Überlegungen zu Schwäbisch Gmünder "Sagen"

Von Klaus Graf


"Sagen der Heimat" hieß der 1927 erstmals erschienene dritte Band des Gmünder Heimatbuches von Oberlehrer Georg Stütz [Anm. 1]. Das Vorwort beginnt ganz unoriginell mit den damals in vielen Sagenbüchern als Motto gewählten Versen Ludwig Bechsteins über die Sage, die "sinnend durchs Land von Ort zu Ort" wandle und in ihrem Garten der Dichtung Blumen fortpflanze. Gegen Ende des Vorworts variiert Stütz den Gedanken mit eigenen Worten: "In der Gmünder Gegend sind namentlich das Albgebiet und sein Vorland mit Sagen reich bedacht. Sie wohnen vielgestaltig in alten Schlössern und im bröckelnden Gemäuer der Ruinen; sie weben ihren Zauberschleier um einsame Kapellen und halbverwitterte Kreuzsteine; sie beleben die öden Stätten einstiger Burgen und raunen und wispern geheimnisvoll in weltfernen Tälern und Wäldern". Stütz schließt: "Der reiche Sagenschatz unserer Gegend fügt dem Heimatbilde vielsagende Züge und stimmungsreiche Farben ein. Als kostbarer Schatz soll er drum gewertet und behütet werden".

Heimat als Leitbegriff

Heimat, der Leitbegriff der in den Jahren nach 1900 entstandenen Heimatbewegung, fungiert auch bei Stütz als Grundwert, an der er seine literarische Produktion orientiert. Die Heimatbewegung übte aus konservativer Perspektive Zivilisationskritik - der als bedrohlich empfundenen Moderne stellte man das Bild einer heilen traditionalen Welt gegenüber gegenüber [Anm. 2]. Trachten und alte Bräuche wollte man wiederbeleben, und es ist somit kein Zufall, wenn auch in den damals erschienenen Sagenzusammenstellungen, in der Regel von Lehrern verfaßt, Heimatschwärmerei allenthalben anzutreffen ist. Die zitierten Stellen aus der Stützschen Arbeit skizzieren eine romantische Idylle, die wie eine Beschreibung der bekannten Illustrationen Ludwig Richters zu den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm anmutet.

Wer nach Sagen fragt, muß zuallererst nach den Sammlern und Autoren fragen, die jene Texte zu Papier gebracht haben, für die man seit etwa 1800 die Bezeichnung "Sage" bereithält. Ohne Sammler gäbe es keine Sage. Denn die Gattung Sage ist eigentlich erst ein Kind der Romantik. In den Jahren nach 1800 wurde der unübersichtliche und vielgestaltige Strom mündlicher und schriftlicher Traditionen und Erzählstoffe gleichsam in mehreren Flußbetten kanalisiert. Am einflußreichsten war die Tätigkeit der Brüder Grimm, die Volksmärchen und Volkssagen in getrennten Veröffentlichungen dem Publikum vorstellten. Auch die "schwankhaften", die lustigen und heiteren Erzählungen, und die frommen Legenden wurden von den Sagen abgetrennt. In der vornehmlich aufgrund von gedruckten Quellen erstellten zweibändigen Sammlung der "Deutschen Sagen" (1816/18) wollte das patriotisch gesinnte Brüderpaar die "Überbleibsel von dem großen Schatze uralter deutscher Volksdichtung" retten [Anm. 3]. Während der erste Band den sogenannten Ortssagen gewidmet war, in denen vor allem dämonische Gestalten und Geister auftraten, galt der zweite Band den "historischen Sagen", die sich meist an historische Persönlichkeiten der deutschen Geschichte knüpften. Die so hergestellte Verbindung von Spukgeschichten und Geschichte ist bis heute für den Sagenbegriff ausschlaggebend geblieben.

Die Gelehrten des 19. Jahrhunderts waren vor allem fasziniert von der Möglichkeit, in den Erzählungen des einfachen Volks letzte Spuren von altgermanischer Religion und Götterglauben sichern zu können. Daß Sagensammlungen vor allem als Quelle für dämonologische Erzählungen dienen sollten, aus denen man wiederum mythologische Vorstellungen erschließen wollte, läßt sich auch anhand des Stützschen Vorworts demonstrieren. "Nicht wenige Sagen", meinte er, "wurzeln noch in der altdeutschen Götterlehre". Sofort fällt das Stichwort "Wodan", zu dem er unter anderem anmerkt: "In unseren Heimatsagen ist Wodans Name noch erhalten im Wuotes- oder Muetesheer, das man in Gmünd, Wetzgau, Spraitbach, Lautern, Heubach, Essingen und auf dem Aalbuch früher oft gehört haben will. Entsetzlich heulend und in hohen und tiefen Stimmen jammernd, durchbraust es die Luft. Dieses Heer, sagen die Leute, sei der Teufel mit dem Gefolge von Verdammten, Hexen und ungetauft gestorbenen Kindern". Aber was die Leute sagten und welchen konkreten Stellenwert die Geschichten vom Mutesheer für die Erzähler und Hörer besaßen, ihr "Sitz im Leben" also, interessierte so gut wie gar nicht - mit dem Hinweis auf Wodan war das Mutesheer abgehakt.

