Eine poetische Anthologie von Gedichten und Prosatexten zur Geschichte einer Rheinsage von 1811 bis 1928
Zusammengestellt von Klaus Graf 1999
Niklas Vogt 1811 und 1821 Achim von Arnim 1812/13 Georg Christian Braun 1814 Aloys Schreiber 1818 Karl Geib 1828 Adelheid von Stolterfoth 1835 Karl Simrock 1837 Aloys Henninger 1845 Wolfgang Müller von Königswinter 1851 Ludwig Bechstein 1852 Jörg Ritzel 1928 ***Da, wo bei Oberwesel sich der Rhein in den finstern Gebirgsschlund krümmt, liegen über und unter seinem Wasser sieben größere und kleinere Felsenstüke. Sie sollen ehemals s i e b e n J u n g f r a u e n gewesen seyn, welche eben so schön als spröde waren. Die Ritter in der Nähe und Ferne kamen zu ihrem Schlosse S c h ö n b e r g bei Wesel. Sie härmten sich und quälten sich von Liebe entbrannt; aber keinem konnte es gelingen, das Herz einer davon zu rühren. Da wurde über sie das Urtheil gesprochen, daß sie so lange als Felsen in dem Rhein liegen sollten, bis sie ein Fürst heraustragen und von ihnen eine Kirche bauen würde. Bei stillem Wetter und dem Rieseln des Flusses will man sie zuweilen klagen hören; aber bis izt hat sich noch nicht der Fürst gefunden, welcher sie erlösen wollte.Niklas Vogt
XXVI. Die sieben Jungfrauen bei Wesel
Niklas Vogt: Die Bildergallerie des Rheins, in: Rheinisches Archiv für Geschichte und Litteratur, hrsg. von N[iklas]. Vogt und J[ohannes]. Weitzel Bd. 5 Heft 5, Mainz 1811, S. 53-79, hier S. 68-69. Auch anonym in: Idunna und Hermode. Eine Alterthumszeitung 1 (1812), S. 191 vom 28.11.1812 als Wiederabdruck aus dem "ersten Heft der zu Leipzig erscheinenden allgemeinen Weltchronik" (S. 171) mit dem Zusatz am Anfang: "Eine Sage für den Pinsel eines Ovids!" und nach der Erwähnung des Urteils: "(von welchem Gott oder Geist? schweigt die Sage hierüber?)".
***G[eorg]. C[hristian]. Braun: Bilder der Natur und des Menschenlebens, Wiesbaden 1821, S. 270-275 (im Inhaltsverzeichnis mit der Jahreszahl 1814 versehen). Leicht verändert wiederabgedruckt: Alois Henninger: Nassau in seinen Sagen, Geschichten und Liedern fremder und eigner Dichtung, Bd. 2: Der Rhein und das Rheingebirge, Wiesbaden 1845, S. 184-188Niklas Vogt
Die sieben Jungfrauen bei Wesel "Dir heil'ge Jungfrau! Dir allein Vertrau ich meine Klagen. Nein, länger kann ich nicht die Pein Der Liebe mehr ertragen. Das Herz mir in dem Busen pocht, Das Blut mir in den Adern kocht. Hilf mir der Flammen wehren, Die mir das Mark verzehren. "Dort über Wesel's grauen Höh'n, In Schönbergs stolzen Sälen [Vorlage: Säulen]*), Regieren sieben Jungfrau'n schön, Nur mein Geschlecht zu quälen; Ihr Anblik ist ein Maientag, Und Niemand widerstehen mag, Wenn ihre Augen schmelzen; Doch sind sie hart, wie Felsen. _______ *) Das Schloß Schönberg bei Oberwesel. "Viel Herren und Ritter mit Gefahr Sind schon hinauf geritten, Und boten ihre Herzen dar In Zucht und edlen Sitten. Die Jungfrau'n zogen jeden Mann Durch ihre Buhlerkünste an. Doch keinem konnt's gelingen Ihr kaltes Herz zu zwingen. "Auch mir hat ihrer Schönheit Glanz Verstand und Aug' geblendet; Drum hab' ich im Vertrauen ganz Zu dir mich hingewendet: Befreie mich von dieser Schmach, Die ich nicht länger dulden mag, Du bist ja mit Erbarmen Die Mutter aller Armen." So klagte Ritter Willibald An einem Marienbilde, Was nah am Rhein den Felsenspalt Gar wunderbar erfüllte. Und als er so gar tief bewegt Die Hände auf die Brust gelegt, Hört er in Lurleys *) Hallen Von fern Musik erschallen. Von Wesel's Ufern abgeführt, Kam her ein Schiff geschwommen; Mit Laub und Blumen schön geziert, Sah man es glänzend kommen; _______ *) Ein Felsen mit Echo bei St. Goar. Und von dem goldnen Verdek Erhoben sich mit Rittern kek Die sieben der Jungfrauen Gar lieblich anzuschauen. Mit gleichem Schlage rauschten vorn Der Ruder blanke Späne; Und zwischen ihnen schallen Horn- Und süßer Flöten-Töne; Und wenn's den Jungfrau'n wohlgefiel, Ergriffen sie ihr Saitenspiel, Und sangen Liebes-Lieder, Es hallt der Lurley wieder. Und als die Schatten in dem Thal Die Tageswärme kühlten, Und auf dem flüssigen Kristall Die Abendlüftchen spielten, Verließen sie das Goldverdek; Und sprangen auf ein Felsenek, Des Kleids sich zu entladen, Und in dem Rhein zu baden. Von ihren Körpern strahlte Lust, Als sie die schönen Glieder Vom Gürtel lößten, und die Brust Schwoll wallend auf und nieder. Und wie das reinste Elfenbein Sah man jetzt aus dem dunkeln Rhein Sich rosig und voll Leben Die schönsten Formen heben. Als so sich auf der Felsenbucht Der Mädchen Leib enthüllte, Erhobe Willibald mit Zucht Die Hände zu dem Bilde, Und fleht der frechen Schaar zum Truz Der heil'gen Jungfrau mächt'gen Schuz, Daß sie gen die Gefahren Ihn ferne mögt' bewahren. Indeß die Mädchen mit Gefahr Geklammert an den Nachen Si[ch] tiefer wagten und sogar Den frommen Mann verlachen, Bewegt' sich das Marienbild Und neigte sich gar gut und mild Zum Ritter an dem Orte, Und sprach die Schreckensworte: "Nicht länger soll der freche Hohn Der eiteln Weiber glüken. Sie sollen keinen Erdensohn In Zukunft mehr berüken, Sie mögen liegen hart wie Stein, Bis sie zu tragen aus dem Rhein Ein Fürst sich wird getrauen, Um eine Kirch zu bauen." Auf diese Rede stieß der Kahn Schnell ab auf einen Felsen, Die Bretter krachten, drauf und dran Sich Wellen schäumend wälzen, Das Schiff borst in der Mitt' entzwei Und bei dem tiefen Lureley Versanken in den Wellen Die Jungfrau'n und Gesellen. Gleich wurzelten am Felsengrund Die schönen weisen Glieder; Sie sanken, sonst so weich und rund, Erstarrt und ekig nieder; Und ihre Busen voll und zart Versteinerten sich rauh und hart. Sie strozten aus dem Rheine Als sieben kalte Steine. Nur wenn der stille Abendstern Nach schwülen Sommertagen Am Himmel glänzt, hört man noch fern Und leise ihre Klagen; Doch bleiben sie gar jämmerlich Kalt und versteint; denn noch hat sich Kein Fürstensohn gefunden, Der sie hätt' losgebunden. Rheinisches Archiv für Geschichte und Litteratur, hrsg. von N. Vogt und J. Weitzel Bd. 6 Heft 9, Mainz 1811, S. 5-9 ***Niklas Vogt
