Kritisches zur Rheinsage am Beispiel der Sieben-Jungfrauen-Sage von Oberwesel
© Klaus Graf 1999
Festvortrag beim Hansenfest 1998, abgedruckt in: Hansen-Blatt 64 (1999), Nr. 52, S. 53-59
"Eine herrliche, ewigfrische Blüte am Baume der Volkspoesie ist die Sage". Mit diesen Worten beginnt die Einleitung von Carl Heßlers "Sagenkranz aus Hessen-Nassau", der 1894 in zweiter Auflage erschien. Als Motto ist ein Gedicht des Schriftstellers und Sagensammlers Ludwig Bechstein vorangestellt. Ich zitiere einige Verse:
Die Sage wandelt sinnend durchs Land von Ort zu Ort
Und pflanzt in ihrem Garten der Dichtung Blumen fort.
...
Sie hat sich mit dem Lande so liebend treu vermählt,
Daß sie fast aller Orten von alter Zeit erzählt.
Eine romantische Stimmung soll sich des Lesers bemächtigen und in sein Herz, wie es am Ende von Heßlers Einleitung heißt, die Liebe zur Heimat, zum Vaterland einpflanzen - Sagen sind Volkspoesie und als solche die wahre Heimatliteratur.
Wenn Bechstein davon spricht, daß die Sage in Hainen rausche, um stolze Burgen schwebe und am Waldesbach spiele, greift er nicht von ungefähr beliebte Bildmotive der romantischen Kunst auf. Man fühlt sich an Illustrationen des Spätromantikers Ludwig Richter erinnert. Dieser hat selber in einem Tagebucheintrag in Rom vom 26. November 1824 davon gesprochen, daß ein Landschaftszeichner die Lieder, Volkssagen und Märchen seiner Nation kennen solle: "Wie herrlich sind in den Märchen das geheimnißvolle Waldesdunkel, die rauschenden Brunnen, blühenden Blumen und Knospen [...] aufgefaßt, in den Sagen: alte Burgen, Klöster, einsame Waldgegenden, sonderbare Felsen dargestellt! Köhler, Schäfer, Pilger, schöne Jungfrauen, Jäger, Müller, Ritter, Nixen und Riesen, das sind die natürlichen, romantischen Personen, welche in jenen Sagen spielen" [Anm. 1].
Dick aufgetragener Romantik-Kitsch beherrscht die Vorworte der meisten rheinischen Sagensammlungen. Beispielsweise liest man in der 1881 geschriebenen Vorrede der Sagensammlung "Rheinlands Sagen und Legenden" von Auguste Kurs die folgenden Sätze: "Kaum ein Land ist so reich an Sagen und Legenden als das stromdurchrauschte, rebenbekränzte Rheinland. An das verfallene Gemäuer auf luftiger Höhe, an den mondbeschienenen Kreuzgang knüpfen sie sich; des Klosters Ruine, der dunkle Wald, das Felsengeklüft ist belebt von ihrem Zauber. Sie sind und bleiben des Volkes ureigenstes Eigentum, treulich spiegeln sie Sinn und Weise desselben wieder: fromme Gläubigkeit, schlichte, oft wehmütige Empfindung neben kernigem Humor, kräftiger Trotz und besonders warmes Gefühl für Recht und Gerechtigkeit, alles malt sich darinnen; wenn nicht im Diesseits, so im Jenseits findet die Tugend den Lohn, das Unrecht die Strafe, und daß meist übernatürliche Mächte dem wirren Getriebe menschlicher Leidenschaften und irdischer Verhältnisse die Lösung bringen, erhöht den geheimnisvollen Reiz jener Erzählungen, die sich fortgepflanzt vom Ahn bis zum Enkel, von Geschlecht zu Geschlecht" (S. VI).
In keiner anderen deutschen Landschaft ist die Verbindung von pittoresken Landschaftsdarstellungen, Reiseliteratur und Sagentexten so ausgeprägt wie am Rhein. Rheinromantik und Rheinsagen gehörten und gehören untrennbar zusammen. Noch heute bedienen an jedem Kiosk entlang des Flusses kleine Sagenbändchen mit überzuckerten Geschichten, schlechtem Rheinwein vergleichbar, den Massengeschmack. Süßlichen Sagenkitsch findet man in fast allen deutschen Sagensammlungen, aber nirgends tritt er so unangenehm gehäuft auf wie im Rheinland. Und nirgendwo sonst läßt sich mit Sagen - notfalls auch übersetzt ins Japanische - so viel Geld verdienen wie am Rhein.
Eine 1908 erschienene Zusammenstellung gedruckter Sagenbände (Karl Wehrhan: Die Sage) verzeichnete unter dem Stichwort "Rheinland" nicht weniger als 135 Titel. Läßt man 54 außeracht, die sich auf Teilregionen beschränken und im Titel den Rhein nicht erwähnen, so bleibt eine stattliche kleine Bibliothek von 81 Büchern übrig. Der älteste Titel stammt aus dem Jahr 1811, 33 Titel erschienen vor 1850. In englischer Sprache sind 13, in französischer 9 Bände verfaßt. Ausgeklammert blieben jene Werke der Reiseliteratur, in denen Sagentexte zwar enthalten sind, die dies aber nicht bereits im Titel signalisieren. Auch sonst dürfte die Aufstellung lückenhaft sein. Trotzdem läßt sich feststellen, daß im 19. Jahrhundert die Anzahl gedruckter rheinischer Sagenbücher im Vergleich zu anderen Landschaften exorbitant hoch war.
Wer nun aber glaubt, daß der Inhalt dieser vielen Bücher, die ich natürlich nicht alle selbst gelesen habe, entsprechend abwechslungsreich wäre, irrt sich. Man schrieb meist voneinander ab bzw. formulierte die gleichen Stoffe immer wieder neu - sei es in Prosa, sei es im Vers. Nicht wenige dieser Sagenbände waren nämlich eigentlich Gedicht- oder Balladensammlungen. Am erfolgreichsten war die von dem Germanisten Karl Simrock zusammengestellte Anthologie gereimter Sagenpoesie, die unter dem Titel "Rheinsagen aus dem Munde des Volkes und deutscher Dichter" erstmals 1837 erschien und über 10 Auflagen erlebte. Zu nennen ist aber auch die Sammlung nassauischer Sagen von Aloys Henninger aus dem Jahr 1845, die einige Gedichte zur Sieben-Jungfrauen-Sage von Oberwesel dokumentiert.
