Aus: © DIE ZEIT Nr. 36 vom 2.9.1999, S. 40-41
Der Nibelungen Not
Warum die Hofbibliothek von Donaueschingen nun endgültig in alle Winde
zerstreut wird/Von Christof Siemes
Uns ist in alten maeren wunders vil geseit
von helden lobebaeren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hoeren sagen.
Das Nibelungenlied, 1. Strophe
Dies ist die Geschichte eines einzigartigen Schatzes, der über Jahrhunderte
gewachsen ist und nun verschwinden wird. Er besteht zwar nur aus Papier,
Leder, Tinte, Druckerschwärze und Gedanken, ist aber wenigstens hundert
Millionen Mark wert. Oder auch zweihundert. In der Geschichte treten auf:
reiche Fürsten, arme Länder, ein Graf, ein paar wackere Bürger, ein
tüchtiger Händler und ein Verrückter. Sie spielt rund um die Quelle der
Donau in der ansonsten ziemlich verschlafenen Stadt Donaueschingen. Die
Zeit: zwischen dem 13. Jahrhundert und heute.
Die Fürsten zu Fürstenberg sind das, was man gewöhnlich Uradel nennt. Reich
sind sie auch. 20 000 Hektar Wald, drei Schlösser, eine Brauerei, eine
Kunstsammlung und etliches mehr zählen heute zu ihrem Besitz. Eine
Bibliothek mit 130 000 Bänden gehörte auch dazu - bis vor wenigen Wochen.
Da wurde sie zu großen Teilen nach England und Amerika verkauft. Denn Fürst
Jocki, wie Freunde den Chef des Hauses nennen, seine Durchlaucht Joachim
Egon Maximilian Friedrich Leo Joseph Maria Hubertus, Fürst Jocki also und
die Seinen haben ein Problem: Man besitzt viel - so recht flüssig ist man
nicht.
Das hat viele Ursachen. Drei denkmalgeschützte Schlösser und all den
anderen Besitz in Schuss zu halten ist kein Spaß; das Schloss an der
Donauquelle sieht denn auch zurzeit ein wenig rostig-struppig aus. Auch ein
standesgemäßes Dasein gibt es nicht umsonst, denn um in der Bunten hin und
wieder mit der "feinsten Adels-Party des Jahres" vorzukommen, reicht es
nicht, einfach die gestärkte Tischwäsche aus den Schränken des Schlosses zu
holen. Mitschuld tragen auch die Deutschen, denn seit Jahren trinken sie
immer weniger Bier, weshalb die Fürstlich Fürstenbergische Hofbrauerei rund
ein Viertel weniger absetzt als noch vor zehn Jahren. Und mit Wald lässt
sich heute auch nichts mehr verdienen.
"Die Leute tun immer so, als würden die Tannen nicht Zapfen, sondern Gold
abwerfen." Das sagt nicht Fürst Jocki, sondern Christoph Graf Douglas. Er,
einer der einflussreichsten Kunsthändler Deutschlands, hat schon manch
adeligen Besitz eindrucksvoll verhökert und berät die fürstliche Familie in
Sachen Kunst und Kultur. Ob ein Händler da ganz unvoreingenommen ist, sei
dahingestellt. Gute Fürsten-PR macht der Graf, ganz deutsch-schottisches
Understatement in Samtcordhosen, in jedem Fall. Dann erzählt er, selbst ein
Sprössling aus altem Adel, dass sich die Familie doch immer selbstlos als
eine Art freiwilliges Kultusministerium der Baar verstanden habe, Schlösser
und Parks für jedermann offen und in Ordnung halte, was eine unvorstellbare
Aufgabe sei - "pflegen Sie mal vier Hektar Dach!". Seine Durchlaucht und
seine erlauchten Kinder wohnten zudem nur "in kleinen Häusern", und
Eigentum verpflichte allein dann, wenn die finanziellen Möglichkeiten dazu
vorhanden seien. Im Schlosspark fährt derweil der fürstliche Nachwuchs im
brandneuen Beetle spazieren. Weil es am Kleingeld aber anscheinend immer
wieder hapert, beschloss die Familie schon in den Achtzigern, sich von
ihrer Hofbibliothek zu trennen.
