Kapitel VI der Lebenserinnerungen "Mit Dünawasser getauft"
© Hertha Graf 1996
Mittlerweile hatten die Schulferien begonnen. Der Sommer stand vor der Tür. Wie verabredet, brachte Vater Alice und mich mit der Bahn bis zu der von uns bekannten Haltestelle, von wo aus wir den weiteren Weg zu Fuß fortsetzten. Der Abend war mild und warm und von einem eigenartigen Schein durchwoben, denn um diese Jahreszeit blieb es nach Sonnenuntergang noch lange hell. Anders als im Vorfrühling prangte das Land jetzt in einem satten Grün. Zu beiden Seiten des sandigen Weges mit den tiefen Wagenspuren wucherte ein Teppich, aus niedrigem, weißblühendem Klee. Es ging sich wunderbar weich darauf. Die Schwarzerlen waren jetzt dicht belaubt und bildeten grüne übermannshohe Hecken. An einigen Stellen wurden sie durch einen Wald oder einen Birkenhain verdrängt. Im gedämpften Licht des Abends schimmerten die weißen Stämme seltsam unwirklich, als wären die Birken tatsächlich jene "weißen Jungfrauen mit dem grünen, wehenden Haar", wie sie in den lettischen Dainas und von den Dichtern besungen werden. Darüber wölbte sich ein Himmel in zartestern Grün, und selbst der Mond, der einem schmalen, silbernen Boote glich, leuchtete matt grünlich, als spiegelten sich Wiesen, Weiden, die Felder mit dem seidig befransten Getreide in ihm wider. Zuweilen erklang das Wiehern eines Pferdes in der Ferne, ein Hund bellte irgendwo und übertönte für Augenblicke das unaufhörliche Lied der Schnarrwachtel und das Quaken der Frösche in den Gräben und Teichen.
Als wir den Haselbuschhof erreicht hatten, begann es bereits zu dämmern. Mylord begrüßte uns mit dem üblichen irrsinnigen Gebell. Er mühte sich allen Ernsts, seine Kette in Stücke zu reißen. Aber sie war nagelneu und hielt seinem unbändigen Zerren und wilden Sprüngen stand. Auf sein Gebell kam Tante Lina aus dem Stall, wo sie die Kühe gemolken hatte, und Frieda stürzte barfuß aus dem Hause, um mich zu umarmen und an sich zu drücken. Den ganzen Abend wich sie nicht mehr von meiner Seite. Onkel Janis kehrte vom Felde heim, übergab den Schimmel dem Hüterjungen zum Abschirren, worauf der "Weiße" in den Garten entlassen wurde, um sich dort an den saftigen Gräsern gütlich zu tun.
Es war nicht mehr Peter, der die Kühe hütete und Onkel zur Hand ging, sondern Jakob, ein flinker, drahtiger Bengel, der aus einem mir unbekannten Grunde von Onkel Janis "Senkel" gerufen wurde. Jakob malte keine himbeerrosa Wolken über Föhrenwipfel. Dafür besaß er eine Weidenflöte, die er sich selber angefertigt hatte, lettisch "stabule" genannt. Alle Jungen fertigten sich im Frühling solche Flöten, die man allenthalben tönen hörte. Irgendjemand schenkte später Jakob eine Mundharmonika, auf der er jede Melodie nachspielen konnte, die er einmal gehört hatte. Selbstverständlich spielte er auch all die bekannten Liedchen wie "Tudelin, Tagedin..." oder "Kur tu tecej', gailiti man" (Wohin läufst du, mein Hähnchen) oder "Sesi mazi bundzinieki", das Lied von den sechs kleinen Trommlern. Sie ritten auf dem Wege - sicherlich war er auch erlengesäumt - auf sechs weißen Pferden, die goldene Sättel trugen und die Schlegel auf dem Fell ihrer Trommeln tanzen und wirbeln ließen, dumpf anhebend, sich steigernd zur lichten Höhe und in der Ferne leise verklingend. Es war mein Lieblingslied damals. Aber leider hatte Jakob nicht allzu viel Zeit zum Musizieren. Da sein Amt, die Kühe zu hüten, auf Alice, Frieda und mich übergegangen war, mußte Jakob fortan Onkel Janis beim Säubern der Grenzgräben von Unkraut und Gesträuch helfen, Rübenblätter zu Schweinefutter zerhacken und ähnliche Arbeiten verrichten.
Ich fand das Leben auf dem Lande herrlich. Morgens wachte ich auf von dem eigenartig singenden Geräusch der Zentrifuge, wenn Tante Lina die Kühe bereits gemolken hatte und die Milch nun entrahmte. Die Stube war dann voll heller Sonne, die Vögel lärmtem im hohen Kirschbaum vor dem Fenster, und es gab nichts, was mich länger im Bett gehalten hätte. Zum Frühstück gab es immer Milch und dunkles Roggenbrot mit Honig oder irgendeiner Konfiture. Darnach begaben wir uns, Alice, Frieda und ich, auf die Weide, um Jakob abzulösen, der die Tiere schon früh ausgetrieben hatte. Im weißen Licht des Morgens glänzten die Wiesen, von Tauperlen übersät, wie geschmolzenes Silber, und an den Zweigen der Sträucher glitzerten die Spinngewebe, als hätten sie die zarten Finger der Nachtelfen gesponnen. Wir trugen Pasteln. Damals glaubte ich, sie seien nur der lettischen Landbevölkerung vorbehalten. Aber Jahrzehnte später entdeckte ich fast die gleiche Fußbekleidung bei den Basken und bei den Hirten in den Abruzzen.