Paradigma der deutschen Sage - außerhalb des Rheinlands - ist die dämonologische Sage, die von übernatürlichen Wesen - von Geistern, Nixen, Riesen, Zwergen usw. handelt. Vor allem das 19. Jahrhundert war fasziniert von der Möglichkeit, in den Erzählungen des einfachen Volkes letzte Spuren von altgermanischer Religion und Götterglauben sichern zu können. So hielt man überwiegend Ausschau nach solchen mythologischen Überlieferungen, die als Bausteine dieses mit unglaublichem Eifer betriebenen Rekonstruktionsversuchs geeignet schienen. Bahnbrechend haben vor allem die Brüder Grimm gewirkt, die vielleicht am meisten dazu beigetragen haben, daß in den Jahren nach 1800 der unübersichtliche und vielgestaltige Strom mündlicher und schriftlicher Traditionen und Erzählstoffe gleichsam in mehreren Flußbetten kanalisiert wurde. Volksmärchen und Volkssagen stellten die Brüder Grimm in getrennten Veröffentlichungen dem Publikum vor. Auch die "schwankhaften", die lustigen und heiteren Erzählungen, und die frommen Legenden wurden von den Sagen abgetrennt. In der vornehmlich aufgrund von gedruckten Quellen erstellten zweibändigen Sammlung der "Deutschen Sagen" (1816/18) wollte das patriotisch gesinnte Brüderpaar die "Überbleibsel von dem großen Schatze uralter deutscher Volksdichtung" [Anm. 2] retten. Während der erste Band den sogenannten Ortssagen gewidmet war, in denen vor allem dämonische Gestalten und Geister auftraten, galt der zweite Band den "historischen Sagen", die sich meist an Persönlichkeiten der deutschen Geschichte knüpften. Die so hergestellte wenig glückliche Verbindung von Spukgeschichten und Geschichte ist bis heute für den volkskundlichen Sagenbegriff ausschlaggebend geblieben.
Im Rheinland aber war alles anders. In den "Deutschen Sagen" der Brüder Grimm trifft man kaum Rheinsagen an. Sie wollten, heißt es in der Vorrede, Rücksicht nehmen auf eine von Niklas Vogt angekündigte Sammlung von Rheinsagen (S. 23). Vielleicht waren ihnen aber auch die kandierten Sagen-Früchte vom Rhein etwas zu süß geraten. Paradigma der rheinischen Sage, wie sie sich in den erwähnten vielen Sagenbüchern präsentiert, ist die literarische und historische Sage. Sie ist jedoch bislang von der zünftischen Sagenforschung, angesiedelt im Fach Volkskunde, nur wenig beachtet worden. Fixiert auf die vermeintlich volkstümliche Mythologie der Spinnstuben-Erzählungen hatte man kaum etwas übrig für die als "unechtes Sagengut" betrachteten romantischen Rittergeschichten, die allzu deutlich auf den literarischen Geschmack des Massenpublikums seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verwiesen. Die engen Wechselbeziehungen zur zeitgenössischen belletristischen Literatur und insbesondere zu dem, was man abschätzig als Trivialliteratur bezeichnet, wurden von den volkskundlichen Gralshütern der Echten Deutschen Sage ebenso ignoriert wie die klaren Querverbindungen zur Geschichtskultur in der Zeit der Aufklärung und der Romantik. Geschichtskultur meint dabei das Ensemble der Medien, mit denen Geschichte vermittelt und auf Vergangenes zurückgegriffen wird: also außer Geschichtsdarstellungen beispielsweise historische Romane, historische Jubiläen und Feste, Denkmäler, Bauwerke des Historismus wie die im 19. Jahrhundert wiederaufgebauten Ritterburgen entlang des Rheins. Die meist in der Ritterzeit spielenden Rheinsagen sind Zeugnisse der sogenannte Mittelalter-Rezeption des 18. und 19. Jahrhunderts, als man begeistert Mittelalterliches wiederentdeckte und wiederbelebte.
Sagentexte und Sagenbücher müssen als Teil dieser Geschichtskultur begriffen werden. Kurzum: Die traditionelle volkskundliche Sagenforschung, die das Wesen der Heimatsage in ihrem Charakter als uraltes Volksgut erkennen will, das von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurde, hat wissenschaftlich abgewirtschaftet. (Nicht jedoch kommerziell, denn nach wie vor wimmelt es in den Vorworten beststellerverdächtiger Sagenbücher von abgestandenen Klischees.) Den Rheinsagen kann man, wie ich meine, nur dann als Dokumenten der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts gerecht werden, wenn man in ihnen zuallererst literarische Texte, entstanden in einem bestimmten literaturgeschichtlichen Kontext, sieht und ihren Zusammenhang mit der zeitgenössischen Geschichtskultur nie aus dem Auge verliert.
"Die Sagen des Rheins sind Erzeugnisse der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts" (S. 124). Diese Feststellung von Helmut Fischer in einem ausgezeichneten Aufsatz über die Sagen des Rheins, erschienen weitab von hier, in den Heimatblättern des Rhein-Sieg-Kreises 1992/93, bewahrheitet sich einmal mehr, befaßt man sich näher mit der Geschichte der Sieben-Jungfrauen-Sage von Oberwesel. Sie fehlt in kaum einem Rheinsagenbuch [Anm. 3].
