Ein Beitrag zum Peter-Parler-Gedächtnisjahr 1999
© Klaus Graf 1999
"Pest - Geissler - Judenmorde" - so lautet der Titel
der 1987 veröffentlichten eindrucksvollen Monographie des bedeutenden
Mediävisten Frantisek Graus, die dem "14. Jahrhundert als
Krisenzeit" gewidmet ist. Wer das Jahrhundert, in dem der 1399
in Prag gestorbene Baumeister Peter Parler lebte, besichtigt, findet keine
beschauliche mittelalterliche Idylle, keine Butzenscheibenromantik vor.
Es war eine unfriedliche Zeit, eine Epoche der Katastrophen und der sozialen
Unrast, erfüllt von Aufständen und Fehden
[Anm. 1].
Der Judenmord 1349
Die spektakulärste Katastrophe suchte weite Teile Europas in der Mitte des Jahrhunderts heim: die Beulen- oder Lungenpest, der "schwarze Tod", führte 1348 zu einem vorher nicht gekannten Massensterben, das die Zeitgenossen schockierte und allgemeines Grauen verbreitete. Im Gefolge der Pest kam es zu umfangreichen Judenpogromen. Das Morden wurde mit der angeblichen Schuld der Juden begründet: Diese hätten die Brunnen und Quellen vergiftet. Die Verschwörungsthese verbreitete sich rasch. Städtische Obrigkeiten informierten sich gegenseitig über ihre Erkenntnisse und versandten die Geständnisse gefolterter jüdischer Brunnenvergifter. Die Städte, in Bündnissen zusammengeschlossen, beriefen eigene Tagungen ein, um sich gegenseitig zu unterrichten. In Schwäbisch Gmünd fand ein solcher Tag statt, der nur aus einem Schreiben der Stadt Heilbronn aus dem Februar 1349 bekannt ist - es wird von einer Würzburger Handschrift überliefert (siehe Anhang). Es könne, schreibt Graus, "geradezu als Musterbeispiel für die Verbreitung von Gerüchten dienen [...]. Heilbronn schreibt an Würzburg, daß zwar alle Nachrichten über Brunnenvergiftungen bloße Gerüchte seien - aber auf dem Städtetag von Gmünd sei von den Bodenseestädten über diese Aktion berichtet worden, und zwar mit dem Hinweis auf Begebenheiten im Elsaß. Die Nachrichten werden nun brühwarm weitergegeben, so wie sie sich die Heilbronner Boten gemerkt haben, worauf man nochmals wiederholt, es handle sich um Gerüchte, und Heilbronn bat anschließend die Adressaten, sicherheitshalber den Brief zu vernichten. Die Würzburger kamen diesem Ansuchen nicht nach, und der Historiker hat somit im nachhinein die Möglichkeit, eine Art der Gerüchteübermittlung und ihre Zentren kennenzulernen" [Anm. 2]. Ein gefolterter elsässischer Jude beschuldigt darin eine Jüdin Frau Gutlin, daß sie mit einem Fäßlein voll Gift die Christenheit auslöschen wollte.
Was hat sich damals in Gmünd zugetragen? In den Urkunden aus den Jahren 1348/49 - die Gmünder Regestenwerke von Alfons Nitsch verzeichnen ganze 27 Stück - finden sich keine Hinweise auf die Pest (G. 144). Von einer auffälligen Stiftungswelle, Ausdruck plötzlicher Todesangst, Jenseitsfurcht und religiöser Besinnung, kann nach ihrem Zeugnis nicht die Rede sein. Etwa ein Vierteljahrhundert später gibt es allerdings einen Hinweis auf einen Pestzug. Zu 1377 vermerkt die in einer Handschrift aus der Mitte des 16. Jahrhunderts erhaltene Bürgermeisterliste, die auf seit 1368 geführte amtliche Aufzeichnungen zurückgeht: "In diszem jar ist gewesen ain groszer sterbendt" (C. 256). Vielleicht ist es kein Zufall, daß bald nach der Jahrhundertmitte der erste Gmünder Arzt urkundlich zu belegen ist. Von 1357 bis 1361 erscheint Meister Peter von Grünenberg, dessen Sohn Nikolaus vom Schwert, um 1400 als Leibarzt des Grafen von Württemberg nachweisbar, einen 1419 datierten Pesttraktat verfassen wird, der sich an Arzt wie Patienten gleichermaßen wendet [Anm. 3].
Anders als die Pest von 1348/49 haben die damaligen Judenmorde deutliche Spuren in den Gmünder Urkunden hinterlassen. Am 3. Mai 1349 beurkundeten die Grafen Eberhard und Ulrich von Württemberg eine Einigung mit Schultheiß, Bürgermeister und Rat von Gmünd wegen des Gutes der hier ansässig gewesenen Juden und wegen des Frevels, daß Juden getötet wurden: "umb alles das gu+ot, das die juden die ze Gemu+ende seshaft waren gelan hant, das ze Gemu+ende in der stat lit, sie sien lebende oder tode [...] und och umb die frevelin, das die juden da selbe erto+etet w[u]rden" [Anm. 4]. Die Grafen handelten hier wie andernorts als kaiserliche Beauftragte [Anm. 5], denn der Schutz der Juden als "königlicher Kammerknechte" stand dem deutschen König zu - damals Kaiser Karl IV. Die Stadt kaufte sich gewissermaßen frei, denn am 8. Mai quittierte Albrecht von Hohenrechberg gegenüber der Stadt Gmünd über 100 Gulden (eine beträchtliche Summe), die er von den genannten Grafen von der Juden Gut wegen zugewiesen erhalten hatte (UAG 219). Ob es sich um die gesamte Strafsumme gehandelt hat, ist unbekannt. Zum Vergleich: Schwäbisch Hall mußte aus dem gleichen Grund 800 Gulden aufbringen. Einem anderen Rechberger, Johann von Rechberg von Bettringen, hatten die Grafen im Vorjahr, am 31. Oktober 1348, die fällige Reichssteuer der Stadt samt Judensteuer abgetreten (UAG 208). Am 29. April 1349 erhielt er auch die an Martini (11. November) fälligen Steuern für 1349 von den Grafen, doch ist hier von der Judensteuer keine Rede mehr (UAG 216). Vermutlich fällt das Gmünder Judenpogrom in das Frühjahr 1349. Ob es wie in anderen Städten von der Obrigkeit inszeniert wurde, ob es vielleicht ein Ergebnis der Greuelpropaganda auf dem Städtezusammenkunft in Gmünd war, läßt sich nicht sagen. Die Juden wurden erschlagen, möglicherweise konnten einige unter Zurücklassung ihrer Habe fliehen. Man sah in den Juden einen Gefahrenherd, den es auszumerzen galt. Ihre Tätigkeit als Geldverleiher - nach 1300 sind Belege für einen überregionalen Wirkungskreis der Gmünder Juden als Geldgeber bekannt (G. 139f.) - wurde mehr und mehr kritisiert. Gleichzeitig wuchs der religiös motivierte Haß auf die seit jeher als Außenseiter und Sondergruppe in den Städten besonders gefährdeten Juden. Für Frantisek Graus, den deutsch-böhmischen Historiker jüdischer Herkunft, waren die Judenmorde in der Mitte des 14. Jahrhunderts kein bloßer "Betriebsunfall der Geschichte". Sie besaßen, so Graus, "Signalfunktion: [...] Es war der Gipfelpunkt einer Hetze, die auf dem objektiven Anderssein aufbaute und es konsequent dämonisierte. Es war aber zugleich der Anfang einer säkularen Welle der Vertreibung der Juden aus den Städten" (389).
Einige Zeit nach dem Pogrom von 1349 haben sich wieder Juden in Gmünd niedergelassen. 1364 wird das Haus des Juden Löw am Judenschulhof erwähnt, 1379 gehört es der Jüdin Löwin, wohl seiner Witwe (UASp 60, 91). Die Gmünder Juden haben bis zu ihrer endgültigen Vertreibung 1501, die bis zum Übergang der Reichsstadt an Württemberg 1802 Bestand hatte, zwar nicht auschließlich, aber doch wohl überwiegend in einem ghettoartig abgeschlossenen Bereich der Stadt unterhalb des Königsturms gelebt. Erst die Nationalsozialisten haben den sogenannten "Judenhof" 1936 in "Imhofstraße" umbenannt - den Anwohnern war die Bezeichnung peinlich. Der Tradition nach war das stattliche Steinhaus Imhofstraße 9, der dendrochronologischen Datierung zufolge 1288 erbaut, die Judenschule, also die Synagoge. Um 1400 geht ein Zins in Höhe von 30 Schilling Hellern aus der Judenschule an die Frühmesse auf dem Marienaltar der Johanniskirche (UAG A 91). Da damals wohl keine Juden in Gmünd lebten (UAG RA 31), darf man vielleicht daran denken, daß die Gottesmutter mit diesem Zins in ähnlicher Weise geehrt werden sollte wie in anderen Städten, wo man die Synagogen abriß und in Marienkirchen verwandelte [Anm. 6].