Die sieben Jungfrauen Was seufzet dort vom tiefen Rhein Herauf, gleich Aeolsharfen? Von sieben Köpfen hat's den Schein, Grau in Gespensterlarven? Es ist ein weiblich Strafgericht, Doch, gute Mädchen! zaget nicht, Und hört davon die Mähre, Zur Warnung euch und Lehre: Dort über Wesel's grünen Höh'n In Schönbergs stolzen Sälen, Regierten sieben Jungfrau'n schön, Das Mannsgeschlecht zu quälen. Ihr Anblick war ein Maientag, Und Niemand widerstehen mag, Wenn ihre Augen schmelzen; Doch sind sie hart, wie Felsen. Schon mancher Fürst und Ritter war Hinauf zur Burg geritten, Und bot sein Herz den Fräulein dar In Zucht und edlen Sitten; Sie zogen jeden Mann Durch ihre Buhlerkünste an, Doch Keinem konnt's gelingen, Ihr stolzes Herz zu zwingen. Oft haben sie, von Lust verführt, Die Rheinfahrt unternommen, Mit Laub und Blumen schön geziert, Kam her ihr Kahn geschwommen, Und von dem goldnen Schiffe stralt, Wie auf das Wasser hingemalt, Das Bild der sieben Frauen Gar lieblich anzuschauen. Mit gleichem Schlage rauschten vorn Der Ruder blanke Späne, Und zwischen ihnen schallten Horn- Und süsser Flöten-Töne; Und wenn's den Fräulein wohl gefiel, Ergriffen sie ihr Saitenspiel, Und sangen Minnelieder, Süss hallt's im Lurley wieder. Und als die Schatten in dem Thal Des Tages Hitze kühlten, Und auf dem flüssigen Kristall Die Abendlüftchen spielten, Verliessen sie das Goldverdeck Und sprangen auf ein Felseneck, Des Kleids sich zu entladen, Und in dem Rhein zu baden. Von ihren Körpern stralte Lust, Als sie die schönen Glieder Vom Gürtel lössten, und die Brust Schwoll wallend auf nieder; Und wie das reinste Elfenbein Sah' man jetzt aus dem dunkeln Rhein Sich rosig und voll Leben Die schönsten Formen heben. Da so sich in der Felsenbucht Der Mädchen Leib enthüllte, Schlich mancher Ritter her zur Schlucht, Entzückt vom schönen Bilde, Und schielte hinter Strauch und Stein Hervor, wenn in dem klaren Rhein Die Mädchen plätschernd spielten Und ihre Glieder kühlten. So kam auch Ritter Eberhard, Gelockt von süssem Triebe, Er wünschte nur mit Zucht gepaart Der Mädchen Gegenliebe. Doch da er jetzt dem Ufer nah Der Fräulein freche Nacktheit sah, Wand er hinweg die Blicke, Und trat beschämt zurücke. Da kam ihm heilig die Gestalt Vom Mutter Gottes Bilde Entgegen, was den Felsenspalt Gar wunderlich erfüllte. Sie schien, obwohl den Schönsten gleich, So jungfräulich, so liebereich, Und trug mit Freud und Schmerzen Ihr göttlich Kind am Herzen. Als Eberhard das Gnadenbild Im heil'gen Schein gesehen, Ward seine Brust mit Scham erfüllt, Er hob so an zu flehen: "O heil'ge Jungfrau! leih' zum Trutz Der frechen Schaar mir deinen Schutz, Daß ich gen die Gefahren Mich ferner mögt' bewahren." "Auch mir hat ihrer Schönheit Glanz Verstand und Aug' geblendet; Drum hab ich im Vertrauen ganz Zu dir mich hingewendet. Befreie mich von dieser Schmach, Die ich nicht länger dulden mag; Du bist ja mit Erbarmen, Die Mutter aller Armen." Als so der Ritter fromm und wahr Der heil'gen Jungfrau klagte, Indess der Mädchen kecke Schaar Sich tief ins Wasser wagte, Bewegt' sich das Marienbild Und neigte sich gar gut und mild Zum Ritter an dem Orte, Und sprach die Schreckensworte: "Nicht länger soll der freche Hohn Den eitlen Mädchen glücken, Sie sollen keinen Erdensohn In Zukunft mehr berücken, Sie mögen liegen, hart wie Stein, Bis sie zu tragen aus dem Rhein Ein Fürst sich wird getrauen, Um eine Kirch' zu bauen." Auf diese Rede stieß der Kahn Schnell ab auf einen Felsen; Die Bretter krachten, drauf und dran Sich Wellen schäumend wälzen. Das Schiff borst in der Mitt' entzwei Und von dem hohen Lureley, Rollt' vieler Steine Plunder Wie Donnerschlag herunter. Gleich wurzelten am Felsengrund Die schönen weissen Glieder; Sie sanken, sonst so weich und rund, Erstarrt und eckig nieder; Und ihre Busen voll und zart Versteinerten sich rauh und hart; Sie strotzten aus dem Rheine Als sieben kalte Steine. Nur wenn der stille Abendstern Nach schwülen Sommertagen Am Himmel glänzt, hört man noch fern Und leise ihre Klagen. Doch bleiben sie gar jämmerlich Kalt und erstarrt; denn noch hat sich Kein Fürstensohn gefunden, Der sie hätt' losgebunden. Rheinische Bilder, hrsg. von Nicolaus Vogt, Frankfurt am Main 1821 ***Achim von Arnim
Der Pfalzgraf und die sieben Jungfern-Leien bei Oberwesel Auf einem Felsensteine Steht, wie ein Körnlein Salz, So eckig weiß im Rheine, Ein Schloß, das heißt die Pfalz, Und rings in dem Kessel von Felsen Da wirbelt die Flut noch am Grund; Ich rat es euch Wagehälsen, Verbrennet euch nicht den Mund, Es glänzen da sieben Türme Von sieben Strudeln bewacht, Und wie der Feind sie stürme, Der alte Türmer lacht; Die alten Salme lauern Auf frischer Helden Mut, Und wenn die Bräute trauern, Da füttern sie ihre Brut. Wenn sich ein Schiffer will retten, Dann wirft der Türmer fromm Ums Schiff die stärksten Ketten, Daß er hinüber komm, Und zeigt ihm da die Türe, Doch wer nicht fliegen kann, Der braucht der Leitern viere, Eh er zur Tür hinan. Und ist er eingetreten, Da stehn vier eiserne Mann, Die stechen, eh er kann beten, Hält sie der Türmer nicht an; Sie scheuen keinen Degen Und haben doch kein Herz, Stahlfedern sie bewegen, Sie sind gegossen aus Erz. Und ist er da vorüber Im grünen ummauerten Platz, Der wird unendlich lieber Bei einem Herzensschatz; Da fließt ein Brünnlein helle, Das wie ein Silber rein, Wie auch der Rhein anschwelle Von irdisch gelbem Schein. Der Blumen stehen da viele Am schwarzen Gemäuer entlang Und eine kleine Mühle Steht mitten in dem Gang; Da sitzet auf einem Löwen Des