Es machte mir Spaß, die Füße durch das nasse Gras zu ziehen. Dadurch entstanden lange, grüne Bahnen in dem silbrigen Tau der Wiesen. Störche stolzierten an den Gräben entlang und angelten die Frösche aus dem Wasser. Rebhuhnmütter huschten mit ihren Küken am Feldrain entlang, verschwanden jedoch blitzschnell im Kornfeld, wenn ein Habicht, hoch im Himmelblau, wahrnehmbar nur als schwarzer Punkt, seine Kreise zog.
Da wir zu dritt waren, konnten wir uns beim Hüten abwechseln. Dabei blieben Frieda und ich immer zusammen. Meistens gingen wir in den nahe gelegenen Wald, den Onkel Janis vom Roden verschont hatte, um aus ihm Brennholz für den Winter holen zu können. Dort gab es reichlich Walderdbeeren, auch Himbeeren, stellenweise auf heideartigen Lichtungen Blau- und Schwarzbeeren. Doch sollten wir achtgeben, daß wir die Beeren nicht gerade dort pflückten, wo im übermaß der Porst wuchs und es auch Kreuzottern gab, hatte uns Tante Lina eingeschärft. In der Sonnenglut, wenn die Luft über dem Porst bläulich zitterte, entwickelte er einen schier atembeklemmenden Geruch, der Kopfschmerzen und Übelkeit verursachen konnte. Aß man zu viel von den Beeren, führte das leicht zu Erbrechen.
Wenn Frieda und ich von unserem Streifzuge zurückgekehrt waren, begab sich Alice in den Wald, oder sie setzte sich mit einem Buch in den Schatten eines Baumes, wo sie sich ungestört in ihre Lektüre vertiefen konnte. Es gab nämlich in der Stube ein Wandbrett mit Broschüren - Romane von Balsac, Zola, Dickens, Dostojewskij, Gogol ... ins Lettische übersetzt, außerdem auch einiges von lettischen Dichtern und Schriftstellern. Die Bücher gehörten Mieze, aber sie hatte nichts dagegen, wenn Alice dank dieses Bücherbrettes ihre literarischen Kenntnisse erweiterte. Zwei, drei Jahre später wußte ich gleich Alice den Schatz auf dem Wandbrett zu schätzen. In der Stube befand sich noch ein Eckbrett mit einigen besonders ansehnlichen Büchern darauf. Manchmal an den Sonntagvormittagen, wenn das Vieh versorgt war, setzte sich Onkel Janis, angetan mit einem blütenweißen Leinenhemd, mit einem der dicken Bücher an den Tisch, um eine Weile aufmerksam darin zu lesen. Das weckte meine Neugier. Als ich mich mit den Büchern auf dem Eckbrett näher befaßte, stellte ich fest, daß sie alle religiösen Inhalts waren. Eins dieser Bücher in einem reichlich mitgenommenen Ledereinband besaß einen metallenen Verschluß. Es war eine alte lettische Bibel. Wenn ich mich richtig erinnere, stammte sie aus den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts. Sie besaß mehrere aufwendig gestaltete Titelblätter; die arabeskenverzierten Buchstaben waren in Rot und Schwarz gehalten. Man konnte der Inschrift entnehmen, daß eine oder mehrere der bekannten Adelsfamilien Kurlands sich um die Ausgabe und den Druck der Bibel verdient gemacht hatten. Mich erstaunte jedoch damals, daß der Text nicht, wie wir es in der Schule gelernt hatten, die lateinischen, sondern die gotischen Lettern zeigte. Auch die Grammatik kam mir recht sonderbar vor. Vor allem irritierte mich der Artikel "tas", die weibliche Form "ta", da es doch in der lettischen Sprache überhaupt keine Artikel gab, sondern nur hinweisende Fürwörter. Als ich älter geworden war, machte ich mir Gedanken über diese Bibel. Mindestens sechs Generationen mußte sie den sonntäglichen Gottesdienst ersetzt haben, weil die Einzelhöfe oft sehr weit von der nächsten Kirche entfernt lagen.
Wenn die Sonne höher stieg, konnte es auf der Weide sehr heiß werden. Spätestens gegen elf Uhr war es denn so weit, daß das von Bremsen geplagte Vieh es nicht mehr aushielt. Die alte Leitkuh Plüme richtete den Schwanz steil wie eine Fahnenstange auf und raste zurück zum Stall, ihr alles hinterdrein, was vier Beine besaß, selbst die alte Hündin Pitka, die uns auf die Weide begleitete, wenn Tante Lina nach Mitau oder sonstwohin gefahren war, zockelte mit wackelnden Ohren hinterdrein. Es war unmöglich, die Tiere aufzuhalten, wenn sie heim wollten. So trotteten wir auch nach Hause, reichlich beschämt, daß wir sie nicht länger auf der Weide hatten halten können. Jakob sparte dann nicht an Spott.