Im Jahr 1991 hat man beim Abbruch des im Kern aus romanischer Zeit stammenden Hauses Kornhausstraße 21 ein gemauertes Becken entdeckt, das als jüdisches Ritualbad ("Mikweh") gedeutet werden konnte. Was mit ihm geschah, wirft ein besonderes Licht auf den Umgang mit den jüdischen Traditionen der Stadt: Weder wurde der Befund ausreichend dokumentiert, noch eine Erhaltung des auch überregional bedeutsamen Denkmals in Betracht gezogen [Anm. 7].
Auf einen anderen Problemfall hat aus Anlaß des Parlerjahres Richard
Strobel in der "Schwäbischen Heimat" aufmerksam
gemacht. Er beklagt zurecht den im letzten Jahr erfolgten Abbruch eines
Fachwerkbaus aus der Parlerzeit, des unscheinbaren Giebelhauses Vordere
Schmiedgasse 26. Es reicht, wie eine dendrochronologische Untersuchung
ergab, in seinen Anfängen in die Jahre 1336/37 zurück. Bitter
stellt der Denkmalpfleger fest, daß eine Geschichtsquelle von unwiederholbarer
Aussagekraft auf der Strecke blieb, gewissermaßen eine monumentale
Urkunde. Wie es im Gmünd der Parlerzeit aussah, interessiere heute
anscheinend niemand mehr. Wie gut, schließt sein Artikel, daß
Peter Parler gerade 600 Jahre tot sei und "daß dies zum
unverbindlichen Feiern Anlaß gibt"
[Anm. 8].
Die Quellen über den Münsterbau und die Parler in Gmünd
Eine dunkle Epoche der Stadtgeschichte ist das 14. Jahrhundert nicht nur wegen der Judenpogrome. Es fehlt an Licht, also an verläßlichen Quellen, die es gestatten würden, ein farbiges Bild vom Leben im mittelalterlichen Gmünd zu zeichnen. Der Historiker kann sich fast nur auf die erhaltenen Urkunden stützen, und diese betreffen vorwiegend Grundstücksgeschäfte. Noch nicht einmal die Frage, wieviel Einwohner die Stadt damals zählte, kann auch nur annähernd beantwortet werden. Es werden ein paar Tausend gewesen sein, doch Steuerlisten, die in anderen Städten eine grobe Schätzung erlauben, sind nicht überliefert. Es gibt keine Stadtbücher, keine Stadtrechnungen, keine Chronistik. Die im 15. Jahrhundert so ergiebigen Korrespondenzen, allen voran die Nördlinger Missiven, fallen als Quelle ebenfalls aus (G. 589f.).
Bei der Auswertung der Urkunden ist größte Vorsicht geboten, denn der Zufall der Überlieferung darf nicht unterschätzt werden. Ich möchte dies am Beispiel der Quellen über den Bau der Marienpfarrkirche und die Baumeisterfamilie der Parler demonstrieren.
Die schriftlichen Quellen zur Baugeschichte des Gmünder Münsters sind nicht besonders ergiebig. Ein Fixpunkt ist die lateinische Inschrift am Nordostportal, derzufolge am 17. Juli 1351 - übrigens ein Sonntag - der Grundstein zum Chor gelegt wurde. Das Datum 1410 für die Weihe des Fronaltars, also des Hauptaltars im Chor, und damit den Abschluß der Baumaßnahmen wird nur von einer Chronik aus dem 17. Jahrhundert überliefert; das genaue Tagesdatum kennt nur der Sammler Dominikus Debler um 1800 [Anm. 9]. Was den Baubeginn betrifft, so liegt es nahe, einen Ablaßbrief für die Heiligkreuz-Pfarrkirche und ihre Tochterkirche, die Johanniskirche, aus dem Jahr 1317 darauf zu beziehen (UAG 106). Aus dem Jahr 1334 stammt die erste Urkunde, in der ausdrücklich von "unserr frowe bu" die Rede ist (UAG 158). Anders als die romanische Vorgängerkirche zum Heiligen Kreuz, deren beide Türme bis zum Bauunglück Karfreitag 1497 im gotischen Bau integriert waren, sollte der Neubau Maria geweiht werden (B. 85). Die Urkunde von 1334 gehört zu einem Bestand von 21 Gmünder Urkunden, der 1887 von der Bibliotheca Bodleiana der Universität Oxford angekauft wurde - wie leicht hätte sie im 19. Jahrhundert bei einem "Goldschläger" landen können, der Pergamenturkunden für sein Handwerk verwertete und auf diese Weise unleserlich machte.
1334 werden Pfleger von Unser Frauen Bau erwähnt: Sifrid Burger Taler und Sifrid Dremel. Es liegt nahe, sie mit den vom Rat bestellten Heiligenpflegern, die das vom Pfründvermögen verschiedene Kirchenvermögen der Pfarrkirche betreuten, gleichzusetzen, denn die gleichen beiden Personen begegnen wenige Jahre zuvor als Heiligenpfleger (UAG 142) [Anm. 10]. 1395 veräußerten die Pfleger der Pfarrkirche zu Unserer Lieben Frau zum Nutzen von Unser Frauen Bau Gülten zu Wetzgau (UAG 589). 1401 verkauften die Pfleger des Frauenbaus eine Gült aus Unserer Frauen "Bettnapf" (UAG 657). Gemeint ist ein Sammelteller für Almosen, ein "Bittnapf". Wie in anderen Städten dürften die Bürger den Bau der Pfarrkirche mit Almosen und Stiftungen finanziert haben. Dabei haben sich wohl auch die zünftischen Bürger und die Frauen stark engagiert. Im Ablaßbrief von 1317 werden neben dem vornehmen Magister Konrad von Gmünd (aus dem Geschlecht der Taler) fünf weitere Personen namentlich genannt: Sifrid Bopfinger und vier Frauen, nämlich seine Ehefrau Elisabeth, seine Tochter Gret und die Schwester seiner Frau Adelheid sowie Bena Wüstrietin (UAG 106). Die Bopfinger und Wustenriet waren sicherlich keine sonderlich vornehmen Familien. Immerhin ist 1328 Berthold Wustenriet nach Renbolt Eberwin als Pfleger des Aussätzigenspitals (St. Katherina) nachweisbar - er war allem nach ein Zünftler (UAG 139, G. 167). 1320 und 1323 erscheint das Haus des Suters (Schusters) Bopfinger in Gotteszeller Urkunden [Anm. 11]. Man darf in den Bopfingern also wohl eine Handwerkerfamilie sehen. Möglicherweise wurden religiös und karitativ engagierte Bürger außerhalb des engen Kreises der Geschlechterfamilien, vielleicht auch schon Zunftbürger, bereits im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts in die Kirchenpflegschaften des Stadtregiments einbezogen. 1329 (UAG 142) und 1334 (UAG 158) waren Sifrid Burger Taler (aus der Geschlechterfamilie) und Sifrid Dremel Heiligen- bzw. Baupfleger. Daß Dremel ein Zünftler war, ist jedoch nicht erweisbar. 1337 erscheint er in der Zeugenreihe unmittelbar nach dem Bürgermeister Reinbolt Eberwin (UASp 22), was sehr für eine Zugehörigkeit zur vornehmen Führungsschicht spricht. 1350 erbat Dremel zusammen mit Johannes Böcklin einen Ablaß für die Marien- und die Johanniskirche (UAG 226); 1358 stiftete er mit drei anderen Bürgern und zwei Bürgerinnen die Petersmesse in der Johanniskirche (UAG 288).
Eine besondere Unterstützung des Patronatsherrn, des Domkapitels in Augsburg, dem seit 1297 die Gmünder Pfarrkirche unterstand, ist in den Quellen nicht faßbar. 1445 rühmte sich die Stadt in einem Schreiben an Nördlingen stolz, hinsichtlich der Baukosten für die Liebfrauenkirche und die Johanniskirche sei der Lehensherr nie angesprochen und der Bau von Grund auf mit Almosen ermöglicht worden sei (B. 95). Die gelegentlichen Erwähnungen des Frauenbaus von 1334 bis 1403 lassen sich nicht schlüssig auf die Phasen der Baugeschichte des Münsters beziehen [Anm. 12]. Hermann Kissling hat aufgrund stilkritischer Erwägungen ein vorläufiges Bauende und den Abzug der Parlerbauhütte um 1380 vermutet [Anm. 13]. Bestätigt wurde dies durch die dendrochronologische Datierung des Chordachs in das Jahr 1381. Das Langhausdach war 1341 aufgerichtet worden [Anm. 14]. In den Urkunden finden sich aber auch nach 1380 Erwähnungen von Unser Frauen Bau, und die erwähnten Verkäufe von 1395 und 1401 sprechen doch sehr für verstärkte Anstrengungen, den Bau zu vollenden. Im übrigen sind zur Baugeschichte des Münsters von Richard Strobel in seinem angekündigten Kunstdenkmäler-Inventarband neue Erkenntnisse zu erwarten. Hier ging es nur darum herauszustellen, wie schmal das archivalische Quellenfundament für die Kenntnis der Baugeschichte einer international bedeutsamen architektonischen Meisterleistung ist.
