Sage

Artikel im Lexikon des Mittelalters Bd. 7 [Lief. 6], München-Zürich 1995, Sp. 1254-1257 (Verweise mit "s. Art." bzw. "s. dort" beziehen sich auf das Lexikon des Mittelalters), hier formal überarbeitet und inhaltlich unwesentlich geändert. Wiedergabe mit Zustimmung des LexMA Verlags GmbH




I. Begriff - II. Problematik - III. Formen, Träger und Funktionen

I. BEGRIFF: Der Forschungsbegriff Sage kann sich nicht auf die Bedeutung von mittelhochdeutsch 'sage' berufen: Aussage (insbesondere vor Gericht), mündliche Mitteilung - nicht notwendigerweise: unzuverlässiges Gerücht ('gemeine sage', lat. fama, rumor). Das Grimmsche Wörterbuch (XIV, 1893) bestimmt den modernen Begriff Sage als "kunde von ereignissen der vergangenheit, welche einer historischen beglaubigung entbehrt" und spricht von "naiver geschichtserzählung und überlieferung, die bei ihrer wanderung von geschlecht zu geschlecht durch das dichterische vermögen des volksgemüthes umgestaltet wurde". Unverkennbar haben bei dieser Definition romantische Auffassungen von 'Volkspoesie' Pate gestanden. Paradigmenbildend wirkte vor allem die Sammlung 'Deutsche Sagen' der Brüder Grimm (1816/18), die dämonologische Erzählungen über Riesen, Zwerge, Geister, Teufel usw. (Bd. I) und meist aus Chroniken (s. dort) exzerpierte historische Traditionen (Bd. II) durch den Begriff Sage dauerhaft verklammerte. Nicht berücksichtigt wurden von ihnen: Märchen, Heldensagen, schwankhafte Geschichten und religiös geprägtes Traditionsgut (Legende, Mirakel, Exempla). Antike, orientalische, biblische und jüdische Überlieferungen fehlten ebenfalls.

Abgesehen von allgemeinen Umschreibungen (Erzählung, Geschichte, Stoff) konkurrieren heute im deutschsprachigen wissenschaftlichen Diskurs mit dem Terminus Sage vor allem: Überlieferung/Tradition (s.u.), Fiktion, Mythos (s. dort), seltener: Fabel (z.B. Ritualmordfabel) und Legende. In der außerdeutschen Forschung, die in Deutschland freilich kaum rezipiert wurde, wird bereits durch die Terminologie (legends, légendes, leggende) der Zusammenhang der als Sagen bezeichneten narrativen Texte mit dem für das Mittelalter so wichtigen Feld der hagiographischen Überlieferung (s. Art.: Legende) stärker gewahrt.

II. PROBLEMATIK: Die zahlreichen, nicht immer ideologiefreien Versuche, ein allgemeingültiges und überzeitliches 'Wesen' der Sage in Worte zu fassen, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Anwendung des Begriffs auf Überlieferungen des Mittelalters ein romantisches Klischee zurückprojiziert. Der Begriff Sage bündelt allzu Heterogenes und spart wichtige Bereiche aus. Eine interdisziplinär betriebene Erzählforschung kann und sollte auf ihn verzichten.

Eine Sagenforschung mit einheitlicher Programmatik existiert nicht. Während sich die ältere Volkskunde mit Vorliebe den für mythologische Konstruktionen brauchbaren dämonologischen Sagen verschrieb, bildete die germanistisch-literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit der Helden-Sage eigene Forschungstraditionen aus (s. Art.: Heldendichtung, Chanson de geste, Epos). Als Sagen werden von ihr häufig pauschal die mündlichen Vorstufen literarischer Texte bezeichnet (näheres dazu s. Art.: Mündliche Literaturtradition). In der Geschichtswiss. kam der kritischen Auseinandersetzung mit historiographischen Fiktionen und mündlich Überliefertem im 18. und 19. Jahrhundert bei der Ausbildung der historischen Methode (siehe noch BERNHEIM) große Bedeutung zu. Aus neuerer Zeit sind die Arbeiten von FR. GRAUS wichtig, der unter 'historischen Traditionen' (bzw. Überlieferungen) jene Erzählungen verstehen wollte, die
- 1. Vergangenes mitteilen, das für die Gegenwart irgendwie relevant empfunden wird,
- 2. räumlich und zeitlich fixiert sind,
- 3. eine gewisse Zeit mündlich oder schriftlich weitergegeben werden und deren Einfluß
- 4. die Grenzen rein gelehrter Forschung überschreitet.