Die erste mir bekannte Erwähnung der Sage datiert aus dem Jahr 1811. Im "Rheinischen Archiv für Geschichte und Litteratur" publizierte der rheinische Historiker Niklas Vogt eine Sagensammlung, die sofort zweimal in anderen Periodica wiederabgedruckt wurde. In der Altertumszeitschrift "Idunna und Hermode" von 1812 spielte der Herausgeber mit dem Zusatz "Eine Sage für den Pinsel eines Ovids!" zur Sage "Die sieben Jungfrauen bei Wesel" auf die "Metarmophosen" des antiken Autors an. Ebenfalls 1811 gestaltete Vogt im Rheinischen Archiv den Stoff als Ballade. Eine zweite, stilistisch verbesserte Fassung nahm er in die "Rhenischen Bilder" von 1821 auf. Ich möchte nicht auschließen, daß man bei der Suche in der Reiseliteratur des 18. und der ersten Jahre des 19. Jahrhunderts noch fündig wird. Möglicherweise entdeckt man auch einen älteren archivalischen Beleg für die Bezeichnung der Felsen bei Stromkilometer 551,3 als "Jungfernley".
Im 1817 veröffentlichten dritten Band der "Rheinischen Geschichten und Sagen" Niklas Vogts liest man über das Schloß Schönburg: "Der romantische Geist des rheinischen Volkes leitete ... den Nahmen der Burg von sieben schönen Fräulein her, welche einst darauf gewohnt, und durch ihre Reitze alle Fürsten und Ritter gefesselt haben sollen. Sie wurden ihrer Sprödigkeit wegen in jene sieben Felsenspitzen verwandelt, welche gleich bei Wesel, wenn das Wasser klein ist, aus dem Rhein hervorstehen, und von den Schiffern die sieben Jungfrauen genannt werden" (S. 154). Diese nicht weiter ausgeschmückte Fassung, nüchterner als Vogts Versionen von 1811, dürfte in etwa diejenige mündliche Überlieferung wiedergeben, mit der man am Anfang des vergangenen Jahrhunderts das geologische Phänomen des Geisenrückens zu erklären versuchte. Es handelt sich also um eine sogenannte ätiologische Erzählung, eine Erklärungs-Geschichte, die etwas Auffälliges oder Unverstandenes der eigenen Lebenswelt verständlich machen soll. Gleich zwei Stätten stellen in der Jungfrauen-Geschichte die "Erzähl-Male", an die sich die Geschichten knüpfen, dar. Denn die Erzählung deutet und erklärt ja nicht nur den Felsen im Rhein, sondern auch den Namen des Schlosses Schönburg.
Die in zwei Sätzen referierbare mündliche Überlieferung taugt jedoch nicht für die am Rhein beliebten Sagenbände, und so kam es im 19. Jahrhundert zu einer Reihe von literarischen Gestaltungen, die sich zum Teil nicht unerheblich voneinander unterscheiden. Die Texte lassen sich im wesentlichen fünf Hauptversionen zuordnen, die zwischen 1811 und 1853 publiziert wurden.
Erstens: die poetische Fassung von Niklas Vogt 1811 bzw. 1821. Auf ihr fußt das Klapptheater von Marcus Graeff (unten abgedruckt). Es handelt sich im Gegensatz zur soeben zitierten Fassung aus dem Geschichtswerk von 1817 sicher um eine Erfindung Vogts. Im Mittelpunkt des Gedichts von 1821 steht ein Ritter Eberhard (1811: Willibald), der ein Muttergottesbild in einer Felsspalte um Schutz gegen die Versuchung durch die von ihm heimlich beobachteten nackt badenden Jungfrauen anruft. Maria läßt daraufhin das Schiff der hartherzigen Frauen von Steinen des Loreleyfelsens zermalmen und sie selbst in Steine verwandeln, die so lange auf dem Grund liegen bleiben müssen, bis ein Fürst aus ihnen eine Kirche baut. Diese Fassung ist in der Folgezeit kaum beachtet worden.
Weit einflußreicher war Fassung Nr. 2 von Aloys Schreiber, erstmals publiziert 1818 in seinem Rheinreisehandbuch, aus dem die Sagen 1819 separat abgedruckt wurden. Die Schwestern amüsieren sich mit den Werbungen der Ritter, bis diese ihnen ein Ultimatum stellen: Sie sollen sich definitiv entscheiden! Ein Losentscheid weist die Jungfrauen den sieben häßlichsten Rittern zu, doch im Gartensaal, wohin die Zofe die glücklichen Gewinner führt, warten nur lebensgroße Bilder der Schwestern auf sie. Diese sind auf und davon über den Rhein. Auf Maultieren ziehen sie zu ihrer Burg an der Lahn. Zum Andenken an diese Begebenheit hätten die Schiffer die sieben Felsspitzen, die kurz danach seit Menschengedenken erstmals wieder sichtbar wurden, die "Sieben Jungfrauen" genannt. Die Anspielung auf die Burg an der Lahn verweist auf die Kenntnis der im Geschichtswerk von 1817 dargelegten Theorie Vogts, der die sieben Jungfrauen mit den (in Wirklichkeit verheirateten) Töchtern des Grafen Ludwig von Arnstein in Verbindung bringen wollte. Poetisch hat Aloys Henninger 1845 "Sage" und gelehrte Theorie in seinem Gedicht "Die sieben Fräulein von Arnstein" verbunden.
Fassung Nr. 3 stammt von Adelheid von Stolterfoth und ist nur wenig rezipiert worden. In ihrer Gedichtsammlung "Rheinischer Sagen-Kreis" von 1835 führt die Dichterin das Paar Walther und Adelgunde ein. Adelgunde, eine von den Schwestern, macht Walther Hoffnungen, verschmäht ihn jedoch dann und nimmt lächelnd in Kauf, daß dieser sich vor Kummer im Rhein ertränkt. Im Haus der Nixenkönigin Lurley unter Wasser beginnt für ihn ein zweites Leben. Die Lurley rächt Walther, indem sie die Jungfrauen in Stein verwandelt.
