Beitrag zur Tagung La mémoire urbaine au Moyen Âge: Memoria, communitas, civitas Paris 31.3.-1.4.2000
Wir
alle kennen die imposante Reihe der Bände der Chroniken der deutschen
Städte", eine keineswegs vollständige Sammlung der städtischen
Historiographie bis ins 16. Jahrhundert. Weit weniger gut erforscht als
die bequem zugänglichen Stadtchroniken sind die weiteren Medien, mit
denen man im späten Mittelalter in den deutschen Städten Erinnerungswürdiges
fixierte oder tradierte. Da gab es die flüchtigen mündlichen
Überlieferungen, von denen wir nur dann etwas erfahren, wenn sie das
Nadelöhr der Schriftlichkeit passiert haben. Die Städte (Marktplätze
und Wirtshäuser) waren erfüllt von Gerüchten und Erzählungen
- allzuwenige Spuren dieser vergangenen Erzählkultur lassen auf eine
einst bunte Fülle von Geschichten schließen. Nicht zu vergessen
die Lieder und Sprüche, die Ereignissen der Stadtgeschichte galten[1].
Dauerhafter, wenngleich leider allzuhäufig durchaus nicht unvergänglich
waren im Stadtbild sichtbare Denkmale (vielleicht richtiger: Erzähl-Male")
in Form von Inschriften, Erinnerungszeichen und Bildern. Allerdings setzt
der Aufschwung dieser Medien erst im 16. Jahrhundert richtig ein, als sich
neue Modelle des Gedenkens etablierten[2].
Besonders
bedeutsam für das städtische Selbstverständnis, wenn man
will: die kommunale Identität, aber war ein Erinnerungsmedium, mit
dem ich mich nun bald fünfzehn Jahre beschäftige: die öffentliche
rituelle Vergegenwärtigung vergangenen Geschehens, das jährlich
wiederkehrende Ritual, das als Erinnerungsfest den Alltag unterbrach. Gemeint
sind nicht etwa die Feste der christlichen Liturgie und des Heiligenkalenders,
auch nicht die bürgerlichen Familienjahrtage, die Anniversarien. Es
geht um Gedenktage, die der eigenen kommunalen Geschichte gewidmet waren[3].
Drei
Typen möchte ich unterscheiden: 1.das Konfliktgedenken, das Schlachten,
Belagerungen, Mordnächten und Bürgeraufständen galt; 2.
das Katastrophengedenken, das an Widerfahrnisse wie Pestzüge, Erdbeben
oder Überschwemmungen erinnerte, und 3. das Stiftergedenken, das besondere,
für die ganze Stadtgemeinde bedeutsame Stiftungen kommemorierte. Ich
werde mich auf das Konfliktgedenken - vereinfachend von mir als Schlachtengedenken
in die Forschung eingeführt - konzentrieren und die beiden anderen
Typen nur streifen.
Rasch
abgehandelt sind das Stiftergedenken und das Katastrophengedenken, denn
sie waren im Vergleich zum Konfliktgedenken kaum verbreitet. Das Stiftergedenken
steht dem kirchlichen Anniversar am nächsten und läßt sich
von diesem nicht scharf trennen. Als Beispiel eines Stiftergedenkens sei
nur die in Soest begangene Philippsmemorie, ein jährliches Ratsessen
zu Ehren des 1191 verstorbenen Kölner Erzbischofs Philipp von Heinsberg,
den man als Stadtgründer ehrte, angeführt[4].
Für
das ebenfalls sehr seltene Katastrophengedenken nenne ich beispielhaft
die Erfurter Pestprozessionen, die Straßburger Lukasprozession, mit
der man eines großen Erdbebens gedachte, und die wichtigste Frankfurter
Prozession, die Frankfurter Maria-Magdalena-Prozession zur Erinnerung an
eine große Mainüberschwemmung.
Die
beiden stadtweiten Erfurter Pestprozessionen aus Anlaß der großen
Pest von 1350 hat jüngst Andrea Löther in ihrer Bielefelder Dissertation
bei Klaus Schreiner gründlich untersucht[5].
Sie konnte zeigen, daß diese Rituale als Gedenktage an die bei der
Pest Verstorbenen ebenfalls ausder
Totenmemoria abzuleiten sind.