Kaum Spuren in den Schriftquellen haben die etwa ein halbes Jahrhundert in Gmünd, von etwa 1330 bis 1380, wirkenden Mitglieder der Parlerbauhütte hinterlassen. Ich kann mich hierbei auf die Zusammenstellung von Hermann Kissling in seinem schönen Buch von 1995 über die "Künstler und Handwerker in Schwäbisch Gmünd 1300-1650" berufen (166f.). An erster Stelle nennt er die berühmte lateinische Inschrift im Triforium des Prager Veitsdoms. Sie sagt, Kaiser Karl IV. habe 1356 (?) den 23jährigen Peter, Sohn des Heinrich Parler aus Köln, aus "gemunden in suevia" zur Fortführung des Dombaus berufen [Anm. 15]. Auch weitere Angehörige der Familie nannten sich "von Gmünd", beispielsweise Johann von Gmünd, der 1354 bis 1359 als Werkmeister am Dom zu Freiburg im Breisgau und in Basel erscheint. Ein spätes Zeugnis bei Dominikus Debler um 1800 [Wortlaut], der behauptet, der erste Baumeister habe täglich nur einen Pfennig, eine Maß Wein und einen Laib Brot erhalten, geht sicher nicht auf eine alte Quelle zurück. Später hat Debler den Namen Heinrich Arler ergänzt - eine Lesefrucht wohl aus einem Werk über böhmische Geschichte oder die Stadt Prag, denn damals las man in der Triforiumsinschrift allgemein Arler statt Parler (B. 92).
In Gmünd selbst verzeichnen die Anniversare (Jahrtagsverzeichnisse) der Pfarrkirche von 1520 und 1530 den Jahrtag des Meisters Heinrich, Baumeister dieser Kirche, am Gallustag, wobei der Band von 1530 zusätzlich von einem großen Grabstein unten in der Kirche weiß [Texte]. Sodann ist eine Urkunde vom 9. Juli 1372 zu nennen. Sie erwähnt "meister Johanns, unser frauen puwes werkmeister zu Gmund", der für den "meister Niclas", den Mann seiner Schwester, dessen beträchtliche Schulden gegen die Übernahme zweier Häuser in seinen eigenen Besitz beglich. Vermutlich gehörte Meister Niclas zu den maßgeblichen Steinmetzen der Parler-Bauhütte. Für sein hohes soziales Prestige spricht einmal die Tatsache, daß er zwei Häuser mit hohem Wohnwert besaß, und zum anderen der Umstand, daß ihm sowohl Angehörige der Geschlechter, ein Stettmeister und der Stadtschreiber als auch Kaufleute und Handwerker Kredit gewährt hatten (B. 91, G. 174). Unter den Gläubigern erscheint ein Goldschmied Hans - der erste Beleg für dieses Gewerbe in Gmünd. Kissling vermutet, der Werkmeister Johann könnte mit dem erwähnten Freiburger Meister Johann von Gmünd identisch sein. Ohne einen genealogisch interessierten Nürnberger Bürger, der 1505/06 die Gmünder Kirchenunterlagen auf der Suche nach Ahnen durchstöberte, wüßten wir nichts von diesem wichtigen Dokument. Sebald Schreyer, der Stifter des Sebaldusaltars im Münster [Anm. 16], der damals in Gmünd vor der Pest Zuflucht gesucht hatte, hat es kopiert, weil das Schriftstück einen Konrad Schreyer nennt.
Im einhorn-Jahrbuch 1989 konnte ich einen Parler-Neufund publizieren (B. 91-94), der mir 1985 gelungen war, als ich ein Verzeichnis mittelalterlicher Handschriften in amerikanischen Bibliotheken durchsah. Eine Reihe von Gmünder Urkunden wohl aus kirchlichem Besitz gelangte 1935 in die Bibliothek der Fordham University, der Jesuitenuniversität von New York City. Die Bibliothek stellte mir von dem am 8. März 1376 ausgestellten Stück eine Fotokopie zur Verfügung.
Meister Johann stiftete damals ein Seelgerät, das am Gallustag vom Pfarrer, seinen Helfern und den Kaplänen der Priesterbruderschaft zu begehen war [Regest]. Der Gallustag aber ist der Jahrtag Heinrich Parlers. Dies deutet darauf hin, daß Johann Heinrichs Sohn war. Erwähnt wird weiterhin eine noch unter Vormundschaft stehende Jungfrau Helene, Tochter der verstorbenen Petersche von Regensburg - ein Indiz für Beziehungen der Parlerbauhütte zu Regensburg. Helena sollte das vor dem Eutighofer Tor in der Hundgasse gelegene Haus des Meisters Johannes, eines von den beiden Häusern, die er 1372 aus dem Nachlaß des Meister Niclas erworben hatte, zeitlebens besitzen dürfen. Nach ihrem Tod sollten die Zinseinkünfte gedrittelt werden: Ein Drittel sollte an das Kapitel zu Augsburg, der zweite Teil an unser Frauen Bau und der dritte Teil an Pfarrer und Bruderschaft für die erwähnte Jahrzeit gehen. Das Vermächtnis zugunsten des Domkapitels Augsburg läßt auf ein gutes Einvernehmen zwischen dem Münsterbaumeister und dem Patronatsherrn schließen [Anm. 17].
Am unteren Rand der mir überlassenen Fotokopie erkennt man angeschnitten das Siegel des Ausstellers, Johann, derzeit Meister des Baus der Pfarrkirche zu Gmünd. Zeigt sein Siegelbild womöglich den Winkelhaken der Parler? Lange vergeblich hatte ich mich um eine Abbildung des Siegels bemüht - die Urkunden waren geraume Zeit in einem Zentrum für Manuskriptrestaurierung, sind aber inzwischen in die Bibliothek zurückgekehrt. Erst nach Abgabe des Manuskripts zu diesem Beitrag erhielt ich Anfang September 1999 dank der liebenswürdigen Hilfe von Miss Patrice M. Kane von der Fordham University Library Gewißheit: Ebenso wie auf dem in Anton Nägeles Münsterbuch (25) und im Katalog der Kölner Parler-Ausstellung von 1978 (Bd. 3, 11) abgebildeten Siegel des Freiburger Werkmeisters Johann von Gmünd (von 1359) ist auf dem ersten Wachssiegel der in New York aufbewahrten Urkunde von 1376 der charakteristische "Parlerpfahl" zu erkennen. Meister Johann war also ein naher Verwandter von Peter Parler, allem nach sein Bruder.
Im Ulmer Münster gefundener Parlerstein (Nachzeichnung)
Fehden und Aufstände
Das 14. Jahrhundert war eine Epoche voller kriegerischer Auseinandersetzungen und Kämpfe. Meistens im Bündnis mit den anderen schwäbischen Reichsstädten nahm auch die Reichsstadt Schwäbisch Gmünd an den regionalen Konflikten teil [Anm. 18]. Aus dem Anfang des Jahrhunderts nenne ich den Reichskrieg, der sich gegen Graf Eberhard den Erlauchten von Württemberg richtete. Im Oktober 1310 belagerte das militärische Aufgebot aus Gmünd, Esslingen und Ulm die Stadt Schorndorf. Der Esslinger Bürger und Arzt Trutwin, der im Jahr 1312 in schwer verständlichem Latein ein Siegesgedicht über die reichsstädtischen Erfolge verfaßte, schrieb die Einnahme der Stadt den Gmündern zu. Diese brachen nach seinen Angaben auch die Burg Waldhausen bei Lorch, indem sie die Mauern unterhöhlten. Im Mai 1311 zogen Esslinger, Gmünder und Reutlinger vor die Stammburg der Württemberger auf dem Rotenberg und zerstörten diese. Trutwin schreibt: "Die hohe Burg Württemberg strahlte zu den Sternen, jetzt ist sie zunichte gemacht und von den Bürgern vernichtet" [Anm. 19]. Das Selbstbewußtsein der Bürger in den Reichsstädten hat durch den Erfolg im Reichskrieg sicher enormen Auftrieb erhalten.