Über Jahrhunderte hatten ihre Vorfahren die Bestände zusammengetragen,
neben Literatur zur Juristerei, Theologie, Geologie, Regional- und
Familiengeschichte auch 7000 rare Musikalien (darunter Handschriftliches
von Mozart und anderen), rund 500 Inkunabeln aus der Frühzeit der
Druckkunst und gut 1300 mittelalterliche Handschriften, darunter ein
nationaler Mythos: die Hohenems-Laßbergsche Handschrift des
Nibelungenliedes, 2442 paargereimte Strophen über Siegfried, Hagen,
Krimhild, Etzel und Konsorten, aufgeschrieben um 1220. Auf dem Wiener
Kongress 1815 erwarb der Freiherr Joseph von Laßberg das relativ
schmucklose Büchlein für die Donaueschinger Bibliothek. Laßberg ist der
Verrückte in dieser Geschichte.
Er war ein hohes Tier in der Fürstenbergischen Verwaltung, der Geliebte der
Fürstin (mit ihrem Geld kaufte er das Nibelungenlied) und besessen von
einem Mittelalterfimmel. Mit 16 ließ er sich in einer bizarren Zeremonie
zum Ritter schlagen, drei Jahre vor der Französischen Revolution.
Unermüdlich trug er mittelalterliche Literatur zusammen - zum Leidwesen
seiner Mitmenschen. Seine Schwägerin Annette von Droste-Hülshoff schrieb:
"Hier im Hause giebts ganze Ladungen von Minneliedern und drunter mehrere
starke Hefte mit Melodien dazu. Mein Schwager lebt in Nichts Anderm und
übrigens ist er angenehm, geistreich, sehr gelehrt, kurz ihm fehlt Nichts,
sondern Er hat nur etwas zu viel, nämlich zu viel Manuskripte und
INCUNABELN, und zuviel Lust sie vorzulesen." Als Rentner verkaufte er seine
Sammlung an die Fürsten: 11 000 Drucke, 300 Handschriften, 1000 Urkunden,
45 Tafelgemälde.
Heute gilt der Exzentriker von einst als Mitbegründer der systematischen
Erforschung mittelalterlicher Literatur, als erster Germanist sozusagen.
Seine Bücher sind eine einzigartige Landkarte geistiger Strömungen. Jetzt
ist dieser Atlas zerfleddert - womit wir wieder bei unserer Geschichte
wären, Anfang der achtziger Jahre: Die Fürsten brauchen Geld.
Und bieten dem Land Baden-Württemberg die Bibliothek zum Kauf an. Sie soll
komplett im Bibliotheksgebäude von 1732 erhalten bleiben und eine
Außenstelle der Uni Konstanz werden. Aber was ist sie wert? Die Gutachten
schwanken zwischen 80 und 200 Millionen Mark, außerdem fürchtet das Land
die Folgekosten für die Unterhaltung und lässt schließlich die Finger von
dem Deal. Daraufhin verkaufen die vorgeblich klammen Fürstenberger peu à
peu alle Handschriften und Inkunabeln, was ihnen schätzungsweise gut 70
Millionen Mark bringt. In den Donaueschinger Regalen bleiben 130 000
gedruckte Bücher und in einem Banktresor die Nibelungenhandschrift. Ein
paar Auserwählte nehmen sie hin und wieder unter die Lupe und prüfen, ob es
ihr auch gut geht. Die Allgemeinheit bestaunt in den Fürstenbergischen
Sammlungen ein Faksimile.
25 Millionen soll das Nibelungenlied kosten. Aber das Land hat kein Geld
Aber auch der Rest muss raus, das Fürstenhaus sieht nicht ein, mit ein paar
hunderttausend privaten Märkern eine öffentliche Bibliothek (und das war
sie seit langem) samt Fernleihbetrieb und Personal zu unterhalten. Ohnehin
kann sie schon lange nicht mehr systematisch erweitert und gepflegt werden.
"Teile der Bibliothek waren wie ein Museum", sagt der fürstliche Archivar,
Herr Wilts, so etwas wie der Bücherwurm Lemmi in den fürstlichen Schmökern.
Nur 98 Benutzer im Jahr hat er zuletzt gezählt. Deshalb das letzte Angebot
an das Land Baden-Württemberg: 130 000 Druckschriften und die Musikalien
für 10 Millionen Mark, dazu das Gebäude fünf Jahre mietfrei und eine
Bibliothekarin auf Kosten seiner Durchlaucht. Rund 30-mal will der
fürstliche Unterhändler Graf Douglas in Stuttgart vorgesprochen haben,
zweimal beim Ministerpäsidenten persönlich.
