Oswald von Wolkenstein (ca. 1376-1445):
Burger und Hofmann


Ain burger und ain hofman

I

Ain burger und ain hofman
begunden tispietiern.
die namen ainen obman,
für war ain alte diern,
und welcher bas möcht geben
den freulin hohen müt,
darumb sie wurden streben.
do sprach der hofman güt:
"Ich bin ain jüngling küne,
kraws, weiss ist mir das har,
darauf ein krenzlin grüne
trüg ich das ganze jar.
wol kann ich singen, schallen
und schreien frischlich ju,
solt ich nit bas gevallen
den freulin rain wänn du?"
"ich sei ein burger weise,
gar still ist mein gevert,
mit süssen worten leise
wirt mir vil liebs beschert;
und trag ein swere taschen,
die ist der pfennig vol,
darinn so lass ich naschen,
das tüt den freulin wol.
Des frag die alte keue
mit kurzen worten slecht."
"ich sprich bei meiner treue,
der burger hat wol recht.
ich hab mein zeit verkuppelt
zu Brixsen in dem krais,
vil parell aus gesuggelt,
das ich den louff wol waiss."

II

"Ich pflig nit grosser witze,
mein barschafft, die ist klain,
ir alte kamer zitze,
ja bin ich hübsch und rain.
solt mir nicht bas gelingen?
nu tün ich mir so we
mit reitten, tanzen, springen
vil durch den grünen kle."
"Ich bül mit güten sitten,
daran bin ich nit lass,
hab ich nicht vil geritten,
leicht mag ich dester bas
mit güt und an dem leibe,
wann ir, vil röscher knab,
auch füg ich mangem weibe
mit kostberlicher gab."
"Rain frau von hohn eren,
der ist dein gab enwicht,
ir herz mag nicht emberen,
wann sie mich frölich sicht
verwegenlichen sprengen
über ainen graben tieff.
ich hoff, sie tü verhengen,
send ich ihr meinen brieff."
"Des müss ich aber lachen",
sprach es die Grieswärtlin,
"was soll man daraus machen?
die bülschaft hat nicht inn.
ich hett mich ainest verschossen
mit ainem knaben junck,
des hett ich nie genossen
neur umb ainen bösen trunck."

III

"Her jünglingk, eu möcht friesen,
ihr habt das verschrotten zwier,
werdt ir das dritt verliesen,
das habt ir neur von ir.
ich traw ein maid ersleichen,
zwar die ir nicht erloufft,
und mügt mir nit geleichen,
ir werdt dann recht getoufft."
"Das müsst der valant schaffen,
ich sei von cristen art
und weiss das mit dem pfaffen,
der mich töfflich bewart.
auch wil ich des geniessen
gen freulin weit für dich,
wenn ich mein sper lass fliessen
mit ritterlichem stich."
"Turnieren und ouch stechen,
das ward mir nie bekant.
ich hab ain peutel frechen,
darin stoss ich mein hand,
gold, silber, edel gestaine
zeuch ich daraus genüg
und tail den freulin raine,
dasselb ist bas ir füg."
"Gar war", sprach es die alte,
"so werdt mir nimmer hold.
kain besser lieb nicht walte
wann silber oder gold.
darumb liess ich mich nützen
auf den gerackten tod,
e ich mich wolt bekützen
mit kaines hofmans not!"

IV

"Seid ich nu han verloren,
du alter böser sack,
das tüt mir immer zoren.
ich slach dich auf dein nack,
das dir bei ainlif zende
emphallen nicht gar schon;
der tiefel müss dich schenden,
das gib ich dir zu lon."
"Ich burger zuck ein riem güt
von ainem peutel gross,
see hin, mein liebe diemüt,
fünf pfund für disen stoss.
kouff hüner, air und würste
und darzu güten wein,
und wenn dich aber dürste,
so kom herwider ein."
"Der lon, der wird mir sawer,
nu han ich kainen zand,
den hofmann slach der schawer,
der mir si hat entrant,
und müss hinfür derwelhen,
koufft ir mir nit ain kü,
da mit ich hab zu melhen
ain müss des morgens frü."
"Ich kouff dir kü und kalben,
und wes dein leib bedarf,
seid ich den hofman valben
hab überstritten scharf.
und waiss ein schöne metzen
dort oben an dem egk,
die soltu mir erswetzen,
das gilt dir würst und wegk."