Die
große Straßburger Lukasprozession setzte der dortige Rat 1358
nach zwei Erdbeben von 1356 und 1357 ein, um Gott zu bitten, daß
er in Zukunft die Stadt vor einer solchen Gefahr behüten möge.
Um die Bürger über den historischen Hintergrund der Prozession
zu unterrichten, fertigte die Ratskanzlei seit dem späten 15. Jahrhundert
besondere Verkündzettel, die von den Predigern in den Pfarr-, Stifts-
und Klosterkirchen verlesen werden mußten. Bei dem jährlichen
Kreuzgang hatten alle Ratsherren barfuß in grauen Kapuzenmänteln
mit brennenden Kerzen teilzunehmen - eine deutliche Anleihe bei kirchlichen
Bußritualen. Die Kerzen wurden anschließend der Stadtpatronin
Maria im Münster geopfert, die Mäntel erhielten Bedürftige.
Außerdem wurde eine stattliche Brotspende für die Armen und
Waisen der Stadt angeordnet[6].
1342
überflutete ein gewaltiges Mainhochwasser die Stadt Frankfurt. Man
gelobte eine jährliche Prozession zum Weißfrauenkloster, geweiht
der heiligen Maria Magdalena. Rat, Klerus und Bevölkerung zogen barfuß
und mit brennenden Kerzen durch die Stadt. Eine mittelalterliche Inschrift
in den Weißfrauenkirche bezeugte das kommunale Gelübde ("senatus
populuswue Franckfordensis voto me frequentat")[7].
Vor
allem in der Ausprägung als Schlachtengedenken war in den deutschen
Städten das Konfliktgedenken weitverbreitet. Dagegen gibt es nur verhältnismäßig
wenige Beispiele für die rituelle Erinnerung an Bürgeraufstände.
Jedes Jahr gemahnte in Köln eine weitgehend ratsinterne Prozession
an die Niederschlagung der Revolte von 1481/82[8],
und in Lübeck ging die 1419 gestiftete wichtigste Prozession, die
"große Prozession", auf die Versöhnung nach einem großen
innerstädtischen Konflikt zurück[9].
Bislang
kenne ich kenne über 60 Städte im deutschsprachigen Raum von
Itzehoe bis Bregenz, von Koblenz bis Görlitz, in denen zumindest zeitweise
an gewonnene oder verlorene Schlachten, an überstandene Belagerungen
oder gescheiterte nächtliche Überfälle alljährlich
erinnert wurde. Nicht berücksichtigt in dieser Zahl sind die eidgenössischen
Schlachtjahrzeiten", die bis heute das historische Selbstverständnis
der Schweiz bestimmen und deren älteste Beispiele aus dem städtischen
Bereich stammen. Ebenso fehlen die Schweizer Gedenktage anläßlich
von "Mordnächten", eine seit dem 16. Jahrhundert übliche Sammelbezeichnung
für gescheiterte nächtliche Überfälle auf Städte[10].
Vom
frühen 13. Jahrhundert bis zum Dreißigjährigen Krieg war
dieser Ritualtyp beliebt. Auf ein Ereignis von 1227 geht der Lübecker
Maria-Magdalena-Kult zurück. Wäre Lübeck heute eine katholische
Stadt, so würde man wohl die Heilige Maria Magdalena als Stadtpatronin
feiern[11].
Ihre Schlachtenhilfe bei Bornhöved (1227) wurde in Lübeck nicht
nur durch jährliches Gedenken an ihrem Festtag erinnert (dieses ist
allerdings erst viel später bezeugt), sondern auch durch vor 1444
entstandene Historienbilder in der den vertraulichen Besprechungen des
Rates vorbehaltenen "Hörkammer " des Lübecker Rathauses[12].
Schlachtengedenken
gab es in kleinen unbedeutenden wie in großen Städten: in Crailsheim[13]
oderBelecke wie in Köln oder
Dortmund. In manchen Städten gab es sogar mehrere Gedenktage. Die
fünf Straßburger mittelalterlichen Ratsmessen galten einem abgewendeten
Überfall von 1428 und vier Schlachtensiegen in den Burgunderkriegen[14].
Das
Schlachtengedenken war überwiegend eine genossenschaftlich-bündische
Angelegenheit, im dynastischen Bereich gibt es nur vereinzelte Beispiele.