"Bibliotheken sind ein Kapital, das geräuschlos unberechenbare Zinsen
spendet" - im Musterländle hat dieses wahre Goethewort keinen Wert, hier
hält man es lieber mit der lärmenden Eventkultur eines Festspielhauses und
festverzinslichen Papieren. Das Donaueschinger Kulturdenkmal wird gegen die
so genannten Interessen der Steuerzahler abgewogen - und für zu leicht
befunden. Die meisten Bücher gibt's auch anderswo, als Sammlung stehen sie
nicht unter Denkmalschutz, das Ensemble zu erhalten ist allenfalls der
Luxuswunsch einiger Ordinarien, findet der zuständige Minister Klaus von
Trotha. Außerdem ist das Geld einfach alle. Und so fahren denn seit einigen
Wochen gut gekühlte Lkw in Richtung Brauerei, halten aber kurz vorm Tor zum
Bier rechts an der Freitreppe eines barocken Kastens mit drei Stockwerken:
der Bibliothek. 100 000 Bücher sollen bis Ende September außer Landes zu
ihren neuen Besitzern gebracht werden, zwei Antiquariaten in London und Los
Angeles. Baden-Württemberg hat sich wenigstens die 6693 Musikalien
gesichert und feilscht mit Fürstens und dem eigenen Finanzminister nur noch
darum, wer die Mehrwertsteuer zahlt. Nur das Nibelungenlied, das liegt
immer noch im Tresor.
Seitdem gärt es in Donaueschingen nicht mehr nur in den Kupferkesseln des
Sudhauses. "Wenn man die Gegend hier als Körper betrachtet, hat man ihm nun
den Kopf abgeschlagen", sagt jemand, der die Bibliothek genutzt hat und nun
verzweifelt zu retten versucht, was längst verkauft ist. Aber weil die
Fürstenberger nicht nur reich, sondern auch mächtig und der größte
Arbeitgeber am Ort sind, ist es eine Gärung im Verborgenen. "Hier geht es
oftmals noch zu wie im 19. Jahrhundert", sagt derselbe Jemand. Über die
Fürstenberger will niemand reden oder richten, nicht mal bei einem
konspirativen Apfelschorlenumtrunk im Hinterzimmer des Gasthofs Hirschen.
Allenfalls, dass die Öffentlichkeit erst nach dem Ausverkauf informiert
wurde, finden die aufrechten Bildungsbürger tadelnswert. Sonst hätte man
früher mit dem beginnen können, was man nun versucht: sammeln oder
Sponsoren finden. Und ja, die fürstliche Segelyacht im Mittelmeer mit zwölf
Mann permanenter Besatzung gebe es schon und an Geburtstagen mal ein
Feuerwerk, aber sonst alles im Rahmen Eine verständliche Zurückhaltung bei
Hofe: Ein Naturwissenschaftler, der Führungen durch die Fürstlichen
Sammlungen veranstaltete, hat wegen kritischer Leserbriefe mittlerweile
Hausverbot. Allein im obrigkeitsresistenten Internet heißt es Friede den
Büchern, Krieg den Palästen: In einer Mailing-Liste von Bibliothekaren und
Bibliophilen wird bedauert, dass man 1918 nicht gleich den ganzen
Fürstenklumpatsch ins Volkseigentum überführt hat.
Wieso steht die Bibliothek nicht längst unter Denkmalschutz?
Aber nicht nur das Netz, auch das Land ist frei, sodass man in Richtung
Stuttgart offen schimpfen kann. Da geht sogar der vorsichtige Herr Wilts
ein wenig aus sich heraus: Es sei ein "granatenmäßiger Fehler des Landes,
die Bibliothek nicht zu kaufen". Als "Historiker und Archivar" trägt er
Trauer, als Angestellter des Fürsten freilich zeigt er Verständnis:
Konzentration muss sein. 30 000 Bände zur Geschichte des Landes und der
Fürsten bleiben ihm, die Hälfte ist schon neu aufgestellt in der barocken
Nussbaumpracht des Max-Egon-Saals im fürstlichen Archiv. Dieser Tage kommt
auch ein Computer, damit erstmals ein elektronischer Katalog der Bestände
angelegt werden kann. Hier kann Herr Wilts dem Ausverkauf sogar etwas
abgewinnen: Der geschrumpfte Bestand wird nun vollständig erfasst; das wäre
mit der ganzen Bibliothek nie gegangen.
