©Klaus Graf 1997
Wie ist das mit den verborgenen Wurzeln unseres Seins? In jenem raunenden Jargon, der vom Wesen der Sage künden will, hat die Wurzel einen besonderen Ehrenplatz. Die Volkssagen führen uns, schrieb 1943 ein Germanist, der nach dem Krieg in Innsbruck Karriere als Hochschullehrer machen wird, in der Zeitschrift "Germanien", den Monatsheften für Germanenkunde, "zu den Wurzeln unserer volklichen Existenz hinab: zur lebendigen, mütterlich-bewahrenden Seele unseres Volkes" [Anm. 2]. In den populären Sagenbänden wird die ideologische Belastung der vor allem von der Volkskunde betriebenen sogenannten Sagenforschung jedoch gern ausgeklammert. Da man die Sage gern mit der Aura des "Zeitlosen" umgibt, will man nicht wahrhaben, daß die Beschäftigung mit ihr oft sehr zeitgebundene Formen annimmt [Anm. 3].
Wer nach Sagen fragt, muß zuallererst nach den Sammlern und Autoren fragen, die jene Texte zu Papier gebracht haben, für die man seit etwa 1800 die Bezeichnung "Sage" bereithält. Ohne Sammler gäbe es keine Sage. Denn die Gattung Sage ist eigentlich erst ein Kind der Romantik. In den Jahren nach 1800 wurde der unübersichtliche und vielgestaltige Strom mündlicher und schriftlicher Traditionen und Erzählstoffe gleichsam in mehreren Flußbetten kanalisiert. Am einflußreichsten war die Tätigkeit der Brüder Grimm, die Volksmärchen und Volkssagen in getrennten Veröffentlichungen dem Publikum vorstellten. Auch die "schwankhaften", die lustigen und heiteren Erzählungen, und die frommen Legenden wurden von den Sagen abgetrennt. In der vornehmlich aufgrund von gedruckten Quellen erstellten zweibändigen Sammlung der "Deutschen Sagen" (1816/18) wollte das patriotisch gesinnte Brüderpaar die "Überbleibsel von dem großen Schatze uralter deutscher Volksdichtung" retten [Anm. 4]. Während der erste Band den sogenannten Ortssagen gewidmet war, in denen vor allem dämonische Gestalten und Geister auftraten, galt der zweite Band den "historischen Sagen", die sich meist an historische Persönlichkeiten der deutschen Geschichte knüpften. Die so hergestellte Verbindung von Spukgeschichten und Geschichte ist bis heute für den Sagenbegriff ausschlaggebend geblieben.
Die Gelehrten des 19. Jahrhunderts waren vor allem fasziniert von der Möglichkeit, in den Erzählungen des einfachen Volks letzte Spuren von altgermanischer Religion und Götterglauben sichern zu können. So hielt man überwiegend Ausschau nach solchen mythologischen Überlieferungen, die als Bausteine dieses mit unglaublichem Eifer betriebenen Rekonstruktionsversuchs geeignet schienen. Noch das Zitat aus dem Esslinger Lese- und Bilderbuch von 1985 belegt, daß Sagensammlungen vor allem als Quelle für dämonologische Erzählungen dienten, aus denen man wiederum mythologische Vorstellungen erschloß. Das vielleicht bekannteste Beispiel betrifft die weitverbreiteten Erzählungen vom Mutesheer, dem nächtlichen Heer der Dämonen. So steht die Geschichte vom Schäfer auf dem Rauber, den das Mutesheer nach Esslingen entführt, in der Sagensammlung des Tübinger Orientalisten Ernst Meier von 1852 im Kapitel "Götter und Halbgötter" [Anm. 5]. Der Grund: die Mythologen sahen im Mutesheer das Gefolge des germanischen Gottes Wodan [Anm. 6]. Welchen konkreten Stellenwert die Geschichten vom Mutesheer für die Erzähler und Hörer besaßen, ihr "Sitz im Leben" also, interessierte so gut wie nicht - mit dem Hinweis auf Wodan war das Mutesheer abgehakt [Anm. 7].
Neuere wissenschaftliche Arbeiten [Anm. 8] haben deutlich gemacht, daß die gedruckten Sagensammlungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert alles andere als ein unverfälschtes Abbild vergangener Erzählkultur bieten. Sie sind zuallererst das Resultat der Vorlieben und Neigungen der gelehrten Sammler. Diese dürsteten nach "echter Volkspoesie", sie fragten gezielt und ließen weg, was ihnen zu unscheinbar oder zu anstößig erschien. Die Befragten wiederum verschwiegen oft, was sie zu wissen glaubten, weil sie nicht als "abergläubisch" gelten wollten. Schon Ernst Meier, der erwähnte Autor der 1852 gedruckten ersten wichtigen Sammlung schwäbischer Sagen, wußte: "Man darf da nicht mit der Thür ins Haus fallen und nur etwa fragen: 'gibts keine Sagen hier?' Auf so plumpe Fragen wird man ein einfaches Nein zur Antwort bekommen; oder das Volk antwortet wie jene Bäckerfrau auf die nämliche Frage etwa so: 'noi, Sagen hent mer koine, aber Wecken!'" [Anm. 9].
Von Crusius bis Schwab
Wenige Jahre nach dem Erscheinen der "Deutschen Sagen" der Brüder
Grimm hörte sich der Stuttgarter Gymnasialprofessor Gustav Schwab, Mitglied des
schwäbischen Dichterkreises, im Kirchheimer Raum nach Sagen um. Das eher
dürftige Resultat seiner Recherchen fand Eingang in die 1823 erschienene
Albbeschreibung Schwabs "Die Neckarseite der Schwäbischen Alb". Die
Sage von den drei Brüdern von Wielandstein inspirierte ihn zu einer Ballade [Anm. 10]. Wichtiger als die mündliche
Überlieferung waren für Schwab schriftliche Quellen, wobei er vor allem die am
Ende des 16. Jahrhunderts entstandenen "Annales Suevici" des Martin Crusius
auswertete.
Die Geschichte vom Hexensprung auf einem Kalb über das Lenninger Tal, die Crusius
ebenfalls berichtet und vor Schwab bereits Jeremias Höslin in seiner 1798 erschienenen
Albbbeschreibung als "Mährchen" erwähnt hatte
[Anm. 11], entnahm Schwab einem poetischen Text aus der Mitte des 15.
Jahrhunderts. Es handelt sich um die 1453 datierte "Mörin" des
schwäbischen Dichters und Ritters Hermann von Sachsenheim. Er war Schwab durch
einen Wormser Druck von 1539 zugänglich [Anm.
12]. Erzählt wird die wunderbare Geschichte von einem nächtlichen Ritt auf
einem Kalb von Urach nach Prag, um eine Botschaft des Grafen von Württemberg an den
Hof Kaiser Karls IV. zu bringen. Der Bote auf dem von einer alten Frau mit Zaubersalbe
bestrichenen Kalb hält sich aber bei dem "Rückflug" angesichts des
tiefen Tals der Alb bei Lenningen nicht an das Schweigegebot, spricht: "das ist der
schönste sprung, den ich von kelber ye gesach", fällt vom Kalb und
muß den Rest des Wegs zu Fuß gehen (Verse 3996 bis 4047). Auf diese Stelle spielt
ein namentlich nicht bekannter Nachahmer Hermanns von Sachsenheim an, der 1486 einen
"Der neuen Liebe Buch" genannten, 1487/88 in Ulm gedruckten Text
verfaßte. Er vergleicht das Roß des Gespensterreiters, der "dem wilden
wu+ettiszher" (V. 966) gleich durch den Wald fährt, mit jenem Kalb (Verse
960-964) [Anm. 13]:
Das kalb das Ja+ecklin zoch,:
Zu beachten ist: Der Name des Reiters, der vom Zauberkalb fiel - hier: Jäcklin -, wurde
bei Hermann von Sachsenheim nicht genannt.
Im 16. Jahrhundert wurde die "Mörin" mehrfach gedruckt.
Möglicherweise ließ sich Froben Christoph von Zimmern, Autor der
berühmten "Zimmerischen Chronik", der den Text gut kannte, von der
Kalbsritt-Episode des Sachsenheimers inspirieren, als er vom Ritt zweier Bürger von
Meßkirch zum Venusberg auf zwei Kälbern erzählte. Der eine fällt in
ein Storchennest zu Rottenburg am Neckar, als er - obwohl er doch schweigen muß -
ausruft: "Petter, das ist ain sprung von aim kalb!" [Anm. 14].
Der schwäbische Polyhistor und Tübinger Professor Martin Crusius konnte sich bei
seiner Erwähnung des Hexensprungs auf einen umfangreichen Brief des Owener
Stadtpfarrers Lorenz Schentz (1534-1601) stützen, den er nach eigenen Angaben
inhaltlich zur Gänze referiert [Anm. 15]. Der
Owener Geistliche hat eine ganze Reihe damals in der Umgebung der Teck kursierender
mündlicher Überlieferungen wiedergegeben, unter anderem eben die
Überlieferung vom Sprung auf dem Kalb: "Gegen Mittag ist das Lenninger Thal,
über welches einer, auf einem jährigen Kalb sitzend, soll gesprungen seyn, nemlich
ein Hexenmeister, welcher gesagt habe, was hältstu von dem Sprung dieses
jährigen Kalbs? ist er groß genug? Daher das Sprichwort: 'Laß mir das einen
feinen Sprung seyn von eim jährigen Kalb'" [Anm. 16].
Die problematische Wechselwirkung von mündlicher und schriftlicher
Überlieferung läßt sich an diesem Beispiel gut erkennen. Daß es neben
den literarischen Zeugnissen im 15./16. Jahrhundert im Raum Urach-Kirchheim mündlich
erzählte Geschichten von einem denkwürdigen, ja sogar sprichwörtlichen
Zauber-Sprung gegeben hat, ist schlechterdings nicht zu leugnen. Ob Hermann von
Sachsenheim selbst bereits an örtliche Traditionen anknüpfen konnte,
läßt sich nicht sagen. Aber die Nennung des Namens Jäcklin bei seinem
Epigonen deutet doch darauf hin, daß es etwa eine Generation später verschiedene
Varianten gab. Bei dem Owener Pfarrer liegt der Akzent dagegen auf dem Alter des Kalbs,
wobei man sich natürlich fragt, in welchem Kontext (auf dem Viehmarkt?) das von ihm
zitierte Sprichwort seinen Platz hatte.
Auf der anderen Seite sollte man nicht übersehen, daß die
"Mörin" im 16. Jahrhundert mehrfach gedruckt wurde und die
Erzählung vom Kalbsprung in der von Hermann gewählten Gestalt besonders
eindrucksvoll war. Auf jeden Fall wäre die Annahme einer rein mündlichen
Lokaltradition, unbeeinflußt von literarischen Vorbildern und allgemeinen Anschauungen
über Zauberei und Hexerei, denkbar naiv. Denn mögliche Lücken oder
Fehler durch die mündliche Weitergabe konnten jederzeit anhand des Diskurskomplexes
des Zauber- und Hexenglaubens, der sich nicht zuletzt in einer reichen dämonologischen
Literatur niederschlug, ausgebessert werden. Schließlich glaubte man ganz allgemein und
nicht nur im Lenninger Tal, daß Hexen unter anderem auf Kälbern ritten [Anm. 17].
Für die Zeit zwischen Crusius und Schwab fehlen dagegen Belege für eine
lebendige mündliche Tradition der vom Owener Seelsorger aufgezeichneten
Erzählungen. Was bei Crusius stand - etwa die ebenfalls vom Owener Pfarrherrn
übermittelte Geschichte der Verena Beutlin [Anm.
18] - war fester Bestandteil des gelehrten Bildungsgutes in Württemberg, und so
wundert es nicht, daß die Beutlin-Story auch in des Ennabeurener Pfarrers Johann Martin
Rebstocks (1648-1729) vielgelesener Beschreibung Württembergs von 1699 erscheint [Anm. 19]. Von Rebstock wiederum ging sie in Johann
Hermann Dielhelms Antiquarius des Neckarstroms von 1740 über, und Christian
Friedrich Sattler erwähnte sie ebenfalls [Anm.
20]. Die mündliche Überlieferung der auf Crusius zurückgehenden
Erzählungen - wenn es sie denn überhaupt gegeben hat - konnte also jederzeit
anhand schriftlicher Versionen kontrolliert werden.
Über die Beutlins-Story zog der Schriftsteller Ludwig Laistner (1845-1896) vor Ort
Erkundigungen ein: "Die Sage scheint im Volke völlig vergessen gewesen zu sein.
Mein Führer bei einem Besuche der Teck 1876 kannte sie nur unvollständig aus
Büchern [...]. Selbst die Höhle war in Vergessenheit gerathen, und nur der
schlothartige Erdfall, der mit ihr in Verbindung steht, unterm Namen Fronenloch noch bekannt,
bis man im Anfang der sechziger Jahre durch Bücher darauf aufmerksam gemacht, sie
wieder aufsuchte, aber durch gelbe Erde [...] verschüttet fand und ausräumte,
worauf auch sie den Namen Fronenloch erhielt" [Anm. 21].