Manchmal mußte Alice die Kühe allein hüten, während Frieda und ich Tante Lina im Hause oder im Garten helfen sollten. Es galt Erdbeeren zu pflücken, die teils auf dem Markt in Mitau verkauft, teils in einer großen Messingkasserolle für den Winter eingekocht wurden. Der rosa Zuckerschaum, der sich beim Kochen bildete, schmeckte besonders gut zu ofenwarmem Schwarzbrot und einem Glas im Brunnen gekühlter Milch. Wir entkernten Kirschen, die mit viel Zucker bestreut, ihren Saft zur Herstellung eines Likörs lieferten. Die Stachelbeeren füllten wir in Flaschen. Sie wurden mit kochend heißem Wasser übergossen, darauf verschloß man die Flaschen luftdicht mit Korken und Bienenwachs. Anders verfuhr man mit den Johannisbeeren. Den ausgepreßten Saft mußten wir zusammen mit Zucker so lange nach einer Seite rühren, bis er zu einer geleeartigen Masse geworden war. In Gläser aufgehoben, hielt sie sich jahrelang. Wir schnitzelten Bohnen, entschoteten Erbsen, jäteten Unkraut im Gemüsegarten, zerstießen in einem Hörser Hanfsamen, den wir als Brotaufstrich gerne aßen. Manchmal vertraute uns Tante Lina sogar an, das Kochen der saueren Grütze zu überwachen. Diese "skaba putra" konnte man damals wohl als Nationalsuppe und -getränk des lettischen Landvolkes, zumindesten aber der Semgaller, bezeichnen. Auf dem Herd wurde in einem riesigen Kochtopf einige Handvoll Gerstengrütze in Wasser gekocht, mit Magermilch aufgefüllt, erhitzt und in einem ebenso großen irdenen Topf umgefüllt. Jetzt wurde gestockte Sauermilch löffelweise hinzugefügt. Dadurch begann die Grütze zu säuern. Es gab im lettischen Bauernhause kaum eine Mittags- oder Abendmahlzeit, bei der die Sauere Grütze auf dem Tisch fehlte. Zur Heumahd und in der Erntezeit wurde sie in großen Tonkrügen auf das Feld mitgenommen. Nichts konnte den Durst besser und nachhaltiger löschen, als dieses säuerliche Getränk, das im Graben im Schatten eines Baumes oder besser noch im strudelnden Wasser einer Quelle oder eines Baches kühl gehalten wurde.
Nach dem Mittagessen, war die "diendusa", wörtlich die Tagesruhe oder -schlummer, fällig. Bedenkt man, daß es im Sommer schon nach Mitternacht allmählich hell zu werden begann, und der Bauer bei Sonnenaufgang sein Tagewerk in Angriff zu nehmen pflegte, wird es verständlich, daß ihn nach circa acht Stunden Arbeit darnach verlangte, einen Teil der versäumten Nachtruhe in der heißen Tagesmitte nachzuholen. Für gewöhnlich begab sich Onkel Janis auf den Heuboden, doch wenn es gar zu schwül war, legte er sich im Schatten einer Linde oder eines Ahorns einfach ins Gras, zog seinen zerfransten Strohhut zum Schutz gegen die Fliegen über das Gesicht und schlief dort zwei bis drei Stunden. Tante Lina verbrachte die Zeit der Mittagsruhe in der Stube. Wohin sich Jakob verkroch, ist mir nicht bekannt. Wir Mädchen breiteten am liebsten einige Decken im Garten aus und ließen uns darauf nieder.
Für mich war der Garten das Schönste, was ich mir vorstellen konnte. Er war Paradies und Wildnis zugleich. Es gab dort weder Weg noch Steg. Wo sie sich hätten befinden können, wuchs kniehohes Gras, von Margariten, Mohn, Skabiosen, Glockenblumen bunt gesprenkelt. Es wurde nie gemäht, sondern blieb dem Schimmel zum Abgrasen vorbehalten. Der Garten war ein Dickicht aus Beerenbüschen, Kirsch- und Birnbäumen, ein Durcheinander von Sonnenblumen, Bienenstöcken, Rittersporn und Eisenhut. Es blühten Türkenbund und Goldlack, dufteten Reseda und Phlox. An der Südseite des Hauses wuchs ein niedriger Baum mit verkrüppelten Ästen. Seine Zweige waren besetzt mit kleinen, silberfarbenen Blättern und ebensolchen Kügelchen. Niemand konnte mir seinen botanischen Namen nennen, auch habe ich ihn später nirgendwo mehr erblickt. Angetan war ich auch von einem Rosenbusch, der Jahr für Jahr schwer an seinen Blüten trug. Sie waren rosa, faustgroß, dicht gefüllt und verströmten einen betörenden Duft. Dann war da noch der sogenannte "Korinthenbaum", dessen Namen wir ebenfalls nicht wußten. Ich habe ihn nie blühen gesehen. Gegen Ende des Sommers trug er eine Fülle purpurfarbener bis dunkelvioletter Beeren. Sie waren klein und süß und besaßen einen etwas würzigen Geschmack. Davon durften wir essen, soviel wir wollten, denn Tante Lina hatte für sie keine Verwendung. Der Garten war nicht eingezäunt. Vom Fahrweg schloß ihn die hohe, dunkelgrüne Wand der Tannen ab. Ansonsten säumten ihn Fliederbüsche, Schneeball und der falsche Jasmin. Außer dem gleichmäßigen Gesumm der Bienen, dem Zirpen der Maulwurfsgrille, die von den Letten "zemes vezis", Erdkrebs, genannt wurde, oder dem leichten Flügelschlag eines Vogels war nichts zu vernehmen. Kein störender Laut von außerhalb, Räderrollen etwa, Hufschlag, ein Peitschenknall, unterbrach die träge Stille des Mittags. Das ganze Land war in Schlaf versunken.
Gegen drei oder halb vier Uhr wurde es auf dem Hof wieder lebendig. Der Schwingbaum quietschte, wenn Wasser aus dem Brunnen geholt wurde. Im Stall rasselten Ketten. Das Vieh kam erneut auf die Weide. Mylord bellte sich seine Hundeseele aus dem Leibe, sobald ein Fuhrwerk auf dem Wege sichtbar wurde. Der Abend war noch fern.