Aber wie gesagt, der Mann ist Partei und treuer Vasall seines Herrn. Weil
dies jedoch die Mär von "küener recken strten" ist und das nicht abgeht
ohne Tücke und Hinterlist, gibt es auch eine veritable
Verschwörungstheorie. Die steuert bei der Landtagsabgeordnete Herbert
Moser, SPD. Er fragt sich, warum die gesamte Bibliothek nicht unter
Denkmalschutz gestellt und damit zumindest vor dem Verkauf ins Ausland
geschützt wurde. Noch Anfang Juni bestätigten Experten ein Gutachten, dass
"die Voraussetzungen für eine als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung
eintragungsfähige Sachgesamtheit im Sinn der Vorschriften des
Denkmalschutzgesetzes nicht vorliegen", auf Deutsch: Wirklich bedeutend sei
der Plunder nicht. Nun hegt Herr Moser den Verdacht, dass "die innere
Freiheit der Gutachter vielleicht nicht gewährleistet gewesen ist". Auch
das beredte Schweigen des Landesvaters in der ganzen Angelegenheit kommt
ihm komisch vor, wo der doch erstens aus der Gegend sei und zweitens immer
darauf achte, kein "Kulturdefizit" zu haben. "Ob der da wohl im Bett
gelegen ist?!" Klar ist nur, dass man bei Hofe das Unter-Schutz-Stellen der
gesamten Bibliothek als "äußerst unfreundlichen Akt" interpretiert hätte.
Wie auch immer: Jetzt zieht der Recke Moser auf die Stuttgarter Walstatt
und wird mit Anträgen dafür kämpfen, dass sein Land wenigstens ein paar der
Donaueschinger Bücher teuer im Handel zurückkauft und das Nibelungenlied
dazu.
Das wird Clemens Reiss gerne hören. Der Antiquar aus Königstein freut sich
immer über potente Kunden. Er darf am 20. Oktober eine erste Fuhre aus dem
Hause Fürstenberg versteigern, 1100 Positionen (darunter "ein paar hundert
Laßbergs"), Schätzpreis 2,4 Millionen Mark. Drei bis vier weitere Auktionen
sollen in den nächsten Jahren folgen. Denn es hat sich wohl gezeigt, dass
der "sehr deutsche Bestand" in London und Los Angeles nicht recht
loszuschlagen ist. Allein eine Hand voll Spitzenstücke haben die
internationalen Antiquare ihren Vorzugskunden angeboten; der "Bärenanteil"
versucht sein Marktglück nicht in Kalifornien, sondern im Taunus. Mit der
prominenten Herkunft der Bücher darf Herr Reiss übrigens keine Reklame
machen; die Fürstenberger haben den Gebrauch ihres Namens im Zusammenhang
mit diesem bibliophilen Sommerschlussverkauf untersagt.
Aber, Ironie der Geschichte, im Moment ihrer endgültigen Zerstörung wird
die Donaueschinger Bibliothek so gut erschlossen wie nie zuvor. Denn in
seinen Katalogen will Herr Reiss, der die Vorstellung von der Bibliothek
als Gesamtkunstwerk ohnehin für eine "Konstruktion" hält, die "Provenienzen
durchsichtig machen", also das Schicksal eines jeden Buches dokumentieren.
Nicht ohne Ironie liest sich der Lebensweg des Spitzenstücks der
Herbstauktion: Der Theuer Danck von 1517, eine Biografie Kaiser
Maximilians, des "letzten Ritters", aus dem Besitz Laßbergs, des
allerletzten Ritters, aus dem Bestand einer der letzten großen
Hofbibliotheken, macht einen Schätzpreis von 300 000 Mark.
Und das Nibelungenlied? Auch davon wollen sich die Fürstenberger trennen,
nach wie vor. "Es sollte in einer Staatsbibliothek liegen", findet Graf
Douglas. Unter Zeitdruck mit dem Verkauf sei man aber nicht. Ohnehin ist
die Sache verzwickt: Die Handschrift steht auf der Liste nationaler
Kulturgüter und darf deshalb nicht ins Ausland verkauft werden.