Überhaupt hat die neuere Forschung die Vorstellung verabschiedet, mündliche
Traditionen könnten lange Zeiträume ohne schriftliche Zwischenträger
überbrücken [Anm. 22]. Hätte
Crusius die Traditionen nicht aufgeschrieben, wüßten wir
höchstwahrscheinlich gar nichts von ihnen, denn es muß mit einer hohen
Fluktuation von Erzählungen an einem Ort oder in einer Region gerechnet werden.
Schotts Sagensammlung
Die gängige Ansicht, daß Sagen ein hohes Alter besitzen, stimmt sicher hinsichtlich
vieler Stoffe und Motive, sie führt jedoch in die Irre, wenn man die örtliche
Erzählüberlieferung betrachtet. Um 1600 hat man andere Geschichten
erzählt als um 1800, und bereits 1820 vielleicht wieder andere [Anm. 23]. Nur ein geringerer Bruchteil davon hat Eingang in
Sagensammlungen gefunden.
Als außerordentlicher Glücksfall kann der Fund einer umfangreichen ungedruckten
Sammlung schwäbischer Volkssagen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts gelten. Es
handelt sich um zwei dicke handschriftliche Bände in der Württembergischen
Landesbibliothek Stuttgart, die ich für meine Sagenedition erstmals ausgewerten konnte.
Mit ihnen blieb das Rohmaterial eines geplanten Sagenbandes erhalten, den der Sammler,
Albert Schott der Jüngere [Anm. 24], nicht
mehr ausarbeiten und vollenden konnte. Der 1809 geborene Schott verstarb bereits 1847 als
Professor für deutsche Sprache und Literatur an der oberen Schule des renommierten
königlichen Gymnasiums zu Stuttgart. Bevor er 1842 die Stuttgarter Stelle antrat, war er
als Lehrer in Zürich tätig gewesen. Einen wissenschaftlichen Namen hatte sich der
Germanist und Historiker mit zwei Büchern über die Walser in der Schweiz und in
Piemont gemacht. 1845 erschien bei dem bekannten Stuttgarter Verlag J. G. Cotta von den
Gebrüdern Arthur und Albert Schott eine Ausgabe walachischer Märchen, die
Arthur im heutigen Rumänien gesammelt hatte. Albert steuerte vor allem gelehrte
mythologische Anmerkungen bei.
Sieht man von ganz wenigen Texten ab, die Albert Schott selbst aufgezeichnet hat oder die ihm
von Gewährsleuten mitgeteilt wurden, stammen die allermeisten Sagen von seinen
Gymnasiasten. Ein erheblicher Teil der Texte ist sogar in der eigenhändigen Niederschrift
der Schüler erhalten geblieben. Offensichtlich hatte Schott ihnen die Aufgabe gestellt,
mündliche Überlieferungen ihrer Heimat wiederzugeben.
Die Erzählungen sind zwar alphabetisch nach Orten geordnet, doch ist Schott nicht mehr
dazu gekommen, eine Druckfassung zu erstellen und die vorgesehenen mythologischen
Kommentare beizufügen. Immerhin markieren gelegentliche Verweise auf die deutsche
Mythologie seine Abhängigkeit von dem damaligen Übervater der Germanistik,
Jakob Grimm.
Es handelt sich also um eine weitgehend "ungefilterte" Quelle, in der sehr viele nur
hier überlieferte Erzählungen erhalten geblieben sind, die anderen Sagensammlern
nicht zu Ohren gekommen sind bzw. von ihnen für würdig erachtet wurden, in eine
gedruckte Sagensammlung aufgenommen zu werden. Damals wie heute gilt, daß der
Herausgeber einer Sagensammlung Kompromisse eingehen muß. Befremdliche Texte, die
vom Muster einer "echten Volkssage" abwichen, hatten im 19. Jahrhundert keine
Chancen.
Obwohl Rolf Götz die Geschichte des Freihofs in Kirchheim akribisch erforscht und 1989
in einem Buch dokumentiert hat [Anm. 25], war ihm
die Spuk-Erzählung nicht bekannt, die Schotts Sagensammlung über diesen
ehemaligen Adelssitz bietet. Sie lautet [Anm. 26]:
"Die Gebäude, in welchen jährlich der Wollmarkt in Kirchheim abgehalten
wird, waren im Mittelalter der Sitz eigener Herren und umgeben von Wall und Graben.
Festigkeit gab auch die Lage in dem Winkel, den Lauter und Lindach beym
Zusammenfluß dort machen. Zur Bezeichnung des Schlosses brauchte man den Namen
"Freihof". Hier nun hauste ein Geist, der sich in seinem Betragen als gut und
böse zugleich bewies. Auf den Ruf "Hans komm!" erschien er in
menschlicher Gestalt, verrichtete Knechtsdienste z.B. leuchtete er, trug Holz und Wasser in die
Küche. Wo er aber einer Person von dem Gesinde, besonders, wenn er dieser nicht
gewogen war, einen Possen spielen konnte, that er's. So nahm er im Winter den Schlafenden die
Decken, legte sich auch wohl zu ihnen als weiße, kalte Gestalt. Am meisten bekam eine
Magd seine Bosheit zu fühlen. Diese heizte einmal Morgens ein, der Geist kam dazu,
schob sie in den Ofen, verschloß ihn, und entfernte sich unter schallendem
Gelächter. Die Magd rettete nur schleunige Hilfe vom Feuertode. Dieses Unwesen
dauerte bis zum Aussterben der adeligen Familie im vorigen Jahrhundert, wo die
Gebäude große Veränderungen erlitten. Da tobte einmal Nachts der Geist,
zerschmetterte ein Fenster, mit Ketten belastet hörte man ihn durch die Zimmer rasseln,
während ein Steinregen die untenstehende Menge empfieng. Nach diesem Auftritt
hörte man bis vor 18 Jahren nichts mehr von dem Geiste. In dieser Zeit wurde in
Kirchheim ein neues Schulhaus gebaut, und die Kinder mußten in dieses Haus kommen.
Da gieng nun einst ein Knabe auf den Abtritt, sah dort einen Schatten, tapste nasenweise darauf,
bekam aber so derbe Schläge, daß er schwer krank wurde. Nach diesem besuchten
die Knaben den Ort nur in großen Haufen und unter Begleitung des Lehrers aus Furcht vor
ähnlicher Behandlung. Noch jetzt behaupten Wäscherinnen, daß der Geist,
wenn sie dort ihre Wäsche trocknen, sie mit Steinen verfolge."
Anzumerken ist, daß tatsächlich 1827 "bis zur Vollendung des
Schulhausbauwesens auf eine Dauer von 3 Monaten 4 Zimmer" im
"Schlößle" zu Schulzwecken abgetreten wurden, wie inzwischen Rolf
Götz aus Akten des Kirchheimer Stadtarchivs ermitteln konnte [Anm. 27]. Notiert sei auch, daß die von Götz eingesehenen
Akten über das Haus nie von einem Hausgeist sprechen, ebensowenig die von ihm
wiedergegebene Erzählung der Dichterin Ottilie Wildermuth über die letzte adelige
Inhaberin des Freihofs, die 1809 verstorbene Louise von Gaisberg [Anm. 28]. Obwohl die Sagen-Aufzeichnung vorgibt, bis in das 18.
Jahrhundert zurückzureichen, ist, wie ich meine, eher an eine allenfalls nur wenige Jahre
kursierende Geschichte zu denken.
Wie lebendig man sich das Erzählen vorzustellen hat, mag die Fassung demonstrieren,
die Ernst Meier der Geschichte "Die drei Brüder auf Wielandstein" in seiner
Sagensammlung von 1852 gegeben hat [Anm. 29].
Meier muß vor allem in Owen einen oder mehrere gute Erzähler oder
Erzählerinnen angetroffen haben, wie der Vermerk "Mündlich aus
Owen" bei einer ganzen Reihe von Sagen beweist.
Zunmächst referiert Meier eine Version aus Oberlenningen, derzufolge die drei
verfeindeten Brüder auf der dreifachen Burg Wielandstein wohnten. Die Angaben
über die drei verschiedenen Brunnen, aus denen sie ihr Wasser holen, und über die
angebliche steinerne Kegelbahn zeugen von einer genauen Beschäftigung mit der
Topographie der Burgstellen. Der Sammler erwähnt bei einer Wasserstelle sogar eine
Variante, von der "andere" Gewährsleute wissen wollen. In Owen erfuhr
Meier dagegen von einem älteren Mann, die drei Schlösser seien Wielandstein,
Rauber und Teck gewesen, während man ihm in Beuren erzählte, die Brüder
hätten die Schlösser auf Teck, Neuffen und Urach bewohnt. Man sieht: die Sage ist
nichts Statisches, sie lebt im Mund ihrer Erzähler und wandelt sich ständig. Der
Austausch des Erzählguts an einem Ort innerhalb weniger Jahre und der in einer
Kleinregion dokumentierte Variantenreichtum einer Sage gehören zusammen. Dieser
Befund widerlegt das Klischee einer unveränderlichen bäuerlichen
Erzählgemeinschaft, die erst durch die Industrialisierung aus den Fugen gerät,
zuvor jedoch durch jahrhundertelange Konstanz der Erzählstoffe am Ort gekennzeichnet
ist.
Das Kirchheimer Kloster als Erzähl-Mal
Doch waren nicht nur Burgen beliebte Erzähl-Male [Anm. 30], also Örtlichkeiten, deren Eigenart dazu einlud, über
sie Geschichten zu erzählen. In der Stadt Kirchheim war (und ist) vor allem das
ehemalige Kirchheimer Dominikanerinnenkloster ein solcher Kristallisationspunkt der
Erzählüberlieferung. Noch heute munkelt man von den angeblichen
Ausschweifungen der Nonnen und will wissen, daß in dem unterirdischen Gang, der das
Kloster mit der Stadt verbunden habe, Kinderskelette gefunden worden seien [Anm. 31] - ein ins 16. Jahrhundert
zurückreichender Topos der antikatholischen Polemik [Anm. 32]. Von dem unterirdischen Gang berichtet auch die Schriftstellerin
Ottilie Wildermuth, Enkelin eines Kirchheimer Klosterhofmeisters, in ihrer Erzählung
"Das Kloster", und sie erwähnt ebenfalls eine angeblich eingemauerte Nonne,
wie sie schreibt, "ein unentbehrliches Requisit eines alten Klosters" [Anm. 33]. Diese habe sich manchmal zur
Weihnachtszeit mit gerungenen Händen blicken lassen.
Bereits im 17. Jahrhundert war das Kirchheimer Kloster der Schauplatz eines erbaulichen
Exempels, also einer Beispielgeschichte, mit der Prediger vor den Folgen der Hartherzigkeit
warnen wollten. In der 1699 erschienenen Beschreibung Württembergs des Pfarrers
Rebstock liest man [Anm. 34]:
"Matthäus Hammer meldet in seinem Historischen Rosengarten Fol. 221 daß,
Anno 1626 als grosse Theuerung und Hungers-Noth im Lande gewesen, und die Leute die
Herrschaft um Hülff und Brod ersucht, habe der Hertzog dem Ambtmann des Closters
befohlen, seine unterhanden habende Früchten den Armen um ein rechten Werth
zuverkauffen. Es habe aber der Ambtmann des Closters das Geld vor die Frucht (weil sie im
billichen Preiß, der Armuthey zum besten, hätte sollen verkaufft werden) vor sich
selber ausbezahlt, und den Armen nichts darvon gegeben, sondern auf nach fernere Theurung
behalten wollen. Aber was geschicht? GOtt habe, (meldet obiger Scribent) vindicem Oculum
gehabt, weil er den Armen von dieser Frucht nichts zukommen lassen, sondern sie übel
angefahren, und gesagt: Sie stincken, er könne sie nicht riechen, als habe GOtt dieses,
andern zum Abscheu, straffen müssen, indeme der Armen Seuffzer und Gebett durch die
Wolcken getrungen: allermassen des dritten Tags hernach ein sehr schweres Donner-Wetter
entstanden, welches zur Nachtzeit in das Closter, worinn die Früchten gelegen,
eingeschlagen, und alles verbrandt: Als dieser Ambtmann in Schröcken und Angst um
Hülff geruffen und geschryen, und die Seinige ihn zum Closter hinaus tragen wollen,
fällt ihm ein Ziegel vom Dach, und trifft ihn auf den Kopff, zur Warnung allen, daß
man sich der Armen Noth solle zu Hertzen gehen lassen."