Wenn wir die Kühe und Schafe auf einer entfernten Weide hüteten, begannen wir oft zum Zeitvertreib zu singen. Am liebsten waren uns die Lieder, die bei Beerdigungen erklangen, und wir bemühten uns, die Melodie genau so in die Länge zu ziehen, wie es die alten Frauen mit ihren dünnen Stimmen auf den Friedhöfen taten. Oder wir dachten uns Scherzfragen oder Rätsel aus, etwa in der Art, wie wir sie von Tante Lina gehört hatten. Einmal sah ich, wie sie vor dem Brotbacken mit einem Besen aus frischen Fichtenzweigen den geheizten Ofen auskehrte. Dabei sagte sie: "Viele rote Kühe stehen in einem dunklen Stall; ein grüner Stier bricht hinein und treibt sie alle heraus. Was ist das?" In diesem Fall war es nicht schwer, das Rätsel zu lösen. Aber so leicht pflegten wir es uns gegenseitig nicht zu machen. Manchmal begannen wir zu streiten, wenn der Gegenstand des Rätsels zu weit hergeholt war. Auf die Kühe brauchten wir nicht sonderlich achtzugeben. Sie rupften ruhig die Gräser, die ihnen zusagten. Nur die Schafe mußte man im Auge behalten. Sie wagten gar zu gern den Sprung über den Grenzgraben, um an Nachbars saftigem Hafer zu naschen. Wir hatten keine Uhr bei uns. Aber wenn die Kühe aufhörten zu grasen und statuengleich verharrten, wußten wir, daß nun bald die langgezogenen Rufe Tante Linas oder Jakobs "maja, maja" - nach Hause - erschallen würden. Schon beim ersten Ton setzten sich die Kühe unverzüglich in Bewegung und trotteten mit schwappenden Eutern dem Stall entgegen. Hinter ihnen trippelten die Schafe heimwärts. Am Teich gab es den gewohnten Aufenthalt. Die Kühe tranken; wir wuschen uns die Füße in dem lauen Wasser. Schwalben segelten in der Luft.
Die Abende waren mild. In Küche, Stube und Kammer standen die Fenster weit offen, so daß die Blütendüfte des Gartens das ganze Haus durchzogen. Heimchen zirpten hinter dem Herd. Wir saßen im Dämmerlicht des Abends beim Nachtmahl, denn im Sommer wurde keine Kerze oder Lampe angezündet. Vor dem Fenster prustete der Schimmel. Wenn man seiner nicht achtete, tauchte sein Kopf plötzlich über dem Tisch auf. Er bekam seine abendliche Brotrinde, worauf er sich in den Garten zurückzog. Wenn die Haustür offen stand, scheute er sich nicht, die Küche zu betreten, um sich seinen Leckerbissen zu holen. Er gehörte gewissermaßen zur Familie. Ein Tagewerk war für Bauer und Bäuerin nach dreizehn bis vierzehn Arbeitsstunden vollbracht. Man begab sich zur Ruhe. Es wurde still auf dem Hof.
Einmal geschah es, daß Frieda und ich eine Nacht allein auf dem Hof verbrachten. Onkel und Tante waren zu einem besonderen Anlaß nach Mitau gefahren und übernachteten dort bei ihrer Tochter Mieze. Wir waren gerade eingeschlafen, als uns ein eigenartiger langgezogener Ton aufschreckte. Wir richteten uns im Bette auf. Wieder erklang dieser dünne, auf- und abschwellende Ton, der kein Ende nehmen wollte und uns wie ein Messer in den Ohren schnitt. "Was ist das?" fragte ich betroffen. Frieda stieg aus dem Bett und ging zum Fenster, von dem aus der Hof sich überblicken ließ. "Das ist Mylord", erwiderte sie, "dem werde ich es gleich zeigen". Sie bewaffnete sich mit einem Besen und begab sich zu dem Ruhestörer. Ihr lautes Schelten und das Fuchteln mit dem Besen war so beeindruckend, daß sich der Hund kleinlaut in seine Hütte verkroch. Wir legten uns erneut ins Bett. Kaum waren wir eingenickt, erscholl wieder dieses durchdringende Jaulen. Mylord saß vor seiner Hütte, hatte den Kopf hochgereckt und heulte zum Mond hinauf, der rund kürbisgelb über dem Hofe stand. Ich weiß nicht mehr, wie oft er uns noch geweckt hat. Er wußte, daß der Hausherr nicht daheim war, und mußte seinem bekümnerten Hundeherzen irgendwie Luft machen. Schließlich ketteten wir ihn los und nahmen ihn zu uns ins Zimmer. Da gab er auf seiner Strohschütte Ruhe, und wir konnten endlich schlafen.
Der Sonnabend unterschied sich von den anderen Wochentagen nur dadurch, daß die Hausbewohner sich nicht mit der üblichen Morgen- und Abendwäsche am Brunnen begnügten, sondern ein heißes Bad nahmen. Zu diesem Zweck wurde das kleine Badehaus (pirts) neben dem Teich geheizt. Der halbdunkle Raum - durch das kleine Fenster aus grünlichem Glas drang nur wenig Tageslicht in das Innere - enthielt lediglich den gemauerten Herd, einige stufenförmig angeordnete Bänke (lavas) und etliche hölzerne Schöpfgefäße, sogenannte Stippel oder Stippeimer. Unverzichtbar aber waren Birkenzweige, die zu handlichen Quasten zusammengebunden wurden.