letzten Grafen Sohn, An solchen gefährlichen Höfen Ist das der sicherste Thron. Die Zimmer des Schlosses sind enge, Gewölbt von schimmerndem Stein, Und reiches Silbergepränge Behängt sie mit flammendem Schein Da glänzen des Hauses Schätze, In stiller Sicherheit, Des Hauses Schwerter ich wetze Im Rüstsaal von Zeit zu Zeit. Ich sag ihm von Vater und Mutter Und von des Unsterns Nacht, Das ist ein Helden-Futter Das nährt des Herzens Macht, Da sieht er in die Schrecken Wie in Alltäglichkeit, Und läßt sich nimmer necken Von falscher Sorglichkeit Die Mutter hatte erwählet Das Schloß zum Wochenbett, Es war ihr Herz gequälet Von einer Hexe Gespött, Die hatte ihr verkündet, Eh sie zu Kaub verbrannt; Das Kind, was dich geründet, Das fällt in fremde Hand. Die Schmerzen das Kind entdecken, Die Gräfin weint in der Nacht, Sie mag den Grafen nicht wecken, Der müd von der Bärenjagd: Der Gräfin nahen die Wehen, Sie läufet zum Brunnen im Schloß Sie möchte den Himmel noch sehen Und siehet der Hölle Genoß. Die Höll hat den Stern geboren, Gestaltet wie ein Schwert, Die Gräfin hat Blumen erkoren, Die sie mit Tränen genährt; Ein Unstern schlägt viel Wunden Eh er das Schwert eingesteckt, Die Gräfin hat Kränze gewunden Und also den Grafen erweckt. Zur Jungfrau von Bornhofen Zieh heute, ich fürchte den Stern Zu ihr ist all mein Hoffen, Ich bet zu ihr so gern, Ich trag ihr Bild im Herzen, Sie schützt mein Kindlein klein, Und deine Augen sind Kerzen, Ihr brennend zum Ehrenschein. Sie setzt dem Grafen die Kränze, Es waren sieben aufs Haupt, Auf daß er herrlich drin glänze, Das war ihr nicht erlaubt; Denn was zu der Jungfrau Ehren, Das bleibe auch ihr allein, Wie kann sie Bitten gewähren Um Opfer, die nicht rein. Ach welch ein bittres Leiden Wenn von dem Herren die Frau In Kindesnöten soll scheiden, Ob sie ihn wiederschau. Er läßt sich herab zum Nachen Und führt ihn ganz allein, Wo sich die Wellen brachen, Da kennt er jeden Stein; Er freuet sich der Fluten Er schlägt sie mit starker Hand Mit Rudern wie mit Ruten Sie spiegeln des Unsterns Brand. Er kennet den Ruf der Schlösser Der Türmer Losungsgeschrei, Die nächtlichen Feuer der Flößer, Der Unstern ist ihm neu, Ihn freuet des Sternes Gepränge Der Pilger Singen am Strand, Es sind ihm freudige Klänge Was Furcht zum Himmel gesandt. Denn überall am Rheine Verkünden das Ende der Welt Die falschen Propheten beim Weine Und keinem das Scheiden gefällt; Oh Nacht vorm jüngsten Tage Wie wirst du zugebracht? Die meisten erschreckt die Sage, Der Pfalzgraf sie verlacht Er ist so sicher in Kräften, So herrlich von Angesicht So glücklich in allen Geschäften, Des Flammensterns achtet er nicht. Frech blickt er nach jener Auen, Da stand ein heiliges Haus Wo jetzt die Vögel bauen Und singen zu Gott heraus, Auf jenem Taubenwörthe Das Turteltäubelein lacht, Vor Zeiten der Schiffer hörte, Die Nonnen in dunkler Nacht. Die Nonnen vorm jüngsten Tage Erschrecken im heiligen Haus, Die Gitter sind ihnen zur Plage, Sie laufen alle hinaus; Sie meinen im großen Lärmen, Da hör es nicht der Herr, Was sie noch sündgen und schwärmen Und ihnen den Himmel aufsperr. Weil seicht die Ufer dort waren, Sie warfen sich in den Rhein Sie sahen ein Schifflein fahren Der Pfalzgraf saß darein Sie sprangen ihm wie Syrenen Rings um des Schiffes Rand, Sie sahen den kräftig Schönen, Sein Ruder stille stand. Er könnte wohl noch entfliehen, Doch fehlt ihm jetzt die Kraft, Es sind die Nonnen sieben, Er ist in ihrer Haft: Käth, Lise, Lore, Anne Madlene, Gertrud, Fränz, Sie bitten bei dem Manne Um der Gräfin schöne Kränz. "Der Jungfrau soll ich sie bringen, Sie sind euch alle zu groß Ihr dürft sie doch nicht schwingen, Ihr seid zu nackt und bloß!" - "Wir dürfen sie heut wohl schwingen Wir dürfen dich küssen dafür, Kein Bischof kann mehr uns bezwingen, Weil jüngster Tag vor der Tür." Der Pfalzgraf wollt sie doch sehen, Da ging er ach sechs mal so schnell, Sein Herz und das Ruder blieb stehen, Der Unstern schien so hell Sie traten so künstlich das Wasser Und schwankten mit ihrer Brust, Es schien der Mond viel blasser. Die Sterne blinzelten Lust. Sie stacken mit ihren Händen Die sieben Kränze ihm ab, Dies Ringelrennen wird enden In einem dunklen Grab. Er gab da sieben Küsse Und tat es dann jeder kund: "Ach daß ich stets vermisse Der Gräfin roten Mund." "Fein Gold ist ein Kuss der Reinen Wie bleibeschwert euer Kuss O möchtet ihr ersteinen Daß jeder euch fliehen muß Daß alle Schiffer schreien, Die euch von fern erblickt, Da sind die sieben Leien Die unsern Grafen berückt." Die wilden Mädchen weinen, Als er sie so verflucht, Und in dem Schmerz versteinen, Wo sie den Grafen versucht; Er wollt sie nicht mehr sehen Und schaut sich nicht mehr um, Die Jungfer Leien noch stehen Bei Wesel im Kreis herum. Er kommt in bitterm Zürnen Zum Muttergottesbild, Sie liest auf seiner Stirnen, Was ihm im Herzen schilt, Ihn reut, daß er geküsset Die sieben schnöden Weib, Da er nun eingebüßet, Die Kränze im Zeitvertreib. Die Heilige wendet die Augen Und sieht ihn gar nicht an, Er will Verstellung brauchen, Da frägt sie den trotzigen Mann; "Wo sind die Kränze geblieben, Die deine Frau mir verehrt, Es waren der Kränze sieben, Womit sie dein Haupt hat beschwert" "Ich ließ die Kränze fallen Aus Schrecken in den Rhein, Wo seine Wasser wallen, Wie erster junger Wein!" "Du hast mir Lügen vertrauet, Dein Weib hat alles geklagt, Sie hat schon vom Himmel geschauet Als du die Kränze verbracht." - Ich stand an wilden Bächen Die stürzten in den Rhein, Die Ruder ihm zerbrechen, Bei heller Blitze Schein; Was hält den armen Ritter Hier mitten in dem Rhein, Daß seines Nachens Splitter Zerspringen am Felsenstein? Es sind die sieben Frauen Die er geküsset im Rhein, Ihr könnet sie noch schauen Bei niederem Wasser als Stein. Es halten ihn