Mit dem Klosterbrand zu Kirchheim am 11. April 1626, dem Osterdienstag, hat sich der
Kirchheimer Heimatforscher Carl Mayer in einem Teckbotenartikel vom 2.11.1929
beschäftigt [Anm. 35], es aber wie
üblich unterlassen, genauere Quellenangaben zu machen. Seine Quelle, zwei Gedichte in
einem geschriebenen Buch aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, im Wortlaut zu
veröffentlichen, lehnte er wegen "ihrer schwulstigen Sprache" ab - heute
wirkt eher seine eigene Nacherzählung schwulstig! Wirft man einen Blick in das Register
des gedruckten Katalogs der Historischen Handschriften der Stuttgarter Landesbibliothek [Anm. 36], so wird man schnell fündig: Cod.
hist. qt. 117 aus dem 17. Jahrhundert, eine voluminöse Sammlung von Prognostiken und
Zeitgedichten und anderen Materialien aus der Zeit von 1550 bis 1630, überliefert die
zwei Lieder über den Klosterbrand. Das erste auf Bl. 165v-168v ist eine nicht datierte
"Newe Zeytung" von dem Kloster bei Kirchheim an der Teck, ein Erzähllied
in 21 Strophen im Ton "Kommpther zu mir spricht Gottes Sohn". Es beginnt:
"Kompt her Ihr lieben Christenleut, unnd höret zu mit traurigkhait". Mit
Kirchheim am Neckar ist der Schauplatz verwechselt im zweiten Lied, das 31 Strophen im Ton
"Da Jesus an dem Kreutze stunde" umfaßt (Bl. 590-592): "Ein
schröckhliche doch wahrhafftige Newe Zeytung". Sein Textanfang:
"Hört zuo ihr Christen alle gleich" [Anm. 37]. In diesem Lied wird in Strophe 19 das Motiv des feurigen
Drachens genannt, der das Anwesen anzündet [Anm. 38]. Beiden Liedern ist gemeinsam, daß sie vom Tod des
Klosterhofmeisters Hieronymus Egen während des Brandes nichts wissen - der
herabfallende Ziegel zeichnet den hartherzigen Amtmann lediglich, tötet ihn aber nicht
(Lied I, Str. 17; II, Str. 24). In der Tat war Egen noch bis 1630/31 Klosterhofmeister [Anm. 39]. Die durch die Angabe der
Oberamtsbeschreibung verbreitete Version vom sofortigen Tod Egens erscheint bereits 1741 in
einem Bericht des Stuttgarter Schulmeisters Helden: "dem Amtmann [...] fället ein
Ziegel von dem Dache auff den Kopff, woran er alsobald gestorben. Welches Exempel allen
denjenigen, so auf gleiche Arth mit den Armen umzugehen pflegten, genugsam zur Warnung
dienet" [Anm. 40].
Erneut ist die Frage einer mündlichen Überlieferung eher skeptisch zu beurteilen.
Die Weitergabe der Geschichte konnte sich jederzeit zumindest auf eine weitverbreitete
schriftliche Quelle, nämlich Rebstocks Landesbeschreibung, zurückbeziehen. Das
"Volkssagenmotiv" vom feurigen Drachen ist offenbar erst von Mayer wieder aus
der Handschrift nach Kirchheim zurückgebracht worden - wenn es dort je heimisch war!
Denn es steht ja nicht fest, daß eines der Lieder in Kirchheim selbst entstanden ist.
Offenbleiben muß, ob die Pointierung des Exempels durch den sofortigen Tod des
Hofmeisters der Einfall oder die Kombination eines Autors oder aber eine in der
Mündlichkeit entstandene Variante ist.
Fräulein Wolf und Carl Mayer: Sentimentale Lehrer(innen)-Poesie
Bei der Produktion, Aufzeichnung und Verbreitung örtlicher Sagen hat die Lehrerschaft
und die Vermittlungsinstanz Schule eine kaum zu überschätzende Rolle gespielt.
Von dem Rektor des Nürtinger Lehrerseminars, Theodor Eisenlohr (1805-1869), wurden
1850 die Zöglinge mit dem Auftrag in die Ferien geschickt, die volkstümlichen
Überlieferungen ihres Heimatorts aufzuzeichnen [Anm. 41]. Zwei dieser ungedruckt gebliebenen Aufsätze betreffen den
Kirchheimer Raum: in dem einen geht es um einen Bachgeist bei Köngen, der einen
Mann, der nach ihm schlägt, für einige Stunden orientierungslos macht, im anderen
um Geistererscheinungen auf den Neckarwiesen bei Köngen [Anm. 42].
Ungleich wichtiger war jedoch die Tätigkeit des Kirchheimer Lehrers Carl Mayer
(1877-1973), dessen heimatgeschichtliche Veröffentlichungen heute noch als
Standardwerke
gelten. In seinen Heimatbüchern findet man eine stattliche Zahl von Sagen vor, und noch
ein Jahr von seinem Tod veröffentlichte die Stadt Kirchheim eine Broschüre mit
"Sagen um Teck und Neuffen", die von Schülern der Raunerschule illustriert
wurde. Rolf Götz hat auf meine Bitte hin den Nachlaß Mayers im Stadtarchiv
Kirchheim [Anm. 43] auf Sagenaufzeichnungen
überprüft - außer einigen Auszügen aus gedruckten Werken fand sich
jedoch nichts Einschlägiges vor. Mayer hat die Sagen verbreitet und populär
gemacht - als Sammler in der Art von Schott oder Meier kann er jedoch auf keinen Fall gelten.
Kennzeichnend für den Stil der Sagen seit der 1920 erschienenen dritten Auflage seines
Heimatbuchs "Unter der Teck" ist ihre schwülstige Ausgestaltung, ist das
übertrieben lebendige Kolorit der Heimatdichtung. Tief wird der Pinsel in den
großen Farbenkasten des deutschen Schulaufsatzes getaucht. Kurzum: wir haben es mit
Sagen-Kitsch in reinster Form zu tun.
Gesellschaftsgeschichtlicher Hintergrund der Publikationen Mayers war die Heimatbewegung [Anm. 44], die gerade bei den Lehrern starken
Rückhalt besaß. Ihre rückwärtsgewandte Programmatik umfaßte
ja die Pflege heimatlicher Überlieferung, und nicht wenige Heimatbücher
versuchten über anschaulich und schülergerecht formulierte
Sagenerzählungen Heimatliebe zu entfachen. Historische orientierte Darstellungen wie
Mayers "Unter der Teck" sollten, so Mayer im Vorwort der fünften Auflage
von 1940, "die Ehrfurcht vor der Vergangenheit wecken und vertiefen und eine
Kraftquelle sein zur Lösung der großen Aufgaben der Gegenwart". Obwohl
der Schulmann wegen seiner demokratischen Haltung den Dienst hatte quittieren müssen
und sehr unter dem Berufsverbot litt, kam selbst er nicht umhin, im zweiten Satz des Vorworts
mit der Aussage, aufgrund der hohen Wertung der Heimatforschung im nationalsozialistischen
Staat habe diese neuen Auftrieb erhalten, eine Verbeugung vor den heimattümelnden
braunen Machthabern zu vollführen.
Aber war tatsächlich Mayer selbst für die sprachliche Gestalt "seiner"
Heimatsagen verantwortlich? Rolf Götz hat den allzu versteckten Hinweis auf die wahre
Urheberin in einer Fußnote der Ausgabe von 1940 aufgefunden: die Sagenfassungen
stammen nicht von Carl Mayer, sondern von einer Kollegin, der Kirchheimer Lehrerin Maria
Wolf. Bereits 1920 schreibt Mayer im Vorwort, Verbesserungen der für die Unterklasse
bestimmten Stoffe - und damit meinte er wohl vor allem die Sagen - habe "Fräulein
M. Wolf an der hiesigen Mittelschule" vorgenommen [Anm. 45].
Maria Wolf (1895-1979) wurde am 28.9.1895 in Ingersheim als Tochter des August Heinrich
Wolf, Schullehrers in Crailsheim geboren [Anm. 46].
1928 heiratete sie in Münster am Neckar den Lehrer Rudolf Gundel (1895-1971). Sie
wirkte 1915 bis 1926 als Unterlehrerin, Stellvertreterin und Amtsverweserin in Kirchheim,
Dettingen, Großeislingen und Gruibingen, bevor sie 1926 eine Stelle als Hauptlehrerin in
Flein antrat. Im Heilbronner Raum (Flein, Horkheim, Talheim) war sie - abgesehen von der Zeit
als Hausfrau 1928-1943 - in der Kriegszeit und nach dem Krieg bis 1948 auf verschiedenen
Lehrerinnenstellen tätig. Von 1953 bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Schuldienst 1961
unterrichtete sie als Krankheitsstellvertreterin im Raum Nürtingen/Esslingen. Vor ihrem
Tod am 10.6.1979 lebte sie bei ihrer Tochter in Nürtingen. Begraben liegt Maria
Gundel-Wolf auf dem Alten Friedhof in Kirchheim.
Maria Wolf, nach Aussage ihrer Tochter eine sehr engagierte Lehrerin, hat die Sagen in die
vorliegende Form gebracht, weil Carl Mayer, mit dem sie ein gutes Verhältnis verband,
sie darum gebeten hatte. Die Niederschrift fällt vermutlich in die Jahre 1918/20, als sie
1918 bis 1926 als Unterlehrerin in Kirchheim Kollegin von Mayer war. Für sie selbst war,
so ihre Tochter, das "Schreiben der Sagen eher ein Nebenprodukt ihrer
Lehrerinnentätigkeit, ein Gefallen für den Herrn Mayer"
[Anm. 47]. Aufzeichnungen über ihre Mitarbeit sind nicht erhalten
geblieben, und auch sonst hat sich Maria Wolf nicht mehr schriftstellerisch betätigt.
Wenn den Kindern bei Wanderungen auf der Kirchheimer Alb Sagen erzählt wurden,
dann eher von ihrer Schwester. Ein Honorar hat Maria Wolf nicht erhalten, und wenn Carl
Mayer es mitunter unterließ, ihre Mitarbeit in den verschiedenen Auflagen seines
Heimatbuchs zu erwähnen, wurde dies von ihr zwar registriert, tat aber den guten
Beziehungen zu ihm keinen Abbruch.
Nur von wenigen Sagen des Mayerschen Heimatbuchs sind Fassungen aus der Zeit vor der
Mitarbeit Maria Wolfs erhalten. Dies trifft jedoch auf die Sage "Die
Veronikahöhle" zu, in der die Geschichte der Verena Beutlin erzählt wird.
1908 liest sie sich - dem von den Brüdern Grimm geprägten
"Sagenton" entsprechend - bei Carl Mayer so [Anm. 48]:
"Nicht weit von der Teck entfernt ist der gelbe Fels. In seinem Gestein befindet sich eine
Höhle. Verena Beutlin wohnte einst darin. Mit viel Fleiß und Geschick hatte sie
sich die nötigen Hausgeräte verschafft und damit ihre Wohnung fein ausgestattet.
Ein Loch im Felsen erhellte ihre Stube. Durch ein anderes Loch zog der Rauch aus dem
Küchenraum ab. Die Leute im Tal wußten lang nichts von der Verena. Sie hielten
den aufsteigenden Rauch für eine Nebelhaube.
Nun hatte Verena zwei Knaben. Diese schickte sie zu den Bauern ins Tal, um zu betteln. Dabei
wurden die Buben erwischt. Dadurch kam man auch der Mutter auf die Spur. Man hielt sie
für eine Hexe und machte kurzen Prozeß mit ihr. Sie wurde verbrannt. Die zwei
Knaben aber hat man in Owen getauft."
Bei Crusius hatte es sich um eine ungewöhnliche Beziehungsgeschichte gehandelt: eine
Frau unterhält eine ehebrecherische Beziehung zu einem Mann, hat mit ihm zwei Kinder.
Sie lebt in einer Höhle mit ihnen und wird von ihrem Geliebten versorgt. Nach der
Entdeckung der heimlichen Wohnung werden die Kinder getauft.
In dieser Form war die Story aber wohl zu anspruchslos und für den Schulunterricht nicht
zu gebrauchen. Die von Maria Wolf formulierte Fassung von 1920 berichtet zunächst von
den Einfällen des gelben Felsens, der gelegentlich eine Nebelkappe aufsetze und an dem
ab und zu ein rotes Tüchlein flattere. Erst nach dieser munteren Einleitung kommt sie auf
den nun neu eingeführten "Vater" zu sprechen, einen Mann aus Beuren, der
Verena versorgt, wenn sie dies durch das Tüchlein signalisiert. In einer
stürmischen Winterwoche, als das Tüchlein vergeblich flattert, gehen die beiden
Buben hinunter nach Owen, um Brot zu erbitten. Die Leute werden stutzig und ziehen auf den
Berg, weil sie Verena für eine Hexe halten, bringen sie in das Städtchen und
verbrennen sie. Der letzte Abschnitt im Wortlaut: "Schon flammten die
äußeren Scheiter des Holzstoßes auf, und immer noch schwiegen ihre Lippen.
Nur ihre Augen suchten angstvoll nach ihren Buben. Es geschah ihnen nichts Schlimmes, sie
wußte es. Man würde sie taufen und fromm erziehen. Sie aber, ihre Mutter, starb
einsam, starb als eine Hexe!" [Anm. 49].