Neuere wissenschaftliche Arbeiten haben deutlich gemacht, daß die gedruckten Sagensammlungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert alles andere als ein unverfälschtes Abbild vergangener Erzählkultur bieten. Sie sind zuallererst das Resultat der Vorlieben und Neigungen der gelehrten Sammler. Diese dürsteten nach "echter Volkspoesie", sie fragten gezielt und ließen weg, was ihnen zu unscheinbar oder zu anstößig erschien. Die Befragten wiederum verschwiegen oft, was sie zu wissen glaubten, weil sie nicht als "abergläubisch" gelten wollten. Schon Ernst Meier, der Autor der 1852 gedruckten ersten wichtigen Sammlung schwäbischer Sagen, wußte: "Man darf da nicht mit der Thür ins Haus fallen und nur etwa fragen: 'gibts keine Sagen hier?' Auf so plumpe Fragen wird man ein einfaches Nein zur Antwort bekommen; oder das Volk antwortet wie jene Bäckerfrau auf die nämliche Frage etwa so: 'noi, Sagen hent mer koine, aber Wecken!'" [Anm. 4].

Stütz beteuert, er habe aus den "Sagenschätzen" der Gmünder Gegend "nur das wertvollste Gut" in die Sammlung aufgenommen. In Wirklichkeit lagen die meisten der in ihr enthaltenen Erzählungen, wie eine genaue Quellenanalyse ergeben hat, längst gedruckt vor und waren keineswegs mühsam vor Ort dem Munde des Volkes abgelauscht worden. Im wesentlichen beschränkt sich der diesbezügliche größte eigene Beitrag von Stütz, wenn ich recht sehe, auf drei Sagen aus Degenfeld und drei aus Täferrot.

Erheblich größere Verdienste hat sich Albert Deibele erworben, der in den Gmünder Heimatblättern 1929 - damals war er noch ein junger Lehrer - "Sagen und Geschichten" aus dem Tal der Rot und aus Tanau und Zimmerbach veröffentlichte. Er wollte das zwischen Lein und Kocher Gehörte, wie er schreibt, "allen Liebhabern der schlichten Volkserzählungen als einfachen Feldblumenstrauß vorstellen" [Anm. 5]. Nach dem Tod von Georg Stütz nahm seine Tochter, die Schriftstellerin Luzie Stütz, die 1950 eine zweite Auflage des Sagenbüchleins besorgte, die sehr reizvollen Texte Deibeles in die Sammlung auf.

In Zimmerbach wollte man damals von dem Geist eines wunderlichen Bauern namens Heuranz auf dem Rehnenhof wissen, der auf dem Hof herumpoltere und manchmal seinen rot angelaufenen Kopf zum Scheuerladen herausstecke, um anschließend den Laden mit einem gräßlichen Fluch wieder zuzuschlagen. Oberlehrer Stütz ließ es sich nicht nehmen, in der nächsten Nummer der Heimatblätter eine Richtigstellung dazu unter dem Titel "Der wahre 'Heuranz'" zu publizieren. Es habe sich um den Kameralverwalter von Schönlein gehandelt. Stütz führt dazu weiter aus: "Da der absonderliche Mann mehr mit akademischer Weisheit als mit praktischer Erfahrung den Betrieb des Hofguts leitete, wurde er, wie naheliegend, in Stadt und Land viel verulkt. Daß es dabei nicht ohne starke Uebertreibungen abging, ist selbstverständlich. Wenn Frau Fama in Gmünd einhergeht, wachsen ihre Gaben riesig auf dem Weg vom Honiggäßle bis in die Lorcher Straße, wie erst auf der Wanderung vom Rehnenhof bis zum ziemlich weitentfernten Zimmerbach!" In der Nähe des Rehnenhofs sei die Geistersage, für Stütz ein "Gebilde törichter Phantasie", erfreulicherweise seit Jahrzehnten erloschen [Anm. 6].