Eher einen Sonderfall stellt die selbstbewußte Indienstnahme des
Rituals durch Pfalzgraf Friedrich den Siegreichen dar, der dadurch seine
Siege bei Pfeddersheim und Seckenheim 1460 bzw. 1462 verewigen wollte.
Im Vordergrund stand eindeutig der Ruhm und Nachruhm des Fürsten,
erst sein Nachfolger Philipp stiftete ein Gedenken für die Gefallenen.
Aber auch dieses Gedenken fand in der Stadt statt, nämlich in den
Heidelberger geistlichen Institutionen und in der Universität[15].
Noch
unerforscht ist die Frage der gesamteuropäische Verbreitung des Ritualtyps.
Schlachtengedenken lassen sich nachweisen in Städten der beiden wichtigsten
Städtelandschaften, also in den oberitalienischen Kommunen[16]
und in Flandern[17]
bzw. den Niederlanden. Für Frankreich hat Colette Beaune den im 15.
Jahrhundert zurückgelegten Weg von den lokalen städtischen Schlachtengedenktagen
zu den vom Königtum initiierten "nationalen" Erinnerungsfesten skizziert[18].
In Burgund stifteten die Herzöge im 15. Jahrhundert Schlachtengedenktage
als Siegesfeste[19].
Die für das burgundische Selbstbewußtsein wichtigen Siege wurden
auch auf Wandteppichen verewigt[20].
In Burgund war also anscheinend die dynastische Initiative ausschlaggebend.
Die
Verhältnisse auf der iberischen Halbinsel entziehen sich bisher meiner
Kenntnis[21].
In seinem faszinierenden Reisebericht (wohl 1485/86 niedergeschrieben)
beobachtete der Breslauer Patrizier Niclas von Popplau jedenfalls "ein
jährliches Gedächtnüs" in Form einer höfisch geprägten
Prozession, das an die Eroberung der Stadt Sevilla durch die Christen erinnern
sollte[22].
Zwei
kurze Fallbeispiele - sie betreffen eine große Stadt (Speyer) und
eine kleine (Buchhorn) -sollen den
Ablauf der Gedenkrituale veranschaulichen.
Am
Severinstag 1330 versuchten die Münzerhausgenossen von Speyer die
Stadt mit einem Handstreich einzunehmen, um das alte Geschlechterregiment
und ihre privilegierte Stellung wiederherzustellen. Nach der Abwehr dieses
Anschlags, berichtet eine viel später, nämlich 1416, entstandene
Gedenkschrift über die Ereignisse[23],
habe man beschlossen, daß sich künftig alljährlich alle
Geistlichen im Dom versammeln sollten, um Gott und der Muttergottes für
die Erettung der Stadt zu danken. Wie wichtig die Erinnerung an die Geschehnisse
dem Rat war, belegen Verordnungen aus den Jahren 1456, 1479 und 1495[24].
1456 regelte man die Abhaltung des Jahrtags in den vier Bettelordensklöstern
bis hin zur Liturgie der Marienmesse. Vom Rat bedacht wurden nicht nur
die vier Konvente, sondern auch die an der Messe teilnehmenden Armen. Außerdem
erfährt man, daß die Heimbürgen und Knechte am Severinstag
miteinander zu essen pflegten. 1479 vereinbarten alle drei Räte der
Stadt, das Severinsfest zu erneuern und es wie von alters her zu begehen,
"damit die stat by frieden, gemache unnd glickselichkeit bliben und besten
moge"[25].
1495 schließlich genehmigte sich der Rat im Anschluß an die
bei den Predigermönchen gesungene Messe einen Imbiß auf Ratskosten.
Um
die Öffentlichkeit der gesamten Bürgerschaft zu mobilisieren,
ging am Abend vor dem Fest ein Ausrufer durch die Gemeinde, der die Worte
"Morgen wurt der tag, an dem Speur verraten ward" zu rufen hatte [26].
Ein jüngeres Zeugnis gibt die folgenden Verse[27]:
"Heut
ist der Abend, Morgen ist der Tag,
Da
die Stadt Speyr verrathen ward.
Gott
woll uns hinfort länger bewahrn,
Daß
wir nicht kommen in solche Gefahr."
Auch
nach der Annahme des evangelischen Bekenntnisses wurde der Feiertag vom
Rat in der protestantisch gewordenen Predigerkirche festlich begangen.