Die Wiedereinführung des Vaters zeigt, daß die Fassung von 1908, anders als die
schlichte Erzählweise suggeriert, eben nicht die getreue Wiedergabe einer
mündlichen Überlieferung ist, sondern eine für den Schulunterricht
"geschönte" Variante, in der Mayer die ehebrecherische Verbindung
weggelassen hat. Aber warum lebt dann Verena allein auf dem Berg? Ausgesprochen wird es
auch 1920 nicht, aber der Leser kann nun erschließen, daß der "Vater"
keine normale Ehe mit Verena führt.
Die naheliegende Annahme, die Verbrennung Verena Beutlins als Hexe habe Mayer erfunden,
um der Geschichte eine dramatische Pointe zu verleihen, bestätigte sich freilich nicht.
Wahrscheinlich war dies das Werk des Schriftstellers Carl Theodor Griesinger, der in seinem
Universallexikon Württembergs 1841 erstmals angab, die Frau sei als Ehebrecherin
verbrannt worden. In seiner Vorlage, einem topographischen Lexikon aus dem Jahr 1833, steht
davon nämlich noch nichts [Anm. 50].
Auch die anderen Sagentexte des Mayerschen Heimatbuchs müssen eher als
schuldidaktisch-literarische Versuche denn als getreue Sagenwiedergaben gelesen werden. Dies
trifft insbesondere für die Sage "Der Rotgockel" zu, die vom Untergang des
angeblichen Ortes Rot bei Ötlingen handelt und die in dieser Form nur bei Mayer und
zwar erstmals 1920, also in der Wolfschen Fassung, überliefert ist. Weil die Roter nicht
hinunter nach Ötlingen zur Kirche gehen, verschwindet das Dorf spurlos in einem
Abgrund. Wieder bemerkt man das angestrengt wirkende Bemühen um Anschaulichkeit,
das dem "Sagenton" so gar nicht entspricht. Von den Häusern der nach Rot
gezogenen Bauern heißt es: "Da dufteten die Reseden, und vom Stockbrett schauten
scheckige Nelken und feuerrote Geranien noch frischer herunter als damals, da sie noch im Tale
wohnten" [Anm. 51]. 1929, also nach der
Fixierung der Sage im Heimatbuch Mayers, meldete sich im Teckboten der Student Ernst
Ammer mit der Frage zu Wort: Gab es bei Oetlingen einen Ort Rot? Dabei erwähnt er
zwei Überlieferungen: die eine will wissen, der Ort sei im Dreißigjährigen
Krieg zerstört worden, die andere berichte davon, "die Erde habe sich aufgetan und
Haus und Hof, Mann und Maus verschlungen" [Anm. 52]. Vermutlich hat Mayer in Ötlingen auch nicht viel mehr
aufgeschnappt und sich den Rest - den Grund des Strafgerichts und das Krähen des
Rotgockels - einfach zusammengereimt. Daß Maria Wolf für den Inhalt dieser Sage
verantwortlich war, kann als ausgeschlossen gelten.
1926 nahm Rudolf Kapff die Geschichte in seine einflußreichen
"Schwäbischen Sagen" auf. Allerdings formulierte er den Schluß leicht
um, indem er die Ermahnung der Mutter an das unartige Kind "Gib acht, der Rotgockel
kommt!" ins Schwäbische übersetzte: "Gib acht, der Rotgockeler
kommt und nimmt di' mit unter de Bode' 'nunter." [Anm. 53]
Ein letztes Beispiel aus Wolf/Mayers Sagen-Baukasten: die in einer Handschrift des 16.
Jahrhunderts [Anm. 54] nüchtern
erzählte fromme Erzählung vom blinden Spielmann, der für das Kirchheimer
Kloster Almosen sammelt, wird melodramatisch aufpoliert: "Es war an einem eiskalten
Wintertag. Der Wind heulte durch die Straßen Kirchheims und fuhr um die Häuser.
[...] Da klopfte es an der Klosterpforte. Wer mochte so spät noch Einlaß begehren?
Ein alter Mann war es mit schneeweißem, wallendem Barte. Seine Augen schauten
geradeaus, glanzlos, wie erloschen. Und nun hob er seine Geige ans Kinn und ließ sie
weinen u. seufzen so ernst, daß die Klosterfrauen mitweinten"
[Anm. 55].
Thomas Lirers "Schwäbische Chronik" und die Vogtberichte 1535
Von einer anderen Seite beleuchtet die seit dem 16. Jahrhundert nachweisbare Kirchheimer
Gründungsüberlieferung das Problem der mündlichen Tradition. Ich
stütze mich dabei vor allem auf die Forschungen von Rolf Götz [Anm. 56]. 1535 wurde in Württemberg
landesweit bei den Amtleuten nach Ursprung und Herkommen der einzelnen Städte und
Orte gefragt - die erhaltenen Antworten sind eine der wichtigsten und frühesten Quellen
für die lokale Traditionsbildung. In Kirchheim berief sich der Verfasser des Berichts [Anm. 57] auf die ältesten Einwohner und auf
nicht näher bezeichnete alte Historien und Chroniken. Als die Herzöge von Teck
den christlichen Glauben angenommen haben, liest man in dem Vogtbericht, haben sie eine
Kirche in der Ehre unserer lieben Frauen auf einem weiten Feld zwischen Lindach und Lauter
errichtet. Daher auch der Name Kirchheim. An anderer Stelle spricht der Vogtbericht davon, die
Tecker hätten als Heiden Grafen von Weck geheissen. Im 17. Jahrhundert brachte man
auch den Kirchheimer Straßen- bzw. Bezirksnamen "Heidenschaft" mit der
angeblichen Schlacht zwischen Heiden und Christen in Verbindung [Anm. 58].
Die ältesten Einwohner müssen einen Ulmer Frühdruck von 1486 gelesen
haben, denn die ganze Geschichte erweist sich als Ableitung aus der damals erschienenen
"Schwäbischen Chronik" eines sich Thomas Lirer nennenden Autors [Anm. 59]. Seit geraumer Zeit ist klar, daß es sich
bei diesem vielgelesenen Buch nicht um ein seriöses Geschichtswerk handelt, sondern um
eine historiographische Fiktion, der es vor allem darum ging, das Herkommen des Adels im
Land Schwaben zu beweisen [Anm. 60]. Diesem
Zweck diente auch die - erfundene - Geschichte von der großen Schlacht und der
Christianisierung der heidnischen Grafen von Weck, die vom Herzog von Schwaben zu
Herzögen von Teck erhoben worden sein sollen. Wenn von der Erbauung einer
Marienkirche in Kirchheim an der Stelle, wo der Graf von Teck von den Christen
gefangengenommen wurde, die Rede ist, so könnte das auf Ortskenntnis des unbekannten
Verfassers hindeuten. In Kirchheim gab es ja bis zum 16. Jahrhundert zwei Marienkirchen, eine
vor dem oberen Tor und eine in der unteren Vorstadt "unter der Linde" [Anm. 61]. Dieser Schluß ist jedoch nicht
zwingend, denn das Marienpatrozinium war im 15. Jahrhundert so häufig, daß der
Lirer-Autor auch einfach nur sich etwas ausgedacht haben könnte. Auch im Tal zu
Hausen, wo die große Schlacht stattgefunden haben soll, weiß der Text, habe man
eine Marienkirche errichtet. Wenn Hausen an der Fils bei Überkingen gemeint sein sollte,
trifft die Angabe des Marienpatroziniums zu, da dieser Ort tatsächlich eine Marienkapelle
aufwies. Erst um 1800 lokalisierte man die große Christenschlacht in das heutige
Christental nördlich von Nenningen [Anm.
62].
Hier kommt es jedoch nicht so sehr auf den fehlenden historischen Kern der Geschichte darauf
an als vielmehr auf die Tatsache, daß in Kirchheim die Lirer-Erfindungen gläubige
Aufnahme fanden. Die Geschichte von der Kirchheimer Kirchenstiftung war jahrhundertelang
gleichsam die autorisierte Gründungsüberlieferung, verbürgt durch die
mündliche Tradition einerseits und die Aufnahme in den Vogtbericht von 1535
andererseits. Die mündlichen Diskussionen und Erörterungen vor Ort und die
schriftlichen Fassungen standen dabei in ständiger Wechselwirkung: nicht weniger
wichtig als die Sage war die Schreibe. Wir wissen im übrigen nicht, ob die Kirchheimer
Gründungsüberlieferung in der Kirchheimer Bevölkerung der frühen
Neuzeit tatsächlich verbreitet oder ob sie im wesentlichen nur innerhalb der
städtischen Oberschicht bekannt war.
Daß der Lirer-Druck Ausgangspunkt mündlicher Traditionen wurde, die Eingang
in die Vogtberichte gefunden haben, läßt sich jedoch nicht nur im Fall der
Kirchheimer Gründungsüberlieferung konstatieren. Bekannt ist, daß im
Vogtbericht des benachbarten Göppinger Amts die Ursprungserzählung des Markts
Hohenstaufen [Anm. 63] deutliche
Ähnlichkeiten mit einer anderen Lirer-Episode aufweist. Was aber bislang noch nicht
bemerkt wurde: Sogar im gleichen Kirchheimer Vogtbericht begegnet im Abschnitt über
das Dorf und die Grafen von Aichelberg eine weitere Lirer-Reminiszenz.
Hans-Martin Maurer hat sich mit der Frage befaßt, weshalb die Grafen von Aichelberg
den Grafentitel abgelegt und sich nur noch Freiherren genannt haben. Er verweist auf die
Mitteilung des Vogtberichts, einst sei ein Graf von Aichelberg in einem Krieg oberster
Feldhauptmann eines Herrn von Österreich gewesen. Er habe sich im Krieg so verhalten,
daß vom Kaiser wegen seiner Übeltat "der stam unnd nam, schilt und helm
sey abgethon sey wordenn, also das hinfurter zu ewigenn zeiten khain graf zu Eichelberg mer
soll genennt werden". Maurer will diese Nachricht auf den letzten "Grafen"
Konrad beziehen, dem er als italienischem Condottiere Verletzungen des Landfriedens und
andere Übeltaten zutrauen möchte. Daß er im Dienst Österreichs
gestanden sei, sei zwar nicht bekannt, aber 1418 habe er sich in der von König Sigismund
verhängten Reichsacht befunden [Anm. 64].
Abgesehen davon, daß man dieses Faktum gewiß nicht überschätzen
darf, wäre es äußerst merkwürdig, daß eine so einzigartige
"Degradierung" des Aichelbergers durch den König keinerlei Niederschlag in
zeitgenössischen amtlichen oder chronikalischen Quellen gefunden haben sollte. Es geht
dem Vogtbericht auch nicht darum, die angebliche Tatsache zu erklären, daß die
Aichelberger ihren Grafentitel abgelegt und als Freiherren weitergelebt hätten [Anm. 65] - von einem solchen (erst noch zu
beweisenden) Fortbestehen der Familie steht keine Silbe im Text. Im Gegenteil: der "stam
unnd nam" wurde abgetan. Maurers Versuch, einen historischen Kern des Vogtberichts
von 1535 zu konstruieren, muß somit als gescheitert betrachtet werden, zumal alles
dafür spricht, daß es sich letztlich nur um eine Lesefrucht aus Lirers Chronik
handelt.
Es dürfte schwerfallen, ein Detail über Orte oder Geschlechter aus Lirers Chronik
zu finden, das in der frühen Neuzeit nicht in irgendeiner Weise von interessierter Seite
begierig aufgegriffen worden wäre. Weil aber vielfach Lirer nicht als Quelle zitiert wurde,
kommt es noch heute vor, daß er als Urquelle einer solchen Überlieferung nicht
erkannt wird [Anm. 66]. Insoweit könnte man
fast die Beweislast umkehren: Nachdem ein Graf Philipp von Aichelberg als Hauptmann in
einem Kriegszug bei Lirer erscheint, müßte eigentlich nachgewiesen werden,
daß es sich bei der Mitteilung von 1535 n i c h t um eine entstellte Version der rund ein
halbes Jahrhundert früher im Druck erschienenen Lirer-Episode handelt.
Tatsächlich ist der von der Kirchheimer Oberamtsbeschreibung zum Jahr 1130
angeführte Philippus comes de Aichelberg [Anm.
67], wie sich aus den Forschungen von Dieter Mertens zum Ursprung des Hauses
Württemberg ergibt [Anm. 68], auf jene
Person der Lirer-Chronik zurückzuführen. Wohl nach 1530 fälschte man
nämlich im Augsburger Kloster St. Ulrich und Afra eine Zeugenliste auf das Jahr 1031,
wobei man Lirers Schwäbische Chronik heranzog. Und aus der Jahreszahl 1031 wurde -
auf dem Umweg über den Wiener Historiker Wolfgang Lazius - in der
württembergischen Historiographie 1130.