Nach beendetem Tagewerk suchten die Männer als erste das Badehäuschen auf. Nach ihnen kamen die Frauen und Kinder. Das schien einem alten Brauch zu entsprechen. Wenn wir das Badehaus betraten, war es bereits von Dampf und dem intensiven Geruch nach Birkengrün und nassem Holz erfüllt. Trotzdem schüttete Tante Lina noch Wasser auf den heißen Herd. Augenblicklich verwandelte es sich zischend in eine Wolke weißen Dampfes, von der wir ganz umhüllt wurden. Wir mischten uns in einem der Stippel kaltes und heißes Wasser, das wir uns über den Kopf schütteten und so lange wiederholten, wie es uns Spaß machte. Nachdem wir uns mit Kernseife gesäubert hatten, trat die Birkenquaste in Aktion. Wir setzten uns auf eine der untersten Bänke, weil es dort weniger heiß war, und bearbeiteten unsere Körper energisch mit der Birkenquaste. Jede von uns besaß dazu ihren eigenen Büschel. Es ist interessant, daß diese Tätigkeit im Lettischen "pert" heißt (schlagen); "perties" (baden, sich mit der Badequaste schlagen); "periens" (eine Tracht Prügel). Alle diese Wörter haben dieselbe Wurzel wie "pirts", das Badehaus, was auf einen frühen, eigenständigen Brauch hinweist.
Das Schlagen mit der Quaste rief ein eigentümlich prickelndes Gefühl auf der Haut hervor. Nach dem heißen Bad stürzten wir uns in den Teich. Das kühle Wasser wirkte ungemein erfrischend. Mir war so wohl, daß ich am liebsten gesungen und getanzt hätte.
Am Sonntag wurde nicht auf dem Felde gearbeitet, sondern nur das Vieh versorgt. Manchmal brauchte man es nicht einmal zu hüten. Es wurde auf der Weide angepflockt, daß es genügend Platz zum Grasen hatte, und der Pflock nur von Zeit zu Zeit versetzt werden mußte. Da es sich nur um drei bis vier Kühe handelte, ließ sich solches gut bewerkstelligen. Nur während der Heumahd und in der Erntezeit, wenn ein heraufziehendes Gewitter das trockene Heu oder die Getreidehocken zu durchnässen drohte, begaben sich alle Hausgenossen auch sonntags auf das Feld und beeilten sich, das Heu oder die Garben rechtzeitig heimzuholen.
Nicht jeden Sonntag aber doch hin und wieder fuhr Tante Lina zur Kirche. Das geschah immer zusammen mit einer Nachbarin, wobei das eine mal Tante Lina ihren Schimmel und den Wagen stellte, das andere mal die Nachbarin ihr Fuhrwerk benutzte. Die Kirche war zu entlegen, um sie zu Fuß erreichen zu können. Zur Kirche trug Tante Lina ihr dunkles Sonntagsgewand aus eigenhändig gewebtem Stoff. Schon am Sonnabend hatte sie es aus der großen Truhe genommen - in der Stube befanden sich anstelle von Schränken große Truhen - und zum Lüften ins Vorhaus gehängt, das heißt: in dem dachlosen Rest, der nach dem Brande von ihm übrig geblieben war. Ihren Kopf bedeckte ein blütenweißes Tuch und darüber legte sie noch ein schwarzes Seidentuch mit Fransen. Es wurde so gebunden, daß von dem weißen Tuch ein zweifingerbreiter Streifen sichtbar blieb.
Onkel Janis fuhr nur einmal zur Kirche - wenn er zum Abendmahl ging. An den Sonntag-Vormittagen hielt er seine eigene Andacht, indem er in der Bibel und in den Andachtsbüchern vom Eckbrett las. Später sah er nach seinen Bienen, besuchte einen Nachbarn und besichtigte dessen Felder, oder ein Nachbar kam zu ihm, dem er dann seine eigenen Äcker zeigte.
Nach dem Mittagessen erklommen Frieda und ich mit Vorliebe das Scheunendach. Ausnahmsweise war es nicht mit Schindeln, sondern mit Stroh gedeckt. Es war leicht zu besteigen, da sich an der Rückseite der Scheune ein niedriger Anbau befand, wo Wagen, Schlitten, Pflug, Egge, Sense, Rechen und mancherlei andere Geräte ihren Platz hatten. Oben auf dem Dachfirst hockend, konnten wir durch die breite Lücke der Einfahrt zwischen den Schwarzerlen und der hohen Wand der Tannen gut beobachten, was sich auf dem Wege tat. Radfahrer flitzten vorüber. Die meisten von ihnen kannten wir, zumindesten vom Sehen. Wir konnten feststellen, wer von den näheren oder ferneren Nachbarn zur Kirche gefahren waren und anschließend einen Besuch gemacht hatten. Die älteren Frauen waren ähnlich wie Tante Lina gekleidet: in selbst gewebten, wollenen Röcken, mit seidenem Kopftuch, manche in ein großes Umschlagtuch gehüllt. Aber die Töchter der Altbauern trugen hübsche Sommerkleider aus Crepe-de-Chine in Lavendelblau, Zitronengelb, oder Orange, dazu schwarze Strohhüte, verziert mit roten Rosen oder einem Büschel künstlicher Kirschen. So ausgestattet fuhren sie zum Tanz, "Grünball" genannt. Er fand im Freien statt, auf einer Lichtung in einem Birkenhain oder auf einem gemeindeeigenem Platz, veranstaltet von der Feuerwehr, vom Kirchenchor, von einem Gesang- oder Sportverein. Als wir sechzehn oder siebzehn Jahre zählten, begannen wir auch solche Veranstaltungen zu besuchen. Manchmal erblickten wir von unserem hohen Sitz aus einen Tauf- oder Hochzeitszug. Dann waren die Mädchen oder jungen Frauen besonders aufwendig gekleidet, und wir zählten, wieviel Wagen mit Gästen dem Brautpaar folgten. Trachten sah man in jenen Jahren verhältnismäßig wenig. Sie wurden erst später beliebt, als die Sängerfeste ein immer größeres Ausmaß annahmen.