Aus Akten des Jahres 1577 über eine tätliche Auseinandersetzung
zwischen dem Pfarrer und einem städtischen Bediensteten geht hervor,
daß die Predigt der kirchlichen Feier dazu genutzt wurde, aktuelle
Bezüge herzustellen und konfessionelle Spitzen auszuteilen. Den Wunsch
des Geistlichen, Gott möge die Stadt vor Kalvinisten bewahren, bezogen
zwei Doktoren auf sich und wurden bei der sich anschließenden ausgedehnten
Ratsgastung handgreiflich.
Der
Severinstag darf als das Speyerer Stadtfest schlechthin angesprochen werden.
Jährlich wurde die Notwendigkeit bürgerlicher Eintracht, des
für das Zusammenleben der Bürger wichtigsten städtischen
Grundwerts, im Medium eines öffentlichen Rituals einprägsam verdeutlicht.
Bemerkenswert ist, daß der Rat sich wiederholt darum bemühte,
das Fest zu erneuern und aktuellen Bedürfnissen anzupassen. Der ursprünglich
vornehmlich kirchlich-liturgisch bestimmte Feiertag wurde dabei immer mehr
zu einem Ratsfest.
Im
Vergleich zu Speyer war Buchhorn unbedeutend. Eine Konstanzer Chronik berichtet
von einem nächtlichen Überfall des berüchtigten Städtefeinds
Hans von Rechberg aufdie kleine
Bodensee-Reichsstadt im Jahr 1454. Ein Bauer entdeckte das Vorhaben, drei
Helfer Rechbergs wurden in der Stadt gefangengenommen und gestanden die
geplanten Untaten. Sie wurden gevierteilt und ihre Teile ans Tor gehängt.
Aus einem städtischen Satzungsbuch geht hervor, daß derjenige,
der die Tat vereitelt hat, jährlich auf Lebenszeit einen Scheffel
Getreide erhalten sollte. Der Rat schrieb eine Prozession am Jahrtag, dem
Felixtag, vor, an der sechs Mann aus jeder Zunft und aus jedem Haus eine
Person teilnehmen mußten. Darüberhinaus wurde der Felixtag zum
Feiertag erklärt, an dem das Spielen und insbesondere das Kartenspiel
verboten war[28].
Zur
Ehrung des Retters sei eine Parallele aus dem Traditionskomplex der "Schweizer
Mordnächte" angeführt. Der Anschlag des Grafen von Kyburg auf
Solothurn 1382 soll von einem Hans Roth von Rumisberg verhindert worden
sein. Nachweisbar seit 1538 erhalten bis heute Namensträger Roth,
die angeblichen Nachkommen des Stadtretters, ein Ehrenkleid in den Stadtfarben
und eine jährliche Pension - seit 1848 sind es 94 Franken und 15 Rappen[29].
Unterstützt
wurden die städtischen Schlachtendenktage nicht selten durch Bilder,
Gegenstände und Erinnerungszeichen, tatsächliche oder nur in
Erzählungen imaginierte Spuren der einstigen Konflikte. Sie fungierten
als anschauliche Konflikt-Wahrzeichen", mit denen die Wahrheit des Rituals
beglaubigt werden konnte. Zum Ritual des Schlachtengedenktages in Kyritz,
dem Bassewitzfest, gehörte es, daß der Bürgermeister jährlich
in die Rüstung des Ritters Bassewitz, der 1381 die Stadt einnehmen
wollte, schnitt. Sie wurde zusammen mit dem großen Schwert des Angreifers
im Rathaus aufbewahrt[30].
Zu
den Erinnerungsmedien gehörte mitunter besonderes Gebäck, das
amGedächtnistag ausgeteilt
wurde. In Greifswald überlieferte das "Weckenfest", bei dem an die
Schüler der Stadtschule besondere Brote ausgeteilt wurden, das Wissen
um einen glorreichen Sieg der Stadt im Jahr 1327[31].
Für
die Tradierung des historischen Wissens um den Gedenkanlaß wurde
wiederholt das Medium der Inschrift verwendet. In der kleinen Reichsstadt
Weil der Stadt (bei Stuttgart) hat es vermutlich eine Gedenkinschrift für
die jährlich memorierten Gefallenen der Schlacht bei Döffingen
1388 gegeben.An der Außenwand
der Pfarrkirche befand sich ein für alle Bürger zugängliches
Erinnerungsmal, der mit entsprechender deutscher Inschrift versehene Grab-
bzw. Gedenkstein des damals gefallenen Anshelm Reinhart. Er wurde um 1500
unter Verwendung der hier in den Dienst der Traditionspflege gestellten
Schriftform der "frühhumanistischen Kapitalis" geschaffen[32].