Bei Lirer geht es in der einschlägigen Episode um den Kampf der Brüder von
Staufen, Marquards von Habsburg und des Grafen von Freiburg um das Königtum nach
den Tod eines Königs Ludwig [Anm. 69]. In
der Entscheidungsschlacht im Seefeld war der Graf von Rotenfahn Hauptmann des Herrn von
Staufen, Philipp von Liechtenberg der des Habsburgers. Bei der Aufstellung der Formation
führte den großen (mittleren) Haufen mit wohl 18.000 Mann - gemeint ist wohl das
Heer des Staufers [Anm. 70] - als Hauptmann
"Graff Philipps von Aichelberg der elter" [Anm. 71]. Als die Heere aufeinandertrafen, "do floch der von
Aichelberg". Es gelang dem von Leutkirch aber, die Fliehenden wieder zu sammeln und
wieder an die Front zurückzubringen, wo er den Sieg errang. Der von Staufen wurde
König und erbaute die Stadt Göppingen. Der Rest der Geschichte behandelt die
Herausforderung des Aichelbergers durch den von Rotenfahn "umb die flucht". Es
kommt zu Verhandlungen und schließlich zum Zweikampf, den der von Rotenfahn, dem
Graf Wilhelm von Helfenstein als Genosse beisteht, gegen den von seinem Schwestermann
Seifried von Rotenburger unterstützten Aichelberger gewinnt. Damit endet etwas abrupt
die Episode.
Welches extreme Vergehen konnte der Vogtbericht gemeint haben, das zur Auslöschung
des Geschlechts führte? Im Krieg sind eigentlich nur Verrat oder Feldflucht denkbar,
wobei man im Mittelalter jeden Feldflüchtigen zugleich als Verräter ansah. Stellt
man in Rechnung, daß "feldflüchtig" ein Synonym für
"ehrlos" war und ein solches Verhalten im Kampf als äußerste Schande
galt [Anm. 72], so ergibt sich die Lirer-Episode
zwanglos als Vorlage des Vogtberichts. Dieser hätte dann Lirer gleichsam korrigiert,
indem an die Stelle der durch Zweikampf im Rahmen der adeligen Genossenschaft bewirkten
"privaten" Sanktion durch einen anderen militärischen Führer als
Kämpfer für die Standesehre die "öffentlichrechtliche"
Bestrafung durch den König tritt. Nachdem Philipp von Liechtenberg von der
Lirer-Chronik als habsburgischer Hauptmann genannt wurde, konnte Philipp von Aichelberg
unschwer mit ihm verwechselt werden - so wäre vielleicht der oberste Feldhauptmann
eines Herrn von Österreich im Vogtbericht zu erklären. Denkbar wäre aber
auch, daß ein mitdenkender Lirer-Leser die einzige Erwähnung des später
nicht mehr erscheinenden Liechtenbergers als Verschreibung für Aichelberg
aufgefaßt und somit das Problem der Nennung mehrerer Hauptleute auf diese Weise
gelöst hätte. Und noch eine weitere Hypothese darf angeschlossen werden: nach
dem Vogtbericht von 1535 war der Stadtgründer von Weilheim, Ulrich von Aichelberg,
den andere Quellen die Stadterhebung im Jahr 1319 vornehmen lassen, oberster Hauptmann
Pfalzgraf Friedrichs von Bayern als römischer König [Anm. 73]. Gemeint ist offenbar König Friedrich von Österreich,
und es spricht eigentlich alles dagegen, daß Ulrich sein Hauptmann war. Vielleicht haben
sich die beiden - inhaltlich ganz gegensätzlichen - Überlieferungen im Vogtbericht,
die von einem Aichelberger Grafen als oberstem Hauptmann wissen wollen, in irgendeiner
Weise beeinflußt?
Was in den drei Orten Kirchheim, Weilheim und Hohenstaufen 1535 als Aussage der Alten
angeführt wird, erweist sich - mehr oder minder deutlich - jeweils als Lesefrucht aus
einem etwa fünfzig Jahre älteren Druck, der 1485/86 gedruckten Lirer-Chronik,
wobei es bei allen drei Orten keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt, daß der anonyme
Lirer-Autor bereits bestehende örtliche Traditionen aufgegriffen hat. Ob die
"Entstellungen" gegenüber dem Lirer-Text auf eine längere
mündliche Überlieferung seit 1485/86 zurückgehen oder aber Resultat einer
"kreativen" Lektüre Lirers sind, läßt sich nicht entscheiden.
Einmal mehr wird man aber mit dem Insistieren auf einer intensiven Wechselwirkung und der
ständig gegebenen Möglichkeit des Austauschs zwischen Schriftlichkeit und
Mündlichkeit das Richtige treffen.
Sage und Literatur: Der Ulrichstein bei Hardt
Mehr noch als die schriftliche Geschichtsüberlieferung hat die Literatur die Sagen
nachhaltig beeinflußt. Weil Sagen meist von Volkskundlern und nicht von
Literaturwissenschaftlern erforscht wurden, hat man die intensiven Wechselbeziehungen
zwischen Sage und Literatur häufig übersehen. Fixiert auf die vermeintlich
volkstümliche Mythologie der Spinnstuben-Erzählungen vernachlässigten
nicht wenige Volkskundler über Gebühr jene Texte, die deutliche Beziehungen
zwischen dem Lesegeschmack der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts und den damals
aufgezeichneten Sagen erkennen lassen. So sind die von den Schülern Schotts
aufgezeichneten schaurigen Stories letztlich ein Reflex der zeitgenössischen
Trivialliteratur. Ebenso hängen die Rittergeschichten der Sagen eng mit den damals
überaus beliebten Ritterromanen zusammen.
Die Beziehung zwischen Sage, aufklärerischer Geschichtsauffassung und Trivialliteratur
können die sogenannten Raubrittersagen [Anm.
74] gut veranschaulichen. Erst etwa um 1800 kam der Begriff "Raubritter" auf,
und bezeichnenderweise findet sich der von mir entdeckte Erstbeleg aus dem Jahr 1799 in
einem - wohl nicht sehr qualitätvollen - Ritterroman: "Der Raubritter mit dem
Stahlarme" [Anm. 75]. Damals blickte man mit
Schauder auf die Zeiten des sogenannten Faustrechts zurück, als adelige Wüstlinge
das Bürgertum schikanierten. Auch wenn im Kirchheimer Raum bereits bei Crusius (nach
dem Owener Pfarrer Schentz) die Vorstellung anzutreffen ist, auf der Burg Rauber hätten
einst Räuber gehaust [Anm. 76], so hat doch
erst das Geschichtsverständnis des 18. Jahrhunderts den Boden bereitet für die Flut
der Raubrittersagen, denen man allenthalben in Sagensammlungen begegnet.
Einige weitere Beispiele für die Beziehung zwischen literarischen und Sagentexten:
Vielfach wurden die literarisch gestalteten "Sagen der Vorzeit", eine am Ausgang
des 18. Jahrhunderts aufgekommene Gattung historischer Erzählungen, als Volkssagen
ausgegeben. Auch die in der Mitte des letzten Jahrhunderts vielgelesenen Erzählungen
aus der "vaterländischen" (württembergischen) Geschichte tarnten sich
nicht selten als Sagen. Umgekehrt stammen Ingredienzien vermeintlicher Volkssagen wie das
Vemegericht aus populären Ritter-Schmökern [Anm. 77], und die heute bekanntesten "Sagen" der Stadt Stuttgart
sind erfundene Geschichten, also "fakelore" (Dorson) statt "folklore",
die in der "Stadt-Glocke" des Buchdruckers Munder (erschienen 1844 bis 1848) das
Licht der Welt erblickten [Anm. 78].
Während der heutige Leser erwartet, daß ihm Sagen nur in Prosa serviert werden,
fand man bis vor wenigen Jahrzehnten auch an Sagen in Gedichtform großen Gefallen.
"Im 19. Jahrhundert", hielt Lutz Röhrich fest, "war die
Erscheinungsform der Sage vielfach das Sagengedicht, die literarische Sagenballade; daneben
stand die Sagennovelle, und dies alles waren gewiß keine Ethno-Texte" [Anm. 79]. Solche Sagen-Poesie führt freilich ein
Schattendasein in der Sagenforschung, ist sie doch nicht nach dem Geschmack der
volkskundlichen Gralshüter der "echten Volkssage" - wo immer die sich
verbergen mag. In der schwäbischen Romantik gehörte es jedenfalls fast zum guten
Ton, eine Sagen-Ballade zu dichten. Gustav Schwabs Gedicht über die Brüder vom
Wielandstein wurde oben ja bereits erwähnt.
Abschließend möchte ich noch etwas genauer auf ein Beispiel aus dem
Kirchheimer Raum eingehen, das die Verbindung zwischen historischer Traditionsbildung,
literarischen Texten und Sagen besonders deutlich hervortreten läßt. Ich meine die
Texte, die sich auf den sogenannten Ulrichstein bei Hardt in der Nähe von
Grötzingen beziehen. Daß Herzog Ulrich sich auf seiner Flucht aus
Württemberg im Jahr 1519 in der Ulrichshöhle aufgehalten habe und von den
Hardter Bauern mit Lebensmitteln versorgt worden sei, worauf er ihnen später
vollkommene Steuerfreiheit gewährt habe, liest man zuerst in einem Fragebogen, den der
Oberensinger Pfarrer Wurm 1787 dem Naturforscher Gottlieb Friedrich Rößler
zurückschickte [Anm. 80].
Worauf die tatsächlich bestehende Steuerfreiheit der Hardter Bauern, die sich 1803 auf
das angebliche Privileg Ulrichs beriefen [Anm. 81],
zurückgeht, ist nicht bekannt. Daß die Geschichte, eine ätiologische
(erklärende) Überlieferung für ein bestimmtes Sonderrecht (hier:
Steuerfreiheit der Güter) [Anm. 82], einen
historischen Kern haben könnte, ist jedoch völlig unwahrscheinlich.
Überhaupt lassen sich die wenigsten Ulrichs-Sagen auf das 16. Jahrhundert
zurückführen - die meisten sind das Resultat der württembergischen
Bemühungen um die vaterländische Geschichte im 18. und 19. Jahrhundert. Man
wünschte sich Schauplätze zu den denkwürdigen Ereignissen und verband
die historischen Kenntnisse über Ulrich mit gängigen Sagenmotiven [Anm. 83]. Schon 1836 fiel einem Anonymus in den
Württembergischen Jahrbüchern auf, es gebe in Württemberg Volkssagen
über frühere Herrscher auffallend selten: "Selbst Herzog Ulrichs Andenken
ist mehr durch Hauff's Roman aufgefrischt, als erhalten" [Anm. 84].
1815 dichtete Gustav Schwab eine Sagenballade "Der Hohlenstein", in der er - ganz
im Sinne der liberalen Forderung nach Presse- und Meinungsfreiheit - die Privilegien der
Hardter Bauern vor allem auf ihre freimütige Kritik am Regiment ihres Landesherrn
zurückführt. Bei Schwab wissen die Hardter Bauern nämlich nicht,
daß der Fremde, der in ihren Ort kommt, niemand anderes als der Herzog selbst ist [Anm. 85]. In Anknüpfung an die Hardter
Überlieferung erfand Wilhelm Hauff in seinem Erfolgsroman "Lichtenstein"
von 1826 dann die Figur des Pfeifers von Hardt, des engsten Vertrauten des Herzogs. Die
Literatur wiederum wirkte auf die mündliche Überlieferung vor Ort zurück:
später wies man in Hardt sogar das angebliche Wohnhaus des Pfeifers vor [Anm. 86].
Die Wirkmächtigkeit des Hauffschen Buchs, der sein Werk im Titel als eine
"romantische Sage aus der württembergischen Geschichte" bezeichnet,
läßt sich kaum überschätzen. Die von ihm geschaffene Gestalt Herzog
Ulrichs bildete einen Eckpfeiler der Geschichtskultur und des "monarchischen
Patriotismus" im Württemberg des 19. Jahrhunderts [Anm. 87]. Aber bereits Max Schuster hat in seiner Untersuchung über
den geschichtlichen Kern von Hauffs Roman festgestellt, daß Hauff im Verständnis
des Publikums nicht als Dichter und Gestalter gelte, sondern nur als Interpret eines
vermeintlichen Stücks "aus altem geistigen Volksbesitz". Sogar
wissenschaftliche Kreise seien von diesem Irrglauben infiziert worden: "So glaubt man
etwa in Stellen, die mit Sicherheit auf selbständige Kombination des Dichters
zurückzuführen sind, Jahrhunderte alte Überlieferung erblicken zu
dürfen, in der wohl gar uralte mythologische Reminiszenzen noch einmal Gestalt
gefunden hätten. So redet man etwa von einer Sage von Ulrichs
Nebelhöhlenaufenthalt, indem man sie in Beziehung setzt zu alten
Bergentrückungsmythen und als das direkte Gegenstück zur Kyffhäusersage
bezeichnet [Anm. 88], während [...] die
Verlegung von Ulrichs Aufenthalt in die Nebelhöhle lediglich einem Einfall des Dichters
entspringt" [Anm. 89]. Für die
sogenannten Lichtensteinsagen kann Schuster zeigen, daß Hauff sie aus Gustav Schwabs
Albbeschreibung von 1823 kannte, der sie wiederum aus Crusius entnommen hatte, und
daß eine entsprechende mündliche Überlieferung zur Zeit Schwabs und
Hauffs aller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt nicht existierte [Anm. 90].
