahlen; sonst aber sollten sie frei bleiben von jeder menschlichen Belästigung. Jene führten alles ihrem Auftrag entsprechend sehr sorgfältig und erfolgreich durch.
Zeugen hierfür sind unsere gesamte Ordensgemeinschaft sowie die im folgenden genannte größere Anzahl von weltlichen Personen: Reinbold, Walter, Gebwin, Arnold und Arnold, During und sein Bruder Siegfried, die Brüder Heinrich und Otto, Burkhard und Burkhard, Eckehard, Burkhard, Konrad und Adelbert. Diese waren alle Bürger zu Gmünd und haben hierfür Zeugnis abgelegt. Geschehen im Jahr der Menschwerdung des Herrn 1162, in der 10. Indiktion, unter der Regierung Friedrichs, des getreuen römischen Kaisers.
Übersetzung von Peter Spranger in: Zeugen ihrer Zeit. Schriftliche Quellen zur Geschichte von Schwäbisch Gmünd, Lorch, Heubach und Umgebung, hrsg. von Peter Spranger/Gerhard Kolb, Schwäbisch Gmünd 1987, S. 26 (ebd., S. 24-29 Erläuterungen zum Text). Zum historischen Hintergrund vgl. Peter Spranger/Klaus Graf, in: Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd, Stuttgart 1984, S. 54f. und passim.
Utinkofen: Die Wüstung (nicht mehr existierende Siedlung) Eutighofen im Westen von Schwäbisch Gmünd, präsent noch im Namen der Eutighofer Mühle.
Herzog Friedrich: Herzog Friedrich IV. von Schwaben aus dem Stauferhaus (1152-1167), Herr der Ministerialen (Dienstleute) von Utinkofen und Sohn des mutmaßlichen Stadtgründers Konrad III.
Jährlicher Zins: Die Eigenleute (Leibeigenen) wurden als Zensualen (Zinsleute) dem Kloster Lorch übergeben und somit faktisch freigelassen. Die geschenkten Mädchen waren auf diese Weise mobiler und konnten ihr Glück beispielsweise in der benachbarten, sich entwickelnden Stadt Schwäbisch Gmünd suchen.
In nomine sancte et individue trinitatis. Cum omne testamentum sit certitudo preteritorum et futurorum argumentum, idcirco michi Craftoni, Laureacensium abbati, placuit conscribi, ut pateat tam presentibus quam futuris Christi fidelibus, qualiter duo fratres, videlicet Rudolfus et Cuno de Vtinkofen, filios et filias hominis cuiusdam Razin nomine, quos heriditario possederant iure, contulerint ecclesie nostre. Dissidebant namque, et ob hoc iam dicti homines filios et filias sicut et cetera bona sua inter se partiti sunt, et uterque partem alterius abdicavit. Sed dominus Cuno, occulta inspiracione gracie, prefati viri filias duas sibi attinentes, Hadwigem videlicet et Hiltiburgem, tradidit domino suo duci Friderico, ea videlicet condicione ut ipse eas cum omni posteritate earum contraderet sancte Marie et loco nostro. Qui predictus dux tradidit eas in manus duorum liberorum, videlicet Manegoldi de Laichingen et Gumberti de Spelte, ut ipsi vice sui libera tradicione delegarent eas sancte dei genitrici Marie et ecclesie nostre, eo pacto ut annuatim tam masculus quam femina duos denarios loco nostro pro censu solverent, et de cetero ab omni hominum molestacione liberi permanerent. At illi omnia ut iussi erant diligentissime et efficacissime pergerunt. Huius rei testes sunt omnis congregacio nostra et seculares subscripti complures: Reinboldus, Waltherus, Gebuinus, Arnoldus et Arnoldus, During et Sigifridus frater eius, et Hainricus et Otto fratres, Burchardus et Burchardus, Eggihardus, Burchardus, Conradus et Adelbertus. Hii omnes Gimundin erant cives, huic rei testimonium perhibentes. Facta sunt hec anno incarnationis dominice millesimo centesimo sexagesimo secundo, indictione X, regnante Friderico fidelissimo Romanorum imperatore.
Traditionsnotiz des Abts Kraft. Abdruck: Wirtembergisches Urkundenbuch
[WUB] 2 (1858), S. 139f. Nr. 378 (Nachtrag dazu Bd. 3, S. 495) nach der
Abschrift aus der Zeit um 1500 auf einzelnem Pergamentblatt: Hauptstaatsarchiv
Stuttgart A 499 (Kloster Lorch) U 21, hier kontrolliert nach der Abbildung
in: Peter Spranger Schwäbisch Gmünd bis zum Untergang der Staufer,
Schwäbisch Gmünd 1972, Abb. 5 nach S. 36. Es existiert aber eine
vom WUB nicht herangezogene zweite Überlieferung im stark beschädigten
"Roten Buch" des Klosters Lorch (Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 14 Bd. 175),
S. 55-56 mit rotem Quellennachweis "ex antiqua biblia [...] in fine", vgl.
Klaus Graf, in: Heimatbuch der Stadt Lorch, Lorch 1990, S. 53 Anm. 13 und
Ders., in: Von Schwaben bis Jerusalem, Sigmaringen 1995, S. 220 (Resümes
zu diesen Beiträgen mit Nachträgen). Vermutlich wurde
um 1500 die Bibelhandschrift makuliert und der dort eingetragene Rechtstext
durch Abschriften ersetzt.
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