ihre Arme Noch in dem Sturme fest, Ach daß sich Gott erbarme Da ihn sein Mut verläßt; Die Ruder sind gebrochen Jetzt rudert er mit dem Schwert, Nun hat er das Herz sich zerstochen, Es war ihm grambeschwert. Es wollte sich verbergen Der Unstern in dem Rhein Ich stand auf hohen Bergen Ich sah, er fiel hinein. Er löschte in den Fluten Wie eine Kohle aus, Da schien der Rhein zu bluten Es brannte das heilge Haus. Und bis aus den sieben Leien Ein Kirchlein dem Herrn erbaut, Da muß dem Verderben sich weihen Der Schiffer, der ihnen vertraut. Die Reichen bauen Paläste Und bauen dem Herren kein Haus, Und wären doch gerne Gäste Beim ewigen Lebensschmaus. Heute denk ich selbst der Lehre, Wie oft hab ich gefehlt, Oft dacht ich an Gottes Ehre Hab meine Freuden erzählt; Wollt oft im frommen Liede Zur Kirche ihm bauen mein Herz. Und ward des Ernstes müde, Sang lauter Buhlenscherz. Achim von Arnim: Gedichte, hrsg von Ulfert Ricklefs, Frankfurt am Main 1994, S. 821-830 [aus dem Manuskript zur "Päpstin Johanna" 1812/13] ***Georg Christian Braun
Die sieben Jungfraun (b e y W e s e l a m R h e i n.) Was seufzet und klaget den Felsen entlang? Vernehmt ihr der sieben Jungfraun Gesang, Die ihr Leben im Felsen betrauern? Dort starren sie öd' aus der schäumenden Flut; Doch beseelte sie wieder lebendige Gluth, Dann möcht' ich am Ufer nicht weilen. Versteht ihr die Töne nicht, Mädchen am Rhein, Ich will sie euch deuten; drum horchet mir fein; Drey Dingen soll Feuer nicht fehlen: Dem Sänger des Liedes, dem Mädchen, dem Wein, Die müssen so warm, wie die Sonne, mir seyn, Sonst mag ich keins von den dreyen. "Wir, (singen die Jungfrauen) wir waren einst schön, Und schlank, wie die Tannen, die luftigen, stehn, Doch was kein Mädchen soll wissen, Entdeckte der lockende Spiegel uns bald; Wir liebten uns selbst nur, das Herz bleibt kalt, Wenn es nicht im verwandten sich spiegelt. Wir schwammen alltäglich herunter die Flut An's Felsengestade, zu kühlen die Glut Im blaue, im welligen Rheine. Den Nachen umtönete Flötengesang, Die Ufer horchten dem wonnigen Klang, Durch Büsche schwoll süßes Geflüster. Geschmückt mit Rosen war Wimpel und Baum, Den Nachen umküßte der schneeige Schaum, Und Weste durchspielten das Segel, Durchspielten die Locken uns, weheten kühl Um die Wangen und weckten zu Liebesgefühl, Doch Liebesgefühl nicht erwachte. Da wo der Schatten vom felsigen Hang Die grünlichen Fluthen so traulich und bang Umdämmert, da gleitet der Nachen Hinab in die heilig verschleierte Nacht, Und Echo in hohlen Geklüften erwacht Von Jubelgesang und Geflöte. Nun stand der Nachen an felsiger Wand, Und jeglicher Schulter entsank das Gewand, Und im Spiegel der lautheren Fluthen Erblickte sich jede und nickte sich froh Entgegen; die Scheu', ach! die sittsame, floh, Dem Bord entquollen Gestalten. Und wie in den Fluten der blendende Schwan Hoch steigt aus dem Bade der Wellen heran, Den Hals noch stolzer erhebend: So plätscherten wir um den Felsen im Sprung, Und träufelnd erhob uns der üppige Schwung, Auf's glatte Felsengestade. So höhnten wir täglich mit grausamem Spiel Der Jünglinge Augen und weiches Gefühl, Wohl mancher starb an den Quaalen: Er sah sich zu Tode, kam täglich zum Bann, Und wann wieder ein rosiger Morgen begann, Sah man nicht mehr den Rosigen stehen. So zählten wir viele der Opfer; doch, ach! Ein strafender Rächer der Liebe ist wach! Einst kam auch ein Jüngling gezogen, Gelockt von der Kunde: o seht ihr ihn dort, Den Braungelockten, er mag nicht mehr fort, Möcht' ewig am Ufer verweilen! Er sendet herüber den sehnenden Blick, Und segnet und klaget zugleich sein Geschick: "O ist denn von allen nicht Eine, Der ein Herz im Busen, ein menschliches, schlägt, Das des Liebenden Jünglings Quaal nicht erträgt, Der nur schauen darf, ach, und nicht lieben!" Hinüber! Dir, Rheingott, dir will ich vertraun, Und sterb ich, so sterb' ich in seligem Schaun: Hinüber, hinüber, ihr Arme! Wenn schwellende Flut um den Busen mir wallt, So denk' ich, berührt hat sie eure Gesalt, Die Well' ist mir Brücke der Liebe!" "Ha! scholls ihm entgegen mit lachendem Spott: Dort stehet die Reine, die einstens den Gott Am liebenden Busen getragen. Beweget dein Flehen ihr steinernes Bild, Dann wenden auch unsere Herzen sich mild Zu deinen unmännlichen Klagen." Zur Reinen erhebet im Zorn sein Gesicht Der Jüngling: "Vernahmst du die Lästerung nicht, Kannst du die Verwegenen schauen? Dich fleh' ich um Rache, du selbst bist geschmäht, O höre den Beter, der gläubig dir fleht, Du Reinste, du Krone der Frauen! Darf Sterbliches Ewiges höhnen? O nein, Du kannst nicht die Himmelskönigin seyn, Gewährst du dem Jüngling nicht Rache!" Da nickte das Bild, und es schauert uns kalt Durch alle Adern, Maria's Gestalt Erhub sich vom felsigen Sitze. Die Stirne, der Seligkeit wonniges Bild, Bewölkte sich düster, das Auge so mild, Schoß tödlichen Ernst uns herüber; Und dumpf und langsam begann sie: "Seyd Stein, Ihr steinernen Herzen; das sollet ihr seyn, Bis ein Fürst der Schmach euch entbinde: Starrt warnend aus rieselnder Fluth, unbewegt, Bis ein Fürst aus der felsigen Wurzel euch trägt, Und euch zur Kapelle mir weihe." Wir ringen in Angst uns zusammen, es faßt Die Schwester die Schwester in bänglicher Hast, Und umarmet starrenden Felsen. Wann wird er doch kommen, der Retter? Er lebt Wohl schwerlich, der bald uns dem Lager enthebt, Die Warnung soll länger noch währen: Denn immer noch, wenn es auch seltner mag seyn, Soll's Mädchen geben, noch kälter als Stein; Wie lang soll das mit uns so währen!" Drum merkt's euch, ihr Mädchen, besonders am Rhein, Seid lauter und feurig zugleich, wie der Wein, Dann wird's auch am Dichter nicht fehlen: Er trinket den einen und schauet euch tief Ins Auge, und mancher Gedanke, der schlief, Erwacht zum lebendigen Klange.