Daß der Winkel von Hardt und seine Ulrichs-Überlieferung zu Beginn des 19.
Jahrhunderts auch außerhalb des steuerfreien Weilers die Phantasie von Zeitgenossen
beschäftigte, mögen zu guter Letzt jene rätselhaften Verse bezeugen, die
Friedrich Hölderlin ihm gewidmet und erstmals im "Taschenbuch für das
Jahr 1805" publiziert hat. Sie formulieren am Beispiel einer unscheinbaren
Örtlichkeit das Verhältnis von Spur und Geschichte [Anm. 91]:
Der Winkel von Hahrdt
Hinunter sinket der Wald,:
[2] Eugen Thurnher, Volkssage und religiöse Überlieferung,
Germanien 15 NF 5 (1943), S. 210-216, hier S. 216.
[zurück]
[3] Das folgende (teilweise wörtlich) angelehnt an die Einleitung in
meinem Band: Sagen rund um Stuttgart, Karlsruhe 1995, S. 7-18 (ebd., S. 213ff.
Literaturangaben).
[zurück]
[4] Deutsche Sagen. Hrsg. von den Brüdern Grimm, ediert von Heinz
Rölleke, Frankfurt a. M. 1994, S. 389.
[zurück]
[5] Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus
Schwaben, Stuttgart 1852, Nachdruck Göppingen 1983, S. 132f. mit Quellenangabe
"Mündlich aus Owen".
[zurück]
[6] In einem noch ungedruckten Beitrag zur Methodenkritik der deutschen
Mythologie ("Wodan und das wuetende heer") zeigt Paul Derks, daß das
wütende Heer ursprünglich durchaus nichts mit Wodan zu tun hat. Herrn Prof. Dr.
Derks, Essen, sei für die Übersendung des Aufsatzes herzlich gedankt.
[zurück]
[7] Man vergleiche aber auch die eher nüchterne Bestandsaufnahme
der Überlieferungen bei Karl Bohnenberger, Muetes Heer und Muete,
Volkskunde-Blätter aus Württemberg und Hohenzollern 1914, S. 8-15.
[zurück]
[8] Vgl. z.B. zusammenfassend Rudolf Schenda, Von Mund zu Ohr.
Bausteine zu einer Kulturgeschichte volkstümlichen Erzählens in Europa,
Göttingen 1993, S. 114, 250, 295 u.ö. Zur Bibliographie der neueren Arbeiten von
Brückner, Deneke, Gerndt, Schenda, Seidenspinner und anderen ist hilfreich das
Literaturverzeichnis von Brüder Grimm, Deutsche Sagen Bd. 2, hrsg. von
Hans-Jörg Uther, München 1993, S. 618-625. Vgl. auch Klaus Graf, Thesen zur
Verabschiedung des Begriffs der 'historischen Sage', FABULA 29 (1988), S. 21-47 und Ders.,
Sage, Lexikon des Mittelalters Bd. 7, München-Zürich 1995, Sp. 1254-1257.
[zurück]
[9] Meier, S. XI.
[zurück]
[10] Gustav Schwab, Die Neckarseite der Schwäbischen Alb.
Neudruck der ersten Ausgabe von 1823 mit einer Einführung von Hans Widmann,
Tübingen 1960, S. 144. Keine weitergehenden Informationen zu diesem Text bei Werner
Schulze, Gustav Schwab als Balladendichter (= Palaestra 126), Berlin 1914, S. 87. Zur Rolle
Schwabs bei der Genese der Sage von der Sibylle von der Teck vgl. künftig die
Monographie von Rolf Götz.
[zurück]
[11] Jeremias Höslin, Beschreibung der wirtembergischen Alp,
Tübingen 1798, S. 415 (bei Hohenneuffen).
[zurück]
[12] Maßgebliche Ausgabe Hermann von Sachsenheim, Die
Mörin. Nach der Wiener Handschrift ÖNB 2946 hrsg. von Horst Dieter Schlosser
(= Deutsche Klassiker des Mittelalters NF 3), Wiesbaden 1974, die Stelle zum Kalbsritt S.
176-178. Schwab, Neckarseite, S. 147 sagt, er habe einen Wormser Druck von 1536 von Prof.
Veesenmeyer in Ulm erhalten. Dabei handelt es sich sicher um eine Verwechslung, denn ein
solcher Druck Worms 1536 ist nicht bekannt (vgl. die fünf Ausgaben im VD 16 H
2448-2452), die Stadtbibliothek Ulm besitzt nur einen Druck Worms 1539 und Georg
Veesenmeyer
nannte - nach Ausweis des Versteigerungskatalogs Katalog der [...] Bibliothek des Georg
Veesenmeyer [...], Ulm 1833, Nr. 2610 - ebenfalls nur diese Ausgabe sein eigen (Mitteilung der
Stadtbibliothek Ulm vom 7./8.4.1997).
[zurück]
[13] Ediert von Hans Hofmann, Ein Nachahmer Hermanns von
Sachsenheim. Diss. Marburg 1893, S. 19. Zum Text vgl. Walter Blank, 'Der neuen Liebe Buch',
in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Aufl. Bd. 6 (1987), Sp. 909-912.
[zurück]
[14] Zimmerische Chronik. Nach der von Karl Barack besorgten zweiten
Ausgabe hrsg. von Paul Herrmann, Bd. 2, Meersburg 1932, S. 30f.
[zurück]
[15] Hier zitiert nach der zweibändigen Übersetzung von
Johann Jacob Moser: Schwäbische Chronick, Frankfurt a. M. 1733, Bd. 2, S. 402-404
(Paralipomena c. 4). Die Lebensdaten des Pfarrers nach Rolf Götz, Sibylle von der Teck.
[zurück]
[16] Crusius dt. Bd. 2, S. 402.
[zurück]
[17] Vgl. nur Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 4
(1932), Sp. 918f.: "Die Hexe reitet auf einem Kalb." - Es muß mit diesen
Andeutungen hier sein Bewenden haben. Eine umfassende motiv- und literargeschichtliche
Untersuchung der Überlieferung steht, soweit ich sehe, noch aus und müßte
wesentlich weiter ausholen. Instruktiv zum Verhältnis von "Sage" und
dämonologischer Literatur ist nach wie vor: Albert Wesselski, Probleme der
Sagenbildung, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 35 (1936), S. 131-188.
[zurück]
[18] Crusius dt. Bd. 2, S. 404.
[zurück]
[19] Johann Martin Rebstock, Kurtze Beschreibung deß
Hertzogtumbs Württemberg, Stuttgart 1699, S. 206f.
[zurück]
[20] Vgl. dazu Ludwig Laistner, Nebelsagen, Stuttgart 1879, S. 292f. und
eine briefliche Mitteilung an Anton Birlinger, die dieser in der Alemannia 7 (1879), S. 96
veröffentlichte: "Der Antiquarius des Nekarstromes [Denkwürdiger und
nützlicher Antiquarius des Neckar- Mayn Lohn- und Mosel-Stroms, Frankfurt a. M.
1740, S. 46 wohl nach Rebstock], aus welchem meines Wißens [Ernst Ludwig] Rochholz
in seinen drei Gaugöttinnen [Leipzig 1870, S. 119] die Nachricht von unsrer
schwäbischen Verena geschepft hat, ist keineswegs die älteste Quelle; vilmer
erzählt schon Crusius Ann. Suev. Paral. 10 die Sage vom 'Frena-Beutlinsloch'
ausfürlich. Aus im schepften, zum Teil abändernd (wol nach ungenauer
Erinnerung), zum Teil zusezend, Sattler (historische Beschreibung etc. 2, 98; topographische
Gesch. [des Hertzogthums Würtenberg, Stuttgart 1784, S.] 366), Schwab (Neckarseite
146), Griesinger (Universallex. etc. 1483)." (Ergänzungen in eckigen Klammern
aufgrund eigener Überprüfung, K.G.) - Den mythologisierenden Spekulationen von
Rochholz (zu dessen "krauser Gelehrtenromantik" vgl. Adolf Reinle, Die heilige
Verena von Zurzach. Legende, Kult, Denkmäler, Basel 1948, S. 141) und Laistner, auf
die hier nicht näher einzugehen ist, lassen sich die des Uhland-Schülers Wilhelm
Hertz an die Seite stellen, publiziert im "Königreich Württemberg"
1884 (vgl. den Wiederabdruck: Wilhelm Hertz, Aus Dichtung und Sage. Vorträge und
Aufsätze, hrsg. von Karl Vollmöller, Stuttgart/Berlin 1907, S. 154-197), danach
unter dem Titel "Frena" in den Blättern des Schwäbischen Albvereins
9 (1897), Sp. 219f. (mit Ergänzung von Drück, Sp. 272 zu angeblichen Parallelen).
[zurück]
[21] Laistner, Nebelsagen, S. 292. In der Alemannia 1879, S. 96
heißt es, die Höhle sei nach Crusius' Angaben wieder aufgesucht worden. -
Laistners Lebensdaten nach Rolf Götz, Sibylle von der Teck.
[zurück]
[22] Darauf hat Wolfgang Seidenspinner in den letzten Jahren wiederholt
hingeweisen, vgl. etwa Derselbe, Archäologie, Volksüberlieferung,
Denkmalideologie. Anmerkungen zum Denkmalverständnis der Öffentlichkeit in
Vergangenheit und Gegenwart, Fundberichte aus Baden-Württemberg 18 (1993), S. 1-15,
hier S. 6: "Das Gedächtnis des Volkes ist kurz". Vgl. auch Hermann
Bausinger, Kontinuität, Enzyklopädie des Märchens 8 (1996), Sp. 237-245.
[zurück]
[23] Die methodisch einschlägige Studie von Heinz Trümpy,
Der Wandel im Sagenbestand eines schweizerischen Bergdorfes während eines
Jahrhunderts, Hessische Blätter für Volkskunde 58 (1967), S. 69-93, vermag,
allzusehr dem "Schwund"-Gedanken verpflichtet, in ihren Folgerungen keinesfalls
zu überzeugen.
[zurück]
[24] Eine Porträtlithographie Schotts von Georg Engelbach 1844 ist
abgebildet in: Klaus Graf, Das Salvatorbrünnlein. Eine bislang unbekannte
Gmünder "Sage" aus der Sammlung des Stuttgarter Gymnasialprofessors
Albert Schott d. J. (1809-1847), einhorn-Jahrbuch Schwäbisch Gmünd 1995, S.
109-118, hier S. 112.
[zurück]
[25] Rolf Götz, Der Freihof in Kirchheim unter Teck. Die
Geschichte eines alten Adelssitzes und seiner Bewohner (= Schriftenreihe des Stadtarchivs
Kirchheim unter Teck 9), Kirchheim unter Teck 1989.
[zurück]
[26] Schott, Volkssagen, Landesbibliothek Stuttgart, Cod. poet. et phil. qt.
134, Bd. I, Bl. 290-290v. Erstveröffentlichung: Graf, Sagen rund um Stuttgart, S. 124f.
Nr. 141.
[zurück]
[27] Stadtarchiv Kirchheim A 244 (alt IV/1338), S. 126
(Gebäudebeschreibung 1835); vgl. auch ebd. die Bauakten A 517.
[zurück]
[28] Götz, Freihof, S. 100f.
[zurück]
[29] Meier (wie Anm. 5), S. 144f.
[zurück]
[30] Vgl. Graf, Thesen (wie Anm. 8), S. 47.
[zurück]
[31] Mitteilung von Rolf Götz. Zum realen Kern vgl. Unterirdischer
Klostergang, Beiträge zur Heimatkunde des Bezirks Kirchheim unter Teck 19 (1974), S.
18f.
[zurück]
[32] Vgl. Annemarie Brückner, Kloster, Enzyklopädie des
Märchens 8 (1996), Sp. 6-12, hier Sp. 11. Ein Beispiel aus dem 19. Jh. aus dem
Nachlaß Ernst Meier bei Graf, Sagen rund um Stuttgart, S. 101f. Nr. 107.
[zurück]
[33] Ottilie Wildermuth, Bilder und Geschichten aus Schwaben (=
Gesammelte Werke Bd. 1), Bd. 1, Stuttgart/Berlin/Leipzig o.J., S. 162f.; Graf, Sagen rund um
Stuttgart, S. 123f. Nr. 140.
[zurück]
[34] Rebstock (wie Anm. 19), S. 357-359. Bei Matthäus Hammer,
Rosetum historiarum, Zwickau/Leipzig 1657 ließ sich weder auf Bl. 221 noch über
das Register die fragliche Geschichte ermitteln. Zu Hammer vgl. z.B. Wolfgang
Brückner, in: Volkserzählung und Reformation. Ein Handbuch zur Tradierung und
Funktion von Erzählstoffen und Erzälliteratur im Protestantismus, hrsg. von
Wolfgang Brückner, Berlin 1974, S. 114.