Nicht wenige historische Publikationen waren und sind jedoch an der Frage nach Trägern und Funktionen historischer Traditionsbildung kaum interessiert. Ohne von den Resultaten neuerer volkskundlicher Arbeiten Notiz zu nehmen, suchen sie unbeirrt nach dem 'historischen Kern' von Sagen, gehen von angeblichen 'Gesetzen der Volksüberlieferung' aus und nehmen bedenkenlos mündliche Überlieferung der aus Sagensammlungen des 19. Jahrhunderts entnommenen Erzählungen 'im Volk' über Jahrhunderte an. In den Jahren nach 1800 aufgezeichnete sogenannte 'Volkssagen' sind jedoch keine Quellen für das Erzählen im Mittelalter, sondern Zeugnisse aufklärerisch oder romantisch akzentuierter Mittelalter-Rezeption. In Sagen über "Raubritter" (s. dort) z.B. kehren die Themen der Ritterromane und populärer Geschichtsdarstellungen des 18./19. Jahrhunderts wieder. Eine konsequente 'Historisierung' der Erzählforschung, die stärker auf zeittypische Motiv- und Themenschwerpunkte zu achten hätte, steht - nicht nur für das Mittelalter - noch aus. Einzubeziehen wäre dabei auch der Ertrag jener Arbeiten, die Zeugenverhöre als aufschlußreiche neue Quellen für mündliche Überlieferungen erschlossen haben.

III. FORMEN, TRÄGER UND FUNKTIONEN: Ohne Anspruch auf Vollständigkeit soll eine Auswahl wichtiger Gruppen von Erzählungen, die man als Sagen beansprucht hat, vorgestellt werden.

1. Exempla. Die überaus reiche Exempelliteratur des Mittelalters (s. Art.: Exempel) mit ihren erbaulich-unterhaltsamen Beispielerzählungen ist als Fundort dämonologischer Sagen längst bekannt. Beschränkt man sich jedoch nicht auf das Sortieren von Erzählmotiven (bzw. auf Stoffgeschichte), so stellt sich das - aus der Superstitionsforschung vertraute - schwierige Problem, 'volkstümliche' Glaubensvorstellungen methodisch schlüssig aus der kirchlich-intentional geformten Überlieferung herauszudestillieren. Bereits für das Mittelalter wird man mit einer intensiven Wechselwirkung zwischen schriftlichen und mündlichen Versionen zu rechnen haben.

2. Bei Tendenzerzählungen wie der Ritualmordbeschuldigung (s. dort) ist die Grenze zwischen tradierten Geschichten, deren Tempus die Vergangenheit ist, und dem aktuellen Gerücht, Bestandteil des öffentlichen Diskurses, fließend. Traditionsgut kann aktualisiert, und zu Propagandazwecken verwendete Geschichten können Traditionsgut werden (z.B. Templersagen).

3. Unter den sogenannten historischen Sagen sind die Herrschersagen am bekanntesten, die sich an Personen wie Karl den Großen, Widukind, Friedrich Barbarossa, Heinrich den Löwen, Rudolf von Habsburg oder Margarete Maultasch knüpfen (s. jeweils dort). In der sogenannten 'Deutschen Kaisersage' artikuliert sich der verbreitete Wunsch nach einem Friedenskaiser (s. dort) unter dem Einfluß des prophetischen Schrifttums (s. Art.: Propheten). Nicht nur auf diesem Feld der Traditionsbildung darf die Interdependenz literarischer Muster der Herrscherdarstellung bzw. -propaganda und populärer, im öffentlichen Diskurs zur Sprache gebrachter Sichtweisen nicht übersehen werden.