Fassung Nr. 4 von Karl Geib 1836, erschienen in seinen "Die Sagen und Geschichten des Rheinlandes", kann als Grundlage der verbreitetsten Versionen der Sage gelten. Sie stellt sich als Verbindung der Fassungen von Schreiber und Stolterfoth dar. Bereits 1828 hatte Geib ein Gedicht "Die Sieben Schwestern" in seinem Bändchen "Die Volkssagen des Rheinlandes" publiziert, das ganz auf der Fassung Vogts basiert. 1829 sah sich Schreiber denn auch genötigt, im Vorwort der "Sagen aus den Gegenden des Rheins und des Schwarzwaldes" die Priorität seiner Sagenfassungen gegenüber Geib ausdrücklich festzustellen. In der Prosaversion von 1836 wählte Geib das Stolterfothsche Ende und übernahm auch den Namen Walter. Allerdings stürzt sich dieser nicht in die Fluten, sondern ruft die Loreley auf, die sich auf einem Kahn entfernenden Schwestern zu bestrafen, was diese dann auch sofort tut.
Ich zitiere als Kostprobe für Geibs sentimentalen Stil, nicht untypisch für die Gestaltungen des 19. Jahrhunderts, den Schluß der Erzählung: "Aber die Ritter, welche Nieten gezogen, waren an den Strand geeilt, und Walter rief mit feierlichem Ton: "Nixe der Flut, die in der Felsenwohnung am Lurlei hauset, Du bist reiner Liebe hold! Räche die treuen und biedern Herzen an der losen Sprödigkeit, die sich mit eitler Gefallsucht paart, damit ihr Hohn nicht triumphire!" - Mit einmal war der Himmel schwarz umwölkt; die Lurlei-Nymphe tauchte ein Nebelkleid aus den Wellen empor, und gebot mit schauerlicher Stimme, gleich des Windes Rauschen im Eichenforste: "Halt!" Und der Kahn stand fest. "Dem Vergehen folgt Euere Strafe (so sprach sie weiter); seyd nun, was Euere Herzen sind!" - Damit schwand sie leicht hinab, das Schiff versank, und - die sieben Schwestern waren in graue, dem Strom entragende Felsen verwandelt. Neu klärte sich des Himmels Blau, und ruhig wallte die Flut, auf der die Fährleute sich schwimmend an's Ufer retteten. So die romantische Kunde vergangener Zeit."(S. 437)
In Ludwig Bechsteins "Deutschem Sagenbuch" von 1853 finde ich zum ersten Mal Fassung Nr. 5. Sieben offenbar dämonische Jünglinge tanzen mit den sieben Schwestern in den Rhein, als diese auch sie verschmähen. Am Ende steht das Vogtsche Kirchen-Motiv: Die Jungfrauen würden erlöst, wenn ein Mächtiger eine Betkapelle errichten würde.
Die literaturgeschichtlich bedeutendste Verwertung der Jungfrauen-Sage stammt von dem Berliner Romantiker Achim von Arnim. Sie trägt den Titel "Der Pfalzgraf und die sieben Jungfern-Leien bei Oberwesel" und war zunächst Bestandteil des 1812/13 entstandenen Werks "Die Päpstin Johanna". Ein Pfalzgraf soll für seine schwangere Frau sieben Kränze der Marienwallfahrtskirche in Bornhofen bringen, doch stattdessen überläßt er sie sieben im Rhein badenden Nonnen, die er küßt, anschließend aber verflucht. Sie ersteinen und der Pfalzgraf, der dem Bornhofener Marienbild, das ihn nach den Kränzen fragt, weismachen will, er habe sie im Rhein verloren, zerschellt auf der Rückfahrt an ihnen im Sturm:
Was hält den armen Ritter
Hier mitten in dem Rhein,
Daß seines Nachens Splitter
Zerspringen am Felsgestein?
Es sind die sieben Frauen
Die er geküsset im Rhein,
Ihr könnt sie noch schauen
Bei niederem Wasser als Stein.
Von Arnim erwähnt das Vogtsche Kirchen-Motiv und verweist am Ende der Rheinromanze auf eigene Unzulänglichkeiten:
Heut denk ich selbst der Lehre,
Wie oft hab ich gefehlt
Hab meine Freuden erzählt;
Wollt oft im frommen Liede
Zur Kirche ihm bauen mein Herz,
Und ward des Ernstes müde,
Sang lauter Buhlenscherz.
Im 1994 erschienenen Kommentar der Ausgabe der Arnimschen Gedichte von Ulfert Ricklefs heißt es, der Autor habe "überlieferte Sagenelemente" zu einem neuen Zusammenhang verbunden (S. 1503). Bei näherem Hinsehen erweist sich das Gedicht jedoch als Rezeptionszeugnis der Versionen Niklas Vogts, die erstmals 1811 im "Rheinischen Archiv für Geschichte und Literatur" publiziert worden waren. Daß von Arnim eine mündliche Tradition seinem Gedicht zugrundelegt hat, ist demnach nicht anzunehmen.
Die sieben Riffe bei Oberwesel und die Jungfern-Sage haben wohl auch Heinrich Heine angeregt, dessen 1845/46 entstandenes Gedicht "Pfalzgräfin Jutta" aus seiner Gedichtsammlung "Romanzero" sieben tote Ritter kennt, die Jutta hinterherschwimmen [Anm. 4].
Pfalzgräfin Jutta fuhr über den Rhein,
Im leichten Kahn, bey Mondenschein.
Die Zofe rudert, die Gräfin spricht:
"Siehst du die sieben Leichen nicht,
Die hinter uns kommen
Einhergeschwommen -
So traurig schwimmen die Todten!"
Das waren Ritter voll Jugendlust -
Sie sanken zärtlich an meine Brust
Und schwuren mir Treue - Zur Sicherheit,
Daß sie nicht brächen ihren Eid,
Ließ ich sie ergreifen
Sogleich und ersäufen -
So traurig schwimmen die Todten!"
Die Zofe rudert, die Gräfin lacht.
Das hallt so höhnisch durch die Nacht!
Bis an die Hüfte tauchen hervor
Die Leichen und strecken die Finger empor,
Wie schwörend - Sie nicken
Mit gläsernen Blicken -
So traurig schwimmen die Todten!
Wie die sieben Schwestern ist auch Jutta nicht an einer dauerhaften Beziehung interessiert. Als eiskalte Killerin stellt sie nach Erfüllung ihres Verlangens sicher, daß die Liebesschwüre der Ritter tatsächlich eingehalten werden: Männer sind nur als Gespenster wirklich treu!