[zurück]
[35] Carl Mayer, Der Klosterbrand zu Kirchheim, Beiträge zur
Heimatkunde des Bezirks Kirchheim 3 (1930), S. 40-43; vgl. auch Ders., Aus Kirchheims
Vergangenheit. Auf Grund handschriftlicher und gedruckter Quellen bearbeitet, Kirchheim
1913, ND ebd. 1980, S. 44; Beschreibung des Oberamts Kirchheim, Stuttgart/Tübingen
1842, ND Kirchheim unter Teck 1996, S. 134.
[zurück]
[36] Wilhelm Heyd, Die historischen Handschriften der
Königlichen öffentlichen Bibliothek zu Stuttgart, Bd. 2, Stuttgart 1891, S. 48, 51.
[zurück]
[37] Nach freundlicher Auskunft des Deutschen Volksliedarchivs Freiburg
(Prof. Dr. Holzapfel am 7.4.1996) sind beide Lieder dort nicht nachgewiesen. Es hat sicher
Drucke gegeben, aber aufgrund der hohen Überlieferungsverluste in diesem Bereich
dürfte das Auffinden der gedruckten Versionen höchst unwahrscheinlich sein.
Melodien (Töne) und Liedanfänge der beiden Texte waren - in der Art heutiger
Schlager - weitverbreitet. "Da Jesus an dem Kreuze stund" stammt aus dem
Babstschen protestantischen Gesangbuch von 1545. Ein Erzähllied (Neue Zeitung) aus
dem gleichen Jahr 1626 über einen bestraften Geizhals beginnt ebenso wie Lied II.
Traditionell ist auch die Tonangabe von Lied I (erster Textbeleg: Georg Grünwald 1530;
Melodienotierung: Ott 1534), und der Textanfang ist etwa für ein in Straubing 1626
gedrucktes Erzähllied über eine Soldatenfrau, die mit ihren Kindern nachts auf dem
Feld bleiben muß, belegt.
[zurück]
[38] Vgl. dazu Karl-S. Kramer, Volkssage und Volksglauben.
Glaubenssagen und Glaubenswirklichkeit, in: Festschrift Matthias Zender. Studien zu
Volkskultur, Sprache und Landesgeschichte, hrsg. von Edith Ennen, Bd. 2, Bonn 1972, S.
888-899.
[zurück]
[39] Walther Pfeilsticker, Neues Württembergisches Dienerbuch,
§
3411.
[zurück]
[40] L. [Rudolf Locher], Originalbericht über Kirchheim unter
Teck. Von Wolfgang Adam Helden, Fürstlicher Münzkontrolleur und Schulmeister
zu Stuttgart, 1741 verfaßt, Beiträge zur Heimatkunde des Bezirks Kirchheim unter
Teck NF 17 (1973), S. 7f. ohne Quellennachweis.
[zurück]
[41] Die Identifizierung des Urhebers der in der Württembergischen
Landesstelle für Volkskunde befindlichen Sammlung, ein Resultat der Recherchen von
Martin Scharfe 1965, wurde erstmals publiziert von Bernhardin Schellenberger, Die
berühmt-berüchtigte Regierungszeit des Joachim Berchthold von Roth zu
Winzingen (1607-1621), Hohenstaufen/Helfenstein 4 (1994), S. 67-124, hier S. 115.
[zurück]
[42] Graf, Sagen rund um Stuttgart, S. 118f. Nr. 134f.
[zurück]
[43] Stadtarchiv Kirchheim N 6 Nr. 88. Im Findbuch auch ein kurzer
Lebensabriß Mayers.
[zurück]
[44] Auf das Verhältnis von Sagenproduktion und Heimatbewegung
gehe ich etwas näher in einem Aufsatz über Rheinsagen ein, der in den
Nassausischen Annalen 1998 erscheinen soll.
[zurück]
[45] Carl Mayer, Unter der Teck. Heimat-Buch für Kirchheim unter
Teck und Umgebung, 3. Aufl. Selbstverlag 1920, S. 3 bzw. Unter der Teck. Heimatbuch, 5.
Aufl. desgl. 1940, S. 18: Anm. zu den Sagen "Erzählt von M. Wolf". Vgl.
aber auch die Quellenangabe zu der Rauber-Sage bei Mayer, Der Rauber im Spiegel der
Geschichte, Beiträge zur Heimatkunde des Bezirks Kirchheim unter Teck NF 1 (1965),
S. 14-18, hier S. 14: Erzählt in "Unter Teck und Neuffen" von Maria
Gundel-Wolf.
[zurück]
[46] Die biographischen Angaben nach einer Auskunft des Evangelischen
Kirchenpflegers Kirchheim an Rolf Götz vom 15.4.1997 sowie einer Auskunft des
Staatsarchivs Ludwigsburg an mich vom 15.4.1997 nach der Personalakte EL 204 Bü
1188. Für weitere Informationen danke ich herzlich der Tochter von Frau Wolf, Ursula
Gundel, Nürtingen.
[zurück]
[47] Brief von Ursula Gundel vom 21.4.1997.
[zurück]
[48] Carl Mayer/J. L. Jetter, Unter der Teck. Heimatkundliches
Lesebüchlein, Kirchheim u. T. 1908, S. 17. Gleichlautend - mit Titeländerung
"Die Verenahöhle" - in der 2. Aufl. Kirchheim 1911, S. 19f.
[zurück]
[49] Zitiert nach der 3. Aufl. 1920, S. 23.
[zurück]
[50] Carl Theodor Griesinger, Universal-Lexicon von Württemberg,
Hechingen und Sigmaringen, Stuttgart/Wildbad 1841, Sp. 1483 bzw. [Bernhard
Korsinsky/Friedrich Ludwig Lindner], Geographisch-statistisch-topographisches Lexikon von
Württemberg, Stuttgart 1833, S. 368f. (die Nachweise verdanke ich Rolf Götz).
Bereits Laistner, Nebelsagen, S. 293 kannte keine frühere Quelle für dieses Faktum
als Griesinger (vgl. auch oben Anm. 21).
[zurück]
[51] Mayer 1920, S. 30; Graf, Sagen rund um Stuttgart, S. 119f. Nr. 136.
[zurück]
[52] Ammer, Gab es bei Oetlingen ein [!] Ort Rot?, Beiträge zur
Heimatkunde des Bezirkes Kirchheim 3 (1930), S. 28-31. Zum Flurnamen, wohl abzuleiten von
der rötlichen Farbe des Bodens, und der Sage vgl. jetzt Rolf Götz, Das
mittelalterliche Dorf von der ersten urkundlichen Erwähnung (788) bis in die Zeit um
1600, in: Ötlingen. Bauerndorf, Industriegemeinde, Stadtteil (= Schriftenreihe des
Stadtarchivs Kirchheim unter Teck 20), Kirchheim 1995, S. 44-97, hier S. 66.
[zurück]
[53] Rudolf Kapff, Schwäbische Sagen, Jena 1926, S. 60.
[zurück]
[54] Aus dem Autograph Andreas Rüttels d. J. in der Hessischen
Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt Hs. 114, Bl. 179r-v abgedruckt von Graf, Sagen
rund um Stuttgart, S. 120f. Nr. 138. Es handelt sich um ein älteres Zeugnis als Crusius,
aus dem Hermann Grundmann, Religiöse Bewegungen im Mittelalter, 4. Aufl. Darmstadt
1970, S. 397 die Chelidonus-Geschichte kannte. Eine ältere kürzere Fassung um
1490 und einen Nekrologeintrag wies Rolf Götz nach: Die älteste Urkunde des
Kirchheimer Frauenklosters: Vor 750 Jahren, am 5. November 1235, schenkte Herzog Konrad
von Teck Kirchheimer Frauen eine Hofstatt für eine Klostergründung,
Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck 3 (1985), S. 7-22, hier S. 19.
[zurück]
[55] Mayer 1920, S. 33; Graf, Sagen rund um Stuttgart, S. 122 Nr. 139.
1908 und 1911 gibt es diese Sage bei Mayer noch nicht.
[zurück]
[56] Rolf Götz, Sagenhaft das Märchen über
Kirchheims Gründung, Beiträge zur Heimatkunde des Bezirks Kirchheim unter
Teck NF 23 (1976), S. 3-9.
[zurück]
[57] Hauptstaatsarchiv Stuttgart A 4 Bü 41.
[zurück]
[58] Vgl. die bei Graf, Sagen rund um Stuttgart, S. 120 Nr. 137
wiedergegebene Passage aus Rebstocks Beschreibung Württembergs von 1699, S. 201f.
Zur Heidenschaft vgl. Rolf Götz, Zur Lokalisierung der 1329 genannten Kirchheimer
Synagoge, Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck 7 (1988), S. 137-143, hier S.
141f. (die Deutung als Judenquartier bedürfte aber noch weiterer Absicherung).
[zurück]
[59] Dies hat Götz im Teckboten vom 12.6.1976 gezeigt, ohne zu
wissen, daß schon (oder noch) Johannes Schuler, Etliche Christliche Predigen [...],
Stuttgart 1613 (Exemplar: Württ. Landesbibl. Theol. qt. 6379), S. 23 die
Gründungsüberlieferung auf Lyrers 1486 gedruckte Chronik
zurückführen konnte.
[zurück]
[60] Vgl. Klaus Graf, Exemplarische Geschichten. Thomas Lirers
"Schwäbische Chronik" und die "Gmünder Kaiserchronik"
(=Forschungen zur Geschichte der Älteren Deutschen Literatur 7), München 1987.
Der Text liegt inzwischen in einer von Peter Amelung mit einem Nachwort versehenen
Faksimileausgabe vor: Leipzig bzw. Stuttgart 1990. Die Passage über Kirchheim: Blatt
b6a, b7a.
[zurück]
[61] Vgl. dazu ausführlich (unter Heranziehung der
Lirer-Erzählung) Rolf Götz, Vergessene Kirchen in Kirchheim unter Teck und
Owen -
Zur Lokalisierung und Identifizierung vorreformatorischer Kirchen und Kapellen, Schriftenreihe
des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck 15 (1992), S. 37-73, hier S. 38-46.
[zurück]
[62] Vgl. Florian Henning Setzen, Geheimnisvolles Christental.
Geschichtliches und Sagenhaftes um Burgruine Granegg und Reiterles-Kapelle, Donzdorf 1994,
S. 12-26.
[zurück]
[63] Der Text bei Jürgen Kettenmann, Sagen im Kreis
Göppingen (= Veröffentlichungen des Kreisarchivs Göppingen 2), 3. Aufl.
Weißenhorn 1989, S. 83 nach Hauptstaatsarchiv Stuttgart A 510 Bü 7; vgl. Klaus
Graf, Gmünder Chroniken im 16. Jahrhundert. Texte und Untersuchungen zur
Geschichtsschreibung der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch
Gmünd 1984, S. 105; Graf, Exemplarische Geschichten, S. 77 (zu zurückhaltend
zur Frage der Abhängigkeit Lirer-Vogtbericht).
[zurück]
[64] Hans-Martin Maurer, Weilheim bis zur Stadtgründung.
Beiträge zur älteren Geschichte, in: Heimatbuch Weilheim an der Teck, Weilheim
1969, S. 15-61, hier S. 44f. - Sicher aus dem Vogtbericht (oben Anm. 57) kannte Gabelkover
die Geschichte, Historia ... der Grafen von Helfenstein, Württ. Landesbibl. Stuttgart Cod.
Donaueschingen 591, Bl. 109v.
[zurück]
[65] Die genealogische Einordnung der angeblichen
"Freiherren" als Nachkommen der Grafen stützt sich laut Maurer S. 44 vor
allem auf die Vornamen; vgl. schon OAB Kirchheim, S. 302 (Hinweis auf den Stammnamen
Diepold). Da Maurers allzu kursorischer Quellennachweis in Anm. 26 keine
Überprüfung zuläßt, kann hier nur ganz pauschal davor gewarnt
werden, diese These der (von Maurer nicht näher bezeichneten) "Forschung"
unbesehen zu übernehmen. Erwähnung verdient aber, daß Christoph
Friedrich von Stälin, Wirtembergische Geschichte Bd. 3, Stuttgart 1856, S. 649 bei der
Aufstellung der Aichelberger Genealogie die Ansichten der von ihm zitierten OAB
übergeht, sie sich also bewußt nicht zu eigen gemacht hat.
[zurück]
[66] Dies ist der Fall bei Joachim Jahn, Memminger
Gründungslegenden, in: Oberdeutsche Städte im Vergleich. Mittelalter und
Frühe Neuzeit, hrsg. von Joachim Jahn, Wolfgang Hartung und Immo Eberl (= Regio 2),
Sigmaringendorf 1989, S. 7-15, hier S. 11 (eine Zuweisung der Stelle an die Chronik des 1471
verstorbenen Wintergerst ist aufgrund der Überlieferung nicht möglich).
[zurück]
[67] OAB Kirchheim, S. 300.
[zurück]
[68] Dieter Mertens, Zur frühen Geschichte der Herren von
Württemberg. Traditionsbildung - Forschungsgeschichte - neue Ansätze, ZWLG 49
(1990), S. 11-95, hier S. 36-45.