4. Die Antwort auf die Frage nach den eigenen Anfängen, nach Ursprung, Herkommen, Stiftung war für das Selbstverständnis aller sozialer Formationen des Mittelalters wichtig. Als Analyseinstrument kann das Begriffspaar Exemplum/Herkommen vorgeschlagen werden: während die Funktion Exemplum einer Erzählung eine Lehre unterlegt, bezieht die Funktion Herkommen eine Erzählung auf ein Zurechnungssubjekt (eine Trägergruppe oder Institution). Die Erzählung wird als Herkommen Teil der eigenen Geschichte. Zum Funktionstyp Herkommen zählen etwa: Stammessagen, Geschlechtersagen bzw. Familienüberlieferungen (s. Art.: Genealogie), klösterliche Fundationsberichte, Stadtgründungserzählungen (sogenannte 'Gründungssagen'). Für nicht wenige dieser legitimierenden Überlieferungen gilt, daß sie sich als "illegitimes Kind der chronikalisch-gelehrten Forschung" (GRAUS 1975, 12) herausstellen. Dies ist offenkundig etwa bei den fingierten Gründern und Gründungsdaten der Fall, mit denen sich bis in die Neuzeit die Universitäten Paris, Bologna, Oxford und Cambridge schmückten, wobei sie sich gegenseitig an Altehrwürdigkeit zu übertreffen suchten.

Gemeinsames Herkommen sollte Gemeinschaft stiften. Die Autorität einer verbindlichen Ursprungsüberlieferung wirkte - der literarischen Zyklusbildung (bzw. Ausbildung von 'Sagenkreisen') vergleichbar - als Magnet für die Anlagerung weiterer Überlieferungen. In ganz Europa am einflußreichsten war sicher die Trojaner-Abstammung (s. dort). Als Trojaner galt z.B. auch Brutus, der Gründer Englands (s. Art.: Geoffrey von Monmouth). Neben den vor allem im 12. Jahrhundert einflußreichen Caesar-Traditionen (s. dort) spielten in Deutschland die mit Trebeta, dem fiktiven Heros eponymos Triers, verbundenen Gründungsüberlieferungen eine signifikante Rolle als nationales bzw. städtisches Herkommen. An die 'Vorzeitkunde' der deutschen Heldensage schlossen sich die Städte Soest (Thidrekssaga, 13. Jahrhundert), Xanten und Worms (beide im 15. Jahrhundert) an, indem sie heroische Traditionen in ihr eigenes Orts-Herkommen einbauten. Im niederdeutschen Raum leiteten sich zahlreiche Adelsfamilien von Widukind als 'Spitzenahn' ab.

5. Einen wichtigen Sonderfall der Herkommen bilden die Freiheitsüberlieferungen, von denen die eidgenössische Traditionsbildung um Wilhelm Tell am besten erforscht ist. Vergleichbar damit sind die mit der Stifterautorität Karls des Großen verbundenen friesischen Überlieferungen des Hochittelalters (s. Art.: Friesische Freiheit). Hierher gehören aber auch jene Erzählungen, die dem Ursprung von Privilegien ('Freiheiten') gelten und diese - in der Art einer Stiftungsurkunde (B. MALINOWSKI: 'Charter') - legitimieren sollen. Beispiel: Handwerker leiten ein Vorrecht von einer besonderen Kriegstat ab.