Ich
komme nun zu den Funktionen der Rituale. "Die Gedenkfeier", formulierte
Michael Mitterauer mit Blick auf die venezianischen Siegesgedenktage, "bedeutete
Dank an den Heiligen, unter dessen Schutz der Sieg errungen wurde, sie
bedeutete Erinnerung an die Toten, die in der Schlacht gefallen waren,
sie bestätigte aber zugleich auch die Staatsführung, sie verstärkte
die sozialen Bindungen, sie belebte den Patriotismus, sie bewirkte ein
Bewußtsein der Zusammengehörigkeit in der Ablehnung bekämpfter
Feinde"[33].
Im folgenden möchte ich zunächst zwei Wurzeln des Phänomens
ansprechen, die liturgische Memoria und das Votivwesen, wobei letzteres
teilweise mit dem Kult des Tagesheiligen zusammenhängt[34].
Schlachtengedenktage
waren ursprünglich Totengedenktage, Ausdruck der spirituellen Fürsorge
für diejenigen, die für das Gemeinwesen gefallen waren[35].
Die reiche mediävistische Memoria-Forschung[36]
hat die gemeinschaftsstiftenden Funktionen der Gedächtnisrituale und
insbesondere von Mahl und Armenspende hinreichend klar herausgearbeitet.
Auch das mittelalterliche Stiftungswesen fußt bekanntlich auf der
Memoria, nämlich auf dem Totengedenken des Stifters.
Betonen
möchte ich den im Spätmittelalter einsetzenden Prozeß der
Verweltlichung der Memoria: Die weltliche Pflege des Andenkens und des
Nachruhms löste sich immer mehr vom kirchlich-liturgisch bestimmten
Gebetsgedenken. Weltliche Stiftungen der frühen Neuzeit ersetzten
das dem Stifter geschuldete Gebetgedenken durch die Pflege des guten Andenkens.
So korrespondierte mit der Aufhebung eines Frauenklosters in Memmingen
im Zuge der Reformation die Säkularisierung der Memoria. Bürgermeister
und Rat zweigten von dem Vermögen des Klosters, das dem Spital überwiesen
wurde, 100 Gulden ab, um die Zinsen "zu der Klosterfrauen ehrlichem Gedächtnis
in freundlicher und brüderlicher Weise zu verzehren"[37].
Nur
unzureichend erforscht ist in Deutschland die zweite wichtige Wurzel der
Schlachtengedenktage, das mittelalterliche kommunale Votivwesen. Dabei
geht es um ein kollektives Gelübde, ein von allen Bürgern getragenes,
vom Rat ausgesprochenes ewiges Versprechen, mit dem für die Hilfe
Gottes und des Tagesheiligen gedankt wurde. Gelobt wurden meist jährliche
Dankmessen, Prozessionen oder Fasttage. In Deutschland wohl singulär
war das Göttinger Ritual des Stadtmauerausmessens mit Wachs, wobei
nur durch den Vergleich mit französischem Votivgürtungsbrauchtum
ein Gelübde als Ursprung erschlossen werden konnte. Der historische
Anlaß ist allerdings nicht überliefert[38].
Spätmittelalterliche
Schlachtengedenktage stellten immer auch die städtische Sakralgemeinschaft
dar, die unter dem Schutz Gottes und seiner Heiligen steht. So ist es auch
nicht verwunderlich, daß Stadtheilige[39]
wiederholt als Schlachtenhelfer belegt sind. Die erfolgreiche Hilfe des
Heiligen in der Gefahr hat in einigen Fällen seine Verehrung erheblich
intensiviert. Dies ist beispielsweise der Fall bei hl. Quirinus in Neuß[40].
Andernorts hat man dem Tagesheiligen eine besondere Verehrung entgegengebracht,
ohne daß er zum alleinigen Stadtpatron avanciert wäre. So wurden
in Hannover nach dem gescheiterten Überfall auf die Stadt am Chrysogonostag
1490 zwei Relief-Darstellungen des hl. Chrysogonos am Rathaus und einer
Kapelle angebracht[41].