***Von einem Berge hinter Wesel blickt die Burg Schönberg still und einsam in den Rhein herab. Hier lebten einst sieben Schwestern, welche man die sieben schönen Gräfinnen nannte. Der Ruf ihrer Schönheit verbreitete sich allenthalben, und aus der Nähe und Ferne strömten edle Jünglinge herbey, um sie zu sehen. Wer sie aber sah, der mußte auch einer von ihnen sein Herz lassen, und so geschah es, daß auf Schönberg die Freyer aus und einzogen, wie bey einem stattlichen Hoflager. Die sieben Schwestern hatten ihr Wohlgefallen an den Bewerbungen der vielen stattlichen Ritter, denn es war dabey so heiter und lebendig auf dem Schlosse, daß sie sich kein schönres Leben wünschen mochten. Die halben Nächte hindurch hatten sie einander zu erzählen, was ihnen des Tags über begegnet war, denn jede hatte ihre eignen, neckischen Einfälle, denen sich die Liebhaber bequemen mußten. So trieben sie's einige Jahre lang, ohne daß ihre Herzen sich der Liebe geöffnet hätten, und wenn gleich mancher Jüngling des losen Spiels überdrüßig wurde, und sich zurückzog, so kamen doch bald wieder viele andere, die sich's wohl zu trauten, die listigen Jägerinnen selbst am Ende noch zu umgarnen. In der That wurden diese auch zuletzt sehr in die Enge getrieben, denn die Jünglinge wollten sich nicht mehr länger zum Besten halten lassen, und gaben sich das Wort, die Burg sammt und sonders aus immer zu meiden, falls die schönen sieben Schwestern sich nicht entschließen würden, binnen längstens vier Wochen sich für eine gleiche Zahl aus den Bewerbern zu erklären. Zu gleich thaten sie den Schwur, jedem anderen Freyer, den es in der Folge gelüsten könnte, seine Blicke nach Schönberg zu wenden, mit gewaffneter Hand in den Weg zu treten.Aloys Schreiber
XV. Die sieben Schwestern
Die Schwestern vernahmen diese Botschaft nicht ohne sichtbare Bestürzung; sie gingen alsbald unter sich zu Rathe, und beschlossen, die Zumuthung, welche sie als einen Schimpf betrachteten, auf eine fast boshafte Weise zu rächen. Es wurde hierauf eine schöne Zofe an die Freyer abgeschickt, mit der Nachricht: Die sieben Gräfinnen hätten sich entschlossen, Bräute zu werden, sie wollten es jedoch, bey der Wahl, auf das Loos ankommen lassen.
Tag und Stunde wurden nun anberaumt, und die Jünglinge fanden sich, zur gehörigen Zeit, im großen Rittersaale ein. Die Zofe erschien jetzt, mit einem silbernen Teller in der Hand, worauf zwanzig Loose lagen, denn so groß war die Anzahl der versammelten Freyer. Die Loose bestanden aus zusammengerollten Pergamentstückchen, die mit den verschiednen Farben der gegenwärtigen Ritter bezeichnet waren, und wovon sieben die Namen der sieben Schwestern enthielten. Das die Gräfinnen vorausgesehen hatten, geschah. Jeder Ritter langte nach der Rolle mit seiner Farbe, und so fielen die Namen der sieben Schwestern in die Hände der sieben mißgestaltetsten unter den Rittern. Freude und Gelächter, Spott und Aerger durchhallten, in lauten Ausbrüchen, den Saal. Die Zofe bedeutete nun den Rittern, welche die Treffer gezogen, die Bräute harrten ihrer in dem Gartensaal. Diese eilten, die trefflichen Preise, welche ihnen das Glück beschieden, in Empfang zu nehmen, aber sie machten große Augen, als sie in die freundliche Rotunde traten, und dort nichts fanden, als die lebensgroßen Conterfey der schönen Schwestern. Verdutzt sahen sie sich einander an, und in diesem Augenblick schallte ein Gelächter vom Rheinufer herauf. Die losen Jungfrauen stiegen so eben in einen mit grünen Zweigen ausgeschmückten Nachen, und schifften über den Strom, und setzten sich jenseits auf Maultiere, und nahmen den Weg nach ihrer Burg an der Lahn.
Als kurze Zeit hernach (seit Menschengedenken zum erstenmale) die sieben Felsenspitzen sichtbar wurden, welche noch jetzt, gleich unter Wesel, bey seichtem Wasser, aus dem Rheine hervorragen, da nannten die Schiffer, zum Andenken dieser Begebenheit, diese Felsen die s i e b e n J u n g f r a u e n, und der Name hat sich bis auf unsere Zeit erhalten.