Das Beispiel zeigt deutlich, wie aus dem Klatsch, dem Gerücht und dem Gerede, deren Tempus die Gegenwart ist, eine Spukgeschichte wird, deren Tempus die Vergangenheit ist. In ähnlicher Weise verarbeiten die sogenannten Hexensagen die historische Erfahrung der Hexenprozesse. Was einst furchtbare Überzeugung von Elite und Volk war, wird im 19. Jahrhundert zum vermeintlich harmlosen Erzählgut. Harmlos ist eigentlich das falsche Wort: Hexen hat man damals keine mehr verbrannt, aber die Hexensagen transportierten den - übrigens bis heute virulenten - Aberglauben vom "Schadenzauber", der wiederum dafür sorgte, daß solchermaßen stigmatisierte Frauen im Dorf oder der Kleinstadt oft ihres Lebens nicht mehr froh wurden.

Historisches Erzählen

Hier aber soll es um etwas anderes gehen: um die Frage nach dem Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart, um die Frage nach dem historischen Erzählen. Jede Stadt war und ist erfüllt von Erzählungen über Vergangenes. Äußerst vielfältig sind die Anlässe und Formen dieses Erzählens: Die Geschichten sind im Wirtshaus ebenso zu hören wie im Heimatkundeunterricht der Schule. Es kann sich um Geschichten und Anekdoten handeln, die von Persönlichkeiten oder Originalen in der Stadt berichten, um die Erinnerung an bedeutsame Ereignisse und Epochen der Stadtgeschichte, aber auch um Versuche, Bauten und Örtlichkeiten zu deuten und zu erklären. Es können lustige, traurige, fromme oder unheimliche Geschichten sein, wahre, halbwahre und erfundene.

Befragt man die historischen Quellen nach dem schriftlichen Niederschlag dieses alltäglichen historischen Erzählens, so muß man feststellen, daß nur ein winziger Bruchteil Eingang in die bewahrende Schriftlichkeit gefunden hat. Dies gilt auch für die umfangreiche handschriftliche Chronik des Dominikus Debler (1756-1836), so sehr sich dieser auch bemüht hat, Gmünder Überlieferungen und Traditionen aufzuzeichnen. Auch als gebildete Autoren im letzten Jahrhundert begannen, sogenannte "Volkssagen" zu sammeln, wählten sie, wie erwähnt, aus dem reichen Schatz der mündlich verbreiteten Geschichten nur einige wenige aus, die ihren eigenen Vorstellungen über "Sagen" entsprachen. Deshalb ist der romantische Sagenbegriff auch nicht geeignet, die bunte Vielfalt der "historischen Überlieferungen" angemessen zu bezeichnen.

Betrachtet man die Texte, in denen historisches Erzählen seinen Niederschlag gefunden hat, so kann man sich natürlich die Frage nach dem "historischen Kern" dieser Überlieferung stellen. Wenn man sich in Gmünd erzählte, daß die Johanniskirche an der Stelle erbaut worden sei, wo die Herzogin Agnes, Gattin des ersten Stauferherzogs Friedrich, ihren verlorenen Ring wiedergefunden habe, so könnte man erwägen, das Herzogspaar habe tatsächlich bei der Stadtwerdung von Schwäbisch Gmünd eine wichtige Rolle gespielt [Anm. 7]. Das ist natürlich legitim, aber würde man dadurch der Geschichte der Gmünder Ringsage und ihren zahlreichen Versionen wirklich gerecht?

Die moderne Erzählforschung fragt deshalb konsequent nach dem Kontext, in dem solche Geschichten erzählt wurden, nach den Trägergruppen, in denen sie kursierten, und nach den Funktionen, die sie für eine Gemeinschaft oder den jeweiligen Erzähler erfüllten. Hinsichtlich der am Ende des 16. Jahrhunderts in einem gelehrten lateinischen Geschichtswerk erstmals belegten Ringsage muß man für die Zeit vor 1800 jedoch konstatieren, daß man kaum etwas Hieb- und Stichfestes aussagen kann über den Träger dieser Überlieferung, die Bestandteil der für das damalige Selbstverständnis der Stadt überaus wichtigen Staufertradition war. Zwar liegt der Verdacht nahe, daß es im wesentlichen die Gebildeten und die Oberschicht waren, die sich vom Ursprung der Johanniskirche erzählten, aber ausschließen läßt sich auch nicht, daß die Ringsage darüberhinaus weiteren Kreisen in der Stadt bekannt war.