Es fällt nicht leicht, nach diesem meisterhaften Text Heines zur Interpretation der literarisch eher anspruchslosen Versionen der Jungfrauen-Erzählung zurückzukehren. Es handelt sich um Texte zum Geschlechterverhältnis, in denen sich die gesellschaftlichen Wertvorstellungen des 19. Jahrhunderts abbilden. Bringt man die "Moral von der Geschicht'" auf einen einfachen Nenner, so lautet dieser: Frauen dürfen nicht spröde sein und unverheiratet bleiben. Ewig nur flirten ist nicht drin, wer als Frau Single bleiben will, muß damit rechnen, in Stein verwandelt zu werden. Auch die Frauen unter den Verfassern und Verfasserinnen der Rheinsagenbücher fügten sich dieser Norm.
Friedrich Kiefer erzählt in seinen 1845 erschienenen "Die Sagen des Rheinlandes" die Geschichte mit psychologisierenden Details. Das Verhalten der Schwestern wird auf schlechte Erziehung zurückgeführt. Eine enfernte Verwandte, die die Mutterstelle vertreten sollte, hatte "mehr Eitelkeit und Gefallsucht als häusliche Tugenden in ihnen entwickelt". Die Schwestern sind "keiner sanftern Regung fähig" und werden von Kiefer als "gefühllos" und als "Frevlerinnen" bezeichnet. Als sie sich der Werbung der Ritter durch heimliche Abreise auf einem Schiff entziehen wollen, läßt der Autor die älteste eine Rede an die Freier halten: "Es ist Keiner von uns jemals in den Sinn gekommen, einen von euch allen zu lieben oder gar zum Gatten zu nehmen. Nur unsere Freiheit lieben wir, und viel zu sehr, als daß wir sie einem Manne opfern und dessen Sclavin sein mögten." (S. 141) Kein Wunder, daß das Schifflein im Sturm zerschellt. Die Felsspitzen stehen denn auch "allen Spröden zur Warnung" im Rhein.
Überdeutlich wird Autonomie und freie Entscheidung den Frauen abgesprochen. Das Strafgericht der Sage, das in anderen Sagenlandschaften ganz anderen Freveln und Normverletzungen gilt, stellt die männliche Herrschaftsordnung wieder her. Frauen müssen verfügbar sein, so könnte man auch das humoristische Gedicht von Jörg Ritzel in seinem Buch "Der lachende Rhein" von 1930 interpretieren, das mit folgendem Vers beginnt: "Laß küssen dich, Mädel, sonst holt dich der Rhein".
Es war wohl auch ein gewisses Unbehagen gegenüber den vorliegenden Gestaltungen der Jungfrauen-Story, das den Germanisten Karl Simrock in seinen "Rheinsagen" - die Erstausgabe erschien 1837 - eine augenzwinkernde Variante des Stoffs bevorzugen ließ. Wenn ein Schiff mit einer Spröden vorüber fährt, behauptet er in seinem Gedicht, würde es zerschellen. Er läßt die verschiedenen Formen der Liebe und Zuneigung Revue passieren. Es sprechen sieben Frauen: drei Ehefrauen, eine Braut, eine Ledige, die den und jenen nicht ungern sieht, eine alte Jungfer und schließlich eine zwölfjährige, die "Nachbars Gottfriedchen" heimlich geküßt hat. In einem Refrain unterstreicht der Dichter die jeweilige Aussage:
Das wollen wir hoffen, und wär es nicht wahr,
Wir alle schwebten in großer Gefahr
Eine Strophe gibt deutlich zu verstehen, daß der sexistische Spott über die "alte Jungfer", die nur ihren Mops liebt, im 19. Jahrhundert allgegenwärtig war [Anm. 5]:
"Mir alten Jungfer spricht Niemand Trost;
Doch dieses Hündchen mir freundlich kost."
Doch nicht nur Simrocks Version geht mit dem Stoff spielerisch um; auch in "Paynes Universum" von 1845 wird aus Anlaß der Erzählung der Sage in Form eines scherzhaften häuslichen Dialogs über Vor- und Nachteile der raschen Entscheidung eines jungen Mädchens für einen Mann diskutiert [Anm. 6]. Und man sollte nicht übersehen, daß Schreibers Fassung, die eben nicht das Strafgericht der Sage kennt und daher eher als schwankhafte Erzählung gelten kann, weitverbreitet war. Sicher läßt sich die Jungfrauen-Sage moralinsauer als Stück patriarchalischer Literatur verdammen, doch trifft dieses Verdikt nicht alle Versionen. Es geht nicht an, eine von den ja höchst unterschiedlichen Fassungen herauszugreifen und ihre Bedeutung als die eigentliche Bedeutung der Sage festzuschreiben.
Wenn es am Schluß der Sagenfassung von Auguste Kurs heißt: "Also künden es die Alten in jener Gegend, und beim Rauschen des Wassers horchen die Jungen auf die verklungene Mär" (S. 199), so verkleistert diese romantische Formulierung einmal mehr den literarischen Entstehungszusammenhang der "Rheinsagen". Sagen sind, so wollen es uns die Sagenbücher weismachen, volkstümlichen Ursprungs, also Volksgut, das über lange Zeit hin unverändert weitergegeben wird. Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Die Rheinsagen sind literarische Produkte des 19. Jahrhunderts, Kinder der Rheinromantik, und von einer unveränderten Tradierung kann keine Rede sein.
Was wäre die rheinische Kitschpostkarte ohne die Loreley? Ohne Zweifel ist die Sage von der schönen Jungfrau eine wahre Volkssage, da in aller Munde, doch ist sich die literaturwissenschaftliche Forschung seit langem über den rein literarischen Ursprung der volkstümlichsten Rheinsage im klaren. Erfinder der Loreley ist nicht Heinrich Heine, dessen Gedicht "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" von 1823 nur die populärste der verschiedenen Fassungen darstellt, sondern der Romantiker Clemens Brentano. Er nahm ein Lied über die Lore-Lay 1801 in seinen Roman "Godwi" auf und schuf, wie Ulrike Fuß in dem Katalog "Mythos Rhein" von 1992 schreibt, in "Ermangelung von Volkssagen ... eine Kunstsage im Volksliedton, die so eingängig war, daß sie in der Folge den Namen des Loreley-Felsens untrennbar mit der Geschichte einer tödlich-schönen Frau verband" (S. 268).