Doch im weiteren Verlauf des Jahrhunderts mußten die Reichsstädte schmerzhaft erfahren, daß sie gegen die wachsende Fürstenmacht nicht ankamen und daß auf den König, ihren Stadtherrn, nur bedingt Verlaß war. In der Regierungszeit Karls IV. und seines Sohnes Wenzel kam es wiederholt zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den Städten und ihren Verbündeten auf der einen und den städtefeindlichen Fürsten auf der anderen Seite. Dem Machtanspruch des Städtebunds widersetzte sich die wichtigste Hegemonialmacht im nördlichen Schwaben, Württemberg. 1377 bei Reutlingen geschlagen, gelang es Württemberg 1388 sich für die demütigende Niederlage zu rächen. In der Schlacht bei Döffingen bzw. Weil der Stadt 1388 starben auch zwei Angehörige Gmünder Geschlechterfamilien, Jos Fetzer und Johann Wolf [Anm. 20].
Am 21. Juni 1379 wurden mit einem Schiedsspruch des Pfalzgrafen bei Rhein die durch Kriegszüge der Städte im württembergischen Territorium im Juni 1378 entstandenen Streitigkeiten zwischen Württemberg und der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd geschlichtet [Anm. 21]. In 18 Artikeln werden eine Fülle von Streitpunkten angesprochen, wobei die konkreten Hintergründe in Ermangelung weiterer Quellen im Dunkeln bleiben müssen. Konfliktstoff boten die Beziehungen der Gmünder Oberschichtfamilien zum benachbarten Württemberg, insbesondere zu Stadt und Amt Schorndorf, aber auch Überfälle auf Gmünder Kaufleute. So klagte in Art. 4 Sitz Mangold über die Wegnahme seines Erbes zu Schorndorf durch den von Hürnheim. Konrad von Hürnheim aus der Rieser Freiherrenfamilie hat demnach auch als württembergischer Amtsträger (Vogt von Schorndorf?) agiert. Der Hürnheimer nahm auch der Jüdin Leowinnen Wein weg (Art. 5) - ein Hinweis auf Weinhandel dieser oben bereits erwähnten Frau? Gmünder Bürgern wurden Pferde geraubt (Art. 2, 12, 18), Hans Augsburger Leder im Wert von acht Gulden, Heinz Maiger Schafe bei Leipheim und Hans dem Berger Samen (Art. 18). Der Vogt von Brackenheim hatte Gmünder Bürgern nicht erlaubt, gekauften Wein zu transportieren (Art. 18) - im gleichen Brackenheim verlor Klaus Schlecht einen Weingarten zeitweilig an einen Priester (Art. 13). Art. 8 betrifft einen Überfall auf Gmünder Bürger bei Rielinghausen (bei Marbach), der von der Burg Schaubeck aus unternommen wurde. Die Täter Hans Ochsenberg, Kunz von Schaubeck und die von Massenbach werden als württembergische Diener bezeichnet. Einmal mehr erweist sich das Etikett "Raubrittertum" als unzutreffend: Die Fehdehandlungen müssen vor dem Hintergrund der Konfrontation zwischen den Reichsstädten und Württemberg gesehen werden, nicht als isolierte Aktionen beutelustiger Adeliger [Anm. 22].
Erwähnen möchte ich noch eine denkwürdige Fehde aus dem Jahr 1393, die von der Stadt gegen Graf Eberhard von Württemberg geführt wurde, weil er Schulden in Höhe von 7300 Gulden - ein immens hoher Betrag - bei sechs Gmünder Bürgern und einem Söldner der Stadt unbeglichen gelassen hatte. Die Gmünder Reiter verübten Gewalttaten in Gundelfingen, Grötzingen und Bietigheim und nahmen die Burg Ravenstein des Sifrid von Zülhart ein, dem sie für über 2000 Gulden Fahrhabe entwendeten (UAG 573, G. 96, 117). Sollte man in Analogie zu "Raubritter" hier nicht von "Raubbürgern" sprechen? Zwei Jahre später war der Graf Bündnisgenosse der Stadt, denn dreizehn Reichstädte, darunter auch Gmünd, hatten sich auf sechs Jahre mit ihm verbunden. Im selben Jahr verpfändete der Württemberger den Städten Ulm und Gmünd die Stadt Gundelfingen (UAG 597f.) - dies blieb zwar nur ein kurzes Intermezzo, doch verweist diese Verpfändung auf die damals noch sehr expansive Territorialpolitik der Reichsstädte, die sie natürlich in Konflikt mit Fürsten und Adel bringen mußte [Anm. 23]. Dem neuen Verbündeten halfen die Städte 1395/96 im sogenannten "Schleglerkrieg" gegen die Adelsgesellschaft der sogenannten Schlegler, die sich dem Landfrieden widersetzte [Anm. 24]. Unter anderem belagerten Ulmer, Nördlinger und Gmünder damals die Burg Neuenfels bei Künzelsau (G. 96). An die Kriege jener Zeit erinnern noch heute die Reste der äußeren Gmünder Stadtbefestigung aus dem 14. Jahrhundert. Sie wurde zum Schutz der Vorstädte hochgezogen und bedeutete für den Stadthaushalt einen enormen Kraftakt (G. 109, 183).
Von den inneren Konflikten in Schwäbisch Gmünd ist dagegen nur wenig bekannt (G. 103f., C. 126). Wie in anderen Städten dürfte es im 14. Jahrhundert hier zu heftigen Unruhen und Streitigkeiten gekommen sein. Während die ältere Forschung den Gegensatz von Geschlechtern und Zünften in den Vordergrund stellte, spricht die neuere Literatur von "Bürgerkämpfen". Ein mögliches Indiz für Konflikte innerhalb der Oberschicht ist die Übernahme des Bürgermeisteramts durch einen Auswärtigen, nämlich den Edelknecht Johann von Winzingen im Jahr 1347 (G. 129). Denkbar wäre, daß die Einsetzung eines "Vogtes" 1364 ebenfalls mit Bürgerunruhen zusammenhängt (G. 101). Ausdrücklich bezeugt ist eine gewaltsame Auseinandersetzung, die im Jahr 1378 vom Schwäbischen Städtebund geschlichtet werden mußte [Anm. 25]. Die Vorstädter rebellierten gegen die Bürger in der von der staufischen Mauer umschlossenen inneren Stadt, weil nachts die Tore verschlossen wurden. Dahinter verbirgt sich sicher ein Konflikt der in den Vorstädten lebenden Handwerker gegen die vornehmen "Burger" im Stadtzentrum (G. 183f.).
Mit der Selbstbezeichnung "Burger" machten die alten Geschlechterfamilien geltend, die eigentliche Stadtgemeinde zu bilden - noch heute gibt es in der Schweiz besondere "Burgergemeinden". Allem Anschein nach beherrschten vor 1344 die Burger seit Einführung der Ratsverfassung um 1284 die Stadt weitgehend allein. Vor allem neun Stadtgeschlechter - von Rinderbach (die vornehmste Familie), Eberwin, Kurz, Steinhäuser, Taler, Turn, Vener, Vetzer und Wolf - haben damals die Geschicke der Stadt bestimmt. Diese Familien werden am besten durch ihren aristokratischen Lebensstil und ihr adelsähnliches Selbstverständnis charakterisiert. Sie ritten zu Pferde im städtischen Aufgebot mit, besaßen gute Kontakte zum Landadel und wohnten in repräsentativen Steinhäusern, die von stattlichen Hofanlagen mit Nebengebäuden umgeben waren. Ich nenne nur das "Gesäß" Heinrich Wolfs, das 1380 zum Königsbronner Hof wurde (heute Schwörhaus) [Anm. 26]. Die Geschlechter handelten vermutlich mit Wein, Vieh und Tuchen und betrieben Geldgeschäfte. Diese Tätigkeiten sowie die Verwaltung ihrer ausgedehnten ländlichen Liegenschaften ließen ihnen genügend Zeit für adeligen Müßiggang. Sie waren "abkömmlich" für Ratsgeschäfte und exklusive Geselligkeit (G. 125).