Zu Johanni kamen die Eltern zu Besuch. Tante Lina hatte bei ihrer letzten Marktfahrt nach Mitau Mieze mitgebracht. Außer ihr und dem Spätling Frieda - eigentlich hieß sie ja Elfriede - besaß sie noch die Tochter Pauline, ihre Älteste. Diese hatte den Sohn eines Altbauern geheiratet und besaß nun selbst einen kleinen Sohn, namens Ojars. Einmal gestattete Onkel Janis, daß wir den Schimmel zu einer Besuchsfahrt zu Pauline benutzen durften. An sich bestand der Onkel darauf, daß der Schimmel, wenn er die ganze Woche schwer in Anspruch genommen worden war, an den Sonntagen nicht mehr strapaziert wurde. Aber zum Glück gab es auch Tage, an denen der "Weiße" nicht ganz ausgelastet war. Es war ein schöner Sonntagmorgen, als Tante Lina, Frieda, Alice und ich unsere Besuchsfahrt begannen. Der Altbauernhof, in den Pauline eingeheiratet hatte, befand sich in einer anderen Gemeinde, eine ziemliche Strecke vom Haselbuschhof entfernt. Dort war alles größer, dunkler und älter als auf den Höfen, die ich bisher gesehen hatte. Im Stall standen zwei Pferde, prächtige Grauschimmel, und ein Füllen, und der Hüterjunge hatte bei weitem mehr Kühe und Schafe zu beaufsichtigen als Jakob. Nahe dem Hause floß die dunkle Missa vorüber. Sie schlängelte sich durch eine Wildnis überhängender Faulbäume, die ihre Blütenblättchen in den Fluß regnen ließen, so daß sein grünes, langsam strömendes Wasser silberweiß gesprenkelt war. Das war das einzige mal, daß ich Pauline und ihre Familie gesehen habe.
Bedeutend öfters kam ich mit Mieze zusammen. Als sie ein paar Tage vor Johannis im Haselbuschhof eintraf, trug sie wieder eine Kombination von Schwarz und Weiß. Mittlerweile wußte ich auch, daß sie besonderen Wert auf die Qualität der Stoffe legte. Gern trug sie hochgeschlossene Blusen, verziert mit Valenciennes-Spitzen oder feinen Rüschen. Das sahnige Weiß hob die frischen Farben ihres Gesichts, umrahmt von dunklem Haar, das im Nacken zu einem beachtlichen Knoten aufgesteckt war.
Doch sobald Mieze auf dem Hof erschien, kleidete sie sich um. Sie trug dann eine von Tante Linas Arbeitsschürzen über ihr einfaches Baumwollkleid, krempelte die Ärmel hoch, und machte sich an jede Arbeit, die ihr in den Weg kam. Sie konnte Unkraut jäten, Wasser vom Brunnen holen, Kühe melken, Roggenbrot backen und Frieda und mich verwöhnen. Sie brachte mir kuhwarme Milch zum Trinken und behauptete, dies sei das beste Hittel gegen Magersucht, denn ich bestünde ja nur aus großen, blauen Augen.
An manchen Nachmittagen besuchte uns Mieze auf der Weide. Sie brachte uns dann immer etwas mit: Beeren aus dem Garten, ein erfrischendes Getränk aus Brunnenwasser und Johannisbeergelee, an Backtagen einen deftigen Rahmkuchen (rausis), eine Art Fladen, belegt mit kleinen Heringstückchen, Lauch und reichlich Rahm. Vor allem aber freuten wir uns über ihren Besuch, weil es so unterhaltsam war, mit ihr zusammenzusein. Mit ihrem hübschen Sopran lehrte sie uns weniger bekannte Volkslieder, die in ihrem Chor gesungen wurden. Sie rezitierte Gedichte, mit Vorliebe von dem lettischen Lyriker Fricis Barda, einem etwas jüngeren Zeitgenossen Rainer Maria Rilkes. Barda hat auch einige entzückende Kindergedichte geschrieben. Aber auch seine Naturgedichte waren ihrer Bildhaftigkeit und ihrer zauberhaften Schönheit wegen uns Kindern leicht verständlich. Ein blühendes Flachsfeld wurde ihm zu einem Stück blauen Himmels, das auf die Erde gefallen war. Er sah die Sterne in den dunklen Brunnenschacht tropfen, und der Mond wurde ihm zu einer grünspanfarbenen Kupfermünze; Schwärme lachsfarbener Fischchen tummelten sich im Abendhimmel, und Dievins, der liebe Gott, im grauen Rock eines Bauern, umsponnen von den silbrigen Fäden des Nieselregens, watete durch die Wiesen.
Zu diesem Johannisfest erschien auch eine entfernte Verwandte von Vater und Tante Lina, namens Anze, mit ihrem Töchterchen Mirdza, was die "Glänzende", die ""Schimmmernde" bedeutet, ein winziges Wesen mit flachsblondem Haar, bei dessen Anblick man nur hoffen konnte, daß es einmal zu Recht seinen Namen tragen durfte.