Unübersehbar
ist die integrative Funktion der Gedenktage. Die weite Verbreitung von
Schlachtengedenktagen im deutschsprachigen Raum und ihre oft große
Bedeutung für das städtische Selbstverständnis möchte
ich zurückführen auf ihre besondere Eignung, das auf dem Konsens
von Rat und Gemeinde basierende genossenschaftlich-gemeindliche Modell
im Medium des öffentlichen Rituals zu formulieren. Städtische
Schlachtengedenktage lassen sich als Freiheitsüberlieferungen verstehen,
in denen die bedrohte und verteidigte Freiheit vergegenwärtigt wird.
Sie definierten die Stadt über den Grundwert der Freiheit, die sie
als das höchste Gut bestimmten, dessen Bewahrung größte
Wachsamkeit erforderte und für das der Einsatz des Lebens geboten
war.
Mitunter
hielten Schlachtengedenktage die Konflikte wach, die erinnert wurden. Bereits
am Anfang des 16. Jahrhunderts reflektierte der hessische Chronist Johannes
Nuhn über die Auswirkungen eines Schlachtengedenktags auf die Konfliktparteien.
In der Vitalisnacht 1378 scheiterte ein Überfall des Abts von Hersfeld
auf die Stadt Hersfeld. Die Bürger gelobten eine jährliche Prozession.
"Nun mag", schreibt Nuhn, "Stifft und statt nimmermehr so eins werden,
von wegen der Procession erneuert sich auf den tag aller unwillen, gleichwie
sich alte wunden erfrischen"[42].
Das versöhnliche Erinnern, das die einstigen Gegensätze im trauernden
Gedenken an die gemeinsamen Toten aufhebt, ist, wenn mich mein Eindruck
nicht trügt, eine sehr moderne Erscheinung.
Das
jeweilige Ritual gehorchte obrigkeitlicher Inszenierung: Die Erinnerung
an vergangene Störungen der Ordnung sollte die städtischen Grundwerte
einschärfen, zu bürgerlicher Eintracht aufrufen oder vor adeligen
Städtefeinden" warnen. Das jeweilige Stadtregiment verfolgte didaktische
Zwecke, wenn es - durch Gedenkreden oder Predigten - den Ratsmitgliedern
und der Gemeinde ein warnendes oder anspornendes historisches Exemplum
vor Augen führte: als Ansporn zu innerstädtischer Solidarität
und zu Heldentum, als Warnung vor bürgerlicher Uneinigkeit und vor
Verrat einerseits und vor fürstlichem Hegemoniestreben und vor adliger
Anmaßung andererseits.
Seit
dem 15. Jahrhundert kam es verstärkt zu einer Intensivierung und Historisierung
der Memoria, ablesbar an der Vermehrung der Erinnerungsmedien - die Gedenktage
wurden mehr und mehr gleichsam multimediale Phänomene - und an der
verstärkten Einbeziehung historischen Wissens. Trug der liturgische
Jahrtag seinen Sinn in sich, ohne daß es einer näheren Erläuterung
des ursprünglichen Anlasses bedurfte[43],
so sind die jüngeren Gedenktage und Jubiläen geprägt von
einer bemühten Geschichtsdidaktik, die der jeweiligen Festöffentlichkeit
historisches Wissen vermitteln wollte. Bereits erwähnt wurden die
Straßburger Verkündzettel, die über den Anlaß der
Lukasprozession unterrichteten[44].
Man
kann nicht nur eine Verweltlichung der Memoria im Sinne einer Loslösung
von den kirchlichen Formen des Totengedenkens konstatieren, sondern auch
einen Prozeß der Historisierung" von Ritualen, die nunmehr eine historische
Sinngebung erhalten, die ihnen früher fremd war. Dieser Historisierungsprozeß
verweist nachdrücklich auf die zunehmende Bedeutung des historischen
Diskurses in der städtischen Kommunikation.
Bereits
am Ende des letzten Jahrhunderts hat Ludwig Tobler bei der Betrachtung
der Schweizer "Mordnächte" die Vermutung geäußert, daß
es sich um Uminterpretationen älterer jahreszeitlicher Feste handelt[45].
Wenig bekannt ist eine ungedruckte volkskundliche Dissertation von Gregor
Römer, die sich, ohne Toblers Ergebnisse zu kennen, mit der "Historisierung
von Volksbräuchen" beschäftigte[46].