Schwäbisch Gmünd war in der Parlerzeit eine nicht nur bürgerlich geprägte Stadt, es war auch eine Stadt des Adels (G. 92f.). Der Landadel traf sich hier gern zu Zusammenkünften, und er hat auch die durch die geistlichen Institutionen der Stadt garantierte religiöse Zentralität der Stadt zu schätzen gewußt. Nicht nur das Dominikanerinnenkloster Gotteszell vor den Mauern der Stadt fungierte als Grablege der einflußreichen Herren von Rechberg; Angehörige des Geschlechts wurden ebenfalls im Dominikanerkloster, dem heutigen Prediger, begraben (G. 162, C. 153). Adelige Stiftungen kamen daneben den zwei anderen Bettelordenskonventen zugute, den Augustinereremiten und den Franziskanern, sowie den beiden Spitälern der Stadt, dem Spital zum Heiligen Geist, das um die Mitte des 14. Jahrhunderts unter kommunale Regie geriet, und dem Aussätzigenspital St. Katharina, das zur Versorgung der Leprakranken außerhalb der Stadtmauern gestiftet worden war (G. 164-167). Einen Hinweis verdient natürlich auch die reiche Stiftungstätigkeit der Bürger im 14. Jahrhundert. Mindestens acht Kaplaneien im Münster wurden vor 1400 gestiftet (B. 86f.), vier in der Johanneskirche (G. 154). Meßpfründen gab es auch in den Kapellen, von denen nur die Leonhardskapelle, an deren Bau die Parlerbauhütte beteiligt war, erhalten geblieben ist. An ihr gab es zwei Pfründen. Jeweils ein Kaplan hielt Messen in der Veitskapelle auf dem Friedhof der Johanniskirche, in der Theobaldskapelle in der heutigen Sebaldstraße, in der Nikolauskapelle im die Kapellgasse abschließenden Turm der inneren Mauer sowie in St. Josen am westlichen Ende der Ledergasse [Anm. 27].
Doch zurück zu den vornehmen "Burgern"! Von den Gmünder Geschlechterfamilien am genauesten untersucht ist die Familie Vener. Ihnen hat der Göttinger Mediävist Hermann Heimpel 1982 eine dreibändige meisterhafte Monographie gewidmet: "Die Vener von Gmünd und Straßburg 1162-1447". Die Familiengeschichte belegt eindrucksvoll die Aufstiegschancen durch gelehrte Bildung, wobei anzumerken ist, daß sich der Wandel vom stadtadeligen Geschlecht zur Beamtenfamilie im Fürstendienst in bewußter Abkehr von der Heimatstadt vollzog. Heimpel formuliert: "Man hat den Eindruck, daß der kräftigere, begabtere Teil der Familie Gmünd verließ, neue Verhältnisse suchte" [Anm. 28]. Um 1350 studierte Reinbolt Vener, der Bruder des Gmünder Bürgermeisters Eberhard Vener, in Bologna. "Meister Reinbold von Gmünd" ließ sich in Straßburg nieder, sein Bruder Nikolaus, Benediktinermönch in Lorch, besuchte die gleiche Universität und wirkte lange Jahre als Advokat in Konstanz und Augsburg. Das wichtigste Miglied des Geschlechts aber war der Straßburger Jurist Job Vener, Sohn des Reinbold und Heimpels eigentlicher "Held". Der Heidelberger Professor, eine wichtige, im Hintergrund die Fäden ziehende Figur am Hof König Ruprechts von der Pfalz, verfaßte zahlreiche lateinische Abhandlungen und Schriftsätze. Auf dem Konstanzer Konzil 1411 wurde er sogar als Kandidat für die Papstwahl aufgestellt. Bei dem Konklave, aus dem Papst Martin V. hervorging, erhielt Job Vener im ersten Wahlgang der deutschen Wähler die meisten Stimmen (G. 180f.).
Gegenspieler der Geschlechter und "Burger" im Kampf um die Macht im Stadtregiment waren die Kaufleute und Handwerker. In den Zünften organisiert, drängten sie auf politische Teilhabe. 1344 erließen Schultheiß, Bürgermeister, Rat, Stettmeister, Zunftmeister und Gemeinde zu Gmünd, eine Friedensordnung mit einer Gültigkeitsdauer von zehn Jahren [Anm. 29]. Dieses bedeutsame Dokument läßt erkennen, daß als rechtliches Fundament der Stadtgemeinde das genossenschaftliche Prinzip betrachtet wurde. Der Stadtfrieden, die unabdingbare Voraussetzung für das Zusammenleben in der Stadt, konnte nur durch den Konsens der ganzen Stadtgemeinde, aller Gemeindemitglieder gesichert werden. Die Verpflichtung des Einzelnen erfolgte durch Eid, einerseits durch den Bürgereid bei der Bürgeraufnahme, andererseits aber jährlich auf dem am Georgstag, dem 23. April, abgehaltenen Schwörtag [Anm. 30]. Auf dieser Zusammenkunft erneuerten die Bürger - zugelassen waren nur die waffenfähigen Männer - feierlich ihre Schwurgenossenschaft, und bevollmächtigten zugleich den Rat, im Namen der Stadt zu handeln. Bürgermeister und Rat verpflichteten sich gegenüber der Gemeinde; die Bürgerschaft wiederum gelobte, dem Rat gehorsam zu sein. Die Stadtgemeinde baute also sowohl auf der genossenschaftlichen Einung der Bürger als auch auf dem herrschaftlichen Huldigungseid auf (G. 108).
Gleichsam aus dem Nichts erscheinen in der Friedensordnung 1344 die Zünfte, die Organisationen der Handwerker. Die Zunftmeister, ihre Vertreter, trugen den gefundenen Konsens mit. Die Friedensordnung beginnt mit einem Artikel über die Bestrafung von Totschlag mit fünf Jahren Stadtverweisung. Im zweiten Artikel wird bestimmt, daß bei einem Streit von "burgern" oder von ehrbaren Handwerkleuten - diese Gegenüberstellung bezeichnet offenbar die wichtigste der innerstädtischen Fronten - nur der Schultheiß, der Bürgermeister und die beiden Stettmeister hinzueilen dürfen. Auch der fünfte Artikel nimmt auf Zerwürfnisse in der Bürgerschaft Bezug (G. 102). Vermutlich war es im Vorfeld zu einem Aufstand der Handwerker gegen die herrschenden Familien gekommen. Nun mußte der Stadtfriede erneut durch Übereinkunft aller politischen Kräfte wiederhergestellt, neu beschworen werden. Das Jahr 1344 darf wohl als Geburtsjahr der "Zunftverfassung" betrachtet werden. Die Quellenbezeichnung "Zunft" bezieht sich dabei auf zweierlei: zum einen auf die Beteiligung der Handwerkervereinigungen am Stadtregiment, zum anderen auf Einigkeit und Eintracht in der Stadt, einen städtischen Grundwert. Die Zunftverfassung war demnach der beschworene Konsens aller gesellschaftlichen Gruppen. Kaiser Karl IV. gewährte 1373 Gmünd das Privileg, "Zunft" zu haben (UAG 410). Der Begriff ist politisch aufgeladen: Gemeint ist die Zunftverfassung (G. 103).
Die Durchsetzung der Zunftverfassung brachte jedoch nicht einfache Handwerker an die Macht, sondern eine neue, kaufmännische orientierte Führungsschicht, die sich aus Händlern und handeltreibenden Handwerkern zusammensetzte. In vielfältiger Weise, nicht zuletzt durch Verwandtschaftsbeziehungen, waren die alten und die neuen Ratsfamilien miteinander verflochten. Wer sich über die wirtschaftlichen Grundlagen der Oberschicht und die Gmünder Hauptgewerbe im 14. Jahrhundert unterrichten will, sieht sich allerdings einer deprimierend dürftigen Quellenlage gegenüber. Als Hauptgewerbe dürfen angesprochen werden die Gerber und vermutlich auch die Textilherstellung, für die handfeste Belege allerdings erst im 15. Jahrhundert vorliegen (G. 145). Auf die Bedeutung der Gerber verweist der 1385 bezeugte Straßenname Ledergasse (UAG 521). Bedeutung besaß sicher auch der Handel mit Wein, Korn, Vieh, Tuchen und Eisen. Auffällig viele Querverbindungen gab es zwischen den handelsorientierten Gewerben der Gerber, Metzger - sie engagierten sich im Viehhandel - und Schneider (G. 136). Von der späteren Bedeutung des Goldschmiedegewerbes ist noch keine Spur zu finden [Anm. 31].
Aussagekräftige Quellen über die Stellung der Frau im 14. Jahrhundert in Gmünd sind nicht erhaltengeblieben. Das gleiche gilt für die Randgruppen und Unterschichten. Einige Rückschlüsse auf die Lage einer gesellschaftlich wenig angesehenen Personengruppe erlaubt die 1386 vom Rat erlassene Ordnung der Gmünder Badstubenbruderschaft - der Text ist inzwischen auch auf meiner Internetseite zur Gmünder Stadtgeschichte zugänglich [Anm. 32]. Die Bruderschaft umfaßte die armen Knechte und Mägde der Badstuben, die Badreiber, die Meister und alle Bediensteten, war aber auf die Bedürfnisse der Badknechte zugeschnitten. Eine Bestimmung läßt indirekt die Diskrimierung berufstätiger Frauen erkennen. Die Aufnahmegebühr für Frauen war mit drei Hellern nur halb so hoch - sicher ein Hinweis auf ungleichen Lohn. Der Zusammenschluss der in den Badstuben Tätigen bildete eine religiöse Gemeinschaft vom Typ der Gesellenbruderschaften. Sie bot dem einzelnen Schutz und Halt - der Quellenbegriff dafür lautet: "Trost". Was heute die Versicherungen leistet, war damals Aufgabe solcher Genossenschaften. Leben in vormodernen Gemeinschaften vereinte die heute getrennten Bereiche: Arbeit, Religion, Geselligkeit, Politik und Sozialwesen. Man braucht nur an die Zünfte zu denken, die vieles in einem waren: Interessengemeinschaften von Berufsgenossen zur Erlangung wirtschaftlicher Vorteile; politische Parteien, die um die Teilhabe der Handwerker an der Macht stritten; Vereine, die den Zunftmitgliedern in der Zunfttrinkstube Geselligkeit boten; religiöse Bruderschaften, die für das Seelenheil und Totengedenken Sorge trugen; schließlich: Sozialversicherungsanstalten.