Ohne zu übertreiben, läßt sich behaupten, daß weder Weihnachten noch Ostern, nicht einmal Pfingsten mit seinen Birkenbäumchen neben der Haustür und am Kopfende des Bettes, von den Letten so ausgiebig und mit solch einer Hingabe gefeiert wurde wie der Tag Johannes des Täufers - im Lettischen "Janu diena" genannt. Das ist nicht verwunderlich, hat sich doch gerade in diesem Sommerfest ein Großteil eigenartigen heidnischen Brauchtums erhalten. Ihm voraus ging ein staatlicher Feiertag, der Heldengedenktag des 22. Juni 1919. In der Schlacht bei Wenden in Nordlivland erkämpften lettische und estnische Verbände einen für die Souveränität ihrer Staaten entscheidenden Sieg über die "hartnäckigsten und chauvinistischsten Vertreter der deutschen imperalistischen Großmacht", wie es heißt. Dadurch ergab sich ein dreitägiger Feiertag. Am 23. Juni fand der sogenannte "Krautabend" (zalu vakars) statt. Die Marktfrauen hatten tagsüber ihre Eichenlaubkränze, Kalmusbündel, Feldblumensträuße und anderes Grünzeug, das den Letten für die Feier ihres Johannisabends unerläßlich war, verkauft. Mit dem, was übrig geblieben war, prügelten sich die Weiber, manche von ihnen bereits angetrunken, lärmend und ausgelassen, singend und sich gegenseitig verspottend, am Dünakai. Es war nicht ratsam, ihnen zu nahe zu kommen, denn gern verdroschen sie auch unbeteiligte Zuschauer mit ihren Farn- oder Kalmusbündeln.
Tante Lina schnitt von der Eiche an der Einfahrt Zweige ab. Daraus flocht Mieze zwei prächtige Kränze, einen für ihren Vater, den anderen für den Cousin, der gleichfalls Janis hieß. Wir Mädchen wurden ausgeschickt Feldblumen und schillernde Gräser zu suchen. Sie zu finden, kostete keine Mühe. Wiesen und Felder waren voll von ihnen. Wir brachten große Sträuße von Hahnenfuß, Zittergras, Mohn, Kornblumen, Rahden, Skabiosen, Margariten, rotem Klee und silbrigen Schmielen heim. Daraus flochten Anze und Mieze für uns Mädchen und sich selbst Kränze. Sogar Mirdza bekam am Johannisabend ein Kränzchen auf ihr flachsblondes Köpfchen gedrückt. Wie einst die alten Griechen schmücken sich auch heute noch die Letten an Johanni, zu ihren Sängerfesten und bei Familienfeiern mit Kränzen. Der Kopfschmuck, den die jungen Mädchen zu ihren Volkstrachten anlegen, und sei es nur ein perlbesticktes Band, heißt wie der Blumenkranz - "vaihags".
Der ganze Hof war sauber gekehrt, die Riemenböden in den Stuben weiß gescheuert und mit feingehacktem Kalmus bestreut, der radgroße Johanniskäse aufgeschnitten, Platen- und Speckkuchen gebacken, das süßlich schmeckende, stark alkoholhaltige Weizenbier gebraut, probiert und als gut befunden. Sache der Männer war das Johannisfeuer. Auf einer möglichst langen Stange wurde ein hölzernes Gefäß, ein Tönnchen, Kübel oder ein hölzerner Eimer befestigt. Nachdem man das Gefäß mit teergetränkten Lappen und kleinen Holzscheiten gefüllt hatte, wurde der Inhalt nach Sonnenuntergang angezündet, und die Stange auf einer abgemähten Wiese, einem Brachfeld, das weit genug von den Gebäuden entfernt war, aufgerichtet. Weithin sichtbar brannte der "Pudel" - so nannten Vater und Onkel Janis diese Art Fackel - bis die verkohlten Scheite und Dauben, begleitet von einem sprühenden Funkenregen, herabgefallen waren.
In jenem Jahr, da ich zum ersten mal einen Johannisabend auf dem Lande erlebte, war das hoch aufgerichtete Feuer das einzige seiner Art. Zu nahe waren noch die Schrecken des überstandenen Krieges mit allen seinen Verheerungen. Doch in den folgenden Jahren mehrten sich die Johannisfeuer,bis sie schließlich in großer Zahl gleich feurigen Monden den Himmel mit dem blaßgrünen Schein des Mitternachtslichts am Horizont füllten. Von überall her erscholl das langgedehnte, auf- und abschwellende "Ligo", "Ligo" der Johannislieder mit ihrer eigenartigen Melodie. Das Verb "ligot" (Imperativ ligo) hat eine mehrfache Bedeutung: sich hin und her wiegen, schwanken, jauchzen, jubeln, sich freuen, den Krautabend feiern, Johannislieder singen - Ligotajs heißt ihr Sänger.
Gruppenweise zogen die "Johanniskinder", mit Eichenlaub oder Feldblumen bekränzt, von Hof zu Hof, sangen ihre Begrüßungsstrophe, erhielten die singende Antwort vom Johannisvater oder der Johannismutter - manchmal entwickelte sich aus dem Stegreif eine Kette von Scherz- und Spottliedern - worauf die Gäste mit Käse und dem weißlichen Johannisbier bewirtet wurden, bevor sie weiter zogen. Oft waren auch Musikanten mit Harmonika, Geige, Guitarre, Mandoline dabei. Dann ging es nie ohne Tanz ab. In weitem Kreise sprangen, hüpften und drehten sie sich rund um das Johannisfeuer, und dies mit einer unwahrscheinlichen Ausdauer. Auch Lauf- und Fangspiele waren sehr beliebt. Onkel Janis nicht mehr der Jüngste, aber drahtig und flink, gehörte zu jenen, die bei der Polka am höchsten sprangen und bei den Spielen am schnellsten liefen. Die ganze helle Nacht hindurch, die nur eine seidengraue Dämmerung war, wurde gesungen, getanzt, getrunken und gefeiert. Wer müde wurde oder trunken war von Johannisbier, ließ sich in der Scheune oder Klete, dem Vorratshaus, oder einfach im Garten unter einem Kirschbaum zum Schlafe nieder. Alte Frauen gaben verliebten, jungen Leuten den Rat, im Walde nach der glücksbringenden Blüte des Adlerfarns (papardes zieds) zu suchen, vergleichbar etwa der blauen Blume der Romantik. Sie "blühte" nur ein einziges mal, und zwar in der Johannisnacht kurz vor Sonnenaufgang. Nur Liebenden war es vergönnt, sie zu finden. Doch niemand konnte von sich sagen, die geheimnisvolle Farnblüte entdeckt zu haben. Wer wollte auch aus dem heiteren Trubel der Johannisnacht ausscheren, um im Dunkel des Waldes nach einer Blüte zu suchen, die niemand gesehen hatte und niemand beschreiben konnte.