Einigermaßen sicheren Boden betritt man erst im 19. Jahrhundert. Damals begeisterte sich die Romantik für die glanzvolle staufische Vergangenheit Schwabens, und auf dem 1714 gemalten Ölbild des Malers Heberle in der Johanniskirche mit der Darstellung der Ringsage wollte man eine authentische Darstellung der Burg Hohenstaufen vor ihrem Untergang erkennen. Sogar die Madonna am Südwestpfeiler der Kirche identifizierte man um 1800 irrtümlich mit der Herzogin Agnes.

In zahlreichen Druckwerken konnte man im letzten Jahrhundert die "kanonische" Version der Erzählung nachlesen. Daneben erfreute sich aber eine sentimentale Fassung der Geschichte, die ein Liebesmotiv einführt, als vermeintliche Volkssage besonderer Beliebtheit. Bei der Vorbereitung meiner 1995 erschienenen Sagenedition "Sagen rund um Stuttgart" habe ich eine umfangreiche Sammlung schwäbischer Sagen entdeckt, die von dem Stuttgarter Gymnasialprofessor Albert Schott dem Jüngeren (1809-1847) kurz vor seinem Tod veranlaßt worden war. Unter anderem zeichnete ein Schüler seiner achten Klasse eine Version der Ringsage auf, die sein Lehrer Schott in einem Kommentar einigermaßen treffsicher als "wenigstens theilweise gemacht" (also erfunden) einschätzte. In der Tat ist die rührselige Geschichte vom Förster Eckart und seinem Sohn Horsa, der den Ring auffinden und die Tochter des fürstlichen Kanzlers als Ehefrau heimführen kann, eine literarische Schöpfung. Ihr Urheber: der später als Publizist bekanntgewordene Johannes Scherr, gebürtig aus Rechberg, der sie in seinem 1836 erschienenen Jugendwerk "Sagen aus Schwabenland", einem Band mit als Sagen getarnten Erzählungen [Anm. 8], veröffentlicht hatte. Sie wurde jedoch in der Folgezeit als echte "Volkssage" aufgefaßt.

In den Unterlagen einer 1850 vom Rektor des Nürtinger Schullehrerseminars veranlaßten Sagensammlung fand ich zwei Aufsätze mit der "richtigen" Fassung der Ringsage. Während aber der erste Seminarist von der Tochter Barbarossas (!) sprach, gab sie der zweite als dessen Ehefrau aus - beide nennen keinen Namen. Nur der erste nannte ausdrücklich die Johanniskirche, der er irrtümlich als früheren Namen den der danebenliegenden Veitskapelle zuwies; der zweite führte die Gründung eines Klosters und danach der Stadt Gmünd auf den Ringfund zurück. Darüberhinaus wollte er von einer Hofintrige wissen, die zur Einkerkerung der Frau geführt habe. Diese Differenzen beider Fassungen untereinander wie auch zur kanonischen Fassung der Agnes-Erzählung machen deutlich, daß selbst bei so festgelegten Überlieferungen wie der seit dem 16. Jahrhundert in Chroniken dokumentierten Ringsage ein erheblicher Spielraum für mündlich weitergegebene Versionen und persönliche Gestaltungen gegeben war. Jeder Erzähler erfand die Geschichte bei jedem Erzählen gewissermaßen neu.

Wirft man nun einen Blick auf die zweite Johanniskirchen-Sage, die vom Baumeister, dem der Teufel die Nase abriß, so springen die Unterschiede ins Auge: die Baumeister-Erzählung ist nur in einer Handvoll Texte überliefert, erstmals bei Dominikus Debler Debler [Anm. 9]. Eine kanonische Fassung gab es nicht, denn die Schriftquellen hatten nur wenig Interesse an dieser Geschichte, die Joseph Alois Rink 1802 empört eine "wahre Pöbels Posse" nannte. Während die Ringsage über die Nennung von Agnes und Friedrich datierbar ist und den Staufertraditionen zugeordnet werden kann, vermißt man in der Baumeistersage eine Zeitangabe. Handelt es sich also nicht um einen Fall historischen Erzählens? Bevor man sich auf ein Nein festlegt, sollte man in Rechnung stellen, daß beide Geschichten die Johanniskirche als Erzähl-Mal in den Blick nehmen, nämlich als Aufforderung, eine erklärende und erläuternde Geschichte über sie zu erzählen. Die ätiologische Erzählung erklärt das Denkmal - im Fall der Baumeistersage speziell ein Relief an der Westfassade - wie umgekehrt das Denkmal die Glaubwürdigkeit der Erzählung unterstreicht.