Ausnahmegenehmigungen erteilt der Herr Minister Naumann, früher Bonn, jetzt
Berlin, aber nur, wenn sich hierzulande kein Käufer findet und der
Verkäufer eine besondere "Bedürftigkeit" geltend machen kann. Wie nötig es
Fürst Jocki hat, darüber lässt sich trefflich streiten. Graf Douglas, der
noch für keinen seiner Kunden eine solche Sondergenehmigung erwirken
konnte, wettert vorsorglich über die "faschistische Tradition" der
Kulturgüterliste, die nichts als eine weltweit einzigartige "Form der
Enteignung" sei. Derart chancenlos, hat man Baden-Württemberg ein
Vorkaufsrecht eingeräumt, im Gespräch ist ein Preis von 25 Millionen Mark.
Die hat das Land so wenig wie die 7 Millionen für die Bibliothek. Zunächst
schien Hilfe aus dem Süden zu kommen: Bayern wollte einspringen und kaufen,
"ganz eindeutig", sagt Graf Douglas. Doch als die Sache ruchbar wird,
geschieht zweierlei: Erstens scheppert der Abgeordnete Moser wieder in
seiner Rüstung und wirft dem Minister von Trotha den Fehdehandschuh hin:
"Wenn Sie jetzt sagen: Das kaufen die Bayern, dann muss ich sagen: Armes
Baden-Württemberg, adieu." Wer in einem Haushalt von 65 Milliarden nicht 25
Millionen lockermachen könne, "gehört weggeschickt". Und zweitens will man
nun im Münchner Kultusministerium von Kaufabsichten nichts mehr wissen.
Zweifellos sei das eine wunderbare Handschrift, aber Geld habe man so wenig
wie die Nachbarn und Kontakt zum Fürstenhaus nie gehabt. So wird die größte
Pretiose aus dem Schatz der Fürstenberger noch eine Weile wie saures Bier
angeboten werden, bis sie womöglich im Privatbesitz landet, ein nationaler
Mythos für das stille Kämmerlein. Zwei konkrete Angebote hat Graf Douglas
schon.
Und was wird Fürst Jocki tun, wenn irgendwann auch dieses Bargeld
aufgebraucht ist? Kommen dann die fürstlichen Sammlungen unter den Hammer,
die sagenhafte Wunderkammer mit all den Holbeins, Cranachs, Insekten und
Saurierknochen? Daran denke man nicht, heißt es, aber natürlich müsse "ein
Konzept" her. Was wohl bedeutet, dass man auch hier gerne einen Teil der
Unterhaltskosten jemand anderem aufs Auge drücken möchte.
Baden-Württemberg, bitte übernehmen Sie.
Hier neigt sich unsere Geschichte ihrem vorläufigen Ende zu. Die Lage ist
in etwa so übersichtlich wie das Gewühl an Etzels Hof beim finalen Kampf
der Nibelungen. Dass die fürstliche Familie mit ihrem ererbten Privatbesitz
machen kann, was sie will, steht außer Frage, ebenso die Tatsache, dass man
ihr etwas mehr vom Kunstsinn ihrer Vorfahren wünschen würde. Das Land aber
hat die Pflicht, das zu erhalten, was man getrost als sein kulturelles
Gedächtnis bezeichnen kann. Mag die Ikone Nibelungenlied für Fürst Jocki
ein "unproduktiver Vermögensteil" sein, für das Land und seine Bürger ist
es spektakuläres Kapital. Das hätte man mit all den anderen Handschriften,
Inkunabeln, Büchern in Szene setzen können; in Dublin zum Beispiel ist eine
alte Schwarte wie das Book of Kells in der Bibliothek des Trinity College
ein Renner.
Doch nun versinkt auch noch der letzte Rest des Donaueschinger Schatzes in
den undurchsichtigen Gewässern des internationalen Antiquariatshandels, wo
man ihn vielleicht verzweifelt suchen wird, wenn sich Stimmungs- und
Kassenlage mal wieder ändern. Da sollte wenigstens das größte Kleinod
sichergestellt werden - für die Steuerzahler, mit ihrem Geld. Auf dass es
auch in dieser Geschichte, in der die Helden sich bislang nicht mit Ruhm
bekleckert haben, noch wunders was zu erzählen gibt.
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