Als die Eltern heimfuhren, kehrte auch Alice in die Stadt zurück. Ihr gefiel es nicht auf dem Lande. Die Kühe zu hüten war ihr ein Greuel. Unkraut zu jäten, schadete den Händen. Dem dunklen Roggenbrot zog sie Weißbrot vor. Vor allem aber war es ihr wohl zu langweilig, sich mit Friedas und meiner Gesellschaft begnügen zu müssen. Im Zusammensein mit ihren älteren Freundinnen mochte sie sich bereits erwachsen fühlen.
Es begann die Heuernte. Der Duft des welkenden Grases, Weihrauch des Sommers nannten die lettischen Dichter ihn, überschwemmte Land und Hof und betäubte den Sinn. Im Garten reiften die süßen Honigbirnen. Gewitter tobten. Perkons, der alte, lettische Donnergott, rollte nicht nur mit einem, sondern mit tausend Wagen, krachend in allen Fugen, über das Himmelsgewölbe, und Blitze spalteten es vom Zenit bis zum Horizont, ein Aufruhr, der mich ängstigte und erregte und dessen Anblick ich mich dennoch nicht entziehen konnte. Schließlich entluden sich die tintenblauen Wolken, wurden zu zischenden Wasserfällen, die Gräben, Teiche und Bäche zum überschwappen brachten. Aber sobald die Regenfluten verrauscht waren, entfaltete sich der Himmel erneut zu einer "riesigen Kornblume" über der Erde, so formulierte es der lettische Dichter Leonids Breikss in einem seiner Gedichte.
In der Erntezeit erklang allenthalben das Dengeln der Sensen und der helle Ton des Schleifsteins auf Metall. Mieze kam aus Mitau, um der Mutter bei der Bewältigung ihrer Hausfrauenpflichten zu helfen. Es war üblich, daß sich beim Mähen und Dreschen die nächsten Nachbarn und Bekannten auf dem Hof zusammenfanden, um gemeinsam die Arbeit zu verrichten. Die Leute mußten natürlich verpflegt werden. Das Mittagessen und reichlich Getränke wurden ihnen auf das Feld hinausgetragen. Am Abend aber erwartete die Erntehelfer ein langer, im Freien gedeckter Tisch und es wurde das Beste aufgetragen, was Küche, Keller und Rauchfand zu bieten vermochten. Auch der "Klare" (dzidrais), der lettische Kornschnaps durfte nicht fehlen. Das hatte zur Folge, daß die Stimmung sich gewaltig hob. Es wurde gelacht, gescherzt, gesungen und allerlei Schnurren erzählt. Dieser gemeinsame Abendschmaus entschädigte die Leute für die harte Arbeit des Tages. Es war selbstverständlich, daß Onkel Janis bei seinen Nachbarn und guten Bekannten gleichfalls Erntehilfe leistete. Das Ganze nannte man "talka iet", Beihilfe leisten.
Von der eingebrachten Ernte wurde ein kleiner Teil mit Flegeln gedroschen. Wenn Wind ging, wurde das Korn im Freien von einem großen Sieb langsam in ein anderes umgefüllt, bis der Spreu restlos verflogen war. Darnach mahlte Tante Lina den Roggen auf der Handmühle, bestehend aus zwei kleinen übereinander gelegten Mühlsteinen und einem kräftigen Stock, dessen oberes Ende in der niedrigen Decke steckte, zu dunklem Mehl. Von dem ersten Brot aus neuer Ernte mußten wir Kinder ein Stück zu den nächsten Nachbarn tragen und ein "Gott segne es" ausrichten. Wenn alle Felder abgeerntet waren, fuhr eine Dampfmaschine zum Dreschen von Hof zu Hof. Sie war ein schwarzes Ungetüm, das einer Lokomotive glich und von mindestens acht Pferden gezogen wurde.
Als letztes wurden Kartoffeln und Rüben geerntet. Das war Arbeit der Frauen. Manchmal netzte bereits herbstlicher Nieselregen die Erde, wenn die Frauen, auf den Knieen rutschend, mit einem hölzernen Spaten die Knollen aus der feuchten Erde gruben. Über die Äcker zogen die beißenden Rauchschwaden des brennenden Kartoffelkrautes, darin wir Kinder Kartoffeln garten. Uns störte weder der Rauch noch der Nieselregen in Erwartung der heißen, mehligen Knollen - für uns eine Delikatesse. Früh schon am Abend stiegen die Nebel aus den Gräben und Teichen, umhüllten die Weiden und Erlen, die sich in gespensterhafte Gebilde verwandelten, und wehten wie weiße Leichentücher über das Land.
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