[zurück]
[69] Vgl. Graf, Exemplarische Geschichten, S. 60 (Episode 10). Im
Lirer-Faksimile: Blatt e3a, e4a.
[zurück]
[70] Zum Problem des anaphorischen Bezugs bei Lirer vgl. Graf,
Exemplarische Geschichten, S. 67f.
[zurück]
[71] Die Münchner Handschrift Cgm 436, eine Abschrift des
Lirer-Drucks, mit kolorierten Federzeichnungen, zeigt Bl. 32 den Kampf der Parteien, wobei auf
der
einen Seite - anders als in der Vorlage, dem entsprechenden Holzschnitt - zwei Fahnen mit
Wappenzeichen dargestellt sind. Unmittelbar bei dem auf einer Anhöhe stehenden Ritter
ist eine Fahne mit drei Aicheln erkennbar. Obwohl die Grafen von Aichelberg ein anderes
Wappen führten, ist davon auszugehen, daß der Zeichner dadurch die Mannschaft
des Grafen von Aichelberg kennzeichnen wollte. Zur Handschrift vgl. die
unveröffentlichte Magisterarbeit von Gabriele Moll, Studien zu den Illustrationen der
"Schwäbischen Chronik" Thomas Lirers, masch. Tübingen 1988, hier
Abb. Bd. 2, S. 115.
[zurück]
[72] Vgl. Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch Bd.
3 (1862), Sp. 1481f. s.v. feldflüchtig. Hier wird im Artikel "Feldflucht" eine
Stelle aus Grimmelshausens Simplicius zitiert: "ein rechtschaffener edelmann, ehe er
seinem geschlecht durch untreu, feldflucht oder sonst [...] einen schandflecken anhenkte, ehe
würde er ehrlich sterben". - Die Flucht im Kampf ist für den Lirer-Autor
auch in zwei weiteren Episoden eines der höchsten Vergehen eines Ritters, vgl. Graf,
Exemplarische Geschichten, S. 136.
[zurück]
[73] Vgl. Maurer, Weilheim, S. 50.
[zurück]
[74] Vgl. Klaus Graf, Feindbild und Vorbild. Bemerkungen zur
städtischen Wahrnehmung des Adels, Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins
141 (1993), S. 121-154, hier S. 136-142.
[zurück]
[75] Vgl. Klaus Graf, Die Fehde Hans Diemars von Lindach gegen die
Reichsstadt Schwäbisch Gmünd (1543-1554). Ein Beitrag zur Geschichte der
Städtefeindschaft, in: "Raubritter" oder "Rechtschaffene vom
Adel"? Aspekte von Politik, Friede und Recht im späten Mittelalter, hrsg. von Kurt
Andermann (= Oberrheinische Studien 14), Sigmaringen 1997.
[zurück]
[76] Crusius dt. (wie Anm. 15) Bd. 2, S. 402 zu "Diepelspurg und
Rauber: Die Namen kommen offt mit der Sache selbst überein. Denn es sollen vor Zeiten
Leute allda gewohnet haben, deren Gebrauch gewesen, auf Beuten auszugehen und vom Raube
zu leben. Man kan es an zwey Mauren sehen, die von den Schlössern weit hinaus gehen;
wer zwischen dieselbe hinein gebracht worden, war schon verlohren; wie alte Leute
erzehlen".
[zurück]
[77] Vgl. das Ludwigsburger Beispiel bei Graf, Sagen rund um Stuttgart,
S. 195f. Nr. 246.
[zurück]
[78] Vgl. ebd., S. 56-60.
[zurück]
[79] Lutz Röhrich, Volkspoesie ohne Volk. Wie 'mündlich'
sind sogenannte 'Volkserzählungen'?, in: Volksdichtung zwischen Mündlichkeit
und Schriftlichkeit, hrsg. von Lutz Röhrich/Erika Lindig (= ScriptOralia 9),
Tübingen 1989, S. 49-65, hier S. 53.
[zurück]
[80] Den beantworteten Fragebogen überliefern die Unterlagen zur
Landesbeschreibung im Staatsarchiv Ludwigsburg E 258 VI OA Nürtingen. Erstdruck aus
der Handschrift: Graf, Sagen rund um Stuttgart, S. 128 Nr. 149. Die Formulierungen Wurms
gingen dann in das gedruckte Werk Rößlers ein: Gottlieb Friedrich
Rößler, Beyträge zur Naturgeschichte des Herzogthums Wirtemberg. Nach
der Ordnung und den Gegenden der dasselbe durchströmenden Flüsse, Bd. 3,
Tübingen 1791, S. 103. Den Fragebogen kannte noch nicht Max Schuster, Der
geschichtliche Kern von Hauffs Lichtenstein (= Darstellungen aus der Württembergischen
Geschichte 1), Stuttgart 1904, S. 30f.
[zurück]
[81] Vgl. Sapper, Die Steuerfreiheit der Hofbauern von Hardt,
Württ. Vierteljahreshefte für Landesgeschichte 12 (1889), S. 112-117, hier S. 114.
[zurück]
[82] Die ausführlichste Untersuchung historischer Traditionen
über die Flucht eines Herrschers hat vorgelegt: Gottfried Kompatscher, Volk und
Herrscher in der historischen Sage. Zur Mythisierung Friedrichs IV. von Österreich vom
15. Jahrhundert bis zur Gegenwart (= Beiträge zur Europäischen Ethnologie und
Folklore A 4), Frankfurt a. M. u.a. 1995, bes. S. 124ff. Hier werden auch die
ätiologischen Überlieferungen behandelt, die bäuerliche Sonderrechte mit
der Aufnahme des Herrschers auf der Flucht erklären (z.B. S. 150ff. zur Steuerfreiheit des
Rofnerhofs). Zur Privilegierung einer Köhlerfamilie aufgrund der Hilfe im
Zusammenhang mit dem sog. sächsischen Prinzenraub vgl. E. Koch, Beiträge zur
Geschichte des sächsischen Prinzenraubes und seiner Wirkungen, Neues Archiv
für Sächsische Geschichte und Altertumskunde 20 (1899), S. 246-285.
[zurück]
[83] Eine Zusammenstellung der Überlieferungen fehlt. Rudolf
Krauß, Württembergische Fürsten in Sage und Dichtung. Vortrag, Stuttgart
1894, S. 18f. nennt nur die bekanntesten (Lichtenstein, Hardt, Köngen). Diese sind gut
untersucht durch Schuster, Der geschichtliche Kern. - Beispiele aus Graf, Sagen rund um
Stuttgart (dort auch die genauen Nachweise): S. 28 Nr. 11 Herzog Ulrich spukt in Stuttgart und
muß erlöst werden (ungedruckt aus Schotts Sammlung 1846); S. 117 Nr. 133 er
springt von der Köngener Brücke und entkommt so den Verfolgern (erstmals in
Schwabs Albführer 1823; vgl. Schuster, S. 31f.); S. 157 Nr. 186 er verirrt sich im
Sindelfinger Wald und stiftet den Kuchenritt (Erstbeleg 1836 aus Handschrift). - In den
Eßlinger Bergen soll er "nach der Sage durch einen gefährlichen Sprung vor
seinen nachsetzenden Feinden" sich gerettet haben, Johann Daniel Georg Memminger,
Stuttgart und Ludwigsburg mit ihren Umgebungen, Stuttgart/Tübingen 1817, S. 375
(Zitat), 44. Die Heslacher verrieten ihn auf der Flucht und müssen deshalb mit blauen
Strümpfen zur Kirche gehen, Hugo Moser, Schwäbischer Volkshumor. Neckereien
in Stadt und Land, von Ort zu Ort, 2. Aufl. Stuttgart 1981, S. 106. Von einem Besuch Ulrichs
während der Verbannung incognito im Gasthaus zum Lamm in Möglingen wisse,
so Pfarrer Rentschler (in einem gedruckten Gemeindeblatt ca. 1930, ohne Quellenangabe
freundlicherweise mitgeteilt von Herrn Seybold, Möglingen), nicht nur die örtliche
Sage, sondern bereits Gabelkover. Vgl. auch Theodor Bolay, Großmutter erzählt.
Volkssagen aus dem Kreis Ludwigsburg, Bietigheim 1957, S. 132-134. Das Motiv des
unerkannten Herrschers (vgl. Frantisek Graus, Die Herrschersagen des Mittelalters als
Geschichtsquellen, Archiv für Kulturgeschichte 51, 1969, S. 65-93, hier S. 84) auch bei
Meier, Deutsche Sagen, S. 350-353: "Herzog Ulrich verirrt sich im Schönbuch und
kommt Nachts nach Hagelloch" (aus einer alten Hs., abgedruckt Württ. Jbb. 1824,
S. 154-157). - Noch zu ermitteln ist die Quelle der Erzählungen zu Reicheneck (bei
Metzingen) und Tübingen bei Kapff, Schwäbische Sagen (wie Anm. 53), S. 155f.
(in den Nachweisen heißt es allzu ungenau zu den Ulrichsagen S. 151-157 nur: "z.T.
nach Hauffs Lichtenstein"). Zu Reicheneck weist Gerlinde Hole, Historische Stoffe im
volkstümlichen Theater Württembergs seit 1800 (= Veröffentlichungen der
Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg B 29),
Stuttgart 1964, S. 105 Anm. 374, 190 Nr. 75 ein in Reutlingen 1830 gedrucktes Fastnachtsspiel
von Ottmar Schönhuth nach.
[zurück]
[84] Württ. Jahrbücher 1836 H. 2, S. 200.
[zurück]
[85] Text: Gustav Schwab, Gedichte, Bd. 1, Stuttgart/Tübingen
1828, S. 334-336 und Gustav Schwabs Gedichte, hrsg. von Gotthold Klee, Gütersloh
1882, S. 187-189. Schulze, Schwab als Balladendichter (wie Anm. 10), S. 78 meint: "Das
Motiv der Zurechtweisung des unerkannten Landesherrn mag Schwab aus der bekannten
Thüringischen Geschichte von Ludwig dem Eisernen herübergenommen
haben". Es handelt sich dabei um Grimm, Deutsche Sagen, Nr. 556 (bzw. Erstausgabe Nr.
550).
[zurück]
[86] Sapper, S. 116. - Am Rande sei notiert, daß das Motiv von der
Spinne, die den Herzog mit ihrem Netz vor den Häschern rettet, der Tradition der
Heiligenlegende entstammt, vgl. etwa Rainer Möller, Katholische und protestantische
Exempelsammlungen um 1900, in: Volkskundliche Grenzgänge. Festgabe der
Schülerinnen und Schüler H. L. Cox zum 60. Geburtstag, hrsg. von Hildegard
Mannheims/Georg Kehren/Peter Oberem (= Bonner kleine Reihe zur Alltagskultur 3), Bonn
1995, S. 281-300, hier S. 285.
[zurück]
[87] Vgl. dazu Hole, Historische Stoffe, S. 104-112.
[zurück]
[88] Schuster bezieht sich hier auf den Aufsatz von Julius Hartmann,
Über die geschichtliche Sage in Württemberg, Schwäb. Kronik =
Schwäb. Merkur Sonntagsbeilage vom 29.5.1881, S. 977f., der noch eine andere abstruse
Parallele zieht: "Derselbe Herzog dient als Bauernknecht in Reicheneck bei Mezingen,
wie Wodan als Viehhirte, Thor als Gott der Bauern und Knechte erscheint" (S. 977).
[zurück]
[89] Schuster, S. 9.
[zurück]
[90] Ebd., S. 20.
[zurück]
[91] Hölderlin Sämtliche Werke. Große Stuttgarter
Ausgabe, hrsg. von Friedrich Beißner, Bd. 2.1 Text, Stuttgart 1951, S. 116 und
Erläuterungen Bd. 2.2, S. 661-663.
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Es handelt sich um die erweiterte Fassung meines am 21.3.1996 in der Volkshochschule
Kirchheim gehaltenen Vortrags (vgl. auch den Bericht von Rolf Götz im Teckboten vom
26.3.1996). Ohne die unermüdliche Hilfe und die profunde Sachkenntnis von Rolf
Götz (Weilheim) hätte dieser Beitrag nicht geschrieben werden können. Auf
die schöne Ergänzung meiner Ausführungen durch seine im Manuskript
vorliegende Monographie (Die "Sibylle von der Teck" - ein Mythos und seine
Geschichte), eine exemplarische Studie zur Geschichte eines Sagenstoffs, ist bereits jetzt mit
allem Nachdruck hinzuweisen.
Darab er thet den val:
By Urach ab tem tal:
Sprang nie der selben zyt:
Als dises ros so wyt.:
Und Knospen ähnlich, hängen:
Einwärts die Blätter, denen:
Blüht unten auf ein Grund,:
Nicht gar unmündig.:
Da nemlich ist Ulrich:
Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt,:
ein groß Schiksaal:
Bereit, an übrigem Orte.
[1] Sagen und Bräuche im Kreis Esslingen, Esslingen 1985, S. 46f.
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