Die Baumeistersage hat es mit Vergangenem zu tun, indem sie etwas erklärt, was man nicht mehr versteht. Bei dem Relief handelte es sich vermutlich um ein sogenanntes Judenspottbild, mit dem man Juden schmähte - der angebliche Baumeister trägt nämlich einen spitzen Judenhut. Später konnte man es nicht mehr deuten, weil hinsichtlich der ursprünglichen Bedeutung eine historische Distanz eingetreten war. Analog dazu nannte man im Mittelalter das Römerlager am Schirenhof "Etzelsburg". Nicht die Römer, sondern Attila mit seinen Hunnen wurden für die sichtbaren Überreste des Limeskastells verantwortlich gemacht.

An die Stelle der Hunnen traten in der Neuzeit oft die Schweden oder Franzosen. Bezeichnenderweise hat man ein mittelalterliches Steinkreuz, das Zillhartskreuz (es stand in der Nähe von St. Katharina), zum einen mit dem Tod eines angeblichen schwedischen Generals Ziller in Verbindung gebracht, zum anderen mit dem Meisterschuß eines Stadtschlossers, der den französischen General Ziller zum Abzug bewegt habe habe [Anm. 10].

Im 16. Jahrhundert galten die Höhlen am Nepperberg, der heutige St. Salvator, als Heidenwerk. Und noch heute kennen viele die Überlieferung von einem unterirdischen Gang vom Salvator nach Lorch, wie ja überhaupt die Erzählungen von unterirdischen Gängen derzeit das weitaus lebendigste Erzählmotiv unter den sogenannten traditionellen Sagenmotiven darstellen. In der ältesten schriftlichen Überlieferung der Geschichte vom unterirdischen Weg nach Lorch in einer gelehrten Abhandlung aus dem Jahr 1620 heißt es, der Weg sei "wegen der älte eingefallen". Ob der römische Limes Anlaß zu dieser Tradition gegeben hat, kann hier auf sich beruhen. Wichtig ist: die Erwähnung der Altersschwäche des Ganges bringt geschichtlichen Wandel zur Sprache und damit auch historische Distanz.

Wer nach historischem Erzählen fragt, muß somit, so lautet meine These, immer auch nach historischer Distanz fragen, also: Inwieweit überbrückt oder bewältigt historisches Erzählen historische Distanz, die Kluft und den Zeitenabstand zwischen der fremden Vergangenheit, der Vorzeit, und der eigenen Gegenwart?

Während Überlieferung und Tradition Distanz beseitigen sollen, bringt der Überlieferungsverlust Distanz zustande. Einen solchen Verlust thematisiert der Topos vom großen Archivbrand, der aus vielen Städten bekannt und in Schwäbisch Gmünd erstmals 1803 greifbar ist. Er entlastete die nachlässigen Hüter der Schriftlichkeit ebenso wie den faulen Autor, der sich ja auf die Vernichtung der Unterlagen bei einem großen Brand (der nie stattgefunden hat) berufen konnte. Legt man das Kriterium der Faktizität an, so handelt es sich bei der Archivbrand-Geschichte um eine "Sage".

Volkssage und populäre Lesestoffe

Ich bin der Überzeugung, man sollte für die Zeit vor 1800 überhaupt nicht von Sagen sprechen, sondern von Erzählungen, Lokaltraditionen oder Stoffen. Erst im Jahr 1800 erscheint in Bremen die erste wirkliche Sagensammlung. Daß die sogenannte Volkssage ein Kind der Romantik ist, habe ich oben bereits erwähnt. Hinzufügen möchte ich - und dies hat die volkskundliche Sagenforschung bislang nicht wahrhaben wollen: in vielerlei Hinsicht ist die Volkssage zugleich das illegitime Kind des Ritterromans.

Aus dem Stoffreservoir des Ritterromans stammen nämlich jene sentimentalen Liebes- und Rittergeschichten, denen man in Sagensammlungen häufig begegnet, die aber von der auf die mythologischen Sagen fixierten Forschung nicht weiter beachtet wurden. Vielleicht am populärsten im Gmünder Raum ist der Geschichtenkranz über die Raubritter vom Rosenstein. Bereits im Jahr 1800 ist ein Gedicht über die räuberischen Ritter auf dem Rosenstein erschienen, das später die Quelle einer Sage der Brüder Grimm werden sollte. Die hier hergestellte Verbindung der Beiswanger Kapelle mit dem Wettiner-Fürsten Friedrich mit der gebissenen Wange, der sonst keine Beziehungen zu unserem Raum hatte, erklärt sich am einfachsten mit der Existenz eines vielgelesenen Ritterromans, der 1787/88 über jenen Herrscher erschienen war [Anm. 11]. Der Begriff Raubritter selbst ist übrigens relativ jung: sein derzeit bekannter Erstbeleg findet sich im Titel eines 1799 erschienenen Ritterromans: "Der Raubritter mit dem Stahlarme oder der Sternenkranz eine Geistergeschichte". Die in den Sagenbänden nachlesbaren Geschichten über mittelalterliche Raubritter stammen nicht etwa aus dem Mittelalter, sondern aus dem 18., 19. oder 20. Jahrhundert. In ihnen haben die Ansichten, die man seit der Aufklärung in verbreiteten Geschichtsbüchern über die Zeiten des sogenannten Faustrechts nachlesen konnte, ihren Niederschlag gefunden.