Der streit hat sich verbrauset,
redt all darzu das best.
wer alde weiber hauset,
der hat ouch geren gest;
wann alte weib und änten
gehören in ainen see:
was soll man dran verquenten?
kain vich, das schnattrot me.


Nota diss vorgeschriben zwai lieder Kain freund mit klarem hertzen etc.
und Ain burger und ain hofman singet sich jnn der melodey
Des grossen herren wunder etc.

Quelle: Die Lieder Oswalds von Wolkenstein, hrsg. von Karl Kurt Klein, 3. Aufl., Tübingen 1987, Nr. 25 [Text nach der 2. Aufl.]. - Literatur: Anton Schwob, Oswald von Wolkenstein. Eine Biographie. Nachdruck der 3. Aufl. [1978], Bozen 1989, S. 98-102.


Links:

Weitere Oswald-Texte im Internet weisen Helmut Schulzes wunderbare Literaturlinks nach.

Die Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein (Projektvorstellung mit Zeittafel zur Biographie)

Porträt aus der Innsbrucker Liederhandschrift B
Referat zu den bildlichen Darstellungen Oswalds

Hörbeispiel: Trautes Berbelin (Kl. 92)

Dank Michael Mühlenhort kann ich die folgenden beiden Texte hier dokumentieren:

O wunnikliches paradis (Klein 98)

O wunnikliches paradis,
zu Costnitz han ich funden dich !
für alles das ich hör, sich, lis,
mit guetem herzen freustu mich.
inwendig, auss und überal,
zu Münsterling und anderswa
regniert dein adelicher schal.
Wer möchte da immer werden gra ?

Vil augenwait
in mangem klait,
slecht, zierlich, prait,
sicht man zu Costnitz prangen
von mündlin rot
an alle not,
der mir ains drot
mit röselochten wangen.

Gepärd, wort, weis an tadel späch
schaut man durch hügelichen trit
von manger stolzen frauen wäch.
Sant Peter lat michs liegen nit,
des lob ich immer preisen sol
andächtiklich in meim gepet,
wann er ist aller eren vol,
und wär mir laid, wer anders rett.

Vil zarter engelischer weib,
durchleuchtig schön, mit liechtem glanz,
besessen haben meinen leib
all in der Katzen pei dem tanz,
und der ich nicht vergessen will;
das macht ir minniklich gestalt.
mit eren lustlich freudenspil
vint man zu Costnitz manigvalt.

Quelle: Fortmanns Lyrik-Anthologie

***

Es nahet gen der vassenacht (Klein 60)

Es nahet gen der uasenacht, des süll wir gail und frölich sein
ye zway und zway ze sament tracht, recht als die zarten teubelein
doch hab ich mich gar schon gesellt zu meiner krucken
dir mir mein bül hat auserwellt für lieplich rucken

repeticio
Wnd ich die kruck uast an mich zuck, freuntlichen under das üchsen smuck
ich gib jr mangen hertten druck, das sy müss kerren,
wie möcht mir gen der vasenacht noch bas gewerrê
plehe nu lat ew' plerren

Seyd das die wilden uaglin sint, gezwayt yet schon an allen neydt,
was wolten dann die liebn' kind, nu feyern gen der lieben zeit
mit halsen küssen ein schönes weib, schmucz la dich niessen
haimlichen brauch dein iungen leib an als uerdriessen

Die uasnacht und des mayen pfat, die pfeiffen uast auss einem sack
was sich das jar verborgen hat, das tüt sich ögen an dem tag
doch hat mein frow jr tück gespart mit falschem wincken
all gen dem herbst ich schraw jr uart seyd ich müss hincken.

Quelle: Nicht mehr auffindbarer Text im Netz. Dieser nennt als Quelle: Klaus J. Schönmetzler, Oswald von Wolkenstein. Die Lieder. Emil Vollmer Verlag, München 1979

***

26. Durch aubenteuer tal und perg

I       Durch aubenteuer tal und perg
        so wolt ich varen, das ich nicht verläge,
        Ab nach dem Rein gen Haidelwerg,
        in Engelant stünd mir der sin nicht träge,
        gen Schottlant, Ierrland über see
        auf hölggen gross gen Portugal zu siglen;
        nach ainem plümlin was mir we,
        ob ich die liberei da möcht erstiglen
        von ainer edlen künigin,
        in mein gewalt verriglen.