6. Ätiologische Erzählungen erklärten und deuteten Unverständliches oder Deutungsbedürftiges der eigenen Lebenswelt wie Bodendenkmäler, Bildwerke ('ikonische Sagen') und Riten. So hat man in ganz Europa vor- und frühgeschichtliche Relikte auf Riesen zurückgeführt. Ehemalige Befestigungen brachte man gern mit Attila (s. dort) und seinen Hunnen in Verbindung (s. Art.: Etzelburg). Das Verhältnis zwischen Explanans und Explanandum läßt sich oft als symbiotisches beschreiben: die Überlieferung erklärt den Gegenstand (bzw. den Ritus), während dieser umgekehrt als 'Wahrzeichen' die Überlieferung beglaubigt.

Auch 'Überreste' wurden häufig als 'Tradition', als Erinnerungsbotschaft ('gedechtnus') interpretiert. Nicht zuletzt dieser reflexive Bezug von Überlieferung legt es nahe, die sogenannten Sagen als Segment der - erst ansatzweise in den Blick genommenen - 'Erinnerungskultur' des Mittelalters zu begreifen, in der sich Mündlichkeit und Schriftlichkeit in komplexer Weise durchdringen.


Literatur:

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E. Bernheim, Lehrbuch der Historischen Methode ... 5-6. Aufl. 1908
Die deutschen Sagen des Mittelalters, I-II, hg. K. Wehrhan, 1919-1920 (Textauswahl)
Fr. Lanzoni, Genesi, svolgimento e tramonto delle leggende storiche, 1925 (Lit.)
E. Champeaux, Les légendes savantes de la vieille Alsace, 1930
A. Wesselski, Probleme der Sagenbildung, Schweizer. Archiv f. Volkskunde 35, 1936, 131-188
W. Brückner, Sagenbildung und Tradition, Zs. f. Volkskunde 57, 1961, 26-74
H. R. E. Davidson, Folklore and History, Folklore 85, 1974, 73-92
Fr. Graus, Lebendige Vergangenheit, 1975
M. Bauer, Die "gemain sag" im späteren Mittelalter, 1981
J. Cl. Schmitt, Menschen, Tiere und Dämonen, Saeculum 32, 1981, 334-348
J. Vansina, Oral Tradition as History, 1985
Vergangenheit in mündlicher Überlieferung, hg. J. von Ungern-Sternberg/H. Reinau, 1988
K. Graf, Thesen zur Verabschiedung des Begriffs der ,historischen Sage', Fabula 29, 1988, 21-47
Fälschungen im Mittelalter I, 1988 (Beiträge von G. Althoff, W. Störmer, T. Struve u.a.)
H. Weddige, Heldensage und Stammessage, 1989
Fr. Graus, Troja und trojanische Herkunftssage im Mittelalter (Kontinuität und Transformation der Antike im Mittelalter, hg. W. Erzgräber, 1989) 25-43
G. P. Marchal, Das Bild der frühen Eidgenossen ... (Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft II, 1990) 309-406
W. Seidenspinner, Sage und Geschichte, Fabula 33, 1992, 14-38
Das Bild der Welt in der Volkserzählung, hg. L. Petzoldt u.a., 1993 (Beiträge von L. Röhrich, G. Kompatscher, K. Graf [Resümee] u.a.)
K. Graf, Literatur als adelige Hausüberlieferung? (Literarische Interessenbildung im Mittelalter, hg. J. Heinzle, 1993) 126-144
Brüder Grimm, Deutsche Sagen, hg. H.-J. Uther/B. Kindermann-Bieri I-III, 1993 (Lit.)
R. Schenda, Von Mund zu Ohr, 1993 (Lit.)
F. Lotter, Das Judenbild im volkstümlichen Erzählgut dominikanischer Exempelliteratur um 1300 (Herrschaft, Kirche, Kultur, hg. G. Jenal, 1993) 431-445
I. Haari-Oberg, Die Wirkungsgeschichte der Trierer Gründungssage vom 10. bis 15. Jahrhundert, 1994
P. G. Bietenholz, Historia and Fabula, 1994
Herkunft und Ursprung, hg. P. Wunderli, 1994.

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