Kein Eid, aber ein Gelöbnis, als "Treue" bezeichnet, verband die Badergesellen. Wöchentlich zahlten die Mitglieder in eine gemeinsame Kasse, die Büchse, ein. Mit dem Geld wurde das Wachs der Kerzen finanziert, die an den Hochfesten im Chor der Pfarrkirche brannten. Im Krankheitsfall gewährte die Kasse dem Mitglied einen Kredit. Die Bruderschaft trug die Bestattungskosten des Mitglieds, konnte sich aber an seinem Nachlaß bedienen. Die Knechte durften im Wirtshaus nicht spielen und kegeln; waren sie zu betrunken, drohte eine Strafe. Einmal jährlich kamen sie zu einem Bruderschaftsmahl zusammen, bei dem sie zwei Pfleger der Büchse und diese wiederum die vier Betreuer der Kerzen bestimmten.
Exemplarisch verdeutlicht die Gmünder Badstubenbruderschaft von 1386 die Verschränkung von Solidarität und Erinnerung, von sozialem Zusammenhalt und Totensorge. Damalige Lebensgemeinschaften waren immer auch Erinnerungsgemeinschaften. Auch der heutige Historiker, für den das 14. Jahrhundert mit einer Formulierung der amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman ein "ferner Spiegel" ist, in dem er Probleme der Gegenwart wiederfindet, ist gehalten, sich als Mitglied einer Erinnerungsgemeinschaft zu verstehen, die ihn mit den Toten verbindet [Anm. 33]. Er schuldet ihnen jene Behutsamkeit, die nie vergißt, wie groß die Lücken unseres Wissens über jene Epoche sind. Denn gegen seine Interpretationen können sich die Toten nicht mehr wehren.
Schreiben der Reichsstadt Heilbronn an die Stadt Würzburg über den Städtetag zu Schwäbisch Gmünd, betreffend die Pläne der Juden, die Christenheit zu vergiften [1349 um Februar 24]
Wiedergabe nach dem (normalisierten) Abdruck von Hermann Hoffmann, Die Würzburger Judenverfolgung von 1349, Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 5 (1953), 91-114, hier 101f. Nr. 4 nach der Briefkorrespondenz, überliefert in: UB Würzburg M. ch. f. 140, fol. 275-277 (Historische Sammelhandschrift des Abtes Johannes Trithemius, Anfang 16. Jahrhundert, beschrieben von Hans Thurn, Die Handschriften aus benediktinischen Provenienzen, 1973, 136-140) [Anm. 34].
Item dye von Heylprun screiben den von Wurtzpurg:
Den ersamen und weysen mannen, unsern besundern guten freunden, den burgermeystern und rathe gemeinglich der stat Wurtzpurg entbieten wir, burgermeyster und rathe zu Heylprun, was wir freuntschaft, eren und dinstes vermogen in allen sachen.
Als uns ewr freuntschaft gescriben hat von der juden wegen, also lassen wir euch wyder wyssen, das wir noch kein warheyt nye erfaren noch ervinden mochten, dan alle dye rede, dye wir noch gehort hon, das ist ein gemein lewmunt [Gerücht] in aller cristenheyt. Auch sollet ir wyssen, das wir unser erber burger gesant hatten vor der vasnacht gein Gemunde uf eynen nemlichen tag, do alle ander stette unser mitgnossen uf dem selben tag bey einander waren. Nu kamen dy stete von dem Bodensehe auch dar. Dy selben stette brachten etwe manchen brief mit in. Dar dy vor den stetten gemeiniglich wurden gelesen, des sagten unser burger uns, dy do gewest waren, der rede so viel, als sy dann auswendich behalten mochten. An den selben briefen stund gescriben, als si uns gesacht han, das in etlichen stette von Elsas dy selben brief gesant hetten, dar an stund gescriben, das ethliche stette zu Elsas vier juden fingen und dy wagen [folterten] gar hertiglich. Des sprech der ein jude, der in genesen ließ, er wolt die warheyt sagen, des wart im zcu hant sicherheyt, das er genesen solt. Der selbe jude sagt fur dy gantzen warheyt, als uns unser burger gesagt han. Es wer ein judein, dy hyeß fraw Gutlin, zu Elsas gesessen in einer stat. Dye selbe judein were mit irs selbs leibe gevaren uber mere und bracht mit ir ein veßlein vol gift, das was wol tzwen eymer. Dye selben gift teilt sie unter dy juden, das dye cristenheyt do mit verderbt wurde. Nu daucht sy, das der gift zu wenig were und vermuschte sye mit anderen sachen, do von dye selbe gift alle verdarb, als got sein gnade selber der heilgen cristenheyt mitteyln wolt. Dye rede haben wir fur eynen lewmunt und kunden sust zu dyesem mal nit anders gewissen. Und wyssent den brief, den ir uns gesant hant, das wir den zubrochen haben. Also sollent ir dysem brief auch thun und wollen nu und alle zeyt gern tun, was wir wyssen, das ewr weyßheit libe und dinst ist.
Abkürzungen:
B. = K. Graf, Die Heilig-Kreuz-Kirche in Schwäbisch Gmünd im Mittelalter. Kirchen- und baugeschichtliche Beiträge, einhorn-Jahrbuch 1989, 81-108
C. = K. Graf, Gmünder Chroniken im 16. Jahrhundert, 1984
G. = K. Graf, Gmünd im Spätmittelalter, in: Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd, 1984, 87-184, 564-590
UAG = Alfons Nitsch, Urkunden und Akten der ehemaligen Reichsstadt Schwäbisch Gmünd 777-1500, 1-2, 1966-1967 (zitiert nach Regestenummer)
UASp = Derselbe, Das Spitalarchiv zum Heiligen Geist in Schwäbisch Gmünd, 1965 (zitiert nach Regestennummer)
Anmerkungen
[1] Der folgende Beitrag geht auf einen Vortrag
vor dem Gmünder Geschichtsverein am 7. Juni 1999 zurück und knüpft
an die Ergebnisse meiner Darstellung zum Spätmittelalter in der 1984
erschienenen Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd (zitiert:
"G.") an, auf die ergänzend verwiesen sei.
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[2] Fr. Graus, Pest- Geißler - Judenmorde,
1987, 330. Zum Tag von Schwäbisch Gmünd vgl. auch Reinhard Schneider,
Der Tag von Benfeld 1349: Sie kamen zusammen und kamen überein, die
Juden zu vernichten, in: Spannungen und Widersprüche. Gedenkschrift
für Frantisek Graus, 1992, 255-271, hier 267.
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[3] Vgl. K. Graf, Nikolaus vom Schwert (um 1400),
ein Sohn des Schwäbisch Gmünder Arztes Peter von Grünenberg,
Sudhoffs Archiv 74 (1990), 236-238.
[zurück]
[4] Staatsarchiv Ludwigsburg B 177 S U 324;
UAG 217. Eher eine paraphrasierende Übersetzung als einen Abdruck
der Urkunde lieferte Bruno Klaus, in: Beilage zur Allgemeinen Zeitung München
vom 8.3.1900 Nr. 56, S. 1.
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[5] In der Urkunde heißt es: Die Grafen
sagen Bürgermeister, Rat und die Bürger der Stadt Gmünd
ledig und los wegen des Guts der Juden und der "frevelin, die
si an den juden begangen heten, wan es unser gnediger herre ku+eng Karl
von Rome geben und ergeben het". Zur Beteiligung der beiden Grafen
an der finanziellen Abwicklung der Judenmorde in den Reichsstädten
Straßburg, Rottweil, Schwäbisch Hall, Reutlingen, Esslingen
und Gmünd vgl. jetzt Peter-Johannes Schuler, Regesten zur Herrschaft
der Grafen von Württemberg 1325-1378, 1998, Nr. 342, 350-355, 357,
361, 363, 364.