Der Fall Loreley kann durchaus verallgemeinert werden. Bei Quellenforschungen zu Rheinsagen stößt man allenthalben auf literarische Ursprünge und poetische Gestaltungen, die alles andere als "uraltes Volksgut" sind. Wie mühsam, aber auch spannend es sein kann, der Geschichte einer Sage nachzuspüren, demonstriert der 1994 erschienene Band "Die Andernacher Bäckerjungen. Hintergründe einer Sage". Die Bäckerjungen sollen durch ihr tatkräftiges Handeln Andernach vor einem feindlichen Überfall der Linzer, der mit Ereignissen des Jahres 1475 in Verbindung gebracht wird, bewahrt haben. An sie sollen die beiden Gestalten innen am Rheintor erinnern. Günter Haffke konnte folgendes ermitteln: Erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts sind die einzelnen Motive der heute populären Sagenfassung zusammengeführt worden, und zwar keineswegs vom Volksmund, sondern von Literaten wie Karl Simrock, in dessen Rheinsagen die Erzählung 1869 Eingang fand, nachdem bereits ein lokaler Autor, Wilhelm Reuter, 1855 ein Gedicht über den Stoff veröffentlicht hatte. Das seit 1950 veranstaltete Bäckerjungenfest, ein Mittelalter-Spektakel mit Festzug und Frühschoppen, das Andernachs Ruf als "Bäckerjungenstadt" begründet hat, beweist einmal mehr, daß Sagen-Marketing sich in klingender Münze auszahlen kann.
Als besondere Pointe darf gelten, daß aus der ältesten Aufzeichnung der Andernacher Bäckerjungen-Erzählung hervorgeht, daß es ursprünglich gar keine Bäckerjungen waren, die als Retter der Stadt am Rheintor dargestellt worden sein sollen. Einmal mehr erweist sich die Ansicht, daß Sagen unverändert über lange Zeiträume hinweg erzählt wurden, als romantische Mär. Niedergeschrieben hat den Text der heute fast ganz vergessene Jurist, Philosoph und Publizist Friedrich Wilhelm Carové. Er wurde im Jahr 1789 in Koblenz geboren und starb 1852 als Privatgelehrter in Heidelberg. Er war ein begeisterter Freund altdeutscher Geschichte und Kunst, aber auch aufgeschlossen für Volksüberlieferungen. Zu den "Deutschen Sagen" der Brüder Grimm lieferte er mehrere Beiträge. Im Dezember 1816 sandte er Jacob Grimm eine Sammlung von Mosel- und Rheinsagen, ein Konvolut, das im Nachlaß der Brüder Grimm in der Staatsbibliothek zu Berlin liegt.
Carové gibt in dieser Sammlung aus Andernach und Umgebung einige Volksüberlieferungen wieder, darunter auch als Nr. 67 die folgende: "Zu Andernach stehen hoch über dem inwendigen Rheinthore zwei lange Männer mit Schürtzen in Stein halbausgehauen wieder der Mauer. Das waren zwei Bierbrauer, die im Schwedenkrieg die Stadt dadurch errettet, daß sie heißes Wasser auf die Feinde herabgeschüttet" [Anm. 7]. Damit steht fest: Die derzeit älteste bekannte Aufzeichnung von Carové 1816 über die Bäckerjungensage weiß noch nichts von Bäckerjungen. Müßte eines der bekanntesten Volksfeste am Mittelrhein somit nicht eigentlich Bierbrauer-Fest heißen?
Wie im Gedicht von Reuter 1855 ist bei Carové vom Schwedenkrieg die Rede, doch anders als in der Reuterschen Fassung werfen die Retter der Stadt nicht Bienenkörbe auf die Feinde, sie schlagen sie vielmehr mit heißem Wasser in die Flucht. Als Carové die Geschichte hörte, war sie mit Sicherheit noch nicht die Andernacher Sage schlechthin, als die sie heute gilt. In einem vergessenen Prosastück "Ein Tag auf dem Stadtthurm zu Andernach", erschienen 1830 in einem Band "Moosblüthen" [Anm. 8], kam Carové auf Andernacher Traditionen zu sprechen und da erwähnt er die Bierbrauer- alias Bäckerjungensage eben nicht!
Sagen sind also alles andere als starr und unverändert tradierte Geschichten. Und wie sieht es mit ihrer Volkstümlichkeit aus? Für Christian von Stramberg war 1858 die Oberweseler Jungfrauensage eine "angebliche Volkssage". In der Mitte des letzten Jahrhunderts erschien von von Stramberg sein monumentales Sammelwerk in 39 Bänden: "Denkwürdiger und nützlicher rheinischer Antiquarius". Der unglaublich belesene Autor, eine Art verspäteter barocker Polyhistor, trug eine riesige Stoffmasse zusammen, die er weder bändigen konnte noch wollte. Stramberg schrieb für ein breites Publikum, das ihm gern seine labyrinthischen Wege, Umwege und Irrwege durch die rheinische Geschichte verzieh. Eine breite Nacherzählung der Schreiberschen Fassung der Jungfrauensage, unterbrochen von anekdotischen Abschweifungen zu kuriosen Fällen der Heiratsanbahnung in Wetzlar und Schottland, schließt Stramberg mit den Worten: "Also die jedenfalls von Nic. Vogt und Aloys Schreiber componirte Volkssage, denn wie häufig ich auch in Wesel mich aufhielt, wie andächtig im Herbst ich den Erzählungen und Gesängen der zahlreichen und emsigen Leserinen lauschte, nie habe ich von den sieben Jungfrauen auch nur ein Sterbenswörtchen gehört" (Bd. II/7, S. 290). Glaubt man Stramberg, was allerdings, wie gleich zu zeigen sein wird, nicht immer ratsam ist, so handelt es sich um eine Papiersage, die nur in den Sagenbüchern lebte und nicht im Volk.