II      Von Lizabon in Barbarei,
        gen Septa, das ich weilent half gewinnen,
        da manger stolzer mor so frei
        von seinem erb müsst hinden aus entrinnen.
        Granaten hett ich bas versücht,
        wie mich der rotte küng noch hett emphangen.
        zu ritterschafft was ich geschücht.
        vor meinen kindlin wer ich darinn gangen -
        dafür müsst ich zu tisch mit ainem
        stubenhaitzer brangen.

III    Wie wol ich mangen herten straiff
        ervaren hett, des hab ich klain genossen,
        seid ich ward zu dem stegeraiff
        mit baiden sporen seuberlich verslossen.
        dieselbig kunst ich nie gesach,
        doch hab ich sei an schaden nicht geleret;
        do klagt ich got mein ungemach,
        das ich mich hett von Hauenstein verferret,
        ich forcht den weg gen Wasserburg,
        wenn sich die nacht versteret.

IV    In ainem winckel sach ich dort
        zu Fellenberg zwen boien, eng und swere.
        ich swaig und redt da nicht vil wort,
        ie doch gedächt ich mir nöttlicher mere.
        wurd mir die ritterschafft zu tail,
        in disen sporen möcht ich mich wol streichen.
        mein gogelhait mit aller gail
        geriet vast trauriklich ab in ain keichen;
        was ich güt antlas dorumb gab,
        das tet ich haimeleichen.

V      Also lag ich ettlichen tagk;
        der römisch küng die sorg mir nicht vergulde,
        das ich nicht wesst, wenn mir der nack
        zwar oben, niden, hinten, vor
        was mir die hüt mit leuten wolbestellet.
        "wart, Peter Märckel, zu dem tor,
        er ist bescheid, das er uns nit entsnellet!"
        mein listikait hett in der fürst
        die oren vol erschellet.

VI     Darnach so ward ich gen Insbrugk
        ain Preussen vart gen hoff köstlich gefüret,
        dem meinem pfärd all über rugk
        verborgenlichen niden zü versnüret.
        ellender rait ich hinden ein
        und hett doch nicht des kaisers schatz verstolen.
        man barg mich vor der sunne schein,
        für springen lag ich zwainzig tag verholen.
        was ich da auff den knieen zerraiss,
        das spart ich an den solen.

VII   Ain alter Swab, gehaissen Planck,
        der ward mir an die seitten dick gesetzet.
        Ach got, wie bitterlich er stanck!
        von seinem leib wird ich des nicht ergetzet.
        er trüg ain bain mit ainer klufft,
        der autem gieng im wilde von dem munde,
        darzü so felscht er dick den lufft,
        vast ungehäbig niden an dem grunde;
        und ob er noch den Rein verswellt,
        wie wol ich im des gunde.

VIII  Der Peter Haitzer und sein weib,
        Planck und ain schreiber, der was teglich truncken,
        die machten grausen meinen leib,
        wenn wir das brot zesamen wurden duncken.
        simm, ainer kotzt, der ander hielt
        den bomhart niden mit der langen mässe,
        als der ain büxs von anderspielt,
        die überladen wer, durch bulvers lasse.
        hofieren, das was mangerlai
        von in durch volle strässe.

IX    Mein frölichkait gab tunckeln schein,
        do mich gedenck hin hinder machten switzen,
        das mich der phalzgraf von dem Rein
        vor kurzlich bat, ob im ze tische sitzen.
        wie gleich der falck den kelbern was!
        der römisch küng hett mein so gar vergessen,
        bei dem ich ouch vor zeitten sass
        und half das krut auss seiner schüssel essen.
        da wider was ich von dem vierst
        abgvallen ungemessen.

X     Noch waiss ich ainen inn der leuss
        mit namen Kopp, den kund ich nie geswaigen;
        der snarcht recht als ain hafenreuss,
        wenn in der starck traminner trang ze saigen.
        zwar sölhen slaff ich nie gehort,
        des müsst ich baide oren dick verschieben,
        mein houbt hat er mir dick bedort,
        das es mir von ainander wolde klieben.
        wer ich ain weib, umb alles güt
        so möcht er mir nicht lieben.

XI    Der Kreiger und der Greisnegger,
        Moll Trugsäzz retten all darzu das besste,
        der Salzmair und der Neidegger,
        frein, graven, Säldenhoren, freunt und gesste,
        die baten all mit rechter gier
        den fürsten reich, durchleuchtig, hochgeboren,
        da mit er wer genedig mir
        und tet kain gäch in seinem ersten zoren.
        er sprach: "ja werden solcher leut
        von bomen nicht geboren."