[zurück]
[6] Vgl. Klaus Schreiner, Maria. Jungfrau, Mutter,
Herrscherin, 1994, 443-450. Zur Geschichte der Gmünder Juden vgl.
ausführlich Klaus Jürgen Herrmann, Zur Geschichte der Juden in
Schwäbisch Gmünd im Mittelalter. "also helff Dir Gott
Abrahams, Isacks und Jakobs", einhorn-Jahrbuch 1995, 119-126 sowie
G. 139-141. Die Behauptung Herrmanns (125), das älteste Judenschulhaus
habe im Spitalbereich gelegen, trifft nicht zu, vgl. zur Topographie K.
Graf, Kein Judenghetto in Gmünd. Wo lag die älteste Synagoge
der Stadt?, Rems-Zeitung 7.4.1983, Nr. 79, S. 12. Zum Haus Imhofstraße
9 vgl. Richard Strobel, Die Kunstdenkmäler der Stadt Schwäbisch
Gmünd 3 (1995), 110f.
[zurück]
[7] Vgl. Strobel, Die Kunstdenkmäler 3
(1995), 157, 159 mit weiterer Literatur. Unverständnis spricht aus
den Ausführungen von Theo Zanek, Gmünder Häuser und Geschichten
2 (1998), 156, der den Befund stattdessen als eine Abortgrube von 1911
deuten will.
[zurück]
[8] R. Strobel, Gedanken und Mahnungen zum
Peter-Parler-Gedächtnisjahr
1999, Schwäbische Heimat 50 (1999), 51-55, hier 55.
[zurück]
[9] Vgl. K. Graf, Jahrmärkte und Kirchweihen
in Gmünd, ostalb/einhorn 14 (1987), 252-255, hier 254.
1409 ist in den Altarstiftungsurkunden von Altären im neuen Chor die
Rede, UAG 712, 714, 716.
[zurück]
[10] Zur Münsterbaugeschichte im Spiegel
der Urkunden des 14. Jahrhunderts vgl. Anton Nägele, Die Heilig-Kreuz-Kirche
in Schwäbisch Gmünd, 1925, 67f., 70; Hermann Mager, Das
Heilig-Kreuz-Münster
in Schwäbisch Gmünd und seine Gemeinde, 1951, 23-26; Wilfried
Fauter, Die Rechtsstellung der Marienpfarrkirche in Schwäbisch Gmünd
bis zum Ausgang des Mittelalters, Diss. Heidelberg 1956, 25-31; Hermann
Kissling, Das Münster in Schwäbisch Gmünd 1975, 35, 51;
G. 152.
[zurück]
[11] Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 14 Bd. 112a
(Kopialbuch des Klosters Gotteszell), S. 286f. (1320); UAG 115 (1323).
Zu Magister Konrad von Gmünd vgl. G. 155.
[zurück]
[12] Mir sind folgende Belege für Unser
Frauen Bau bekannt: 1334 (UAG 158), 1356 (UASp 39), 1361 (UASp 45), 1382
(UASp 111), 1389 (UAG 548), 1394 (UAG 582), 1395 (UAG 589), 1403 (UASp
170). Unser Frauen Bettnapf erscheint 1401 (UAG 657) und 1409 (UAG 715,
vgl. auch Albert Deibele, St. Leonhard in Schwäbisch Gmünd und
die ihm angeschlossenen Pflegen, 1971, 263f.). Vgl. auch UAG 339, 1021,
UASp 79, 81.
[zurück]
[13] Hermann Kissling, in: Die Parler und der
schöne Stil 1350-1400, Bd. 1, 1978, 320: 1377 endgültige Aufgabe
des Baus durch die Parler. Zum Datum 1377 vgl. C. 300, B. 102.
[zurück]
[14] Vgl. Burghard Lohrum, Gefügekundliche
und dendrochronologische Untersuchungen am Dachwerk des Heilig-Kreuz-Münsters
in Schwäbisch Gmünd, Denkmalpflege in Bade-Württemberg 19
(1990), 88-95, hier 95.
[zurück]
[15] Die Aussagen der Inschrift sind umstritten.
Manfred Wundram, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.7.1999, Nr. 159,
S. 48 vertritt die Hypothese, Peter Parler sei 1356 oder 1357 als 33jähriger
von Karl IV. nach Prag berufen worden, da er sich "mit der Konzeption
des Gmünder Hallenchores als der führende deutsche Bauhüttenleiter
seiner Generation ausgewiesen" habe. Im Vorfeld der Renaissance
sei er "die herausragende Künstlerpersönlichkeit nördlich
der Alpen". - Peter Moraw, der für die Festschrift Fr. Graus
sogar einen Exkurs "Warum ging Peter Parler nach Prag?"
in Erwägung gezogen hatte (laut Brief vom 29.1.1982), hat vermutet,
daß die Berufung mit personengeschichtlichen Zusammenhängen
zwischen dem Hof Karls IV. und der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd
zusammenhängen könnte: Peter Moraw, Zum königlichen Hofgericht
im deutschen Spätmittelalter, Zs. für die Geschichte des Oberrheins
121 (1973), 307-317, hier 313: "Konrad [von Bissingen] war zeitweise
Reichsschultheiß in Gmünd, dem von 1362 an als einer der führender
Vertreter des Stadtadels der zeitweilige Bürgermeister und Richter
Eberhard Vener gegenüberstand, der Onkel des späteren Protonotars
und Chefjuristen König Ruprechts, Dr. Job Vener. Grundstücksnachbar
der Bissinger war ein Hofkanzleibeamter Karls IV., Peter Zeiselmüller
aus angesehener Familie, der zeitweise dem bekannten Publizisten Konrad
von Megenberg unterstellt gewesen ist. In demselben Schwäbisch Gmünd,
wo er Verwandte besaß, starb in diesen Jahren der ehemalige Kanzler
Ludwigs des Bayern, Heinrich von Schöneck; aus Schwäbisch Gmünd
kam Peter Parler im Jahre 1353 oder 1356 nach Prag". Hinsichtlich
dieser These ist sicher Vorsicht angebracht (G. 90). Zu Konrad von Bissingen
vgl. G. 101, zu Peter Zeiselmüller G. 133. Zum Augsburger Bischof
vgl. K. Graf, Bischof Heinrich III. von Schönegg und Schwäbisch
Gmünd, Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte
e.V. 15 (1981), 216-220.
[zurück]
[16] Vgl. zuletzt Ruth Slenczka, Lehrhafte
Bildtafeln in spätmittelalterlichen Kirchen, 1998, 131-135.
[zurück]
[17] Zur Auseinandersetzung mit der These von
Klaus Jan Philipp, das Münster repräsentiere architektonisch
den Patronatsherrn, das Domkapitel Augsburg, vgl. B. 94f.
[zurück]
[18] Vgl. Klaus Jürgen Herrmann, Schwäbisch
Gmünd und der Schwäbische Städtebund im 14. Jahrhundert,
einhorn-Jahrbuch 1978, 183-194. Die Quellen jetzt bei Konrad Ruser, Die
Urkunden und Akten der oberdeutschen Städtebünde, II/1-2, 1988.
[zurück]
[19] Übersetzung von Walther Ludwig, Der
Esslinger Arzt Trutwein und sein Siegesgedicht von 1312, Esslinger Studien.
Zeitschrift 34 (1995), 1-19, hier 16. Die Stelle zu Waldhausen ebd., 14.
Zum Autor vgl. K. Graf, Trutwin, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters.
Verfasserlexikon, 2. Aufl., 9 (1995), 1109-1111.
[zurück]
[20] G. 566 Anm. 27; C. 133; vgl. K. Graf,
Schlachtengedenken in der Stadt, in: Stadt und Krieg, 1989, 83-104, hier
87 Anm. 23. Erst 1393 sagte der Württemberger vier bei Weil gefangengenommene
Gmünder Söldner von ihren im Gefängnis geschworenen Eiden
los, UAG 574.
[zurück]
[21] Druck der wichtigen Urkunde bei Ruser,
Urkunden, II/2 (1988), 722-726 Nr. 727.
[zurück]
[22] Zur Problematik vgl. den Sammelband
"Raubritter"
oder "Rechtschaffene vom Adel"? Aspekte von Politik,
Friede und Recht im späten Mittelalter, 1997, in dem mich am Beispiel
einer Fehde des 16. Jahrhunderts allgemein zum Problem der Städtefeindschaft
geäußert habe: K. Graf, Die Fehde Hans Diemars von Lindach gegen
die Reichsstadt Schwäbisch Gmünd (1543-1554). Ein Beitrag zur
Geschichte der Städtefeindschaft, ebd., 167-189.
[zurück]
[23] Allerdings liegen die Anfänge des
Gmünder Landgebiets erst im 15. Jahrhundert, vgl. G. 109f.
[zurück]
[24] Zu ihr vgl. Christoph Kutter, Zur Geschichte
einiger schwäbischer Rittergesellschaften des 14. Jahrhunderts, in:
Zs. für württ. Landesgeschichte 50 (1991), 87-104, hier 92-98.