Aloys Schreiber: Handbuch für Reisende am Rhein von Schaffhausen bis Holland, in die schönsten anliegenden Gegenden und an die dortigen Heilquellen, 2. Auflage, Heidelberg o. J. [1818], Anhang: Volkssagen aus den Gegenden am Rhein und am Taunus, S. 60-62
***Die stolzen Ruinen der Burg Schönberg liegen am Gebirg bei Oberwesel, und daselbst sollen einst die sieben schönen Schwestern gewohnt haben, welche ihrer Sprödigkeit wegen, von der Undine des Rheins in sieben Felsen verwandelt wurden.Karl Geib
Die sieben Schwestern Bey Wesel steht am grünen Rhein Schloss Schönberg auf den wilden Höhen: Dort lebten sieben Schwesterlein. Wo einsam jetzt die Eichen wehen; Sie waren rings in Stadt und Land Die schönen Gräfinnen genannt. Ihr Ruf erscholl auf jeder Bahn, Und weckt die Ritter allenthalben: Der kommt auf einem Rappen an, Der auf dem Fuchs, der auf dem Falben; Sich sonnend an der Schönen Blick, Träumt mancher schon das nahe Glück. So zieh'n die Freyer aus und ein, Im Schlosse herrscht ein froh Getümmel; Wohl mundet Speis und edler Wein, Und Minnesang ertönt zum Himmel: Erst mit dem rothen Abendstrahl Trabt man hinweg durch Busch und Thal. Das Wesen macht den Damen Spass. Die haben viel sich zu erzählen Die halbe Nacht ohn' Unterlass; Doch keine will den Gatten wählen; Dies wurmt den Herrn: und Einer spricht: "Für Narren halte man uns nicht ! Hört nur! Wir schliessen einen Bund; Die Fräulein sollen sich entscheiden; Drum sagt es ihnen kurz und rund, Dass sonst die Burg wir alle meiden! Und naht sich and'rer Buhlen Zahl, So trotzen wir mit blankem Stahl." Schnell wird die Botschaft abgesandt; Die Jungfrau'n das ein wenig schrecket: Sie hatten wohl in losem Tand Die Männer lange Zeit genecket; Doch, weil die Muthung sehr verdross, Sich jede gleich zur Rach' entschloss. Sie halten Rath mit argem Witz. Und schicken weg die schönste Zofe In das Gebirg zum nächsten Sitz; Sie trifft den Ritter auf dem Hofe, Wo, mürrisch wandelnd auf und ab Zum Jagdritt er Befehle gab. Das Zöfchen neigt sich, und beginnt: "Euch melden, Herr, die edlen Damen, Dass sie zur Wahl entschlossen sind, Und bitten Euch, in ihrem Namen Zu kunden jedem Freyer an, Dass nur das Loos entscheiden kann." Gern hört der Ritter dieses Wort; Die Botschaft geht auf allen Wegen: Seht, wie die Herrn sich da und dort, Gleich Schwalben, in dem Lenze, regen! Sie jagen mit erfreutem Sinn Von Ost nach West nach Schönberg hin. Man führt die Fremden in den Saal, Die Zofe naht mit leichtem Schritte Erhebt den silbernen Pokal. Und steht in der Versammlung Mitte: Von Loosen, die hineingelegt Der Ritter Farb' ein jedes trägt. Und alle greifen rasch hinein. Und alle von Erwartung glühen: Sein Zeichen wählt ein jeder fein! Doch sieben, welche Treffer ziehen, Sind auch die Hässlichsten umher. Trotz Igel, Eber, Wolf und Bär. Die andern Ritter, wohlgestalt, Besteigen fluchend ihre Rosse; Die Sieben lachen, dass es schallt, Und wandeln stolz einher im Schlosse; Der Plumpste wirft das Haupt empor: "Auf! Führt uns jetzt den Bräuten vor!" Das Mädchen spricht: "Sie weilen dort Im Gartensaal!" Durch grüne Bäume Bewegt die Schaar sich nach dem Ort: Doch unerfüllt sind ihre Träume. Weil nur an hohen Wänden steh'n Der Damen Bilder, zart und schön. Und ein Gelächter tönt vom Rhein; Man schaut: Die Jungfrau'n alle steigen Recht zierlich in den Kahn hinein, Geschirmt von Laub und Blüthenzweigen; Sie necken höhnend noch hinauf, Und fahren hin im Wogenlauf. Die Schiffer rudern jenseits an; Maulthiere warten schon der Damen. Worauf sie bald zum Strand der Lahn, Nach ihrem Felsenschlosse kamen, Indess die Herrn voll Aerger glüh'n, Und sachte weg von Schönberg zieh'n. - Bey Wesel, wenn das Wasser fiel, Sah man im Sonnenstrahle blitzen, Erhoben aus dem Wellenspiel, Oft sieben weisse Felsenspitzen; Der Segler, der die Klippen kennt, Sie noch die s i e b e n J u n g f r a u 'n nennt. Karl Geib: Die Volkssagen des Rheinlandes, Bd. 1, Heidelberg 1828, S. 106-110 ***Adelheid von Stolterfoth
Die Schwesterfelsen bei Oberwesel im Rhein. Der junge Walther kehrt von Schönberg wieder Und wankt zum Tode fort in bitt'rem Schmerz, Auf ewig schweigen seine süssen Lieder, Er ward verwöhnt in fürchterlichem Scherz. Sechs Schwestern halfen Adelgunden In Uebermuth und eitler Lust, Mit kaltem Spott zu verwunden Die stolze, treue Sängerbrust. Gar mancher Ritter hat des Schlosses Hallen Verlassen schon, um in den Tod zu geh'n, Zwei sind verzweifelnd in der Schlacht gefallen. Weil sie nicht konnten Liebe sich erfleh'n; Zwei andre zogen in die Weite Nach Palästinas fernem Strand, Und zwei, nach eifersücht'gem Streite, Erschlugen sich mit wilder Hand. Doch ach! Verwöhnt, betrogen waren Alle, Die sieben Schönen blieben kalt und frei. Und dennoch fiel auch Walther in die Falle. Weiht' Adelgunden seine Liebe treu. Erst schien sie mild ihn zu verstehn, Dann ward er fremd und stolz verschmäht. Sie sieht ihn lächelnd von sich gehen Und weiss, dass er zum Tode geht. Er stürzt sich voll Verzweiflung in die Wogen Die Wasser kühlen seines Busens Glut, Die Erde flieht er wird hinab gezogen, Wo mancher gold'ne Hort verborgen ruht. Und bleicher werden seine Wangen, Er fühlt nicht mehr des Herzens Schlag, Er denkt nicht mehr mit Schmerz und Bangen An seiner Jugend trüben Tag. Manch Fischlein sieht er auf und nieder schweben, Und freundlich sagt ihm ein bemooster Hecht: "Du musst dich nun in Lurleys Haus begeben, Ich führe dich, mein schmucker Edelknecht. Die Sitte will seit alten Tagen, Dass du der Königin sogleich Die Schmerzen musst und Leiden klagen, Warum du flohst in unser Reich." "Und hat sie dich gerecht und gut befunden, So nimmt sie dich als milde Herrin auf Und plötzlich heilen alle deine Wunden, Denn du beginnest schönern Lebenslauf; Doch hast du die gewagte Reise Als Schelm gemacht und wüster Thor, Dann, Lieber, dienest du zur Speise Uns, ihrer Boten schnellem Chor." "Die besten Ritter sind bei ihr zu schauen, Doch auch gemein'rer Pöbel wird dir nah'n, Auch triffst du schöne Mädchen, edle Frauen Aus guten, hochberühmten Häusern an. Noch kürzlich kam herabgeschwommen Gisella Brömser, wunderhold, Sie ward gar freudig aufgenommen, Trägt eine Harfe nun von Gold." Er schweigt und eilt voran, der graue Schwimmer. Und Walther folgt ihm zu der Lurley Haus. Es steht umstralt von diamant'nem Schimmer Und seelig breitet er die Arme aus. - Er hört ein wunderbares Klingen Und manchen halbvergess'nen Sang. Sind's Nixen, die so lieblich singen? Ist's goldner Harfen süsser Klang? Nun tritt er in die reichgeschmückten Hallen Und Frau'n und Recken grüssen ihn so mild, Bald sieht er lange Silberschleier wallen Und vor ihm steht der Lurley schönes Bild. "Was willst du, Jüngling?" fragt sie leise, "Warum verliessest du die Welt? Oft sangst du schön zu ihrem Preise Und warst im Kampf ein tapfrer Held." " "O Lurley! Königin der stillen Tiefen, Die Liebe hat mich in den Tod gejagt! Als mir im Busen alle Lieder schliefen Und selbst die Harfe jeden Trost versagt, Da sucht' ich Ruh' in deinen Fluten, Für mein gebrochnes wundes Herz, Und sieh! schon hört es auf zu bluten, Vergessen ist der Erde Schmerz." " "Er sey vergessen - lebe fröhlich wieder, Und deine Harfe töne süsser fort. Doch auf, ihr Nixen, singet Zauberlieder, Ihr Winde, tragt sie rasch nach Schönberg dort, Lockt sie herab mit Schmeicheltönen Die sieben Schwestern, stolz und kalt. Und keine Macht soll mehr versöhnen Der Lurley rächende Gewalt." Die Nixen singen und die Winde rauschen, Schon hallt es süss zur Grafenburg empor. "Ein Ständchen wohl?" Die schönen Jungfrau'n lauschen, Und Eine folgt der Andern aus dem Thor. "Wohin, wohin?" " "Auf sanfter Welle Wir schaukeln horchend uns am Strand; " " Schon ist ein kleines Schiff zur Stelle - Wer stösst es denn so mild vom Strand? Ha! unaufhaltsam treiben sie die Wogen In wilden Wirbeln von dem Ufer weit, Und plötzlich ist der Himmel schwarz umzogen, Die Lurley taucht empor im Nebelkleid. "Halt!" ruft sie streng das Schiff bleibt stehen, Gehorsam sind ihr Well' und Wind "Die Strafe folget dem Vergehen, Seyd ganz was Eure Herzen sind." Das Schiff versinkt, bald schweigen alle Klagen, Die sieben Schwestern wandeln sich in Stein, Und ihre kahlen Felsenhäupter ragen Starr, unbewegt und traurig aus dem Rhein. Zwei Pilger, die zur Heimath ziehen, Seh'n staunend sich das Wunder an. Hell scheint der Mond, die Wogen ziehen Bald wieder still die alte Bahn.