XII   Die selbig red was wol mein füg;
        mit meines bülen freund müsst ich mich ainen,
        die mich vor jaren ouch beslüg
        mit grossen eisen niden zu den bainen.
        was ich der minn genossen hab,
        des werden meine kindlin noch wol innen,
        wenn ich dort lig in meinem grab,
        so müssen si ire hendlin dorumb winden,
        das ich den namen ie erkannt
        von diser Hausmaninnen.

XIII  Do sprach der herr auss zornes wän
        gen seinen reten gar an als verdriessen:
        "wie lang sol ich in ligen lan?
        künt ir die taiding nimmer mer versliessen?
        was hilft mich nu sein trauren da?
        mein zeit getraut ich wol mit im vertreiben,
        wir müssen singen fa, sol, la
        und tichten hoflich von den schönen weiben.
        pald ist die urfech nicht berait,
        so lat si kurzlich schreiben."

XIV  Dem kanzler ward gebotten zwar,
        auss meiner väncknuss half er mir behende,
        geschriben und versigelt gar.
        des danck ich herzog Fridrich an mein ende.
        der marschalck sprach: "nu tritt mir zü,
        mein herr hat deins gesanges kom erbitten."
        ich kom für in, do lacht er frü;
        secht, do hüb sich ain heulen ane sitten.
        vil mancher sprach: "dein ungevell
        soltu nicht han verritten."

XV   Der wirdig got, der haimlich got,
        der wunderlich in den vil ausserkoren,
        der liess mir nie kain freis gebott
        die leng, des han ich dick ein spil verloren.
        mein tentschikait und üppig er
        ist mir durch in an wasser offt erloschen,
        wann zeuch ich hin, so wil er her,
        in disem streit so wird ich überdroschen.
        verdiente straff zwar umb die minn
        bestet mich manchen groschen.

Quelle: Klein Nr. 26

***

Es fügt sich (Klein 18)

I
      Es fügt sich, do ich was von zehen jaren alt
      ich wolt besehen, wie die werlt wer gestalt.
      mit ellend, armüt mangen winkel, haiss und kalt
      hab ich gebawt bei cristen, Kriechen, haiden.
      Drei pfenning in dem peutel und ain stücklin brot,
      das was von haim mein zerung, do ich loff in not.
      von fremden freunden so hab ich manchen tropfen rot
      gelassen seider, das ich wand verschaiden.
      Ich loff ze füss mit swerer büss, bis das mir starb
      mein vatter, zwar wol vierzen jar nie ross erwarb,
      wann aines roupt, stal ich halbs zu mal mit valber varb
      und des geleich schied ich da von mit laide.
      Zwar renner, koch so was ich doch und marstaller,
      auch an dem rüder zoch ich zu mir, das was swër,
      in Kandia und anderswo, ouch widerhar,
      vil mancher kittel was mein bestes klaide.

II

      Gen Preussen, Littwan, Tartarei, Türkei, uber mer,
      gen Frankreich, Lampart, Ispanien, mit zwaien kunges her
      traib mich die minn auf meines aigen geldes wer:
      Ruprecht, Sigmund, baid mit des adlers streiffen.
      franzoisch, mörisch, katlonisch und kastilian,
      teutsch, latein, windisch, lampertisch, reuschisch und roman,
      die zehen sprach hab ich gebraucht, wenn mir zerran;
      auch kund ich fidlen, trummen, paugken, pfeiffen.
      Ich hab umbfarn insel und arn, manig land,
      auff scheffen gros, der ich genos von sturmes band,
      des hoch und nider meres gelider vast berant;
      die schwarzen see lert mich ain vas begreiffen,
      Do mir zerbrach mit ungemach mein wargatein,
      ain koufman was ich, doch genas ich und kom hin,
      ich und ain Reuss; in dem gestreuss houbgüt, gewin,
      das sücht den grund und swam ich zu dem reiffen.