Die Abhängigkeit der sogenannten Volkssagen von populären Lesestoffen darf nicht unterschätzt werden. Historische Erzählungen und historische Romane vermittelten ein Geschichtsbild, dem man auch in den Sagen begegnet. Dort ist man freilich allzu leicht geneigt, in diesem popularisierten Geschichtsbild das genuine Geschichtsbild des Volkes erkennen zu wollen.

Sagen müssen im 19. Jahrhundert als Bestandteil der zeitgenössischen Geschichtskultur begriffen werden, die sich in unterschiedlichen Medien mit der Vergangenheit auseinandersetzte - Medien des historischen Erzählens wie Roman und Geschichtsschreibung, aber auch nichtschriftliche Medien wie historische Festzüge, Denkmäler und historistische Bauten. Der architektonische Historismus, wie er sich etwa in der Erbauung neugotischer Ritterburgen artikulierte, wollte die historische Distanz vergessen machen, die durch die Stilentwicklung seit dem Mittelalter eingetreten war.

Eine Verlusterfahrung motivierte ebenfalls die rückwärtsgewandte Heimatbewegung, eingangs bereits erwähnt, die sich durch die Moderne von den wahren Wurzeln der eigenen Kultur abgeschnitten glaubte. Sagen erhielten seit etwa 1900 einen Ehrenplatz bei der Darstellung der Heimatgeschichte in den Heimatbüchern zugewiesen. Verhinderte Lehrerpoeten mit einem unglücklichen Hang zum gepflegten Adjektiv mühten sich ab, mit Sagen Heimatgeschichte anschaulich werden zu lassen. Heute müssen derlei Versuche als süßlicher Sagenkitsch eingeschätzt werden. Ich möchte dem geneigten Leser nur eine ganz kurze Stelle aus dem Stützschen Sagenbuch zumuten. Es entstammt der erst in der Zweitauflage aufgenommenen Geschichte "Der Falschmünzer", deren Kernmotiv erstmals bei Dominikus Debler belegt ist. Oberlehrer Stütz, wahrscheinlicher aber seine Tochter Lucie, ebenfalls Oberlehrerin, taucht den Pinsel tief in den am Kolorit des historischen Romans orientierten großen Farbenkasten des deutschen Schulaufsatzes. Zitat: "Frau Barbara steht droben in der lichten Stube mit den Birnbaumkommoden und bauchigen Truhen. Sie hört die dröhnenden Hämmer drunten und weiß, was sie schreien. Auf ihren geizigen Mund springt ein triumphierendes Lächeln, sie wiegt sich vor dem goldgerahmten Spiegel und schwenkt die Hüften wie die reichen Patrizierinnen, die am Festtag vierspännig ins Münster fahren. Deren goldene Ringe, funkelnde Halsketten und blutrote Granatbroschen, seidene Röcke und samtene Mieder stechen ihr schon lange in die Augen. Wie gierige Zangen fegen ihre Hände in schlaflosen Nächten über die Bettdecke: 'Gold, Gold, Gold!' zischelte sie ihrem Mann ins Ohr".

Doch nicht nur in der Geschichtskultur, auch in der literarischen Kultur jener Zeit spielten Sagen eine große Rolle, wie umgekehrt literarische Muster und Vorbilder auf die Sagen eingewirkt haben. Daß es literarische Schöpfungen gab, die sich als Sagen tarnten, ist oben bereits erwähnt worden. Die Sagen des jungen Scherr finden sich ungeachtet ihres erkennbaren literarischen Ursprungs jedoch in Sagenbüchern wieder, so auch im Sagenbuch von Georg Stütz.