Schönberg war der Sitz eines Rittergeschlechts, welches schon im 11 Jahrhundert blühte. Aus ihm stammte der berühmte Friedrich, Graf von Schönberg, welcher in Irland, in der Schlacht am Boyne, 1690 den Tod des Helden starb *).
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*) Hübners genealogische Tabellen. 4 Th. 1233te Tab.
Adelheid von Stolterfoth: Rheinischer Sagen-Kreis. Ein Ciclus von Romanzen, Balladen und Legenden des Rheins nach historischen Quellen bearbeitet, Frankfurt a. M. 1835, S. 31-33
***˛ Töchter des Grafen L u d w i g I. von A r n s t e i n (Lapis aquilae), Ludwigs Enkel, L u d w i g III. ließ seine Stammburg 1129 in ein Kloster verwandeln und starb in Gummersheim als Klosterbruder. Er wurde in Arnstein unter vielen Thränen beigesetzt. Die Grafen von Nassau, Katzenellenbogen und Dietz trugen mit den Rittern von Isenburg seine Bahre von der St. Margarethenkirche den steilen Berg hinauf nach dem Kloster. Der Arnsteiner Chronist sagt von ihm: "Er hatte mit den Armen seinen Mantel getheilt, wie der heilige Bischof Martin: damit hat er erworben ein Gnadenkleid von Purpur und Seide, die ewige Freude des Himmels." Von jenen 7 Fräulein kamen 2 nach U n g a r n und eine nach Z ü t p h e n, eine führte sich heim der Pfalzgraf von T ü b i n g e n, eine der Graf von L a u f e n und eine der Graf von I s e n b u r g. Auch Burg N a s s a u begrüßte eine als Gebieterin in ihren Mauern, und zwar die Vierte, welche D r u t w i n IV. von Laurenburg ehelichte.Karl Simrock
95. Die sieben Schwestern. Die sieben Schwestern! habt Acht, habt Acht! Wir könnten scheitern, da würdens acht. Sie trieben immer mit Liebe Spott, Die Felsenherzen; das rächte Gott. Dort über Wesel, wo S c h ö n b e r g ragt, Da haben sie manchen Verliebten geplagt. Erst angezogen, verlacht hernach Und heimgesendet mit Hohn und Schnach. Hier sind sie versunken dafür im Rhein, In Fels verwandelt und harten Stein. Und wenn ein Schifflein vorüber fährt, Das sei mit Spröden nur nicht beschwert. Die niemals liebte, sie muß herbei, Daß bei den sieben die achte sei. Ist eine Spröde hier auf dem Schiff, So wird es zerschellen am Felsenriff. "Wir dreie hätten nicht Schuld daran, Denn wir sind Frauen und lieben den Mann." Das wollen wir hoffen, und wär es nicht wahr, Wir Alle schwebten in großer Gefahr. "So bin ich eine verlobte Baut, Die nie verlangend nach Anderen schaut." Das wollen wir hoffen, und wär es nicht wahr, Wir Alle schwebten in großer Gefahr. "Ich bin noch ledig, doch will ich gestehn, Daß ich den und jenen nicht ungern gesehn." Das wollen wir hoffen, und wär es nicht wahr, Wir Alle schwebten in großer Gefahr. "Mir alten Jungfer spricht Niemand Trost; Doch dieses Hündchen mir freundlich kost." Das wollen wir hoffen, und wär es nicht wahr, Wir Alle schwebten in großer Gefahr. Z w ö l f j ä h r i g e. "Daß ihr nicht jämmerlich ertrinken müßt, hab ich heimlich des Nachbars Gottfriedchen geküsst" Das wollen wir hoffen, und wär es nicht wahr, Wir Alle schwebten in großer Gefahr. Karl Simrock: Rheinsagen. Aus dem Munde des Volks und deutscher Dichter. Für Schule, Haus und Wanderschaft, 7. Auflage, Bonn 1876, S. 214-215 ***Aloys Henninger
Die sieben Fräulein von Arnstein˛ Auf ihres Vaters Burg am R h e i n e Wohnt oft die holde Siebenzahl Der Fräulein von dem A d l e r s t e i n e, Sobald der Frühling schmückt das Thal, Und doppelt schön sind S c h ö n b e r g s Hallen, Wann dort die edlen Mädchen wallen. ________________
Wie fliehn so heiter da die Tage, Belebt durch manchen hohen Gast! Turniere, Tanz und Festgelage, Sie reichen sich die Hände fast, Und Freude ruft die eine Stunde Der andren zu mit frohem Munde. Auch N a s s a u s Graf besucht die Holden Auf ihrer Frühlingsresidenz, Die ihm mit seinen schönsten Dolden Zu Ehren doppelt schmückt der Lenz; Und was den Gast nur kann vergnügen, Sieht man sie ordnen und verfügen. So saß man bei der Laute Klängen Einst in dem hohen Gartensaal; Gespräche wechselten mit Sängen, Und lustsam klang der Goldpokal: Eins um das Andre mußte wählen Ein Lied sich, oder was erzählen. Es eiferten die Herrn und boten Bald auf der Rede hohe Kunst, Bald das gewandte Spiel der Noten, Zu werben um die süße Gunst, Ein Beifallswort, ein Lob der Mienen Sich von den Schönen zu verdienen. Auch an den Grafen kommt die Reihe; Der hebt bescheiden sich empor Und spricht: "O holder Kranz! verleihe Dem Sprecher ein geneigtes Ohr, Dem hier die Vorzeit grauer Tage So nahe leget eine Sage! Auf dieser Burg, die mich seit gestern So freundlich in die Arme schließt, Da lebten einstens sieben Schwestern. Stein sind sie jetzt, und zürnend fließt Der R h e i n , den ihre Anmuth freute, Ob ihren Felsenstirnen heute! In ihrem schönen Busen wohnte Ein Sinn, gefühllos, wie das Erz; Viel edler Männer Liebe lohnte Mit schnödem Sinn ihr böses Herz. Und manchen machten sie zu Schanden, Den sie gelockt mit süßen Banden. Doch L o r e l e i vollzog die Rache Für alle, die sie kalt