III

      Ain künigin von Arragon, was schon und zart,
      da für ich kniet, zu willen raicht ich ir den bart,
      mit hendlein weiss bant si darein ain ringlin zart
      lieplich und sprach: 'non maiplus dis ligaides.'
      Von iren handen ward ich in die oren mein
      gestochen durch mit ainem messin nädelein,
      nach ir gewonheit sloss si mir zwen ring dorein,
      die trüg ich lang, und nennt man si raicades.
      Ich sücht ze stund künig Sigmund, wo ich in vand,
      den mund er spreutzt und macht ain kreutz, do er mich kant,
      der rüfft mir schier: 'du zaigest mir hie disen tant,'
      freuntlich mich fragt: 'tün dir die ring nicht laides?'
      Weib und ouch man mich schauten an mit lachen so;
      neun personier kungklicher zier, die waren da
      ze Pärpian, ir babst von Lun, genant Petro,
      der Römisch künig der zehent und die von Praides.

 IV

      Mein tummes leben wolt ich verkeren, das ist war,
      und ward ain halber beghart wol zwai ganze jar;
      mit andacht was der anfangk sicherlichen zwar,
      hett mir die minn das ende nicht erstöret
      Die weil ich rait und süchet ritterliche spil
      und dient zu willen ainer frauen, des ich hil,
      die wolt mein nie genaden ainer nussen vil,
      bis das ain kutten meinen leib bedoret
      Vil manig ding mir do gar ring zu handen ging,
      do mich die kappen mit dem lappen umbefing.
      zwar vor und seit mir nie kain meit so wol verhing,
      die mein wort freuntlich gen ir gehöret.
      Mit kurzer schnür die andacht für zum gibel aus,
      do ich die kutt von mir do schutt in nebel rauss,
      seid hat mein leib mit leid vortreib vil mangen strauss
      gelitten, und ist halb mein freud erfröret.

 V

      Es wër zu lang, solt ich erzellen all mein not,
      ja zwinget mich erst ain ausserweltes mündli rot,
      da von mein herz ist wunt bis in den bittern tod;
      vor ir mein leib hat mangen swaiss berunnen.
      Dick rot und blaich hat sich verkert mein angesicht,
      wann ich der zarten dieren hab gewunnen phlicht,
      vor zittern, seufzen hab ich offt emphunden nicht
      des leibes mein, als ob ich wër verbrunnen.
      Mit grossem schrick so bin ich dick zwaihundert meil
      vor ir gerösst und nie getrösst zu kainer weil;
      kelt, regen, snee tet nie so we mit frostes eil,
      ich brunne, wenn mich hitzt die liebe sunne.
      Won ich ir bei, so ist unfrei mein mitt und mass.
      von ainer frauen so müss ich pawen ellend strass
      in wilden rat, bis das genadt lat iren hass,
      und hulf mir die, mein trauren käm zu wunne.              80

 VI

      Vierhundert weib und mer an aller manne zal
      vand ich ze Nio, die wonten in der insell smal;
      kain schöner pild besach nie mensch in ainem sal,
      noch mocht ir kaine disem weib geharmen.
      Von der ich trag auff mein rugk ain swëre hurd,
      ach got, wesst si doch halbe meines laides burd,
      mir wër vil dester ringer offt, wie we mir wurd,
      und het geding, wie es ir müsst erbarmen.
      Wenn ich in ellend dick mein hend offt winden müss,
      mit grossem leiden tün ich meiden iren grüss,
      spat und ouch frü mit kainer rü so slaff ich süss,
      das klag ich iren zarten weissen armen.
      Ir knaben, maid, bedenckt das laid, die minne phlegen,
      wie wol mir wart, do mir die zart bot iren segen.
      zwar auff mein er, wesst ich nicht mer ir wider gegen,
      des müsst mein oug in zähern dick erbarmen.

VII

      Ich han gelebt wol vierzig jar leicht minner zwai
      mit toben, wüten, tichten, singen mangerlai;
      es wër wol zeit, das ich meins aigen kindes geschrai
      elichen hort in ainer wigen gellen.
      So kan ich der vergessen nimmer ewiklich,
      die mir hat geben mut uff disem ertereich;
      in aller werlt kund ich nicht finden iren gleich,
      auch fürcht ich ser elicher weibe bellen.
      In urtail, rat vil weiser hat geschätzet mich,
      dem ich gevallen han mit schallen liederlich.
      ich, Wolkenstein, leb sicher klain vernünftiklich,
      das ich der werlt also lang beginn zu hellen,
      Und wol bekenn, ich wais nicht, wenn ich sterben sol,
      das mir nicht scheiner volgt wann meiner berche zol.
      het ich dann got zu seim gebott gedienet wol,
      so forcht ich klain dort haisser flamme wellen.


Quelle: Klein Nr. 18

15.3.2003 [ Stadt Adel Region ]