Die von Stramberg genannten zwei Autoren haben, wenn man so will, die Rheinsage im ersten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts "erfunden": der Historiker Niklas Vogt und der zum Kreis der Heidelberger Romantiker gehörende Ästhetikprofessor Aloys Schreiber. Gemeinsam verfaßten sie 1809 das Buch "Mahlerische Ansichten des Rheins von Mainz bis Düsseldorf", in der sie eine Reihe älterer Überlieferungen erwähnten, drei Sagen aber ausführlich erzählten. Programmatisch lassen die dort verwendeten sentimentalen Motive die Richtung erkennen, in die sich die Rheinsage bewegen sollte. Charakteristisch für die meisten Rheinsagen sei, stellte Juliane Buetzler in einer einschlgigen Studie 1928 fest, die "Anknüpfung an die Ritterzeit, die sentimentale Haltung in der Ausgestaltung eines Liebesmotivs und oft eine gewisse rührselige Schauerromantik" [Anm. 9]. Als Quelle machte sie die "untere Strömung" der Unterhaltungsliteratur aus, die den Ritterroman der Aufklärung mit Romantik durchsetzt habe (S. 153). Die Rheinsage war also, könnte man formulieren, nicht nur ein Kind der Rheinromantik, sondern auch eine uneheliche Tochter der Ritterromane.
Um 1800 darf das Konzept der getreu aufzuzeichnenden "Volkssage", wie es später die Grimmsche Sammlung paradigmatisch definieren sollte, keinesfalls schon von dem im Bereich der sogenannten Trivialliteratur angesiedelten literarischen Konzept der "Sage der Vorzeit" getrennt werden. Damals waren die Ritterromane einer der beliebtesten Lesestoffe des breiten Publikums. Als Heinrich von Kleist eine Würzburger Leihbücherei besuchte, wußte man, wie er in einem Brief am 14. September 1800 notierte, keine Werke von Schiller und Goethe vorzuweisen, sondern gab auf die Frage nach dem Buchbestand die Auskunft: "Rittergeschichten, lauter Rittergeschichten, rechts die Rittergeschichten mit Gespenstern, links ohne Gespenster, nach Belieben" [Anm. 10].
Für die Abhängigkeit der Rheinsagen von der populären Ritterliteratur scheinen mir zwei Belege besonders beweiskräftig. Die 1809 von Vogt und Schreiber veröffentlichte sentimentale Erzählung von der Gisela Brömser von Rüdesheim ist, was bislang übersehen wurde, nicht das erste literarische Werk mit dieser Hauptfigur. 1789 erschien in Frankfurt und Leipzig, entnehme ich einem Werkverzeichnis im "Journal von und für Deutschland" 1792, der folgende Titel: "Giesella Brömserin von Rüdesheim, ein vaterländisches Trauerspiel von J. M. Simmler" (S. 567). Und die in Westerburg im Westerwald im 19. Jahrhundert erzählten Geschichten vom Schloßgeist Petermännchen sind sicher angeregt worden vom 1791 publizierten Ritterroman von Christian Heinrich Spieß "Das Petermännchen", in dem es um einen Schloßgeist der in der Nähe von Speyer ansässigen Adelsfamilie der Westerburge geht.
Strambergs Abneigung gegenüber "fabricirten" Rheinsagen hat ihn wohl bewogen, im Abschnitt seines Werks über Bad Ems 1853 (Bd. II,3, S. 113-128) auswärtiges Sagengut zu importieren und als einheimisches auszugeben. Es handelt sich um den Abschnitt über das Zwergengeschlecht der "Hanselmänner", für den er sich auf eine angebliche Koblenzer Quelle des 17. Jahrhunderts beruft. In Wirklichkeit schreibt er jedoch aus dem 1689 in Laibach erschienenen Werk des Freiherrn von Valvasor "Die Ehre deß Herzogthums Crain" ab. Beispielsweise bezieht sich der angebliche Emser Brauch, den Hanselmännern täglich ein Töpflein mit Speise und jährlich ein rotes Röcklein zukommen zu lassen, in Wirklichkeit, auf das slowenische Idria. Nicht von ungefähr finden sich Vorlagen Strambergs auch in den "Deutschen Sagen" der Brüder Grimm. So hatten Volkssagen nach Ansicht Strambergs nun einmal auszusehen! Bei der Verwertung von Strambergs Sagentexten ist somit größte Vorsicht geboten, nachdem sich die Bad Emser Hanselmann-Folklore in Wirklichkeit als "Fakelore" (Dorson) [Anm. 11], als Fälschungen Strambergs, herausgestellt haben.
Strambergs Beteuerung, er habe in Oberwesel nie von den Jungfrauen gehört, sollte trotzdem nicht einfach zur Seite gewischt werden. Vielleicht war die Geschichte außerhalb der Kreise der Schiffer, die sie ihren Passagieren erzählten, tatsächlich nicht besonders populär. Und die Schiffer wußten, welche Art von Stories ihre rheinbegeisterten Kunden, an erster Stelle natürlich die Engländer, liebten: romantische Rittergeschichten aus dem Mittelalter, die sich an die pittoresken Burgen und Schlösser knüpften. "Dem Reisenden", schrieb Aloys Schreiber 1812 in seiner "Anleitung, den Rhein ... zu bereisen" über die rheinischen Burgensagen, "sind solche Sagen immer willkommen. An Ort und Stelle erregen und beschäftigen sie die Phantasie auf angenehme Weise und das Leben der Vergangenheit bildet sich wieder auf den Trümmern, die so bedeutsam daliegen" (S. 279f.). Über die Erzählungen der Schiffer unterrichtet eine Passage in Niklas Vogts "Ansichten des Rheins" von 1804: "Die vielen Geschichtchen und Sagen der Vorzeit, welche an alle diese so schnell vorübergehenden Gegenstände der Natur und Kunst gebunden sind, und die jeder Schiffer in seiner traulichen Manier erzählen kann, machen alles noch interessanter. Da hörst du bald von den Thaten eines Hans Brömser von Rüdesheim; bald von den Visionen einer begeisterten Hildegard zu Bingen; bald von dem Erzbischof Hatto, welchen die Mäuse auf dem Thurme gefressen haben [...] und bald von den Gespenstern in den alten Burgen"(Bd. 1, S. 150). Wenn die Schiffer tatsächlich von den Visionen Hildegards erzählt haben, dann haben sie Bildungsgut vermittelt und kein Volksgut! Im übrigen hatten sie ganz handfeste Interessen, wenn sie bei Oberwesel auf die Erlösung der Jungfrauen drängten. In den gelehrten Anmerkungen seiner 1828 erschienenen Reiseidylle in sechs Gesängen "Das Rheinthal" notierte der Mainzer Gymnasialprofessor Georg Christian Braun dazu: "Die Jungfraun, mehrere bei einander liegende Felsen gleich an der Thalspitze des Taubenwörths rechts, sind besonders bei einem aus dem Wesler Thale hervorbrechenden Windstoß, ebenso wie die dabei liegende Feuerpfanne den Schiffern oft gefährlich. Ihre Sprenung versichern Kundige, sey sehr leicht. Vielleicht wird noch die Weißagung wahr, daß ein Fürst diese 7 Felsen, die einst hartherzige Jungfrauen gewesen, aus ihrem Lager hebt und ihre Steine zu einer Kapelle weiht, wodurch sie wieder der Felsenrinde entledigt würden. Wäre es aus Marmor, so könnte ein Bildner ihnen die bezaubernde Schönheit und das Leben wieder einhauchen." (S. 272).