Von den drei Gmünder Stadtsagen der Erstausgabe von 1927 ist nur eine einzige als ursprüngliche Volkssage anzusprechen: die vom Kobold und Hausgeist Schlurkerle. An erster Stelle steht Justinus Kerners "Geiger von Gmünd", wie wir aus der meisterhaften Monographie von Peter Spranger wissen, im wesentlichen eine Schöpfung ihres Autors, der bei der Komposition dieser 1816 erstmals erschienenen Legendenballade nicht an eine Gmünder Lokalsage anknüpfen konnte [Anm. 12]. Nr. 2 trägt den Titel "Der Stadtrichter von Gmünd". Mit dieser Geschichte hat es folgende Bewandtnis: Es handelt sich um eine der berüchtigten Erfindungen der "Stuttgarter Stadt-Glocke", einem Unterhaltungsblatt, das der Buchdrucker Munder von 1844 bis 1848 herausgab. Eine dieser in einer altertümelnden Sprachgestalt verfaßten Fiktionen ist die Geschichte vom "Postmichel" von Esslingen, dem nichtsdestotrotz in Esslingen ein Brunnen errichtet wurde.

Im April 1845 erschien in der Stadtglocke die schaurige Raubritter-Story vom Untergang der Adelsfamilie Enzinger oder Roßwager: als Gmünder Stadtrichter soll der angeblich im Jahr 1400 gestorbene letzte Sproß des Adelsgeschlechts seinen eigenen Bruder als Straßenräuber zum Tode verurteilt haben. Einige Details zeigen eine gewisse Vertrautheit des Autors mit der damaligen Oberamtsstadt Gmünd und ihrer mittelalterlichen Geschichte, aber sonst ist das Ganze frei erfunden. Über "Württemberg wie es war und ist", eine populäre, mehrfach aufgelegte Sammlung "vaterländischer Erzählungen", und die "Württembergischen Volksbücher" des Evangelischen Lehrer-Unterstützungs-Vereins von 1905 wurden Munders historisierende Phantasien im ganzen Land bekannt. Georg Stütz gibt im ersten Band seines Gmünder Heimatbuches die fingierte Inschrift des angeblich in der Dominikanerkirche befindlichen Grabdenkmals von 1401 für den Stadtrichter wieder:

Hier fand Herr Enzing lobereich
nach Mühwerk Todeslager.
Schwach war sein Körper, stark sein Geist,
der Letztsproß der Roßwager.

Eine weitere Strophe klingt eher (unfreiwillig?) komisch:

Obgleich sein Nam hier allweg hieß:
"Hans Anton Max von Rauber",
so war er unterm Brusttuch doch
von jedem Unrecht sauber.

1929 erzählte Alois Marquardt in den Gmünder Heimatblättern den "Untergang der Enzinger oder Roßwager zu Schwäb. Gmünd" als "unfürdenkliche alte Sage", und wie eine Tatsache behandelte Hildegard Meschenmoser den Stoff in ihren Erzählungen "Im Zeichen des Einhorn". Sie alle sind, wenn man so will, auf eine Mittelalter-Story, eine historische Kolportage aus dem Vormärz, hereingefallen, in der sie allzu gern eine Sage mit geschichtlichem Kern erkennen wollten.

Kein uraltes Volksgut!

Aus meinen Ausführungen sollte deutlich geworden sein, daß die gängigen Klischees über Sagen in die Irre führen. Sagen sind - entgegen einer auch unter Historikern weitverbreiteten Ansicht - eben kein uraltes Volksgut, das über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben wurde und Glaubensvorstellungen oder Geschehnisse getreu der Nachwelt zu übermitteln vermag. Die neuere Sagenforschung hat den Aberglauben an eine mündliche Überlieferung, die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende überbrücken kann, inzwischen verabschiedet.

Sagen müssen als Produkte jener Zeit ernstgenommen werden, in der sie aufgezeichnet oder literarisch geformt wurden. Schon lange abgewirtschaftet hat die ältere Volkskunde, die in den Sagen keine literarischen Dokumente des 19. Jahrhunderts sah, sondern nur daran interessiert war, in Sagen möglichst alte volkstümliche Vorstellungen und Erzählmotive wiederzufinden.