Die
nachträgliche Umdeutung eines Frühlingsfestes zu einem Erinnerungsfest
begegnet etwa am Ende des 15. Jahrhunderts bei der sogenannten Kölner
"Holzfahrt". Die Koelhoffsche Chronik bringt sie mit dem Sieg des Römers
Marsilius in Verbindung ("zo der victorien gedechtnisse")[47].
Die
Nürnberger Metzger führten ihre Hoheit über die an Fastnacht
stattfindenden Tänze der Schembartläufer auf ein Privileg des
Rats oder Karls IV. zurück, der damit ihre Haltung während des
Aufruhrs von 1348/49 belohnt habe. In gleicher Weise hat man übrigens
in der frühen Neuzeit zahlreiche Zunftfeste historisch begründet[48].
Meist wurde die städtische Schlachtenerinnerung auf die Zunft bezogen
und der Festbrauch als Belohnung für die einstige Tapferkeit ausgegeben.
Die Handwerker partizipieren sozusagen an dem von der Stadt erwirtschafteten
symbolischen Kapital kriegerischer Ehre. Erinnerungsfeste von Gruppen,
die auf Belagerungen oder Aufstände Bezug nahmen, verankerten diese
Gruppen in der städtischen Gemeinschaft, sie wiesen den Platz in der
Gemeinde und das daraus resultierende Recht aus.
Man
hat sich bisher mit diesen Historisierungen und Brauch-Ätiologien
zu wenig beschäftigt. Als Fiktionen stehen siein
engem Zusammenhang mit den stereotypen, fiktionalen Zügen der Erzählungen
über Überfälle, gescheiterte Belagerungen und Mordnächte.
Das wiederkehrende Muster - etwa die tapfere Zunft, die tapferen Frauen
in Belagerungserzählungen[49]
- läßt erkennen, daß es um beispielhafte Geschichten ging.
Das heute noch gefeierte Hussitenfest in der märkischen Stadt Bernau
geht auf einen mittelalterlichen Gedenktag zurück. Es heißt,
bei der Belagerung der Stadt 1432 hätten sich die Bürgersfrauen
mit heißem Brei gegen die Angreifer gewehrt. Daraus sei der Vers
entstanden (eine Art Geschichts-Sprichwort):
"Der
Bernauisch heiße Brey
Macht
die Mark Hussitenfrey"[50].
Was
zählte, war die durch Erinnerungszeichen und einprägsame Erzählmotive
veranschaulichte exemplarische Erinnerung, nicht das historisch reale Geschehen.
Erinnerungsfeste sollten Dauer und Stabilität schaffen, indem sie
der feiernden Gemeinschaft unvergängliche Werte in Gestalt historischer
Exempla vor Augen führten.
Und
noch ein weiterer Aspekt erscheint mir bedenkenswert: Die Historisierung
der Rituale muß im Zusammenhang mit einem allgemeinen historisierenden
Syndrom gesehen werden. Es geht dabei um die "Erfindung von Traditionen"
vor dem Hintergrund einer sich verstärkenden Aufmerksamkeit für
Altertümer, Denkmäler der Vergangenheit[51].
Rituale konnten als alte Praxis, als fromme Stiftung der Vorfahren, die
es pietätvoll zu erhalten galt, gerechtfertigt werden. Der historische
Sinn von Festen verlieh ihnen gleichsam einen Bestandsschutz in einer Zeit,
die das Historische mehr und mehr hochschätzte.
Gedenkrituale
konstituierten die Stadt als Erinnerungsgemeinschaft. Sie sind aber nur
im Kontext der gesamten städtischen Erinnerungskultur, verstanden
als Ensemble von Erinnerungsmedien, zu verstehen. Mit gleichem Recht könnte
aber auch von historischer Kultur/Geschichtskultur oder historischer Traditionsbildung
gesprochen werden. Die gleichsam ahistorischen Rituale des Totengedenkens
("liturgische Memoria") und des Votivwesens unterlagen einem sich in der
frühen Neuzeit verstärkenden Prozeß historischer Sinngebung
und Bedeutungszuschreibung ("Historisierung"), der noch längst nicht
hinreichend bekannt ist. Die vergleichende Forschung steht hier erst am
Anfang.