[zurück]
[25] Abgedruckt bei Ruser, Urkunden, II/2 (1988),
S. 689f. Nr. 715.
[zurück]
[26] Vgl. K. Graf, Zwei Beiträge zur Topographie
der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd (I. Der Marktfriedensbezirk,
II. Die Klosterhöfe), Gmünder Studien 4 (1993), 7-41, hier 24-27.
Vgl. auch K. Graf, Geschichte des Gmünder Arenhauses, ostalb/einhorn
16 (1989), 50-54; G. 182.
[zurück]
[27] Vgl. K. Graf, Die Veitskapelle in Schwäbisch
Gmünd, einhorn-Jahrbuch 1993, 93-105; R. Strobel, Die Kunstdenkmäler
2 (1995), 106 (Johanniskirche), 171-173 (St. Josen), 260-265 (St. Theobald,
St. Veit).
[zurück]
[28] H. Heimpel, Die Vener von Gmünd
und Straßburg 1162-1447. Studien und Texte zur Geschichte einer Familie
sowie des gelehrten Beamtentums in der Zeit der abendländischen Kirchenspaltung
und der Konzilien von Pisa, Konstanz und Basel, 1 (1982), 41. Zu Heimpels
Werk und zur Sozialgeschichte der Gmünder Vener vgl. die Ergänzungen
bei K. Graf, Die Vener, ein Gmünder Stadtgeschlecht. Zu Hermann Heimpels
Monographie, Gmünder Studien 3 (1989), 121-159. Zu den Venern vgl.
zuletzt Peter Johanek, Job Vener, in: Die deutsche Literatur des
Mittelalters. Verfasserlexikon, 2. Aufl., 10 Lief. 1 (1996), 207-214.
[zurück]
[29] Text bei Artur Heide, Die Friedensordnungen
der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd, masch. Zulassungsarbeit Reutlingen
1978, 43-48.
[zurück]
[30] Vgl. Rainer Jooß, Schwören
und Schwörtage in süddeutschen Reichsstädten, Anzeiger des
Germanischen Nationalmuseums 1993, 153-168, hier 163-165.
[zurück]
[31] Vgl. Heike Krause-Schmidt, "...
ihr Brodt mit kleiner Silber-Arbeit erwerben". Die Geschichte
des Gmünder Goldschmiedegewerbes von den Anfängen bis zur Industrialisierung
unter besonderer Berücksichtigung der Filigranproduktion, 1999, 30;
K. Graf, Die Gmünder Goldschmiedstradition, einhorn-Jahrbuch 1984,
156-171, hier 157f. Daß der erste Gmünder Goldschmied 1372 im
Zusammenhang mit Mitgliedern der Parlerfamilie bezeugt ist (siehe oben),
berechtigt nicht dazu, Peter Parler zum geistigen Schöpfer der Gmünder
Goldschmiedekunst zu erklären, wie dies Walter Klein tat (vgl. Krause-Schmidt,
21).
[zurück]
[32] Vgl. K. Graf, Solidarität und Erinnerung.
Beobachtungen zur Ordnung der Gmünder Badstubenbruderschaft aus dem
Jahr 1386, einhorn-Jahrbuch 1985, 126-135. Internetseite zur Stadtgeschichte
von Schwäbisch Gmünd:
http://www.uni-koblenz.de/~graf/gmuend.htm
[zurück]
[33] Vgl. Arno Borst, Mönche am Bodensee
610 - 1525, 1978, 16f.
[zurück]
[34] Zwei unnötige Änderungen Hoffmanns
am Text wurden nicht übernommen: "waren" in "wagen
gar hertiglich" - zur Bedeutung "foltern" vgl.
Grimm, Deutsches Wörterbuch 13 (1922), 366, 442 - und "halten"
in "haben wir fur eynen lewmunt". Dagegen lese ich ebenfalls
"ervinden" in "noch ervinder mochten".
Zur Textwiedergabe ist noch zu bemerken, daß Hoffmann Konsonantenverdopplungen
ausgelassen hat, ansonsten jedoch nach eigenen Angaben
"buchstabengetreu"
edierte (98 Anm. 1).
[zurück]
Ergänzungen und Nachträge gegenüber der Druckfassung (29.12.1999):
Peter Spranger, "Seid also wachsam". Bilder vom Jüngsten Gericht als Dokumente ihrer Zeit. Darstellungen aus 17 Jahrhunderten mit drei Beispielen aus Schwäbisch Gmünd, einhorn-Jahrbuch Schwäbisch Gmünd 1999, 177-192, hier 184 macht darauf aufmerksam, daß die nicht lange nach dem Pogrom von 1349 entstandene berühmte Weltgerichtsdarstellung am südlichen Chorportal des Gmünder Münsters unter den Verdammten auch zwei Juden (kenntlich am Judenhut) zeigt, die dem Höllenfeuer überantwortet werden.
Regest der Urkunde
1376 März 8 (samstage vor dem sunnentag in der vastun so man
singet reminiscere miseracionum)
Johann, Baumeister der Pfarrkirche zu Gmünd (Johans zu+o den
ziten maister dez buez der pfarrkirchen ze Gemu+ende) bekundet, daß
er mit Rat von Heinrich von Rinderbach und Johann von Rinderbach von Leineck
(Lineck) genannt, zwei Richtern und Bürgern zu Gmünd,
zu seinem eigenen Seelenheil und dem seines Vaters und seiner Mutter sowie
anderer seiner Vorfahren und Nachkommen ein rechtes Seelgerät gestiftet
(verschaffet und vermachet) hat. Der ewige Zins in Höhe von
einem Pfund Heller ist zu entrichten aus seinem Haus und Garten mit allem
Zubehör, woraus zuvor jährlich drei Schillinge und ein Huhn Konrad
Bissinger (By+essingern) zu rechter Losung zustehen. Die restlichen
sieben Schilling und ein Pfund Heller [aus dem Anwesen], das vor dem V+etenkofer
Tor in der huntgassun zwischen dem Schleher und des Sla+ehers Haus liegt,
soll man jährlich am Gallustag dem Pfarrer und seinen Gesellen und
allgemein den Kaplänen in die Bruderschaft geben, damit sie an seinem
Todestag seine Jahrzeit und die seines Vaters und seiner Mutter mit Vigilien
und Seelmessen nach der Gewohnheit der Pfarrkirche begehen sollen. Pfarrer
und Kapläne verpflichten sich, bei Nichtabhaltung des Jahrtags das
Pfund Heller den Siechen in das Spital zu liefern. Er vermacht weiterhin
an Jungfrau Helene, Tochter der verstorbenen Petersche von Regensburg (junckfraw
Helenen Peterschen seligen tohter von Regenspurg) und ihren Pflegern
und Trägern, nämlich Walther von Rinderbach und Johann Virabent,
Bürger zu Gmünd, vorgenanntes Haus mit Garten und Zubehör
für die Lebenszeit der Helena. Nach seinem und der Helena Tod sollen
die Zinseinkünfte des Hauses über den an den Jahrtag vermachten
Zins hinaus auf ewig gedrittelt werden: ein Drittel soll an das Kapitel
zu Augsburg, der zweite Teil an unser frawen buwe zu Gmünd
und der dritte Teil an den Pfarrer und Bruderschaft für die vorgenannte
Vigil und Seelmesse sowie für die gleichzeitig zu begehende Jahrzeit
der Helena gehen. Siegler: Aussteller und beide Richter. Siegelankündigung
des Heinrich von Rinderbach und des Johann von Rinderbach von Leineck genannt,
beide Richter und Bürger zu Gmünd.
Dominikus Debler, Chronica, Bd. 5, S. 29: A(nno) 1351 ist die Pfarrkirchen des heil. Kreuz und der gloriwürdigen Mutter Gottes zu Ehren von einer Frauen von Wustried gestifft, und der erste Stein gelegt worden. Sie soll 500 f. [Gulden] zu diesem Bau gegeben haben. Nachgehend haben erst andere Geschlechter und Bürger dazu das Ihrige gethan. Der erste Baumeister hatte täglich 1 Pfinnig, 1 Maaß Wein und einen Laib Brod. Daraus läßt sich die Wohlfeile der Zeit schließen. Mann hat 26 Jahr daran gebauet. Den 16. Aug. legte man den ersten Stein.
Einträge in den Jahrtagsverzeichnissen der Gmünder Pfarrkirche:
Agenda 1520, fol. 21v: Anni(versarium) magistri Hainrici architectoris
ecclesie peragetur in die sancti Galli cum 1 lb ad vigilias.
Anniversar 1530, fol. 48v: "Anniversarium magistri Hainrici architectoris
peragetur annuatim in die sancti Galli de sero cum vigiliis cum una libra
Hallensium de bonis nostre fraternitatis. Sepulchrum eius est ad sanctam
virginem unnden in der kirchen ist ain grosser stain.