Und auch was das sogenannte Volk als Träger der Gattung Volkssage angeht, ist allergrößte Vorsicht am Platz. Was Lehrer und gebildete Honoratioren diskutierten, konnte, aufgeschnappt von einem Sagensammler, leicht zur Volkssage mutieren. So behauptete der Fotograf August von Lorent 1869, die Figur neben der Kreuzigungsgruppe an der Johanniskirche werde vom "Volk für einen Druiden mit einem Opferkuchen" genommen. Andererseits: ist es nicht auch denkbar, daß es mündliche Überlieferungen oder im Gespräch erwogene Überlegungen gab, die unserem Muster einer "echten" Volkssage nicht entsprechen? Überhaupt fragt sich, welchen Sinn eine solche Scheidung von echten und unechten Sagen haben soll. Auch unechte Sagen konnten in der Mündlichkeit zirkulieren, und Sagen, die echt erscheinen mußten, konnten erfunden sein. Ich habe mich im Einhorn-Jahrbuch 1995 mit einer in der Schottschen Sagensammlung enthaltenen, sonst unbekannten Gmünder Sage über eine heilkräftige Nixe im Salvatorbrünnlein beschäftigt, ohne daß mir eine definitive Entscheidung möglich war. Zu eng war die Wechselwirkung zwischen Sage und Literatur, als daß man mündlich überlieferte Volkserzählungen und am Schreibtisch entstandene literarische Produktionen methodisch einwandfrei auseinanderhalten könnte. Vielleicht hat sich der Gymnasiast, der sie 1847 für Schott zu Papier brachte, die Story ausgedacht, vielleicht ist sie aber auch das Resultat von Mutmaßungen und Gesprächen, wie man sie sich wohl am ehesten im Kreis evangelischer Bürger vorstellen könnte. Ob diese das Wassergeister-Motiv örtlicher Volksüberlieferung entnommen haben oder aber der romantischen Bildungswelt, mußte offengelassen werden.

Kurz: Indem man Sagen als rein volkskundliche Quellen verkennt, übersieht man die engen Beziehungen zu populären Lesestoffen und zur Literatur. Man ignoriert aber auch ihre Einbindung in die Geschichtskultur ihrer Zeit und die vielfältigen Berührungspunkte mit dem historischen Erzählen, das es mit der Bewältigung historischer Distanz und geschichtlichen Wandels zu tun hat.


Anmerkungen

Dieser Beitrag, gewidmet dem Andenken meiner Mutter Hertha Graf (1911-1996), geht auf einen Vortrag vor dem Gmünder Geschichtsverein am 16. Dezember 1996 zurück. Er knüpft vor allem an drei frühere Veröffentlichungen an, in denen auch Nachweise und Literatur zu hier nicht eigens belegten Angaben zu finden sind: Kleine Beiträge zum historischen Erzählen in Schwäbisch Gmünd, einhorn-Jahrbuch 1991, S. 99-114; Sagen rund um Stuttgart, 1995, insbes. Einleitung; Das Salvatorbrünnlein. Eine bislang unbekannte Gmünder "Sage" aus der Sammlung des Stuttgarter Gymnasialprofessors Albert Schott d. J. (1809-1847), einhorn-Jahrbuch 1995, S. 109-118. Resümees

[1] Vgl. G. Stütz, Sagen der Heimat, 3. Aufl. bearb. v. L. Stütz (1981). [zurück]

[2] Vgl. etwa W. Hartung, Konservative Zivilisationskritik und regionale Identität (1991). [zurück]

[3] Brüder Grimm, Deutsche Sagen, hg. v. H. Rölleke (1994), S. 389. [zurück]

[4] E. Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben 1 (1852, ND 1983), S. XI. [zurück]

[5] Gmünder Heimatbll. 2 (1929), S. 41-51, hier S. 41. [zurück]

[6] Ebd., S. 57f. [zurück]

[7] So in der nach wie vor lesenswerten Arbeit von P. Spranger, Schwäbisch Gmünd bis zum Untergang der Staufer (1972). [zurück]

[8] Zu diesem Frühwerk vgl. auch A. Nägele, Gmünder Heimatbll. 2 (1929), S. 93. [zurück]

[9] Vgl. R. Strobel, Aus der Vorzeit der Inventarisation in Württemberg, in: Beiträge zur Denkmalkunde (1991), S. 27. [zurück]

[10] Die Versionen bei A. Deibele, Gmünder Heimatbll. 6 (1933), S. 193 (nach Dom. Debler I, S. 86); R. Weser, ebd. 9 (1936), S. 22f. [zurück]

[11] Vgl. Zs. für die Gesch. des Oberrheins 141 (1993), S. 140. [zurück]

[12] P. Spranger, Der Geiger von Gmünd. Justinus Kerner und die Geschichte einer Legende, 2. Aufl. (1991). [zurück]

Leicht verändert gedruckt unter dem Titel: Gebilde törichter Phantasie? Überlegungen zu Gmünder "Sagen", ostalb/einhorn 25 (1998), Heft 97, S. 36-45 - © Ostalb-Verlag 1998

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