verschmäht, Und denen nur zum Ungemache Der Hoffnung Segel sie gebläht; Im Strome durch der Fee Umgarnung Stehn sie als Felsen noch zur Warnung!" So sprach der Graf, und wenn die Kunde Uns auch den Eindruck nicht erzählt, Den er gemacht im heilgen Bunde Sah edlen Männern man vermählt Noch in des Lebens Blüthenscheine Die Fräulein von dem A d l e r s t e i n e. Alois Henninger: Nassau in seinen Sagen, Geschichten und Liedern fremder und eigener Dichtung, Bd. 3: Die Lahn und der Westerwald, Wiesbaden 1845, S. 33-35 ***Am Rhein unterhalb dem Pfalzgrafenstein steht eine hochragende Burgtrümmer, Schloß Schönberg. Darauf sollen sieben so schöne Ritterfräulein gewohnt haben, daß ihre Schönheit selbst dem Schlosse, darinnen sie hausten, den Namen lieh. Aber die Fräulein, welche sieben Schwestern waren, so groß ihre Schönheit war, so kalt und gefühllos waren sie gegen die Minne. Keines Ritters Bewerbung erhörten sie, einen Freier nach dem andern wiesen sie ab, manches junge edle Herz brach an den Felsenherzen der sieben schönen Schwestern. Aber das Geschick beschloß ihre Strafe. Eines Tages landete ein Nachen unten am Fuße des Berges, darinnen sieben herrliche Jünglinge saßen, in ritterlicher Tracht und von vornehmen Gebaren. Sie kamen zur Burg, sie stellten sich den Fräulein dar, sie warben um Herzen und Hände. Es war vergebens, die sieben Schwestern blieben kalt. Mit einemmale verdunkelte sich der Himmel, eine höllische Musik ertönte, die Jünglinge umschlangen die sieben Schwestern, jeder eine, wie zum Tanzreigen, und schwangen sie tanzend und drehend aus der Burg, über die Zugbrücke, den Berg hinab in den Strom hinein, der stürmisch unter Donnern und Blitzen wogte. - Als es wieder hell und friedlich am reizenden Stromesufer geworden war, siehe, da ragten sieben Felsenspitzen aus dem Strome, in diese waren die Jungfrauen mit den Felsenherzen zur Strafe ihrer unnatürlichen Härte verwandelt. Größere Fluth überwogt sie, kleinere läßt sie sichtbar werden. Die Rheinschiffer kennen sie unter dem Namen der sieben Jungfern, und haben unter sich die Sage: wenn einst ein Mächtiger diese Felsen dem Strombette enthübe, und sie zu Säulen einer Betkapelle am Ufer bilde, so würden die Jungfrauen erlöst werden, wieder auf die sich erneuende Burg zurückkehren und jede nach der jahrhundertelangen harten Buße einen Mann beglücken.Wolfgang Müller von Königswinter
Oberwesel Die sieben Jungfrauen Im düstern Abendgrauen Liegt fern die Lorelei, Und an den sieben Jungfrauen, Da wandr' ich still vorbei. Ich hör es flüsternd klagen, Das sind die Schwestern von Stein. Was mag ihnen rauschend sagen Der alte tiefe Rhein? Er spricht: "Ich halte die Wache In meinen blühenden Gaun, Ihr fielet meiner Rache, Ihr bösen, hartherzigen Fraun. "Als sie von Liebe gesprochen, Was spracht ihr von Liebe auch? Was habt ihr die Treue gebrochen Und der Schwüre heiligen Brauch? "Sie kamen, euch zu holen, In hochzeitlichem Zug, Da habt ihr euch weggestohlen, Ihr übtet schnöden Betrug! "Auf meinen reinen Wogen Begannt ihr die böse Flucht, Ich hab' euch hinabgezogen Mit meiner Wellen Wucht. "Ich hab' euch mit nassen Armen In kühler Tiefe erfaßt, Ich gab euch ohne Erbarmen Im Grunde die ewige Rast. "Ihr wurdet verwandelt in Steine Ob eurer Herzen von Stein, Ihr sollt im alten Rheine Ein trostlos Beispiel sein. "Ihr klagt ob mir voll Schmerzen - O, klagt ob dem eignen Verrath, O, klagt ob den harten Herzen, O, klagt ob der schnöden That! "Ich halte getreu die Wache In meinen blühenden Gaun, Ihr fühlet des Rheines Rache, Ihr bösen, hartherzigen Fraun!" - Und an den sieben Jungfrauen Da wandr' ich still vorbei, Im düstern Abendgrauen Liegt fern die Lorelei. Wolfgang Müller: Lorelei. Rheinische Sagen, Köln 1851, S. 132-143 ***Ludwig Bechstein
94. Die sieben Schwestern
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853, S. 86-87 ***Jörg Ritzel
Alle Sieben Laß küssen dich, Mädel, sonst holt dich der Rhein! Er schluckte im Zorn sieben Jungfräulein, Sie wollten nicht küssen, nicht lieben: Sie saßen und sangen im felsigen Haus Und lockten die Freier und lachten sie aus, Alle sieben. Der Alte ergrimmte, es rollte sein Bauch: "An meinem Gestade herrscht ehrlicher Brauch, Da wird solches Spiel nicht getrieben! Ihr brachtet in Schande mir Krone und Reich, Drum gürtet den Leib euch mit Unke und Schleich, Alle sieben!" Sie weinten, sie greinten: "O Alter, halt ein!" Doch wilder nur lachte der rasende Rhein: "Wart', Jungfern, ich lehre euch lieben!" Er packte die Spröden bei Bügel und Bund Und zog sie hinunter zum grausigen Grund, Alle sieben. Da wurde zu Stein ihr gefühlloses Herz, Der Busen zu Fels und die Lippen zu Erz, So sind sie im Strome geblieben. Drum sei nicht so spröde, schön Susekathrein, Sonst sieht dich der Alte und zieht dich hinein, Wie die sieben! Der lachende Rhein. Tausend Jahre rheinischen Humors in Wort und Bild, hrsg. von Jörg Ritzel, Köln 1930, S. 169 [gleichlautend Erstausgabe 1928, S. 169]