Die Bedeutung der englischen Reisenden für die Entstehung der Rheinromantik darf nicht unterschätzt werden [Anm. 12]. In einem satirischen Manuskript mit dem Titel "Die Engländer am Rhein" aus dem Jahr 1846 machte sich Hoffmann von Fallersleben über ihr skurriles Gebaren lustig. Die Strophe über die populärste Überlieferung am Mittelrhein, nämlich die auch von Vogt erwähnte Geschichte, daß Bischof Hatto im Mäuseturm bei Bingen von den Mäusen gefressen worden sei, läßt erkennen, daß man sich auf die besonderen Vorlieben der englischen Gäste clever einzustellen wußte [Anm. 13]:
Mr. Watergruel geht lustwandeln am Rhein.
Da trägt ein weißes Mäuselein
Ein Knab' in einem Bauer zur Schau.
Der Master sieht es sich an gar genau.
Er hat in seinem John Murray gelesen,
Daß die Hattos=Mäuse weiß sind gewesen.
"Ist das eine Maus, die den Hatto biß?"
Der Knabe nickt mit dem Kopf: Ganz gewiß!
Mylord, 30 Kreuzer - 's Thier ist gar nett. -
Da kauft sie der Master für sein Cabinet.
Nachdem im 18. Jahrhundert die Schauer-Romantik in England hoch im Kurs stand, verlangten die englischen Reisenden am Rhein nach schaurigen Rittergeschichten, und sie werden sie bekommen haben. Die Rheinsage wäre somit die Antwort geschäftstüchtiger Rheinländer auf die englische Rheinromantik. Vielleicht kam irgendwann einmal am Anfang des 19. Jahrhunderts ein Schiffer bei Niedrigwasser auf die Idee, den nach einer Erklärung verlangenden Reisenden die Geschichte von den spröden Jungfrauen auf Schloß Schönburg zu erzählen. Das ist natürlich nur meine Phantasie, denn es könnte ja auch ganz anders gewesen sein, aber was wäre die Rheinsage ohne die Macht der Phantasie?
Anmerkungen
[1] Ludwig Richter, Lebenserinnerungen eines deutschen Malers, 5. Aufl., 1887, Auszüge aus den Jugendtagebüchern, S. 34. [zurück]
[2] Deutsche Sagen herausgegeben von den Brüdern Grimm, ediert von Heinz Rölleke, 1999, S. 389. Zum methodischen Hintergrund meiner Ausführungen vgl. ausführlicher Klaus Graf, Sagen - Kritische Gedanken zu Erzählungen aus dem Kirchheimer Raum, Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck 22 (1998), S. 143-164 und im Internet. [zurück]
[3] Ich stütze mich im folgenden weitgehend auf Materialien, die mir Herr Wilhelm Herrmann dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat. Nachweise, die in der unten abgedruckten poetischen Anthologie enthalten sind, lasse ich hier weg. [zurück]
[4] Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Bd. 3, bearb. von Frauke Bartelt/Alberto Destro, Hamburg 1992, S. 44. [zurück]
[5] Vgl. Katrin Baumgarten, Hagestolz und alte Jungfer, 1997. Als regionale Quelle aus der Zeit um 1800 kann ein Gedicht von K. Hadermann "Die alte Jungfer" im Rheinischen Archiv 6 (1811), S. 279-281 dienen. [zurück]
[6] Kopien der Seiten 42 und 43 des von ihm ohne Titelblatt erworbenen Werks überließ mir Wilhelm Herrmann. [zurück]
[7] Ausgabe von Leander Petzoldt, Rheinisch-westfälische Zs. für Volkskunde 42 (1997), S. 182. [zurück]
[8] Der Text ist mit einer biographischen Einleitung im Internet wiederveröffentlicht worden: Text [zurück]
[9] Zs. des Vereins für rheinische und westfälische Volkskunde 25 (1928), S. 161. [zurück]
[10] Sämtliche Werke und Briefe, hrsg. von Helmut Sembdner, 8. Aufl., Bd. 2, 1985, S. 563. [zurück]
[11] Vgl. Richard M. Dorson, Fakelore, Enzyklopädie des Märchens 4 (1984), Sp. 800-802. [zurück]
[12] Anders Gisela Dischner, Ursprünge der Rheinromantik in England, 1972, S. 3. [zurück]
[13] Joseph A. Kruse, "Die Engländer am Rhein", Heine-Jb. 25 (1986), S. 161. Zum Stoff vgl. Hans-Jörg Uther, Enzyklopädie des Märchens Bd. 9, Lief. 1, 1997, Sp. 445-450. Zu den reisenden Engländern vgl. Cornelius Neutsch, Reisen um 1800, 1990, S. 225-229. [zurück]